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Geburtsablauf

Abstract

Der Geburtsablauf stellt eine interdisziplinäre Herausforderung für Hebammen, Ärzte und Pflegekräfte dar. Ein regelrechter Geburtsablauf beginnt mit den Eröffnungswehen, die die Eröffnungsperiode einleiten. Die Austreibungsperiode bezeichnet den Zeitraum zwischen vollständiger Eröffnung des Muttermundes und Geburt des Kindes. Der Vorgang endet mit der vollständigen Geburt der Nachgeburt (Plazenta).

Über die Beobachtung der Wehen kann der Geburtsprozess beurteilt werden. Senk- und Vorwehen kündigen eine beginnende Geburt an, die zunächst durch Eröffnungswehen gekennzeichnet ist, dann in Austreibungswehen übergeht und mit Nachgeburtswehen abschließt. Einige Tage nach der Geburt kommt es noch zu unregelmäßigen Wehen, die als Nachwehen bezeichnet werden.

Bei ungünstigen Konstellationen, insbesondere bei Plazentainsuffizienz (z.B. bei Makrosomie, Übertragung, Präeklampsie), kann eine medikamentöse Geburtseinleitung mit wehenfördernden Mitteln notwendig werden, um einem fetalen Sauerstoffmangel vorzubeugen.

Regelrechter Geburtsablauf

Ein Geburtsvorgang wird in drei Phasen unterteilt

  1. Eröffnungsperiode
  2. Austreibungsperiode
  3. Nachgeburtsperiode

Eröffnungsperiode (Geburt)

Die Eröffnungsperiode beginnt mit den muttermundswirksamen Eröffnungswehen. Abhängig von der Anzahl der Geburten dauert diese Phase zwischen 3 und 12 Stunden.

  • Wehen: Eröffnungswehen
  • Muttermund: Der Muttermund öffnet sich bis zur vollständigen Eröffnung (ca. 10 cm)
    • Die Zervix verkürzt sich
    • Dabei kann es zum Abgang eines blutig-tingierten Schleimpfropfs kommen („Zeichnen“)
  • Regelrechter Blasensprung: Am Ende der Eröffnungsperiode kommt es zum Blasensprung

Austreibungsperiode (Geburt)

Die Austreibungsperiode beschreibt den Zeitraum zwischen vollständiger Eröffnung des Muttermundes und vollständiger Geburt des Kindes. Abhängig von der Anzahl der früheren Geburten dauert diese Phase zwischen 5 und 60 Minuten.

  • Muttermund: Der Muttermund ist vollständig eröffnet
  • Wehen: Austreibungswehen
  • Einschneiden bezeichnet das Erscheinen des Kopfes in der Vulva während einer Austreibungswehe
  • Durchschneiden bezeichnet das Verbleiben des Kopfes in der Vulva während einer Wehenpause

Nachgeburtsperiode

Die Nachgeburtsperiode beschreibt den Zeitraum zwischen der Geburt des Kindes und der vollständigen Geburt der Plazenta. Diese Periode dauert physiologisch maximal 30 Minuten.

  • Wehen: Nachgeburtswehen
  • Blutverlust: Die Lösung der Plazenta geht normalerweise mit einem Blutverlust von 300 mL einher
    • Prophylaxe: Oxytocin reduziert den Blutverlust nach Abnabelung des Kindes durch verstärkte Uteruskontraktion
  • Plazentabeurteilung: Die Plazenta muss immer auf folgende Aspekte geprüft werden
    • Vollständigkeit: Eine unregelmäßige Oberfläche der Decidua spricht für Plazentareste im Uterus
    • Nebenplazenta: Große Gefäße, die von der Plazenta zu den Eihäuten verlaufen, sprechen für eine im Uterus verbliebene Zweitplazenta
    • Weitere Nabelschnurgefäße
  • Komplikationen: Verstärkte Blutungen und Verzögerungen sprechen für einen atonen Uterus oder Plazentalösungsstörungen

Besteht der Verdacht einer unvollständigen Plazenta oder einer Nebenplazenta, muss manuell nachgetastet und im Verlauf kürettiert werden!

Wehen

Wehen bezeichnen die Muskelkontraktionen der Gebärmutter. Während der Wehenkontraktion werden die Uterus- und Plazentagefäße komprimiert. Es kommt wehensynchron zu einer Verlangsamung des Herzschlags des Kindes: Frühe Dezelerationen im CTG

Wehenform Zeitpunkt Charakteristika
Schwangerschaftswehen Alvarez-Wellen
  • Physiologisch ab 20. SSW
  • Geringe Intensität, hohe Frequenz
Braxton-Hicks-Kontraktionen (Übungswehen)
  • Physiologisch ab 20. SSW
  • Höhere Intensität, tetanisch, ganzer Bauch hart, max. 1 Minute
Senkwehen
  • 3–4 Wochen vor Geburt
  • Unkoordinierte Wehen mittlerer Intensität, die das Kind positionieren
Vorwehen
  • 3–4 Tage vor Geburt
  • Unregelmäßige Wehen hoher Intensität, kurz vor der Eröffnungsperiode alle 5-10 Minuten; sie stellen den Kopf des Kindes im Becken richtig ein
Geburtswehen Eröffnungswehen
  • Definieren die Eröffnungsperiode
  • Koordinierte, regelmäßige, rhythmische Wehen hoher Intensität, zunächst alle 10 Minuten, kurz vor Eröffnung alle 2–3 Minuten; sie eröffnen den Muttermund
Austreibungswehen
  • Nach vollständiger Muttermundseröffnung
  • Koordinierte regelmäßige Wehen von hoher Intensität, zunächst alle 4–10 Minuten; dienen dem Austreiben des Kindes; in der letzten Phase häufiger (alle 2–3 Minuten) und verstärkt (Drücke von bis zu 200 mmHg) = Presswehen
Nachgeburtswehen
  • Minuten nach Geburt des Kindes
  • Unregelmäßige Kontraktionen niedriger Intensität, die innerhalb von 30 Minuten zur Austreibung der Plazenta führen
Nachwehen
  • Tage nach Geburt
  • Unregelmäßige Wehen unterschiedlicher Intensität, die der Rückbildung des Uterus (Involutio uteri) und der Blutstillung dienen

Blasensprung

Medikamentöse Geburtseinleitung

Bishop-Score
0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte 3 Punkte
Lage der Portio sakral mediosakral zentral
Konsistenz der Portio derb mittel weich
Länge der Portio (in cm) >4 2–4 1–2 <1
Weite des Muttermundes (in cm) geschlossen / <1 1–2 2–4 >4
Höhenstand des vorangehenden Kindsteils in Bezug zur Interspinalebene (in cm) −3 −2 −1/0 +1/+2

Sectio caesarea (Kaiserschnitt)

Epidemiologie

  • 2014 wurden in Deutschland ca. 32% der Geburten per Sectio durchgeführt (laut Statistischem Bundesamt)

Indikation

Zwar gibt es Richtlinien für die Indikationsstellung zum Kaiserschnitt, die sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren. Wie diese jedoch im Einzelnen ausgelegt werden, kann jede Klinik für sich selber festlegen. Das gesundheitliche Wohl der Mutter und des Kindes sollten bei allen Überlegungen jedoch an erster Stelle stehen!

Mütterliche Indikationen Fetale Indikationen
Primäre Sectio (vor Eintritt von Eröffnungswehen und vor Blasensprung)
Absolute Indikationen
  • Wachstumsretardierung des Feten mit Kreislaufdepression
  • Frühgeburt, wenn weitere Risikofaktoren wie bspw. Infektion bestehen
  • Fetale Fehlbildungen, die einer natürlichen Geburt entgegenstehen (z.B. ausgeprägter Hydrozephalus)
Relative Indikationen
  • Schwere Erkrankungen der Mutter (z.B. kardiopulmonale Erkrankungen, entgleister Diabetes mellitus)
  • HIV-Infektion der Mutter
  • Schwere psychische Belastungsreaktion der Mutter
  • „Wunschsectio“
Weitere Indikationen
  • Missverhältnis zwischen Größe des kindlichen Kopfes und des mütterlichen Beckens
  • Beckenendlage bei Erstgebärender oder Mehrlingsschwangerschaft
  • Verdacht auf absolute fetale Makrosomie
Sekundäre Sectio (nach Blasensprung und/oder Beginn von Eröffnungswehen)
Allgemeine Indikationen
Sonderfall: Notfallsectio
Allgemeine Indikationen
  • Pathologisches CTG (insb. andauernde, schwere fetale Bradykardie)
  • Azidose des Feten
  • Nabelschnur-/Extremitätenvorfall

Durchführung

  • I.d.R. Sectio nach Misgav-Ladach
    • Suprasymphysärer Hautschnitt
    • Weitgehend stumpfe Präparation der Bauchmuskulatur und Faszien sowie des Peritoneums
    • Hysterotomie
    • Kindesentwicklung, Abnabelung und manuelle Lösung der Plazenta
    • Wundverschluss
  • Ziel: Kindesentwicklung innerhalb von ca. 3–10 Minuten

Vorteile

  • Sicherere Geburtsmethode, wenn Gesundheit von Mutter und/oder Kind durch eine vaginale Entbindung gefährdet
  • Keine Geburtstraumen des Kindes

Nachteile und Risiken

  • Mutter
    • Deutlich höheres Risiko für thromboembolische Komplikationen gegenüber einer vaginalen Entbindung
    • Infektionen, Wundheilungsstörung
    • Beeinträchtigung der Rückbildung des Uterus
    • Höheres Risiko für Komplikationen bei Folgeschwangerschaften (insb. für Plazentationsstörungen)
  • Kind

Patienteninformationen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • O80: Spontangeburt eines Einlings
    • Inklusive
      • Keine oder minimale geburtshilfliche Maßnahmen
      • Normale Entbindung
      • Spontangeburt aus Schädellage
      • Spontane Vaginalgeburt eines Einlings
  • O81: Geburt eines Einlings durch Zangen- oder Vakuumextraktion
    • Exklusive: Misslungener Versuch einer Vakuum- oder Zangenextraktion (O66.5)
  • O82: Geburt eines Einlings durch Schnittentbindung [Sectio caesarea]

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.