Zusammenfassung
Das Delir ist ein komplexes hirnorganisches Syndrom, das durch eine akute Störung des qualitativen Bewusstseins, der Aufmerksamkeit, der kognitiven Funktionen (inkl. Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis), der Psychomotorik, des Schlaf-Wach-Rhythmus und der Emotionalität gekennzeichnet ist. Es gibt vielfältige Auslöser, die bisweilen eine ausführliche weiterführende Diagnostik erfordern. Abhängig von der jeweiligen Ätiologie werden verschiedene Formen des Delirs bezeichnet, so z.B. postoperatives Delir, Fieberdelir oder Entzugsdelir, die jedoch phänomenologisch überlappen können. Die Diagnose Delir wird anhand der klinischen Symptome gestellt, wobei die individuelle Präsentation sehr variabel sein kann. Die Therapie des Delirs beinhaltet nach gründlicher Ursachensuche eine kausale Therapie mit Eliminierung der Ursache, wenn möglich, sowie symptomatische Therapiemaßnahmen, was ggf. auch eine Antipsychotikagabe einschließt. Einen wichtigen Stellenwert nimmt zudem die Delirprophylaxe ein. In der Geriatrie ist das Delir eine der häufigsten Ursachen für kognitive Defizite und muss hier insb. von der Differenzialdiagnose Demenz abgegrenzt werden.
Das auch als Delirium tremens bezeichnete Delir im Rahmen eines Alkoholentzugs wird aufgrund seiner klinischen, diagnostischen und therapeutischen Besonderheiten gesondert behandelt, siehe: Alkoholentzugsdelir.
Epidemiologie
- Prävalenz: 1–2% der Allgemeinbevölkerung [1]
- Inzidenz
- Im Krankenhaus: Ca. 30–40% der stationär behandelten Personen >65 Jahre entwickeln ein Delir [2][3][4][5]
- Auf der Intensivstation: Bis zu 30% der intensivmedizinisch behandelten Personen entwickeln ein Delir [6] [7][8]
- Operationen mit besonders hohem Delir-Risiko [6]
- Kardiotomie: 70%
- Hüftgelenksersatz: Etwa 45%
- Postoperatives Delir: Vermutlich hohe Dunkelziffer [9]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Hirneigene Ursachen
- Neurodegenerative Erkrankungen, z.B.
- Andere hirnorganische Prozesse, z.B.
- Vaskuläre Pathologien: Zerebrale Ischämie, Blutungen
- Inflammatorische Prozesse: (Meningo‑)Enzephalitiden
- Epileptische Anfälle: (Non-konvulsiver) Status epilepticus, postiktales Delir
- Raumforderungen: Hirntumor, akutes (peri-fokales) Ödem
- Schädel-Hirn-Trauma
Systemische Ursachen mit zerebraler Beteiligung
- Kardiovaskuläre, homöostatische und metabolische Störungen, z.B.
- Hypo- und Hyperglykämien, Diabetes mellitus
- Elektrolytverschiebungen, bspw. Hypo- und Hyperkalzämie, Hyperkaliämie, Hyponatriämie
- Endokrinologische Störungen , insb. Hypo- und Hyperthyreose
- Herzinfarkt, Schock
- Malnutrition
- Harnverhalt (bis hin zur Urämie)
- Exsikkose: Häufigster Grund für akute psychiatrische Symptome
- Systemische Inflammation und Infektionen, z.B.
- Schwere Pneumonien, Sepsis
- Autoimmunologische Systemerkrankungen, bspw. systemischer Lupus erythematodes, Vaskulitiden mit zerebraler Beteiligung
- Exogen toxische Ursachen (medikamenten- bzw. substanzinduziert), z.B.
- Entzug bei Abhängigkeit
- Intoxikationen, bspw. durch Drogen, Opioide, Benzodiazepine, Schwermetalle
-
Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (insb. bei Polypharmazie)
- Glucocorticoide, Fluorchinolone
- Anticholinerges Delir bei anticholinergen Wirkstoffen, bspw. trizyklischen Antidepressiva, Antihistaminika, Parkinson-Medikamenten und Antipsychotika
- Siehe auch: Medikamente mit delirogenem Potenzial
Weitere Ursachen (Auswahl)
- Schmerzen
- Ortswechsel, häufiger Wechsel von Bezugspersonen
- Schlafstörungen
- Psychosozialer Stress
- Isolation , Immobilität
- Fixierungsbedarf
- Eingeschränkte Seh- oder Hörfähigkeit
Die Ursachen für ein Delir sind vielfältig. Vereinfachend gesagt können alle Faktoren zu einem Delir führen, die körperlich und/oder psychisch als „Stressfaktoren“ wirken!
Auszuschließende Delir-Ursachen
Der angloamerikanische Begriff „delirium“ hilft beim Überblicken häufiger Delir-Ursachen.
| Wichtige Delir-Ursachen: DELIRIUM [10] | ||
|---|---|---|
| Kategorie | Beispiele | |
| D | Drogen, Medikamente (Wirkung/Entzug) | |
| E | Elektrolytstörungen | |
| L | „Low O2” (Hypoxie) | |
| I | ||
| R | Retentionen |
|
| I | Intrakranielle Pathologien | |
| U | Unterernährung, Hypovolämie | |
| M | Metabolische Störungen |
|
Prädisponierende Risikofaktoren für die Entwicklung eines Delirs [1]
- Alter
- Demenz [11]
- Alkoholismus/Konsum psychotroper Substanzen
- Z.n. Delir
- Schwerwiegende somatische Vorerkrankungen (insb. reduzierte zerebrale Perfusion)
- Vorbestehende psychopathologische Auffälligkeiten (z.B. depressive oder wahnhafte Symptome)
Medikamente mit delirogenem Potenzial
Medikamente können auf verschiedene Weise delirogen wirken: Häufig über ihre anticholinerge Wirkung (siehe auch: Zentrales anticholinerges Syndrom), aber z.B. auch über eine serotonerge Wirkung (siehe auch: Serotonerges Syndrom) oder über die Beeinflussung des Elektrolythaushaltes. Im Folgenden ist eine Auswahl besonders häufiger delirogener Medikamente aufgeführt. Bei älteren Personen ist besondere Vorsicht geboten (siehe auch: Priscus- und FORTA-Liste unter Tipps & Links).
| Medikamente mit delirogenem Potenzial (Auswahl) [12][13] | ||
|---|---|---|
| Risiko | Substanzklasse | Substanzen (Beispiele) |
| Moderat - hoch | Psychopharmaka | |
| Antiallergika |
| |
| Analgetika | ||
| Anticholinergika | ||
| Antiemetika | ||
| Dopaminergika | ||
| Antiarrhythmika | ||
| Antibiotika |
| |
| Gering - mittel | Anfallssuppressiva | |
| Bronchodilatatoren | ||
| Diuretika | ||
| Glucocorticoide | ||
| Sedativa |
| |
| Virostatika | ||
| Antidementiva | ||
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie des Delirs ist noch weitgehend ungeklärt. Durch „Stressoren“ scheint es zu einer akuten Störung des Hirnstoffwechsels zu kommen. Beobachtungen auslösender Faktoren und Forschungsergebnisse deuten auf folgende Mechanismen hin:
- Stresshypothese [14]
- Auslösende Faktoren führen zu einer direkten Hirnschädigung (z.B. Medikamente) oder zu einer überschießenden Stressreaktion (z.B. Infektion) des Körpers
- Es kommt dadurch zur Aktivierung des sympathischen Systems mit Noradrenalinfreisetzung aus der Hypothalamus-Hypophysen-NNR-Achse mit erhöhter Freisetzung von Corticosteroiden
- Entzündungshypothese [15]
- Inflammatorische Prozesse beeinflussen den Transmitterhaushalt des Hirns
Insg. scheint es im Gleichgewicht cholinerger, dopaminerger, adrenerger und GABA-erger Transmission im Gehirn zu einem Überwiegen exzitatorischer Erregung mit cholinergem Defizit und dopaminergem Überschuss zu kommen! [16]
Symptomatik
- Obligate Hauptsymptome des Delirs [17]
- Akuter Beginn mit fluktuierendem Verlauf
- Störung der Aufmerksamkeit
- Störung des Bewusstseins und/oder kognitiv-emotionale Störungen
- Fakultative unspezifische Symptome des Delirs [18]
- Störungen der Affektivität, bspw. Dysphorie
- Angstgefühle, Ratlosigkeit
- Erhöhte Suggestibilität
-
Wahrnehmungsstörungen, illusionäre Verkennungen, Wahnsymptome
- Häufig: Optische Halluzinationen
- Eher untypisch, aber möglich: Akustische Halluzinationen (Akoasmen)
- Auffassungs- und Denkstörung mit typischer Inkohärenz
- Dauer: <6 Monate
Diagnostik
Von großer Wichtigkeit bei einem Delir ist die Identifikation der Ursache. Da ein Delir unbehandelt mit einer hohen Mortalität und einer Vielzahl an Komplikationen einhergeht, handelt es sich um einen medizinischen Notfall, der eine sofortige und umfassende multidisziplinäre Diagnostik erforderlich macht.
- Diagnostik zur Feststellung des Delirs (siehe: Delir-Screening)
- Diagnostik zur Klärung der Ätiologie des Delirs (siehe: Ursachenabklärung des Delirs)
Delir-Screening
Confusion Assessment Method (CAM) [19]
- Anwendung: Goldstandard des Delir-Screenings
- Vorteile
- Hohe Sensitivität und Spezifität
- Zeitökonomisch (ca. 5 min)
- Leichte Auswertung
- Auch von nicht-ärztlichem und nicht-psychiatrischem Personal durchführbar
- In vielen Sprachen erhältlich
| Confusion Assessment Method (Kurzversion) | ||
|---|---|---|
| Kriterium | Überprüfung (Beispiel) | |
| 1 |
|
|
| 2 |
| |
| 3 |
| |
| 4 |
| |
| Interpretation: Wenn die Kriterien 1 + 2 + (3 oder 4) erfüllt sind = positives Screening | ||
Confusion Assessment Method for the ICU (CAM-ICU) [20]
- Anwendung: Delir-Screening auf der Intensivstation
- Besonderheit: Einschluss der Richmond Agitation and Sedation Scale (RASS)
Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) [21]
- Anwendung: Pflegebasiertes Screening-Instrument
- Vorteile
- Zeitökonomisch (ca. 5 min)
- Leichte Auswertung
- Speziell für Durchführung durch Pflegepersonal entwickelt
| Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) | |||
|---|---|---|---|
| 0 Punkte | 1 Punkt | 2 Punkte | |
| Orientierung |
|
|
|
| Verhalten |
|
|
|
| Kommunikation |
|
|
|
| Halluzinationen |
|
|
|
| Psychomotorik |
|
|
|
| Interpretation: Bei Summe der Punktzahl ≥2 liegt ein Delir vor, bei einer Punktzahl <2 liegt kein Delir vor | |||
Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC) [22][23]
- Anwendung: Intensivstationär behandelte Personen mit RASS 4 bis einschließlich -3
| Intensive Care Delirium Screening Checklist (ICDSC) | ||
|---|---|---|
| 0 Punkte | 1 Punkt | |
| Bewusstsein | ||
| Aufmerksamkeit |
|
|
| Orientierung |
|
|
| Halluzinationen |
|
|
| Psychomotorik |
| |
| Sprache/Ausdruck |
|
|
| Schlaf |
|
|
| Verlauf |
|
|
| Interpretation: Bei Summe der Punktzahl ≥4 liegt ein Delir vor, bei Summe der Punktzahl zwischen 1–3 besteht V.a. subsyndromales Delir, bei einer Punktzahl von 0 liegt kein Delir vor | ||
Delirium Detection Score (DDS) [24]
| Delirium Detection Score (DDS) | ||||
|---|---|---|---|---|
| 0 Punkte | 1 Punkt | 4 Punkte | 7 Punkte | |
| Orientierung |
|
|
|
|
| Halluzinationen |
|
|
|
|
| Agitation |
|
|
|
|
| Angst |
|
|
| |
| Schwitzen |
|
|
|
|
| Interpretation: Bei Summe der Punktzahl >7 liegt ein Delir vor, bei einer Punktzahl ≤7 liegt kein Delir vor | ||||
Ursachenabklärung des Delirs
Beim Delir handelt es sich nicht um eine eigenständige Erkrankung, sondern um ein Syndrom mit vielen potenziellen Ursachen. Daher sollte bei jeder neu aufgetretenen qualitativen Bewusstseinsstörung eine zügige Abklärung erfolgen, um die Ursache zu bestimmen.
Siehe für einen klinischen Leitfaden: Akute qualitative Bewusstseinsstörung - AMBOSS-SOP
Eigen- und Fremdanamnese
Eine ausführliche Anamnese dient sowohl der Diagnostik des Delirs als auch der Ursachenfindung. Angehörige sollten möglichst für eine Fremdanamnese hinzugezogen werden. Der Fokus liegt dabei auf folgenden wichtigen Informationen:
- Charakterisierung der Symptomatik, inkl. Beginn und zeitlichem Verlauf
- Risikofaktoren, bspw. vorbestehende Demenz?
- Auslösende Ursache benennbar?
- Drogen- und Alkoholanamnese
- Medikamentenanamnese
- Bei älteren Personen: Beachtung potenziell inadäquater Medikation [25]
- Vorerkrankungen/Voroperationen
- Vegetative Anamnese: Fokus auf mögliche Delir-Symptome bzw. typische Ursachen
Körperliche Untersuchung und psychopathologischer Befund
Eine vollständige körperliche und neurologische Untersuchung sowie psychopathologische Befunderhebung ist wichtig zur Identifikation der auslösenden Ursache:
- Internistisch
- Vitalparameter (inkl. EKG!)
- Beurteilung des Flüssigkeitshaushalts
- Zeichen einer akuten organischen Erkrankung? Infektzeichen ? Sepsis ? [25]
- Neurologisch: Hinweise auf
- Akute zerebrale Erkrankungen?
- Zerebrale Inflammation?
- Epileptischen Anfall?
- Psychiatrisch: Hinweise auf
- Intoxikationen
- Entzug
Labordiagnostik
Die Labordiagnostik bei Delir ist essenziell zur Abklärung des potenziell breiten Ursachenspektrums.
- Standarddiagnostik
- Blutwerte: Blutzucker, kleines Blutbild, Kreatinin, Elektrolyte, ALT/AST, GGT, Kreatinkinase, Harnstoff, CRP, Procalcitonin, TSH, Amylase, Lipase, Gerinnungsparameter
- Urin: Urinstix und -status
- Weitere Labordiagnostik: Mind. bei spezifischen Verdachtsdiagnosen, z.B.
- Respiratorischer Insuffizienz/metabolischer Entgleisung: Blutgasanalyse
- Myokardinfarkt: Troponin T und I, CK, CK-MB
- Drogeninduziertem Delir: Alkoholspiegel und Drogenscreening im Urin
- Medikamenteninduziertem Delir: Medikamentenspiegel im Serum bei V.a. Über- oder Fehldosierung
- Hepatischer Enzephalopathie: Ammoniak-Spiegel
- Hypovitaminose: Vitamin-B12-, Thiamin- und Folsäurespiegel
- Liquordiagnostik
Da es sich bei einem Delir um einen Notfall handelt, sollte bei V.a. ein Delir eine Notfall-Labordiagnostik erfolgen!
Weitere mögliche Untersuchungen [1]
Je nach Verdachtsdiagnose, z.B.
Klinische Checkliste zur Ursachenabklärung eines Delirs
- Vollständige körperliche und neurologische Untersuchung
- Klinische Hinweise auf eine akute Intoxikation? Toxidrom erkennbar?
- EKG
- Labordiagnostik
- BGA
- Blutbild und Differenzialblutbild
- Elektrolyte: Natrium, Kalium, Calcium, Phosphat, Magnesium, Chlorid
- Albumin
- Kreatinin und Harnstoff
- Transaminasen, GGT, AP, Bilirubin, INR
- Ammoniak (bei V.a. hepatische Enzephalopathie)
- CRP bzw. PCT
- Vitamin B12, Folsäure
- TSH
- Drogen-Screening (i.d.R. als Urindiagnostik)
- Ggf. spezifische Parameter bei V.a. eine Intoxikation
- Infektionsdiagnostik: Fokussuche bei erhöhtem CRP bzw. PCT veranlassen
- Röntgen-Thorax, U-Status, Symptombezogene Sonografie
- Bei entsprechendem Verdacht: HIV-Test, Lues-Serologie
- Zerebrale Bildgebung: MRT, CT
- Liquorpunktion: Ausschluss inflammatorischer Prozesse im ZNS
- Ggf. EEG: Ausschluss eines (non-konvulsiven) Status epilepticus bzw. (post‑)iktalen Zustands
- Regelmäßiges Delir-Screening
Diagnostische Kriterien
Nach ICD-10
| Diagnosekriterien eines Delirs nach ICD-10 [26] | |
|---|---|
| Kriterium | Beschreibung |
| A |
|
| B |
|
| C |
|
| D |
|
| E |
|
| F |
|
Ein Delir ist eine qualitative Bewusstseinsstörung. Es kann nur diagnostiziert werden, wenn das quantitative Bewusstsein eine ausreichende Interaktion und kognitive Testung erlaubt!
Aufgrund einer verminderten oder fehlenden motorischen Aktivität wird ein hypoaktives Delir häufig nicht oder erst sehr spät diagnostiziert!
Nach ICD-11 [27]
- Wesentliche Änderungen, u.a.
- Kodierung in neuer Kategorie: Neurokognitive Störungen
- Für mehr Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) siehe: Tipps & Links
Nach DSM-5
| Diagnosekriterien eines Delirs nach DSM-5 [28] | |
|---|---|
| Kriterium | Beschreibung |
| A |
|
| B |
|
| C |
|
| D |
|
| E |
|
Differenzialdiagnosen
Es ist wichtig, das Delir von ähnlichen Syndromen abzugrenzen, da letztere u.U. eine unterschiedliche bzw. angepasste Therapie erfordern. Da das Delir jedoch ein variables klinisches Erscheinungsbild zeigt, ist dies oft eine Herausforderung.
Psychiatrische Differenzialdiagnosen (Auswahl)
- Andere organische psychische Störungen, insb. Demenz
- Psychotische Störung, bspw. Schizophrenie
- Akute Manie
- Depression mit psychomotorischer Agitiertheit bzw. Hemmung
- Drogeninduzierte psychotische Störung
- Alkohol-Halluzinose
Weitere Störungen mit organischer Genese (Auswahl)
Spezielle Delirsyndrome als Komplikation einer Pharmakotherapie
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Exkurs: Übersicht über organische psychische Störungen nach ICD-10
Das Delir ist neben den Demenzen die wichtigste Entität der organischen psychischen Störungen (ICD-10: F0), die in diesem Exkurs dargestellt werden.
Definition
Gruppe psychischer Erkrankungen, die aufgrund einer primären oder sekundären Hirnfunktionsstörung auftreten.
- Primäre Hirnfunktionsstörung: Gehirn ist direkt betroffen (bspw. Hirnblutung)
- Sekundäre Hirnfunktionsstörung: Gehirn ist zusammen mit anderen Körperorganen betroffen (bspw. Demenz bei HIV)
Unterteilung
Demenz, Organisches amnestisches Syndrom, Delir (F00–F05)
| Demenz, Organisches amnestisches Syndrom, Delir (F00–F05) | ||
|---|---|---|
| Klinik und Diagnosekriterien nach ICD-10 [26] | ||
| Demenz (F00–F03) | ||
| Organisches amnestisches Syndrom (F04) |
| |
| Delir (F05) | ||
Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06)
- Allgemeine Diagnosekriterien (F06)
- Objektiver Nachweis und/oder Anamnese einer zerebralen oder systemischen Erkrankung (außer durch Alkohol oder psychotrope Substanzen bedingte Erkrankungen), von der bekannt ist, dass sie eine zerebrale Funktionsstörung verursachen kann
- Zeitlich wahrscheinlicher Zusammenhang zwischen der Erkrankung und der psychischen Störung
- Rückbildung bzw. Besserung der psychischen Symptomatik nach Rückbildung bzw. Besserung der zugrunde liegenden Erkrankung
- Kein Nachweis einer anderen Ursache für die psychische Störung (bspw. belastete Familienanamnese)
| Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06) | ||
|---|---|---|
| Klinik und weitere Diagnosekriterien nach ICD-10 [26] | ||
| Organische Halluzinose (F06.0) |
| |
| Organische katatone Störung (F06.1) |
| |
| Organische wahnhafte Störung (F06.2) |
| |
| Organische affektive Störungen (F06.3) |
| |
| Organische Angststörung (F06.4) |
| |
| Organische dissoziative Störung (F06.5) |
| |
| Organische emotional labile Störung (F06.6) |
| |
| Leichte kognitive Störung (F06.7) |
| |
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (F07)
- Allgemeine Diagnosekriterien
- Objektiver Nachweis und/oder Anamnese einer zerebralen Erkrankung
- Keine Bewusstseinstrübung oder starke Gedächtnisstörung
- Die Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen sind keiner Erkrankung unter F06 zuzuordnen
| Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns (F07) | ||
|---|---|---|
| Klinik und weitere Diagnosekriterien nach ICD-10 [26] | ||
| Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0) |
| |
| Postenzephalitisches Syndrom (F07.1) |
| |
| Organisches Psychosyndrom nach Schädel-Hirn-Trauma (F07.2) |
| |
Nach ICD-11 [27]
- Wesentliche Änderungen
- Kategorie organische psychische Störungen (ICD-10: F0) entfällt
- Neue Kategorien: Neurokognitive Störungen und sekundär bedingte psychische Störungen (6E6*)
- Für Informationen zur ICD-11 (deutsche Entwurfsfassung) siehe: Tipps & Links
Therapie
Therapeutische Grundsätze [1][29]
- Kausale Therapie: Ursache finden und beseitigen!
- Siehe auch: Auszuschließende Delir-Ursachen
- Somatische Basistherapie: Je nach Bedarf u.a.
- Flüssigkeitssubstitution (unter Berücksichtigung insb. der Herz- und Nierenfunktion aufgrund der Gefahr der Volumenüberladung)
- Elektrolytausgleich
- Sauerstoffzufuhr
- Analgesie
- Kardiale Stabilisierung
- Metabolische Entgleisungen beseitigen
- Medikamentengabe: Auf das Nötigste reduzieren, insb. delirogene Medikamente reduzieren/absetzen
- Bei Eigen- und/oder Fremdgefährdung: Ggf. besondere Sicherungsmaßnahmen (möglichst Vermeidung mechanischer Fixierung)
Der erste Schritt bei der Behandlung des Delirs ist die Identifizierung und Therapie des Auslösers!
Bei jeder deliranten Symptomatik sollten sofort die eingenommenen Medikamente auf ihr delirogenes Potenzial hin überprüft und ggf. abgesetzt werden (Medikamente mit delirogenem Potenzial)!
Die mechanische Fixierung stellt insb. bei älteren Personen einen Risikofaktor für ein Delir dar und sollte nur in absoluten Ausnahmefällen und nach Ausschöpfung aller Alternativen (z.B. 1:1-Betreuung) erwogen werden! [25]
Nicht-medikamentöse Therapieoptionen des Delirs [1]
- Ruhige und entspannte Umgebung schaffen
- Behandlungskontinuität schaffen
- Orientierungshilfen
- Anwesenheit vertrauter Personen zulassen [8][30]
- Schlaf regulieren [8]
- Fester Tag-Nacht-Rhythmus [8]
- Frühe (postoperative) Mobilisierung
- Korrektur von Sinnesbeeinträchtigungen (Hörgeräte, Sehhilfen)
- Frühzeitige enterale Ernährung
- Möglichst frühzeitige Entfernung von Drainagen
- Kognitive Stimulation und Kommunikation
Nicht-medikamentöse Therapieoptionen des Delirs dienen auch der Delir-Prophylaxe!
Medikamentöse Therapieoptionen des Delirs [1]
- Symptomorientiert und zeitlich begrenzt [17]
- Insb. bei älteren Personen nicht routinemäßig, sondern nur bei [25]
- Belastenden Symptomen
- Fehlender oder unzureichender Wirksamkeit nicht-medikamentöser Maßnahmen
- Psychiatrischen Notfällen
Für die Sonderform des Delirs im Alkoholentzug gelten spezielle Therapieempfehlungen! Siehe hierzu: Alkoholentzugsdelir.
Antipsychotika
| Antipsychotika im Delir (gängige Substanzen) [17][25][29] | ||
|---|---|---|
| Indikationen | Substanzen | Hinweise |
| Bei psychomotorischer Unruhe: Niedrigpotente Antipsychotika |
| |
| ||
| Bei Wahn und/oder starken Erregungszuständen: Hochpotente/Atypische Antipsychotika | ||
| Bei Morbus Parkinson oder Demenz mit Lewy-Körperchen (siehe auch: Antipsychotikagabe bei Demenz) |
| |
Wenn keine orale Gabe möglich ist, kann Haloperidol i.m. verabreicht werden!
Das Delir bei Morbus Parkinson oder Demenz mit Lewy-Körperchen stellt einen Sonderfall dar: Hier ist nur Clozapin (und ggf. Quetiapin) geeignet!
α2-Agonisten und Betablocker
- Indikation: Bei vegetativer Entgleisung
- Präparate
Benzodiazepine
- Indikation: Nur bei Delir im Rahmen eines Alkohol- oder Benzodiazepinentzugs [13]
- Beachte
- Eigene delirogene Potenz
- Häufig paradoxe Wirkung
- Mögliche Verschleierung einer Zustandsverschlechterung
- Präparate
Benzodiazepine oder andere Sedativa bzw. Hypnotika bei älteren Patienten sollen nicht als Mittel der 1. Wahl im Falle von Schlafstörungen, Agitation oder Delir eingesetzt werden. (DGIM - Klug entscheiden in der Geriatrie)
AMBOSS-Pflegewissen: Delir und Delirprophylaxe
Beobachten/Überwachen
- Vitalparameter
- Atemfrequenz: Insb. Tachypnoe
- spO2: Insb. Hypoxie
- Puls: Insb. Tachykardie
- Blutdruck: Hypotonie oder Hypertonie
- Temperatur: Insb. Fieber
- Delirsymptomatik: Bspw. Störung von Aufmerksamkeit oder Bewusstsein
- Schlaf-Wach-Rhythmus: Schlafmangel oder gestörter Schlaf
- Schmerzen: Potenzielle Ursache eines Delirs, siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Schmerz und Schmerzmanagement
- Medikamentenwirkung: Insb. Antipsychotika
- Ggf. Flüssigkeitsbilanzierung: Dehydratation häufig Auslöser oder Verstärker für psychiatrische Symptomatik
- Delir-Screening: Insb. Nursing Delirium Screening Scale (Nu-DESC) bzw. CAM-ICU auf der Intensivstation
Ein Delir stellt einen medizinischen Notfall dar und bedarf einer kontinuierlichen Überwachung und intensiven Betreuung!
Mobilisation/Bewegung
- Positionierung
- Frühmobilisation nach operativen Eingriffen
- Tagsüber möglichst im Sitzen positionieren
- Nicht in grelle Lichter schauen lassen
Ernährung
- Flüssigkeitszufuhr
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr sicherstellen
- Lieblingsgetränke anbieten
- Siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Dehydratation und Dehydratationsprophylaxe
- Ausgeglichene Ernährung: Mangelernährung als mögliche Ursache für Delir
- Regelmäßige Nahrungsaufnahme sicherstellen
- Lieblingsspeisen anbieten
- Siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Mangelernährung
Pflegerische Maßnahmen
- Umgebungsgestaltung: Reizarm
- Türen möglichst geschlossen halten
- Grelle Lichter vermeiden
- Medien (z.B. Radio, TV) nicht durchgehend laufen lassen
- Ggf. Einzelzimmer anbieten
- Orientierungshilfen
- Betroffene stets mit Namen ansprechen und sich vorstellen
- Große Kalender und große Uhren aufstellen
- Patientenzimmer markieren (bspw. mit einem großen Symbol)
- Persönliche Fotos aufstellen
- Nutzung von Hilfsmitteln sicherstellen
- Einbezug von Angehörigen
- Nach Möglichkeit Bezugspersonen in Pflege einbeziehen
- Ggf. Rooming-in etablieren
- Kontinuität
- Häufige Personalwechsel vermeiden
- Zimmerwechsel vermeiden
- Kommunikation
- In ruhigem Tonfall
- Jede Handlung ankündigen
- Tagesstruktur
- Feste Struktur vorgeben
- Tag-Nacht-Rhythmus fördern
- Unterhaltungsmedien
- Zeitschriften und Bücher anbieten
- Lieblingsmusik erfragen und anbieten
- Weaning: Anstreben, soweit möglich
- Polypharmazie vermeiden: Soweit möglich, ärztliche Anordnungen beachten
- Ggf. Vermittlung: Betroffene an rehabilitative Einrichtungen vermitteln
Bei V.a. ein Delir ist das Weaning herausfordernd, aber empfohlen! Dabei sollte die Entwöhnung der Atemgeräte mit besonderer Vorsicht erfolgen!
Die pflegerischen Maßnahmen bei Delir sind gleichzeitig Maßnahmen zur Delirprophylaxe!
Zusätzliche Maßnahmen zur Delirprophylaxe
- Schulungen und Trainings: Insb. im Umgang mit Screening-Tools und (präventiven) Maßnahmen
- Interprofessioneller Austausch: Zustandsveränderungen werden rasch erkannt → Individuelle Versorgung wird optimiert
Verlaufs- und Sonderformen
Einteilung nach Ausprägung der psychomotorischen Symptome
- Hypoaktives Delir
- Hyperaktives Delir
- Symptome: Psychomotorische Unruhe, Agitation, Aggressivität
- Vorkommen: Insb. bei Kindern, insg. seltene Form (ca. 5%)
- Delir vom Mischtyp
- Symptome: Merkmale beider Ausprägungen
- Vorkommen: Häufigste Form (ca. 65%)
Einteilung nach Ätiologie
- Fieberdelir
- Entzugsdelir, bspw. Alkoholentzugsdelir
Einteilung nach situativem Auftreten
Delir auf der Intensivstation
Definition
- Delir auf der Intensivstation (ICU-Delir): Akute, fluktuierende, i.d.R. reversible zerebrale Dysfunktion mit Störung der Aufmerksamkeit, des Bewusstseins und kognitiver Funktionen (bspw. Sprache, Gedächtnis)
- Veraltete Bezeichnung: ICU-Psychose
- Klinische Formen
- Hypoaktives Delir: Bei ca. ⅔ der Betroffenen
- Hyperaktives Delir: Selten in Reinform
- Delir vom Mischtyp: Bei ca. ⅓ der Betroffenen
- Subsyndromales Delir: Inkomplettes Bild eines Delirs
- Definition gemäß aktueller Klassifikationen, siehe:
- Diagnosekriterien eines Delirs nach ICD-10
- Diagnosekriterien eines Delirs nach ICD-11, siehe: Tipps & Links
- Diagnosekriterien eines Delirs nach DSM-5
Ätiologie
- Prädisponierende Faktoren: Risikofaktoren für ein Delir, insb.
- Höheres Lebensalter
- Schwere Erkrankung / hoher APACHE-Score
- Systemische Vorerkrankungen / hohe ASA-Klassifikation
- Vorbestehende kognitive Defizite (insb. Demenz)
- Chronische Schmerzen
- Vorbestehende Immobilität
- Präzipitierende (auslösende) Faktoren, u.a.
- Operative Eingriffe und Schmerzen
- Delirogene Medikamente, bspw. Benzodiazepine, Anticholinergika
- Langfristige und/oder tiefe Sedierung, maschinelle Beatmung
- Psychosozialer Stress und Umwelteinflüsse, bspw. Lärm- und Lichtexposition
- Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus, Schlafentzug
- Transfusionen
- Mechanische Fixierung
Eine (übermäßige) Sedierung wirkt begünstigend auf die Entstehung eines Delirs!
Symptomatik
- Je nach Form unterschiedliche Ausprägung
- Ggf. maskierte Symptome durch Sedierung
- Siehe auch: Klinische Symptomatik des Delirs
Diagnostik
- Delir-Screening: Regelmäßige standardisierte Überprüfung und Dokumentation anhand validierter Testinstrumente mind. 1×/Schicht (i.d.R. 8-stündlich), bspw. mittels
- Klärung der Ätiologie, siehe: Ursachenabklärung des Delirs
- Zu beachten
- Hypoaktive Delire werden häufig übersehen
- Delirscore stets mit zeitgleich erhobenem RASS-Score bewerten
Aufgrund der häufig erschwerten Diagnose und der hohen Prävalenz ist das Delir auf der Intensivstation oft eine besondere Herausforderung!
Differenzialdiagnosen
- Vorbestehende neurokognitive Störungen, insb. Demenz
- Non-konvulsiver Status epilepticus
- Sedierungsinduzierte Bewusstseinsminderung („Übersedierung“)
- Erhöhter intrakranieller Druck
- Perioperativer Schlaganfall
- Postoperative Cognitive Dysfunction (POCD)
- Siehe auch: Differenzialdiagnosen des Delirs
Therapie
- Nicht-medikamentöse Therapieoptionen des Delirs ausschöpfen und Umsetzung des „ABCDEF-Bündels“ [32]
- Assessment, prevention and management of pain (Schmerzmanagement)
- Both spontaneous awakening trials and spontaneous breathing trials (täglicher Aufwach- bzw. Spontanatmungsversuch bei beatmeten Personen)
- Choice of analgesia and sedation (adäquate Medikamente zur Analgesie und Sedierung)
- Delirium assessment, prevention and management (Delirmanagement)
- Early mobilization and exercise (frühe Mobilisierung)
- Family engagement (Angehörige einbeziehen)
- Medikamentöse Therapieoptionen des Delirs: Symptomorientierte Gabe bei Versagen der nicht-medikamentösen Maßnahmen
- Psychotische Symptomatik und/oder Halluzinationen: Antipsychotika (Haloperidol, Risperidon, Olanzapin, Quetiapin)
- Angst: Kurzwirksame Benzodiazepine
- Agitation: α2-Agonisten (Clonidin, Dexmedetomidin); bei fluktuierender Symptomatik kurzwirksame Benzodiazepine oder Propofol
- Vegetative Symptomatik: α2-Agonisten, Betablocker
- Schmerzen: Opioidbasierte Analgesie
- Bei Eigen- und/oder Fremdgefährdung: Ggf. besondere Sicherungsmaßnahmen
- Maßnahmen individuell abwägen
- Mechanische Fixierung möglichst vermeiden (Ultima Ratio)
Nicht-medikamentöse Maßnahmen stellen die Grundlage der Delirtherapie dar. Die medikamentöse Therapie erfolgt symptomorientiert und nur zusätzlich!
Prävention
- Vermeiden einer zu tiefen Sedierung
- Keine routinemäßige prophylaktische Medikamentengabe empfohlen
- Nutzen der nicht-medikamentösen Therapieoptionen des Delirs als Primärprophylaxe
- Adäquate Therapie der Grunderkrankung(en) und aller Komorbiditäten
Bei allen intensivmedizinisch behandelten Personen soll eine nicht-medikamentöse Delirprophylaxe durchgeführt werden!
Postoperatives Delir
Definition
- Postoperatives Delir: Neu aufgetretenes Delir innerhalb von 5 Tagen nach einem operativen Eingriff
- Veraltete Bezeichnung: Durchgangssyndrom
- Definition gemäß aktueller Klassifikationen, siehe:
Epidemiologie [36][37][38]
- Inzidenz: Abhängig von zahlreichen peri- und intraoperativen Faktoren
- Delir zählt (insb. bei älteren Personen) zu den häufigsten postoperativen Komplikationen
- Auftreten sowohl nach Allgemein- als auch nach Regionalanästhesie möglich [39]
- Altersgipfel
- Höheres Lebensalter
- Kinder zwischen 5 und 7 Jahren
- Auftreten je nach Eingriff
- Eingriffe bei proximaler Femurfraktur ca. 4–53%
- Elektive Eingriffe ca. 4–28%
Das postoperative Delir wird nach denselben Kriterien wie das Delir diagnostiziert, tritt definitionsgemäß innerhalb von 5 Tagen nach einem operativen Eingriff auf und kann alle Altersgruppen betreffen!
Ätiologie [36]
- Prädisponierende Faktoren: Risikofaktoren für ein Delir, insb.
- Alter >65 Jahre
- Mangelernährung
- Systemische Vorerkrankungen, Multimorbidität mit entsprechender Vormedikation (insb. Polypharmazie)
- Vorbestehende kognitive Defizite (insb. Demenz, bereits stattgehabtes Delir)
- Sensorische Defizite, bspw. Hör- oder Seheinschränkungen
- Bei Kindern: Alter 5–7 Jahre, präoperative Ängstlichkeit, Eingriffe im Kopf-/Halsbereich [40]
- Präzipitierende (auslösende) Faktoren
- Ausgedehnte operative Eingriffe
- Kardiochirurgische Operationen
- Viszeralchirurgische Operationen
- Operative Eingriffe an der Wirbelsäule
- Notfalloperationen
- Perioperative Störungen der Homöostase, bspw. Dehydratation, Hypoglykämie, Elektrolytstörungen, starke intraoperative Blutdruckschwankungen [41]
- Postoperative Komplikationen, bspw. postoperative Schmerzen, perioperative Hypothermie
- Gabe von Anticholinergika oder anticholinerg wirkenden Medikamenten
- Akute Infektionen
- Ausgedehnte operative Eingriffe
Das Risiko für ein postoperatives Delir ergibt sich aus der Kombination prädisponierender und präzipitierender Faktoren!
Pathophysiologie
- Analog zum Delir im Allgemeinen: Größtenteils ungeklärt [42], siehe: Delir - Pathophysiologie
- Vermutlich multifaktorielle Genese [43]
- Dysbalance der Neurotransmitter, insb. verminderte cholinerge Aktivität [44]
- Periphere und zentrale Entzündungsprozesse [45]
- Neuroinflammation und Aktivierung der Mikrogliazellen
- Inflammation als Stressantwort auf den operativen Eingriff (Hauptmechanismus)
- Neurotoxizität von Allgemeinanästhetika
Symptomatik
- Akute Veränderung der Aufmerksamkeit und des Bewusstseins im Vergleich zum präoperativen Zustand
- Auftreten innerhalb von 5 Tagen nach einem operativen Eingriff
- Siehe auch: Klinische Symptomatik des Delirs
- Je nach Form unterschiedliche Ausprägung, siehe auch:
Diagnostik
- Delir-Screening
- Ziel: Möglichst frühzeitige Diagnose eines postoperativen Delirs
- Zeitpunkt: Routinemäßiges Delir-Screening, beginnend am OP-Tag oder spätestens am 1. postoperativen Tag
- Beginn im Aufwachraum bzw. auf der PACU
- Mind. 1×/Tag (bestenfalls 2–3×/Tag) für mind. 3 Tage
- Durchführung: Mit validiertem Screening-Test, je nach Setting bspw.
- Nu-DESC: Sensitivität 32–95%, Spezifität 87%
- CAM oder CAM-ICU : Sensitivität 28–43%, Spezifität 98%
- 3D-CAM: Falsch-positiv-Rate etwas höher verglichen mit CAM [46][47]
- Zu beachten: Simultane Erfassung der Sedierungstiefe, bspw. mittels RASS
- Dokumentation: Strukturierte Übergabeprotokolle
- Klärung der Ätiologie [48]
- Ziel: Frühzeitiger Ausschluss reversibler Ursachen
- Durchführung, siehe: Ursachenabklärung des Delirs
Das Delir-Screening im Aufwachraum sollte mit einem validierten Screening-Test durchgeführt werden (bspw. Nu-DESC oder CAM)! [33]
Differenzialdiagnosen
- Präoperativ vorbestehende neurokognitive Störungen, insb. Demenz [49]
- Andere perioperative (neuro‑)kognitive Störungen, insb.
- Postoperative Cognitive Dysfunction (POCD) [50][51] [52]
- Emergence-Delir [40]
- Entzugsdelir
- Erhöhter intrakranieller Druck
- Perioperativer Schlaganfall
- Störungen der Homöostase mit verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit [48]
- Neben- bzw. Nachwirkungen perioperativ verabreichter Medikamente („Narkoseüberhang“)
- Siehe auch: Differenzialdiagnosen des Delirs
Therapie
- Akute Maßnahmen im Aufwachraum
- Auslösende Faktoren beseitigen, Homöostase wiederherstellen
- Elektrolytstörungen, Dehydratation und Hypo- bzw. Hyperglykämien behandeln
- Delirogene Medikamente möglichst vermeiden
- Adäquate Schmerztherapie
- Harnverhalt beseitigen
- Freiheitsentziehende Maßnahmen (Fixierung)
- Prinzipiell möglichst vermeiden
- Regelmäßig reevaluieren
- Auslösende Faktoren beseitigen, Homöostase wiederherstellen
- Weiterführende Behandlung
- Delirogene Medikamente ab- oder ersetzen
- Nicht-medikamentöse Therapieoptionen des Delirs ausschöpfen
- Medikamentöse Therapieoptionen des Delirs
- Niedrigdosierte Gabe von Haloperidol [53] oder atypischen Antipsychotika erwägen bei
- Hohem Leidensdruck, Psychose, Eigen- oder Fremdgefährdung
- Versagen der nicht-medikamentösen Therapie
- Dexmedetomidin erwägen bei kardiochirurgischen Eingriffen
- Keine Gabe von Benzodiazepinen (außer beim Alkoholentzugsdelir) [17]
- Niedrigdosierte Gabe von Haloperidol [53] oder atypischen Antipsychotika erwägen bei
Bei positivem Befund im Delir-Screening erfolgt die Entlassung aus dem Aufwachraum erst nach Therapiebeginn!
Die multimodale Therapie umfasst sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. Letztere können auch präventiv erfolgen! [54]
Prognose
- Akutes Syndrom mit variabler Dauer: Kein selbstlimitierender Verlauf, Langzeitfolgen mit verminderter Lebensqualität möglich [55]
- Erhöhte perioperative Morbidität und Mortalität: Zusammenhang mit zahlreichen weiteren postoperativen Komplikationen, bspw.
- Günstigere Prognose: Bei rascher therapeutischer Intervention
- Ungünstigere Prognose: Bei hypoaktivem Delir
Entscheidend für die Prognose sind eine schnelle Diagnosestellung und ein unverzüglicher Therapiebeginn!
Das postoperative Delir ist ein akutes Syndrom – nichtsdestotrotz geht es mit zahlreichen Komplikationen einher, die langfristig Morbidität und Mortalität beeinflussen!
Prävention [56]
Die Prävention ist elementar beim Delirmanagement. Dies beinhaltet eine teamorientierte, interdisziplinäre Zusammenarbeit unter Beachtung allgemeiner Maßnahmen zur Delirprophylaxe, um letztlich eine Reduktion der modifizierbaren Risikofaktoren zu erreichen (siehe auch: ERAS® und Fast-Track-Chirurgie und Patient Blood Management).
- Ziele der Prävention
- Vermeidung des Auftretens eines Delirs
- Verkürzung der Dauer eines Delirs
- Vermeidung von Folgekomplikationen
- Spezifische präventive Maßnahmen je nach Phase
- Präoperative Phase
- Prämedikationsvisite: Erfassen der Risikofaktoren für ein Delir [57][58][59][60], insb. Beurteilung von
- Allgemeinzustand und Frailty
- Vorerkrankungen (ASA-Klassifikation >2 oder Charlson Comorbidity Index >2)
- Kognitiver Funktion (MMSE <25 Punkte)
- Dokumentation der Risikoevaluation in der Patientenakte (inkl. geeigneter perioperativer Maßnahmen zur Prävention)
- Optimierung des Gesundheitszustands (bspw. Dauer der präoperativen Nüchternheit möglichst kurz halten, Ausgleich eines präoperativen Volumenmangels) [61]
- Bei erhöhtem Risiko für ein postoperatives Delir: Vermeiden delirogener Medikamente (bspw. Anticholinergika, Benzodiazepine ) [62][63]
- Beibehalten des Tag-Nacht-Rhythmus
- Aktuell keine Bestimmung von Biomarkern zur Identifikation von Risikopersonen empfohlen
- Aktuell kein spezifisches OP-Verfahren oder bestimmte Narkosetechniken zur Prävention eines postoperativen Delirs empfohlen
- Prämedikationsvisite: Erfassen der Risikofaktoren für ein Delir [57][58][59][60], insb. Beurteilung von
- Intraoperative Phase
- Aufrechterhaltung der Homöostase
- Monitoring der Narkosetiefe: Burst Suppression vermeiden
- Adäquate Schmerztherapie mit Opioiden [33]
- Vermeiden delirogener Medikamente
- Keine routinemäßige prophylaktische Medikamentengabe empfohlen
- Postoperative Phase
- Adäquate Überwachung inkl. Delir-Screening
- Multimodales Schmerzkonzept zur adäquaten Schmerztherapie
- Anwendung einer geeigneten Schmerzskala, bspw. Numeric Rating Scale
- Adäquate postoperative Schmerztherapie (bevorzugt mit Nicht-Opioid-Analgetika)
- Regionalanästhesieverfahren zur Reduktion der systemischen Opioidgabe [64]
- PCIA: Stressreduktion und Förderung der Autonomie der Patient:innen
- Prophylaktische Nutzung der nicht-medikamentösen Therapieoptionen des Delirs
- Präoperative Phase
Idealerweise kann das Auftreten eines postoperativen Delirs in ca. 30% der Fälle durch präventive Maßnahmen verhindert werden! [65]
Prognose
- Einfluss des Delirs auf den Krankheitsverlauf [66]
- Höhere Mortalität [1]
- Erschwerte Therapie der ursprünglich zur Aufnahme führenden Erkrankung [67]
- Im Durchschnitt längere Krankenhausverweildauer, Gefahr der Hospitalisierung
- Erhöhtes Risiko für Entwicklung von Pflegebedürftigkeit [67]
- Starker Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz oder bleibender kognitiver Defizite [68][69]
Prävention
- Modulation von Risikofaktoren für ein Delir [1]
- Nutzen der nicht-medikamentösen Therapieoptionen des Delirs als Primärprophylaxe [70]
Studientelegramme zum Thema
- DGIM-Studientelegramm 1-2019-2/8: Keine Evidenz für die Gabe von Antipsychotika zur Therapie oder Prävention des Delirs
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AMBOSS-Podcast zum Thema
AMBOSS-Awards 2025: 3 außergewöhnliche Projekte (Juli 2025)
Postoperatives Delir (1): Ursachen und Risikofaktoren (März 2022)
Postoperatives Delir (2): Therapie und Prävention (März 2022)
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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
F05.-: Delir, nicht durch Alkohol oder andere psychotrope Substanzen bedingt
- Inklusive: Akut oder subakut:
- exogener Reaktionstyp
- hirnorganisches Syndrom
- psychoorganisches Syndrom
- Psychose bei Infektionskrankheit
- Verwirrtheitszustand (nicht alkoholbedingt)
- Exklusive: Delirium tremens, alkoholbedingt oder nicht näher bezeichnet (F10.4)
- F05.0: Delir ohne Demenz
- F05.1: Delir bei Demenz
- F05.8: Sonstige Formen des Delirs
- Delir mit gemischter Ätiologie
- Postoperatives Delir
- F05.9: Delir, nicht näher bezeichnet
F06.-: Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit
- Exklusive:
- F06.0: Organische Halluzinose
- Organisch bedingtes halluzinatorisches Zustandsbild (nicht alkoholbedingt)
- Exklusive: Alkoholhalluzinose (F10.5); Schizophrenie (F20.‑)
- F06.1: Organische katatone Störung
- Exklusive:
- F06.2: Organische wahnhafte [schizophreniforme] Störung
- Paranoide und paranoid-halluzinatorische organisch bedingte Zustandsbilder
- Schizophreniforme Psychose bei Epilepsie
- Exklusive: Akute vorübergehende psychotische Störungen (F23.‑); Anhaltende wahnhafte Störungen (F22.‑); Durch psychotrope Substanzen induzierte psychotische Störungen (F11–F19, vierte Stelle .5); Schizophrenie (F20.‑)
- F06.3: Organische affektive Störungen
- Exklusive: Nichtorganische oder nicht näher bezeichnete affektive Störungen (F30-F39)
- F06.4: Organische Angststörung
- Exklusive: Nichtorganisch bedingte oder nicht näher bezeichnete Angststörungen (F41.‑)
- F06.5: Organische dissoziative Störung
- Exklusive: Nichtorganisch bedingte oder nicht näher bezeichnete dissoziative Störungen [Konversionsstörungen] (F44.‑)
- F06.6: Organische emotional labile [asthenische] Störung
- Exklusive: Nichtorganisch bedingte oder nicht näher bezeichnete somatoforme Störungen (F45.‑)
- F06.7: Leichte kognitive Störung
- F06.8: Sonstige näher bezeichnete organische psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit
- Epileptische Psychose o.n.A.
- F06.9: Nicht näher bezeichnete organische psychische Störung aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit
- Hirnorganisches Syndrom o.n.A.
- Organische psychische Störung o.n.A.
F07.-: Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns
- F07.0: Organische Persönlichkeitsstörung
- Frontalhirnsyndrom
- Leukotomiesyndrom
- Lobotomiesyndrom
- Organisch:
- Pseudopsychopathie
- pseudoretardierte Persönlichkeit Persönlichkeitsstörung bei limbischer Epilepsie
- Exklusive:
- Andauernde Persönlichkeitsänderung nach:
- Extrembelastung (F62.0)
- psychiatrischer Krankheit (F62.1)
- Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma (F07.2)
- Persönlichkeitsstörungen (F60–F61)
- Postenzephalitisches Syndrom (F07.1)
- Andauernde Persönlichkeitsänderung nach:
- F07.1: Postenzephalitisches Syndrom
- Exklusive: Organische Persönlichkeitsstörung (F07.0)
- F07.2: Organisches Psychosyndrom nach Schädelhirntrauma
- Postkontusionelles Syndrom (Enzephalopathie)
- Posttraumatisches (organisches) Psychosyndrom, nicht psychotisch
- Exklusive: Akute Gehirnerschütterung (S06.0)
- F07.8: Sonstige organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns
- Rechts-hemisphärische organische affektive Störung
- F07.9: Nicht näher bezeichnete organische Persönlichkeits- und Verhaltensstörung aufgrund einer Krankheit, Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.