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Vasopressin-assoziierte Erkrankungen (Diabetes insipidus)

Letzte Aktualisierung: 21.7.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Vasopressin-assoziierte Erkrankungen sind seltene endokrinologische Erkrankungen, die durch einen Mangel an oder eine verminderte Wirkung von Vasopressin hervorgerufen werden. Durch den fehlenden Einbau von Aquaporinen in der Niere kommt es zu großen Mengen unkonzentrierten Urins (Polyurie). Kompensatorisch führt dies zu einem ausgeprägten Durstgefühl mit erhöhter Trinkmenge (Polydipsie).

Der Vasopressin-Mangel (ehemals Diabetes insipidus centralis) kann idiopathisch oder als Folge hypophysärer Pathologien (bspw. Kraniopharyngeome, hypophysäre Metastasen oder postoperativ) auftreten. Die seltenere Vasopressin-Resistenz (ehemals Diabetes insipidus renalis) wird durch ein vermindertes Ansprechen der Niere auf Vasopressin verursacht und tritt am häufigsten medikamentenassoziiert (z.B. Lithium) auf.

Diagnostisch werden die Serum- und Urinosmolalität bestimmt sowie copeptinbasierte Tests oder der Durstversuch durchgeführt. Je nach Ergebnis erfolgen weitere Untersuchungen zur Klärung der Ätiologie. Bei Vasopressin-Mangel wird mit dem Vasopressinanalogon Desmopressin therapiert. Bei einer Vasopressin-Resistenz kommen u.a. Thiaziddiuretika zum Einsatz.

Es gibt seit einigen Jahren eine internationale Initiative zur Umbenennung der Erkrankung für eine besseren Abgrenzung des Begriffs Diabetes insipidus von Diabetes mellitus. In einer Umfrage berichteten bis zu 80% der Betroffenen von Verwechslungen mit Diabetes mellitus, was schwerwiegende Folgen haben kann, in Einzelfällen mit Todesfolge. Durch die Umbenennung sollen Verwechslungen und Fehlbehandlungen vermieden sowie die Pathophysiologie der Erkrankung sichtbar gemacht werden. In Deutschland werden aktuell unterschiedliche Begriffe verwendet wie Vasopressin-Mangel/-Resistenz, AVP-Mangel/-Resistenz oder ADH-Mangel und -Resistenz. Wir verwenden im Folgenden die Begriffe Vasopressin-Mangel und Vasopressin-Resistenz. International werden die Begriffe AVP Deficiency und AVP Resistance genutzt.

Epidemiologietoggle arrow icon

  • Prävalenz: Seltene Erkrankung mit 4 Fällen / 100.000 Einwohner:innen
  • Geschlecht: =
  • Alter: In jedem Lebensalter, Häufigkeitsgipfel bei Kindern und Jugendlichen
    • Erkrankungsbeginn bei hereditärer Ursache: 1. Lebensmonat bis zur 3. Lebensdekade

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologietoggle arrow icon

Vasopressin-Mangel (Diabetes insipidus centralis) [1][2][4][5][6]

Erworben (ca. 90%)

Angeboren (ca. 10%) [1][3][4]

Idiopathisch (selten)

  • Bei unklarer Ätiologie initial häufig als idiopathisch gewertet, Klärung der Ätiologie im Verlauf jedoch oft möglich [1][3][4]

Vasopressin-Resistenz (Diabetes insipidus renalis)

Erworben

Hereditär

Die Vasopressin-Resistenz ist selten und tritt am häufigsten infolge einer Lithiumbehandlung auf!

Pathophysiologietoggle arrow icon

Regulation der Harnkonzentrierung

Vasopressin-Mangel

Vasopressin-Resistenz

Symptomatiktoggle arrow icon

Bei fehlender Nykturie sind ein Vasopressin-Mangel oder eine Vasopressin-Resistenz praktisch ausgeschlossen!

Verlaufs- und Sonderformentoggle arrow icon

Primäre Polydipsie [1][4][11][12]

Die Symptome unterscheiden sich zwischen Vasopressin-Mangel oder Vasopressin-Resistenz und der primären Polydipsie kaum, sodass zur Differenzierung die Diagnostik entscheidend ist! [13]

Vasopressin-Mangel mit Adipsie [14][15]

Durch das fehlende Durstgefühl können Über- und Unterdosierungen mit Desmopressin von den Erkrankten nicht selbstständig über die Flüssigkeitsaufnahme ausgeglichen werden. Es kommt somit deutlich häufiger zu Komplikationen (Hyper- und Hyponatriämien)!

Diagnostiktoggle arrow icon

Anamnese [1]

Körperliche Untersuchung [1]

Labordiagnostik [1][2][4][7][16]

Wichtige Schritte

Allgemeine Labordiagnostik

Häufige und einfach abzuklärende Differenzialdiagnosen einer Polyurie sollten zunächst ausgeschlossen werden, insb. Diabetes mellitus, Hyperkalzämie oder eine (übermäßige) Diuretikaeinnahme!

24-h-Sammelurin

  • Ziel: Bestimmung von Urinmenge und Urinosmolalität
  • Vorbereitung: Diuretika und SGLT2-Inhibitoren für 24 h vor sowie während der Sammlung pausieren
  • Interpretation: Mit spezieller Labordiagnostik fortfahren bei
    • Polyurie (Erwachsene): >50 mL/kgKG/24 h oder >3 L/d und
    • Urinosmolalität <800 mosmol/kg

Spezielle Diagnostik[1][2][4][17]

  1. Natrium und Osmolalität im Serum messen
  2. Copeptin bestimmen
  3. Ggf. Stimulationstest durchführen: Siehe Stimulationstests bei Vasopressin-assoziierten Erkrankungen

Klärung der Ätiologie bei V.a. Vasopressin-Mangel [1]

Die Klärung der Ätiologie bei Vasopressin-Mangel ist entscheidend für die Auswahl einer möglichen kausalen Therapie!

Genetische Untersuchung [9]

  • Indikation: Erkrankte mit positiver Familienanamnese und/oder Kinder ohne geklärte Ursache
  • Durchführung: Vorstellung in der Humangenetik

Stimulationstests bei Vasopressin-assoziierten Erkrankungentoggle arrow icon

Übersicht

Stimulationstests bei V.a. Vasopressin-assoziierte Erkrankung
Test Indikation Prinzip Vorteile Nachteile
Argininstimulierte Copeptinmessung
  • Stimulation der Vasopressinausschüttung mittels Arginin
  • Bessere Sensitiviät und Spezifität als Durstversuch
  • Ambulante Durchführung möglich
  • Kurze Testdauer (1–2 h)
  • Angenehmster Test für Patient:innen
  • Diagnostische Genauigkeit etwas geringer als bei hypertoner Kochsalzstimulation
Hypertone kochsalzstimulierte Copeptinmessung
  • Stimulation der Vasopressinausschüttung durch Infusion von NaCl 3%
  • Aufwendige Überwachung
  • Gefahr der Hypernatriämie
  • Durchführung nur (teil‑)stationär möglich
Durstversuch mit Desmopressingabe
  • Stimulation der Vasopressinausschüttung durch „Dursten“ → Messung von Urinmenge und -osmolalität zur Abschätzung der Vasopressinwirkung
  • Unzureichendende Urinkonzentrierung im Durstversuch → Gabe eines Vasopressinanalogons
  • Etablierter Test
  • Lange Dauer (bis 17 h)
  • Aufwendig
  • Unangenehm für Patient:innen
  • Diagnostisch ungenau

Arginin-stimulierte Copeptin-Messung [1][18]

Hypertone kochsalzstimulierte Copeptinmessung [1][13][19]

  • Prinzip: Infusion von NaCl 3%Serumosmolalität↑ → Stimulation der Vasopressinausschüttung → Bestimmung von Copeptin
  • Durchführung: Stationär oder teilstationär, Natriummessung muss sofort verfügbar sein , Testdauer 2–3 h
    1. Infusion von NaCl 3% (erst 250 mL Bolus über 10–15 min, dann 0,15 mL/kgKG/min)
      • Alle 30 min Serumnatrium messen (bspw. über BGA-Gerät)
      • Bei Serumnatrium ≥149 mmol/L : Infusion stoppen, Serumröhrchen abnehmen für Copeptinbestimmung
    2. Rehydrierung
      • Patient:in trinkt Wasser (30 mL/kgKG innerhalb von 30 min)
      • Anschließend i.v. Gabe von 500 mL 5%iger Glucoselösung über 60 min
      • Abschließend Serumnatrium kontrollieren
  • Interpretation: Copeptingrenzwerte

Durstversuch mit Desmopressingabe [1][13]

  • Prinzip:
  • Beispielhafte Durchführung
  • Interpretation
Auswertung Durstversuch
Urinosmolalität (mosmol/kg) Interpretation
Nach Flüssigkeitskarenz („Dursten“) Nach Desmopressingabe
>800 Normale Konzentrationsfähigkeit
300–800 Anstieg <9% V.a. primäre Polydipsie
300–800 Anstieg 9–50% V.a. partiellen Vasopressin-Mangel
<300 Anstieg ≤50% V.a. Vasopressin-Resistenz
<300 Anstieg >50% V.a. Vasopressin-Mangel

Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapietoggle arrow icon

Grundsätze

Menschen mit Vasopressin-Mangel oder -Resistenz benötigen eine lebenslange endokrinologische Anbindung!

Flüssigkeitsmanagement im Krankenhaus [1][20]

Bei fehlender Wasserzufuhr (z.B. bei Pflegebedürftigkeit und Kindern) kann es zu schwerer Dehydratation und Bewusstlosigkeit kommen!

Vasopressin-Mangel [1][4][9][17]

Desmopressin (Vasopressinanalogon)

Um Hyponatriämien unter Desmopressin zu vermeiden, sollte die niedrigste notwendige Dosis gewählt werden und eine ausführliche Aufklärung der Erkrankten erfolgen!

Postoperativer Vasopressin-Mangel nach Hypophysen-/Hypothalamuschirurgie

  • Postoperativ genaue Bilanzierung: Trinkprotokolle, Ein-/Ausfuhrkontrollen, Körpergewicht
  • Regelmäßige Natriumkontrollen
  • Auftreten in den ersten postoperativen Tagen, häufig transient
  • Desmopressingabe z.T. nur einmalig oder (bei ausreichender Flüssigkeitsaufnahme) gar nicht notwendig

Vasopressin-Resistenz [1][2]

Komplikationentoggle arrow icon

Hyponatriämie unter Desmopressintherapie [1][20][23]

Hypernatriämie und Dehydratation [1][20]

  • Pathophysiologie: Polyurie → Unzureichende kompensatorische Flüssigkeitsaufnahme → Hyperosmolalität/Hypernatriämie im Serum, Dehydratation
  • Ursachen
  • Auftreten: Insb. bei hospitalisierten Patient:innen sowie bei Vasopressin-Mangel mit Adipsie
  • Therapie
  • Prävention [20]
    • Präoperativ vor elektiven Eingriffen: Peri- und postoperative Desmopressingaben und Flüssigkeitsmanagement planen
    • Stationäre Aufnahme: Endokrinologische Expertise einholen, Erkrankte im Krankenhausinformationssystem speziell markieren
    • Adäquates Flüssigkeitsmanagement: Freier Zugang zu Wasser oder i.v. Flüssigkeitsgabe, Bilanzierung, Trinkprotokolle
    • Regelmäßige Natriumkontrollen
    • Desmopressintherapie fortführen

Besonders bei fehlender kompensatorischer Flüssigkeitsaufnahme oder bei Hospitalisierung von Erkrankten (auch bei anderem Aufnahmegrund) muss auf mögliche Komplikationen geachtet werden!

Durch korrektes Flüssigkeitsmanagement von Personen mit Vasopressin-Mangel oder Vasopressin-Resistenz können Komplikationen vermieden werden!

Hyperkoagulabilität [1]

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognosetoggle arrow icon

Menschen mit fehlender Kontrolle der Polyurie haben eine deutlich reduzierte Lebensqualität – die Einstellung der Medikation ist daher entscheidend! [2]

Diabetes insipidus im Kindes- und Jugendaltertoggle arrow icon

Der Diabetes insipidus im Kindesalter ist eine seltene Erkrankung. Die meisten generellen Informationen zum Krankheitsbild finden sich weiter oben. Im Folgenden werden nur die Besonderheiten der Diagnostik und Therapie bei Kindern besprochen.

Diagnostik [4][5][9][14][25][26]

Die Labordiagnostik des Polyurie-Polydipsie-Syndroms bei Kindern kann in drei Schritte untergliedert werden:

  1. 24-h-Urinmessung
  2. Allgemeine Labordiagnostik
  3. Spezielle Diagnostik

Häufige und einfach auszuschließende Differenzialdiagnosen einer Polyurie sollten zunächst ausgeschlossen werden, insb. Diabetes mellitus, Hyperkalzämie oder die (übermäßige) Einnahme von Diuretika!

24-h-Urinmessung

  • 24-h-Sammelurin mit Kreatininbestimmung
    • Polyurie: Pathologisch erhöhte Urinausscheidung >2 L/m2/24 h
      • Neugeborene: >150 mL/kgKG/24 h
      • ≤2 Jahren: >100 mL/kgKG/24 h
      • >2 Jahre: ≥40–50 mL/kgKG/24 h
    • Hypoosmolalität des Urins: <600 mOsm/kg
  • Interpretation

Allgemeine Labordiagnostik [5][9][25]

Spezielle Labordiagnostik

Durstversuch bei Kindern [9][14][25]

  • Definition: Diagnostischer Test, um einen Diabetes insipidus mittels fehlender Hydratation („Dursten“) festzustellen [27]
  • Durchführung
    1. Basiswerte messen
      • Serumnatrium sollte vor Testbeginn <143–145 mmol/L und -osmolalität <300 mOsm/kg sein
      • Urinosmolalität bestimmen
      • Leichtes Frühstück mit wenig Flüssigkeit, dann Beginn des Durstens
    2. Monitoring während des Tests
    3. Durchführung für 7–10 h oder Abbruch bei
      • Serumosmolalität ≥295 mmol/L
      • Urinosmolalität <300 mOsm/kg
      • Reduktion des Körpergewichts >5%
      • Serumnatrium >143–145 mmol/L
    4. Abschlusswerte bestimmen: Urinosmolalität
    5. Ggf. Ergänzung mit Desmopressin-Test
  • Interpretation

Bei Neugeborenen und Kleinkindern ist das Verhältnis der Urin-/Serumosmolalität ≥1,5 oder eine Urinosmolalität >450 mOsm/kg nach dem Durstversuch ein Hinweis auf eine adäquate Urinkonzentrierung!

Der Durstversuch ist bei Kleinkindern (insb. Neugeborenen) wegen möglicher Dehydrierung streng zu indizieren und engmaschig zu überwachen!

Desmopressin-Test bei Kindern [5][9][25]

Weitere Diagnostik [4][9]

Therapie

Die Therapie des Diabetes insipidus gliedert sich in allgemeine Maßnahmen, die für alle Kinder relevant sind, und die spezifische, von der Ätiologie abhängige Therapie.

Allgemeine Maßnahmen [4]

  • Ausgleich des Flüssigkeitsdefizits: Bei Zeichen der Dehydrierung oder Hypernatriämie
  • Behebung der Ursache: Bspw. Tumorresektion, Absetzen der Medikation, Ausgleich von Elektrolytstörungen
  • Aufklärung der Kinder und Eltern
    • Gefahr der Dehydrierung und Hypernatriämie
    • Anpassung der Trinkmenge an Alltag, Bewegung und Wetter
    • Wichtigkeit der (regelmäßigen) Medikationseinnahme
    • Trinken nach Durstgefühl
      • Ausnahme: Diabetes insipidus mit Adipsie
        • Flüssigkeitsaufnahme nach täglicher Routine und Körpergewichtsmessung in Abhängigkeit von der Desmopressin-Einnahme
        • Komplexe (Mit‑)Behandlung durch endokrinologisches Zentrum

Bei fehlender Wasserzufuhr kann es zu schwerer Dehydrierung und Bewusstlosigkeit kommen!

Die wichtigste Maßnahme ist die Behandlung der Ursache!

Diabetes insipidus centralis [1][4][9][17]

Der ADH-Mangel beim Diabetes insipidus centralis kann durch das synthetische ADH-Analogon Desmopressin oder durch Thiazide verbessert werden. Bei Neugeborenen gelten Besonderheiten.

Desmopressin (pädiatrisch)

Um häufige Hyponatriämien unter Desmopressin zu vermeiden, sollte eine langsame Eindosierung unter engmaschiger Überwachung mit Kontrolle des Serumnatriums erfolgen!

Diabetes insipidus renalis [1][2]

Besonderheiten bei Neugeborenen mit angeborenem Diabetes insipidus [5][9][25]

Vasopressin-Mangel in der Schwangerschafttoggle arrow icon

Definition [2][28]

Epidemiologie [4][5][28]

Pathophysiologie [4][29]

  • Plazentare Vasopressinase: Baut Vasopressin ab
    • Höchste Werte der Vasopressinase im 3. Trimester
    • Werte fallen nach der Geburt bis 2 Wochen postpartum ab

Symptomatik [2]

Diagnostik [1][2][4]

Therapie

Prognose [2][4]

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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