• Klinik

Embryofetopathien durch Infektionserreger

Abstract

Mit dem Begriff Embryopathie werden alle Fehlbildungen des ungeborenen Kindes bezeichnet, die bis zur 12. Schwangerschaftswoche auftreten können. Da sich in diesem Zeitraum die Organe maßgeblich differenzieren (Organogenese), können Infektionen in diesem Zeitraum der Schwangerschaft besonders schwere Folgen haben. Störungen ab der 13. Schwangerschaftswoche werden als Fetopathien bezeichnet und verlaufen meist weniger schwerwiegend.

Wichtig ist eine konsequente Prophylaxe. Jede Schwangere sollte gegen Röteln und Varizellen geimpft sein und sich durch entsprechendes Verhalten vor dem Kontakt mit den Erregern schützen.

Allgemein

STORCH

Primärinfektion der Mutter in der Schwangerschaft → Mütterliche IgM-Antikörper sind nicht plazentagängig (und IgG-Antikörper noch nicht gebildet) → Diaplazentäre Infektion des Kindes! Allgemein gilt: Je früher die Infektion in der Schwangerschaft, desto schwerwiegender die Folgen!

Impfungen mit Lebendimpfstoffen (Röteln, Masern, Varizellen, Mumps) sind in der Schwangerschaft grundsätzlich kontraindiziert! Nach Impfung mit Lebendimpfstoffen sollte mindestens 3 Monate lang die Konzeption vermieden werden!

Konnatale Lues

  • Ätiologie
    • Bei florider Syphilis der Mutter: Übertragung auf das Kind sehr wahrscheinlich
      • Transmissionsrisiko:
        • Nahezu 100% im 1. Jahr nach mütterlicher Infektion
        • < 5% wenn die Infektion 4 Jahre zurückliegt
    • Frühe Infektion der Mutter führt zum Abort
  • Diagnostik
    • Nachweis der Infektion der Mutter
    • Nachweis der Infektion des Kindes
      • Intrauteriner Nachweis
        • Wiederholte Ultraschalluntersuchungen können bei nachgewiesener Infektion der Mutter Hinweise auf eine intrauterine Infektion liefern
      • Postpartaler Nachweis
        • Vergleichende Serumuntersuchungen von Mutter und Kind
          • Antikörper-Persistenz im Serum des Kindes bei abfallenden Antikörpern im Serum der Mutter
          • Höhere Antikörpertiter beim Kind als bei der Mutter
  • Klinik nach Stadien
    1. Lues connata praecox (Symptome nach Geburt bis Ende des 2. Lebensjahres)
      • Blutiger Schnupfen („Koryza“)
      • Blasenbildung an Plantae und Palmae („Syphilitisches Pemphigoid“)
      • Epiphysenlösung („Osteochondritis syphilitica“)
      • Hepatosplenomegalie
    2. Rezidivperiode (vom 2. bis 4. Lebensjahr)
      • Symptome wie bei erworbener Lues
    3. Lues connata tarda (Symptomatik im Schul- und Jugendalter)
  • Therapie
    • Therapie der Mutter
      • 1. Wahl: Benzathin-Penicillin G i.m.
        • Bis 1 Jahr nach Infektion (Frühsyphilis): Einmalige intramuskuläre Injektion ist ausreichend
        • Ab einem Jahr nach Infektion oder bei unbekannter Infektionsdauer (Spätsyphilis): Dreimalige intramuskuläre Injektion verteilt über 15 Tage (z.B. an den Tagen 1, 8 und 15)
      • Bei Allergie:
        • Penicillin-Desensibilisierung mit anschließender Penicillintherapie
    • Therapie des Kindes bei konnataler Syphilis
  • Prävention

Toxoplasmose in der Schwangerschaft und konnatale Toxoplasmose

  • Hintergrund
    • Pathologische Relevanz hat ausschließlich die Primärinfektion mit Toxoplasmose
    • Die Infektionsgefahr/-rate nimmt mit Ausreifung der Plazenta und demnach von Trimenon zu Trimenon zu
  • Klinik
  • Diagnostik
  • Therapie
    • Präpartal bei Schwangeren
      • Bis 16. SSW: Spiramycin
      • Ab der 16. SSW: Kombination aus Pyrimethamin, Sulfadiazin und Folinsäure
    • Postnatal beim Kind: Pyrimethamin, Sulfadiazin und Folinsäure für mindestens 1 Monat
  • Prävention: Kein Verzehr von rohem Fleisch und besondere Regeln beim Umgang mit Katzen beachten (bei negativem Titer)
  • Sonstiges: Nicht-namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis

Die klassische Trias der konnatalen Toxoplasmose besteht aus Hydrocephalus, intrazerebraler Verkalkung und Chorioretinitis!

Listeriose während der Schwangerschaft und konnatale Listeriose

Varizellen-Infektion während der Schwangerschaft und konnatales Varizellensyndrom

Parvovirus-B19-Infektion während der Schwangerschaft

  • Risiko einer diaplazentären Übertragung bei Infektion der Mutter
    • Bei Primärinfektion ca. 30%
  • Pathogenese
    • Meist asymptomatische Infektion der Mutter in der Schwangerschaft → Nachweis erschwert
    • Befall erythropoetischer Zellen des Kindes→ Schwere Anämie → Evtl. Hydrops fetalis → Abortrate↑
    • Bei komplikationslosem Verlauf keine Spätschäden bzw. Embryopathien zu befürchten
  • Klinik
  • Diagnostik
  • Therapie
  • Komplikation: Intrauteriner Fruchttod oder Spontanabort

Konnatale Röteln

  • Risiko einer diaplazentären Übertragung bei Röteln-Infektion der Mutter
    • Bis 10. SSW: Bis zu 50%
    • Zwischen 10.–17. SSW: Absinken auf 10–20%
    • Ab 18. SSW: Geringes Risiko
  • Klinik
  • Prävention
    • Immunität (Impfung oder durchgemachte Erkrankung) : Eine Immunität ist bei einem IgG-Antikörper-Titer von ≥1:32 anzunehmen.
  • Therapie seronegativer schwangerer Frauen (nach Kontakt mit Röteln)
    • Infektion bis zur 12. SSW
      • Symptomatische Therapie der Mutter
      • Aufgrund der hohen Wahrscheinlichkeit schwerwiegender Schäden sollte hier eine Schwangerschaftsberatung mit allen möglichen Optionen erfolgen (beinhaltet u.a. Interruptio)
      • Von einer intrauterinen Diagnostik wird in diesem Fall abgeraten
    • Infektion nach der 12. SSW
      • Symptomatische Therapie der Mutter
      • Immunisierung
        • Aktive Immunisierung nach Geburt
        • Keine aktive Immunisierung während der Schwangerschaft
        • Bis zur 18. SSW: Passive Immunisierung innerhalb von 5 Tagen möglich, jedoch kein sicherer Schutz vor Infektion des Fetus
  • Sonstiges: Namentliche Meldepflicht bei Nachweis konnataler Röteln

Die klassische Gregg-Trias besteht aus Innenohrtaubheit, Katarakt und Herzfehler!

Konnatale CMV-Infektion

  • Klinik
    • Nur ca. 25% der infizierten Schwangeren entwickeln Symptome
      • Ca. 90% der symptomatisch Infizierten überleben, 90% davon entwickeln Spätfolgen
      • Ca. 99% der asymptomatisch Infizierten überleben, 5-15% davon entwickeln Spätfolgen
    • Vielfältige Symptome
    • Spätfolgen
      • Hörschäden
      • Sehschäden
      • Psychomotorische Retardierung
      • Lernschwierigkeiten (Intelligenzdefizite)
      • Zahndefekte
  • Diagnostik
    • Intrauterine und postpartale Sonographie
      • Hydrozephalus und Balkenagenesie, periventrikuläre Verkalkungen, ggf. intraventrikuläre Einblutungen
      • Hepatosplenomegalie, ggf. auch Hydrops fetalis
      • Hinweis auf Wachstumsretardierung
    • Siehe auch Zytomegalievirus-Infektionen
  • Therapie
    • Bei sehr schweren Verläufen: (Experimenteller) Versuch einer Therapie des Kindes mit Ganciclovir (off-label!)

Die konnatale Toxoplasmose kann zu sehr ähnlichen Symptomen wie die konnatale CMV-Infektion führen und ist eine wichtige Differentialdiagnose!

Konnatale Herpes-simplex-Infektion

  • Erreger: Meist HHV-2, seltener HHV-1
  • Klinik
    • Transplazentäre Übertragung (5%): Hypotrophie, Mikrozephalie und -ophthalmie, intrazerebrale Verkalkungen
    • Intrapartale (85%) und postpartale Übertragung (10%)
  • Diagnostik
    • Direkter Virusnachweis aus Herpesbläschen
    • PCR
  • Therapie: Aciclovir i.v.
    • Behandlung der Mutter bei Primärinfektion
    • Behandlung des Neugeborenen bereits bei Verdacht (bis negative Serologie vorliegt)
  • Prophylaxe
    • Sectio bei floridem, genitalem Herpesbefall der Mutter

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2019

Infektionen, die für die Perinatalperiode spezifisch sind (P35-P39)

P35.-: Angeborene Viruskrankheiten

P37.-: Sonstige angeborene infektiöse und parasitäre Krankheiten

A50.-: Syphilis connata

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2019, DIMDI.