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Delir

Letzte Aktualisierung: 3.5.2022

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Das Delir ist ein komplexes hirnorganisches Syndrom, das durch eine akute Störung des qualitativen Bewusstseins, der Aufmerksamkeit, der kognitiven Funktionen (inkl. Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis), der Psychomotorik, des Schlaf-Wach-Rhythmus und der Emotionalität gekennzeichnet ist. Es gibt vielfältige Auslöser, die bisweilen eine ausführliche weiterführende Diagnostik erfordern. Abhängig von der jeweiligen Ätiologie werden verschiedene Formen des Delirs bezeichnet, so z.B. postoperatives Delir, Fieberdelir oder Entzugsdelir, die jedoch phänomenologisch überlappen können. Die Diagnose Delir wird anhand der klinischen Symptome gestellt, wobei die individuelle Präsentation sehr variabel sein kann. Die Therapie des Delirs beinhaltet nach gründlicher Ursachensuche eine kausale Therapie mit Eliminierung der Ursache, wenn möglich, sowie symptomatische Therapiemaßnahmen, was ggf. auch eine Antipsychotikagabe einschließt. Die zügige Wiederherstellung der Homöostase, bspw. durch eine angepasste Flüssigkeitstherapie, ist besonders bedeutsam aufgrund der Häufigkeit entsprechender auslösender Störungen. Einen wichtigen Stellenwert nimmt zudem die Delirprophylaxe ein. In der Geriatrie ist das Delir eine der häufigsten Ursachen für kognitive Defizite und muss hier insb. von der Differenzialdiagnose Demenz abgegrenzt werden.

Das auch als Delirium tremens bezeichnete Delir im Rahmen eines Alkoholentzugs wird aufgrund seiner klinischen, diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten gesondert behandelt, siehe: Alkoholentzugsdelir.

  • Prävalenz: 1–2% der Allgemeinbevölkerung [1]
  • Inzidenz
    • Im Krankenhaus: Ca. 30–40% der stationär behandelten Personen >65 Jahre entwickeln ein Delir [2][3][4][5]
    • Auf der Intensivstation: Bis zu 30% der intensivmedizinisch behandelten Personen entwickeln ein Delir [6] [7]
  • Operationen mit besonders hohem Delir-Risiko [6]
    • Kardiotomie: 70%
    • Hüftgelenksersatz: Etwa 45%
    • Postoperatives Delir: Vermutlich hohe Dunkelziffer [8]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Hirneigene Ursachen

Systemische Ursachen mit zerebraler Beteiligung

Weitere Ursachen (Auswahl)

  • Schmerzen
  • Ortswechsel, häufiger Wechsel von Bezugspersonen
  • Schlafstörungen
  • Psychosozialer Stress
  • Isolation , Immobilität
  • Fixierungsbedarf
  • Eingeschränkte Seh- oder Hörfähigkeit

Die Ursachen für ein Delir sind vielfältig. Vereinfachend gesagt können alle Faktoren zu einem Delir führen, die körperlich und/oder psychisch als „Stressfaktoren“ wirken!

Auszuschließende Delir-Ursachen

Der aus dem angloamerikanischen Raum stammende Merkspruch „I watch death“ bietet eine Übersicht über im Akutfall auszuschließende Ursachen eines Delirs, gibt jedoch noch keinen Anhalt für ein strukturiertes klinisches Vorgehen:

  • Infection
  • Withdrawal
  • Acute metabolic
  • Trauma
  • CNS pathology
  • Hypoxia
  • Deficiency in vitamins
  • Endocrine
  • Acute vascular
  • Toxins/Drugs
  • Heavy metals

Merkspruch für die häufigsten Delir-Ursachen: „I WATCH DEATH“

Prädisponierende Risikofaktoren für die Entwicklung eines Delirs [1]

  • Alter
  • Demenz [9]
  • Alkoholismus/Konsum psychotroper Substanzen
  • Z.n. Delir
  • Schwerwiegende somatische Vorerkrankungen (insb. reduzierte zerebrale Perfusion)
  • Vorbestehende psychopathologische Auffälligkeiten (z.B. depressive oder wahnhafte Symptome)

Medikamente mit delirogenem Potenzial [10][11][12][13][14][15][16]

Medikamente können auf verschiedene Weise delirogen wirken: Häufig über ihre anticholinerge Wirkung (siehe auch: Zentrales anticholinerges Syndrom), aber z.B. auch über eine serotonerge Wirkung (siehe auch: Serotonerges Syndrom) oder über die Beeinflussung des Elektrolythaushaltes. Im Folgenden ist eine Auswahl besonders häufiger delirogener Medikamente aufgeführt. Bei älteren Personen ist besondere Vorsicht geboten (siehe auch: Priscus- und FORTA-Liste unter Tipps & Links).

Die Pathophysiologie des Delirs ist noch weitgehend ungeklärt. Durch „Stressoren“ scheint es zu einer akuten Störung des Hirnstoffwechsels zu kommen. Beobachtungen auslösender Faktoren und Forschungsergebnisse deuten auf folgende Mechanismen hin:

  • Stresshypothese [17]
  • Entzündungshypothese [18]
    • Inflammatorische Prozesse beeinflussen den Transmitterhaushalt des Hirns

Insg. scheint es im Gleichgewicht cholinerger, dopaminerger, adrenerger und GABA-erger Transmission im Gehirn zu einem Überwiegen exzitatorischer Erregung mit cholinergem Defizit und dopaminergem Überschuss zu kommen. [19]

Klinische Symptomatik des Delirs

Diagnosekriterien nach ICD-10 [21]

Es müssen alle Kriterien A–F erfüllt sein.

Diagnosekriterien eines Delirs nach ICD-10
Kriterium Beschreibung
A
B
  • Störungen der Wahrnehmung und kognitive Störungen
C
  • Mind. 1 Hinweis auf eine Störung der Psychomotorik, bspw.
    • Psychomotorische Unruhe (=hyperaktives Delir) oder Antriebsstörung (=hypoaktives Delir, kaum Willküraktivität) mit abrupten Wechseln zwischen den Formen
    • Verlangsamte Reaktionsgeschwindigkeit
    • Erhöhte oder verlangsamte Sprechgeschwindigkeit
    • Starke Schreckhaftigkeit
D
E
  • Akuter Beginn und Schwankungen/Fluktuation der Symptomatik im Tagesverlauf
F
  • Anamnese, körperliche Untersuchung und/oder apparative Diagnostik legen organische Ursache für Kriterien A–D nahe, bspw.
  • Ausschluss der Einnahme einer psychoaktiven Substanz als Ursache

Das Delir ist in allen Erscheinungsformen eine qualitative Bewusstseinsstörung, die auch bei erhaltenem quantitativen Bewusstsein in Erscheinung tritt!

Aufgrund einer verminderten oder fehlenden motorischen Aktivität wird ein hypoaktives Delir häufig nicht oder erst sehr spät diagnostiziert!

Diagnosekriterien nach DSM-5 [22]

Diagnosekriterien eines Delirs nach DSM-5
Kriterium Beschreibung
A
  • Störung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins
B
  • Zeitlicher Verlauf der Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein
    • Akuter Beginn: Entstehung innerhalb eines kurzen Zeitraums (i.d.R. Stunden bis wenige Tage)
    • Deutliche Veränderung zum ursprünglichen, normalen Aufmerksamkeits- und Bewusstseinslevel
    • Typischerweise fluktuierender Verlauf über 24 h
C
  • Zusätzliche kognitive Veränderungen, bspw. Störung von
D
  • Kriterium A und C
    • Können nicht besser durch andere neurokognitive Störungen oder Veränderungen erklärt werden
    • Sind nicht durch eine schwere quantitative Bewusstseinsstörung zu begründen, bspw. Koma
E

Von großer Wichtigkeit bei einem Delir ist die Identifikation der Ursache. Da ein Delir unbehandelt mit einer hohen Mortalität und einer Vielzahl an Komplikation einhergeht, handelt es sich um einen medizinischen Notfall, der eine sofortige und umfassende multidisziplinäre Diagnostik erforderlich macht.

  1. Diagnostik zur Feststellung des Delirs (siehe: Delir-Screening)
  2. Diagnostik zur Klärung der Ätiologie des Delirs (siehe: Ursachenabklärung des Delirs)

Delir-Screening

Confusion Assessment Method (CAM) [23]

  • Anwendung: Goldstandard des Delir-Screenings
  • Beschreibung
  • Auswertung
    • Zur Diagnose eines Delirs müssen die Kriterien 1 und 2 sowie zusätzlich 3 oder 4 erfüllt sein
  • Vorteile
    • Hohe Sensitivität und Spezifität [23]
    • Zeitökonomisch (ca. 5 min)
    • Leichte Auswertung
    • Auch von nicht-ärztlichem und nicht-psychiatrischem Personal durchführbar
    • In vielen Sprachen erhältlich

Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU) [24]

Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) [25]

  • Anwendung: Pflegebasiertes Screening-Instrument
  • Vorteile
    • Zeitökonomisch (ca. 5 min)
    • Leichte Auswertung
    • Speziell für Durchführung durch Pflegepersonal entwickelt
Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC)
0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte
Orientierung
  • Keine Auffälligkeiten
  • Leichte Desorientierung zu eigener Person, Zeit, Ort
  • Unfähigkeit, bekannte Personen zu identifizieren
  • Deutliche Ausprägung der Desorientierung
Verhalten
  • Keine Auffälligkeiten
  • Leicht inadäquates Verhalten inkl. gesundheitsgefährdendes Verhalten, bspw.
    • Manipulationen an Kathetern
    • Entfernen von EKG-Elektroden
    • Inadäquate Versuche, das Bett zu verlassen
  • Deutlich unangemessenes Verhalten
Kommunikation
  • Keine Auffälligkeiten
  • Leicht inadäquate Kommunikation: Sprache oder Sprechweise ist unangemessen, unorganisiert, unzusammenhängend
  • Gefühle werden im Verhältnis zu der aktuellen Situationen unangemessenen zum Ausdruck gebracht
  • Deutlich unangemessene Kommunikation
Halluzinationen
  • Keine Auffälligkeiten
  • Leichte Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, bspw.
    • Wahrnehmung nicht-existenter Dinge oder Personen
    • Störungen der Wahrnehmungen in Bezug auf optische oder akustische Reize
Psychomotorik
  • Keine Auffälligkeiten
  • Leichte psychomotorische Verlangsamung bzw. verzögerte Reaktionen
  • Person wirkt zurückgezogen
  • Deutliche psychomotorische Verlangsamung
Interpretation: Bei Summe der Punktzahl ≥2 liegt ein Delir vor, bei einer Punktzahl <2 liegt kein Delir vor

Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC) [26][27]

  • Anwendung: Intensivstationär behandelte Personen mit RASS 4 bis einschließlich -3
Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC)
0 Punkte 1 Punkt
Bewusstsein
Aufmerksamkeit
  • Keine Auffälligkeiten
  • Konzentrations- bzw. Aufmerksamkeitsstörungen
  • Person wirkt abgelenkt oder hat Schwierigkeiten, Gesprächen oder Anweisungen zu folgen
Orientierung
  • Orientiert zu Person, Ort, Zeit
  • Keine Orientierung zu
    • Zeit (Tag, Monat oder zumindest Jahr) oder
    • Ort (Stadtteil, Stadt, Land oder zumindest Krankenhaus) oder
    • Eigener Person
Halluzinationen
  • Klinische Manifestationen könnten sein
    • Versuch, einen nicht existierenden Gegenstand zu fangen
    • Betroffene fragen, ob sie in den letzten Stunden Dinge oder Personen gesehen haben, die nicht hierhin gehören
    • Wahnvorstellungen
Psychomotorik
  • Keine Auffälligkeiten
  • Agitation
    • Sedierung notwendig oder
    • Fixierung notwendig oder
  • Verlangsamung
    • Verzögerte Reaktionen oder
    • Wirkt zurückgezogen
Sprache/Ausdruck
  • Keine Auffälligkeiten
  • Sprache oder Sprechweise ist
    • Unangemessen oder
    • Unorganisiert oder
    • Unzusammenhängend und/oder
  • Gefühle werden im Verhältnis zur aktuellen Situationen unangemessen zum Ausdruck gebracht
Schlaf
  • Keine Auffälligkeiten
  • <4 h Schlaf oder häufiges Aufwachen in der Nacht
  • Tagsüber häufig schlafend
Verlauf
  • Keine Fluktuation
  • Fluktuierende Merkmale oder Symptome in den letzten 24 h
Interpretation: Bei Summe der Punktzahl ≥4 liegt ein Delir vor, bei Summe der Punktzahl zwischen 1–3 besteht V.a. subsyndromales Delir, bei einer Punktzahl von 0 liegt kein Delir vor

Delirium Detection Score (DDS) [28]

Delirium Detection Score (DDS)
0 Punkte 1 Punkt 4 Punkte 7 Punkte
Orientierung
  • Orientiert zu Person, Ort, Zeit
  • Fähigkeit zur Konzentration
  • Nicht sicher orientiert zu Ort und Zeit
  • Unfähigkeit zur Konzentration
  • Nicht orientiert zu Ort und/oder Zeit
  • Nicht orientiert zu Ort, Zeit und Person
Halluzinationen
Agitation
  • Normale Aktivität
  • Leicht gesteigerte Aktivität
  • Moderate Unruhe
  • Schwere Unruhe
Angst
  • Keine Angst
  • Leichte Angst
  • Gelegentlich moderate Angst
Schwitzen
  • Meist unbemerkt, v.a. an den Händen
  • Schweißperlen auf der Stirn
  • Starke Schweißausbrüche
Interpretation: Bei Summe der Punktzahl >7 liegt ein Delir vor, bei einer Punktzahl ≤7 liegt kein Delir vor

Ursachenabklärung des Delirs

Beim Delir handelt es sich nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Syndrom mit vielen potenziellen Ursachen. Daher sollte bei jeder neu aufgetretenen qualitativen Bewusstseinsstörung eine zügige Abklärung erfolgen, um die Ursache zu bestimmen.

Eigen- und Fremdanamnese

Eine ausführliche Anamnese dient sowohl der Diagnostik des Delirs als auch der Ursachenfindung. Angehörige sollten möglichst für eine Fremdanamnese hinzugezogen werden. Der Fokus liegt dabei auf folgenden wichtigen Informationen:

  • Charakterisierung der Symptomatik, inkl. Beginn und zeitlichem Verlauf
  • Risikofaktoren, bspw. vorbestehende Demenz?
  • Auslösende Ursache benennbar?
  • Drogen- und Alkoholanamnese
  • Medikamentenanamnese
  • Vorerkrankungen/Voroperationen
  • Vegetative Anamnese: Fokus auf mögliche Delir-Symptome bzw. typische Ursachen

Körperliche Untersuchung und psychopathologischer Befund

Eine vollständige körperliche und neurologische Untersuchung sowie psychopathologische Befunderhebung ist wichtig zur Identifikation der auslösenden Ursache:

Labordiagnostik

Die Labordiagnostik bei Delir ist essenziell zur Abklärung des potenziell breiten Ursachenspektrums.

Da es sich bei einem Delir um einen Notfall handelt, sollte bei V.a. ein Delir eine Notfall-Labordiagnostik erfolgen!

Weitere mögliche Untersuchungen [1]

Je nach Verdachtsdiagnose, z.B.

Klinische Checkliste zur Ursachenabklärung eines Delirs

Es ist wichtig, das Delir von ähnlichen Syndromen abzugrenzen, da letztere u.U. eine unterschiedliche bzw. angepasste Therapie erfordern. Da das Delir jedoch ein variables klinisches Erscheinungsbild zeigt, ist dies oft eine Herausforderung.

Psychiatrische Differenzialdiagnosen (Auswahl)

Weitere Störungen mit organischer Genese (Auswahl)

Spezielle Delirsyndrome als Komplikation einer Pharmakotherapie

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Das Delir ist neben den Demenzen die wichtigste Entität der Organischen psychischen Störungen (ICD-10: F0), die in diesem Exkurs dargestellt werden.

Definition

Gruppe psychischer Erkrankungen, die aufgrund einer primären oder sekundären Hirnfunktionsstörung auftreten.

  • Primäre Hirnfunktionsstörung: Gehirn ist direkt betroffen (bspw. Hirnblutung)
  • Sekundäre Hirnfunktionsstörung: Gehirn ist zusammen mit anderen Körperorganen betroffen (bspw. Demenz bei HIV)

Unterteilung

Demenz, Organisches amnestisches Syndrom, Delir (F00F05)

Demenz, Organisches amnestisches Syndrom, Delir (F00F05)
Klinik und Diagnosekriterien nach ICD-10 [21]
Demenz (F00F03)
Organisches amnestisches Syndrom (F04)
  • Deutliche Beeinträchtigung des Kurz- und Langzeitgedächtnisses
  • Verminderte Fähigkeit, neues Material zu lernen und sich an vergangene Erlebnisse zu erinnern
  • Erhaltenes Immediatgedächtnis
  • Keine Bewusstseinstrübung oder Auffassungsstörung
  • Kein allgemeiner Abbau intellektueller Fähigkeiten
  • Objektiver und/oder anamnestischer Nachweis einer Gehirnerkrankung oder -schädigung (bspw. Schlaganfall), die für die Gedächtnisstörungen verantwortlich gemacht werden kann
  • Häufig aber nicht obligat: Konfabulationen, Apathie, Mangel an Einsichtsfähigkeit
Delir (F05)

Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06)

  • Allgemeine Diagnosekriterien (F06)
    1. Objektiver Nachweis und/oder Anamnese einer zerebralen oder systemischen Erkrankung (außer durch Alkohol oder psychotrope Substanzen bedingte Erkrankungen), von der bekannt ist, dass sie eine zerebrale Funktionsstörung verursachen kann
    2. Zeitlich wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen der Erkrankung und der psychischen Störung
    3. Rückbildung bzw. Besserung der psychischen Symptomatik nach Rückbildung bzw. Besserung der zugrunde liegenden Erkrankung
    4. Kein Nachweis einer anderen Ursache für die psychische Störung (bspw. belastete Familienanamnese)
Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06)
Klinik und weitere Diagnosekriterien nach ICD-10 [21]
Organische Halluzinose (F06.0)
Organische katatone Störung (F06.1)
Organische wahnhafte Störung (F06.2)
Organische affektive Störungen (F06.3)
Organische Angststörung (F06.4)
Organische dissoziative Störung (F06.5)
Organische emotional labile Störung (F06.6)
Leichte kognitive Störung (F06.7)
  • Kognitive Funktionsstörung über mind. 2 Wochen in einem der folgenden Bereiche
    • Gedächtnis, Lernen neuer Inhalte
    • Aufmerksamkeit/Konzentration
    • Denken
    • Sprache
    • Visuell-räumliche Funktion
  • Auffälligkeiten in neuropsychologischen Untersuchungen
  • Verhältnismäßig milde Symptome

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (F07)

Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (F07)
Klinik und weitere Diagnosekriterien nach ICD-10 [21]
Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0)
  • Mind. 3 der folgenden Merkmale bestehen seit mind. 6 Monaten
    • Zielgerichtete Aktivitäten (insb. längere Zeiträume betreffend) können schlechter durchgehalten werden, reduzierte Fähigkeit des Bedürfnisaufschubs
    • Mind. 1 Affektänderung
    • Bedürfnisse oder Impulse werden ungeachtet der Konsequenzen bzw. sozialen Konventionen geäußert
    • Kognitive Störungen: Misstrauen, paranoide Ideen und/oder exzessive Beschäftigung mit einem einzelnen Thema (bspw. Religion)
    • Sprachproduktion ist auffällig verändert
    • Sexualverhalten ist verändert
Postenzephalitisches Syndrom (F07.1)
Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (F07.2)
  • Zurückliegendes Schädelhirntrauma mit Bewusstlosigkeit (max. 4 Wochen vor Symptombeginn)
  • Mind. 3 der folgenden Merkmale bestehen
    • Unangenehme Empfindungen wie bspw. Kopfschmerz, Schwindel, Erschöpfung, Geräuschempfindlichkeit
    • Veränderungen der Affektivität wie bspw. Reizbarkeit, Affektlabilität
    • Subjektive Störungen der Konzentration, des geistigen Leistungsvermögens, des Gedächtnisses
    • Schlafstörungen
    • Reduzierte Alkoholtoleranz
    • Beschäftigung mit den Symptomen und Angst vor bleibender Hirnschädigung

Allgemein

Der erste Schritt bei der Behandlung des Delirs ist die Identifizierung und Therapie des Auslösers!

Die effektivste Therapie des Delirs ist die Delirprophylaxe!

Wiederherstellung der Homöostase [1]

  • Sicherstellung einer ausreichenden zerebralen Durchblutung
  • Sicherstellung einer ausreichenden Oxygenierung
  • Beseitigung metabolischer Entgleisungen
  • Ausgleichen von Störungen des Wasser- und Elektrolythaushalts
  • Ausreichende Analgesie
  • Reduktion von Faktoren, die zur Freisetzung von proinflammatorischen Substanzen führen können
  • Reduktion/Absetzen delirogener Medikamente

Bei jeder deliranten Symptomatik sollten sofort die eingenommenen Medikamente auf ihr delirogenes Potenzial hin überprüft und ggf. abgesetzt werden (Medikamente mit delirogenem Potenzial)!

Nicht-medikamentöse Therapieoptionen des Delirs [1]

  • Ruhige und entspannte Umgebung schaffen
  • Behandlungskontinuität schaffen
  • Orientierungshilfen
  • Schlaf regulieren
  • Fester Tag-Nacht-Rhythmus
  • Frühe postoperative Mobilisierung
  • Korrektur von Sinnesbeeinträchtigungen (Hörgeräte, Sehhilfen)
  • Frühzeitige enterale Ernährung
  • Möglichst frühzeitige Entfernung von Drainagen
  • Kognitive Stimulation

Medikamentöse Therapieoptionen des Delirs [1]

Für die Sonderform des Delirs im Alkoholentzug gelten spezielle Therapieempfehlungen! Siehe hierzu: Alkoholentzugsdelir.

Niedrigpotente Antipsychotika [29]

Hochpotente und atypische Antipsychotika

Wenn keine orale Gabe möglich ist, kann Haloperidol i.m. verabreicht werden!

Sonderfall Delir bei Morbus Parkinson oder Lewy-Body-Demenz: Kontraindikation für alle Antipsychotika außer Clozapin!

α2-Agonisten und Betablocker

Benzodiazepine

  • Indikation: Bei ausgeprägter psychomotorischer Erregung, die nicht durch andere medikamentöse Therapiemaßnahmen behandelt werden kann
    • Beachte: Mittel letzter Wahl
      • Eigene delirogene Potenz
      • Häufig paradoxe Wirkung
      • Mögliche Verschleierung einer Zustandsverschlechterung
  • Präparate

Medikamentöse Therapieansätze sind sinnvoll, wenn die Delir-Symptomatik zu einer Eigen- oder Fremdgefährdung führt. Das Delir selbst kann aber nur durch Beseitigung der Ursache geheilt werden!

Benzodiazepine oder andere Sedativa bzw. Hypnotika bei älteren Patienten sollen nicht als Mittel der 1. Wahl im Falle von Schlafstörungen, Agitation oder Delir eingesetzt werden. (DGIM - Klug entscheiden in der Geriatrie)

Einteilung nach Ausprägung der psychomotorischen Symptome

  • Hypoaktives Delir
    • Symptome: Psychomotorische Retardierung, Somnolenz, Lethargie, Affektabflachung bzw. Anhedonie
    • Vorkommen: Insb. bei älteren Patient:innen (insg. ca. 30%)
  • Hyperaktives Delir
    • Symptome: Psychomotorische Unruhe, Agitation, Aggressivität
    • Vorkommen: Insb. bei Kindern, insg. seltene Form (ca. 5%)
  • Delir vom Mischtyp
    • Symptome: Merkmale beider Ausprägungen
    • Vorkommen: Häufigste Form (ca. 65%)

Einteilung nach Ätiologie

Einteilung nach situativem Auftreten

Ätiologie

Eine (übermäßige) Sedierung wirkt begünstigend auf die Entstehung eines Delirs!

Diagnostik

Therapie

Aufgrund der häufig erschwerten Diagnose und der hohen Prävalenz ist das Delir auf der Intensivstation oft eine besondere Herausforderung!

Definition

Epidemiologie [34][35][36]

  • Inzidenz: Abhängig von zahlreichen peri- und intraoperativen Faktoren
    • Delir zählt (insb. bei älteren Personen) zu den häufigsten postoperativen Komplikationen
    • Auftreten sowohl nach Allgemein- als auch nach Regionalanästhesie möglich [37]
  • Altersgipfel
    • Höheres Lebensalter
    • Kinder zwischen 5 und 7 Jahren
  • Auftreten je nach Eingriff

Das postoperative Delir wird nach denselben Kriterien wie das Delir diagnostiziert, tritt definitionsgemäß innerhalb von 5 Tagen nach einem operativen Eingriff auf und kann alle Altersgruppen betreffen!

Ätiologie [34]

  • Prädisponierende Faktoren: Risikofaktoren für ein Delir, insb.
    • Alter >65 Jahre
    • Mangelernährung
    • Systemische Vorerkrankungen, Multimorbidität mit entsprechender Vormedikation (insb. Polypharmazie)
    • Vorbestehende kognitive Defizite (insb. Demenz, bereits stattgehabtes Delir)
    • Sensorische Defizite, bspw. Hör- oder Seheinschränkungen
    • Bei Kindern: Alter 5–7 Jahre, präoperative Ängstlichkeit, Eingriffe im Kopf-/Halsbereich [38]
  • Präzipitierende (auslösende) Faktoren

Das Risiko für ein postoperatives Delir ergibt sich aus der Kombination prädisponierender und präzipitierender Faktoren!

Pathophysiologie

  • Analog zum Delir im Allgemeinen: Größtenteils ungeklärt [40], siehe: Delir - Pathophysiologie
  • Vermutlich multifaktorielle Genese [41]
    • Dysbalance der Neurotransmitter, insb. verminderte cholinerge Aktivität [42]
    • Periphere und zentrale Entzündungsprozesse [43]
      • Neuroinflammation und Aktivierung der Mikrogliazellen
      • Stressantwort auf den operativen Eingriff
    • Neurotoxizität von Allgemeinanästhetika

Symptome/Klinik

Diagnostik

  1. Delir-Screening
  2. Klärung der Ätiologie [46]

Das Delir-Screening im Aufwachraum sollte mit einem validierten Testinstrument durchgeführt werden (bspw. Nu-DESC oder CAM)! [32]

Differenzialdiagnosen

Therapie

Bei positivem Befund im Delir-Screening erfolgt die Entlassung aus dem Aufwachraum erst nach Therapiebeginn!

Die multimodale Therapie umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. Letztere können auch präventiv erfolgen! [52]

Prognose

  • Akutes Syndrom mit variabler Dauer: Kein selbstlimitierender Verlauf, Langzeitfolgen mit verminderter Lebensqualität möglich [53]
  • Erhöhte perioperative Morbidität und Mortalität: Zusammenhang mit zahlreichen weiteren postoperativen Komplikationen, bspw.
    • Stress und Unbehagen bei Betroffenen in der Akutphase , mögliche Folge: PTBS
    • Verlängerte Hospitalisierung, höhere Behandlungskosten
    • Langfristige Abnahme der kognitiven Fähigkeiten (POCD, Demenz)
    • Einschränkungen in alltäglichen Aktivitäten
  • Günstigere Prognose: Bei rascher therapeutischer Intervention
  • Ungünstigere Prognose: Bei hypoaktivem Delir

Entscheidend für die Prognose sind eine schnelle Diagnosestellung und ein unverzüglicher Therapiebeginn!

Das postoperative Delir ist ein akutes Syndrom – nichtsdestotrotz geht es mit zahlreichen Komplikationen einher, die langfristig Morbidität und Mortalität beeinflussen!

Prävention

Die Prävention ist elementar beim Delirmanagement. Dies beinhaltet eine teamorientierte, interdisziplinäre Zusammenarbeit unter Beachtung allgemeiner Maßnahmen zur Delirprophylaxe, um letztlich eine Reduktion der modifizierbaren Risikofaktoren zu erreichen (siehe auch: ERAS® und Fast-Track-Chirurgie und Patient Blood Management).

Idealerweise kann das Auftreten eines postoperativen Delirs in ca. 30% der Fälle durch präventive Maßnahmen verhindert werden! [62]

  • Einfluss des Delirs auf den Krankheitsverlauf [63]
    • Höhere Mortalität [1]
    • Erschwerte Therapie der ursprünglich zur Aufnahme führenden Erkrankung [64]
    • Im Durchschnitt längere Krankenhausverweildauer, Gefahr der Hospitalisierung
    • Erhöhtes Risiko für Entwicklung von Pflegebedürftigkeit [64]
    • Starker Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz oder bleibender kognitiver Defizite [65][66]

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F05.-: Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt

  • Inklusive: Akut oder subakut:
    • exogener Reaktionstyp
    • hirnorganisches Syndrom
    • psychoorganisches Syndrom
    • Psychose bei Infektionskrankheit
    • Verwirrtheitszustand (nicht alkoholbedingt)
  • Exklusive: Delirium tremens, alkoholbedingt oder nicht näher bezeichnet (F10.4)
  • F05.0: Delir ohne Demenz
  • F05.1: Delir bei Demenz
  • F05.8: Sonstige Formen des Delirs
  • F05.9: Delir, nicht näher bezeichnet

F06.-: Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit

F07.-: Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. Zhang et al.: Strategies for prevention of postoperative delirium: a systematic review and meta-analysis of randomized trials In: Critical Care. Band: 17, Nummer: 2, 2013, doi: 10.1186/cc12566 . | Open in Read by QxMD p. R47.
  2. S2k-Leitlinie „Notfallpsychiatrie“. Stand: 13. April 2019. Abgerufen am: 24. September 2019.
  3. Fong et al.: Delirium in elderly adults: diagnosis, prevention and treatment In: Nature Reviews Neurology. Band: 5, Nummer: 4, 2009, doi: 10.1038/nrneurol.2009.24 . | Open in Read by QxMD p. 210-220.
  4. Davis et al.: Delirium is a strong risk factor for dementia in the oldest-old: a population-based cohort study In: Brain. Band: 135, Nummer: 9, 2012, doi: 10.1093/brain/aws190 . | Open in Read by QxMD p. 2809-2816.
  5. Goldberg et al.: Association of Delirium With Long-term Cognitive Decline In: JAMA Neurology. Band: 77, Nummer: 11, 2020, doi: 10.1001/jamaneurol.2020.2273 . | Open in Read by QxMD p. 1373.
  6. WHO - World Health Organization: Taschenführer zur ICD-10-Klassifikation psychischer Störungen. 9. Auflage Hogrefe 2019, ISBN: 978-3-456-85992-7 .
  7. Fong et al.: The interface between delirium and dementia in elderly adults In: The Lancet Neurology. Band: 14, Nummer: 8, 2015, doi: 10.1016/s1474-4422(15)00101-5 . | Open in Read by QxMD p. 823-832.
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