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EKG (Elektrokardiographie)

Abstract

Die Elektrokardiographie ist ein bedeutendes Standarddiagnostikum in der Erkennung kardialer Erkrankungen. Durch Anlage externer Elektroden wird die kardiale Erregungsausbreitung abgeleitet und in Form einer charakteristischen Linie festgehalten. Zu den Beurteilungskriterien gehören Lagetyp, Frequenz und Regelmäßigkeit des Ausschlags sowie Abstände und Amplituden der einzelnen Komplexe (z.B. P-Welle, PQ-Strecke, QRS-Komplex, ST-Strecke). In diesem Kapitel erfolgt ein Überblick über die wichtigsten Beurteilungskriterien, während spezielle Befunde im Rahmen der jeweiligen Erkrankungen abgehandelt werden.

Ablauf/Durchführung

Ableitungen

Projektionen der Extremitätenableitungen

Ableitungen Bezeichnung Projektion
I, aVL Hohe linkslaterale Ableitungen Hohe Seitenwand des linken Ventrikels
II, III, aVF

Inferiore (diaphragmale) Ableitungen

Hinterwand des linken Ventrikels
Anmerkung: Der Vektor von aVR ist vom Herzen abgewandt und spielt daher in der EKG-Diagnostik eine untergeordnete Rolle

Projektionen der Brustwandableitungen

Ableitung Projektion Lokalisation der Brustwandelektroden
V1 Rechtspräkordiale Ableitungen Vorderwand beider Ventrikel 4. ICR parasternal rechts
V2 4. ICR parasternal links
V3 Apikale Ableitungen Vorderwand linker Ventrikel Zwischen V2 und V4
V4 5. ICR medioclavicular links
V5 Tiefe linkslaterale Ableitungen (Tiefe) Seitenwand linker Ventrikel Vordere Axillarlinie gleiche waagerechte Höhe wie V4
V6 Mittlere Axillarlinie gleiche waagerechte Höhe wie V4
V7 Linksdorsale Ableitungen Hinterwand linker Ventrikel Hintere Axillarlinie gleiche waagerechte Höhe wie V4
V8 Scapularlinie gleiche waagerechte Höhe wie V4
V9 Paravertebrallinie gleiche waagerechte Höhe wie V4
V3r-6r Rechtsthorakale Ableitungen Rechter Ventrikel Spiegelbildlich zu V3-6

Anhand der Extremitätenableitungen kann sowohl die Bewegung des elektrischen Summationsvektors in der Frontalebene betrachtet werden, als auch ein ungefährer Lagetyp bestimmt werden (siehe auch: Vereinfachte Lagetypbestimmung)!

Papiervorschub

  • Standard für 12-Kanal-EKGs in Deutschland: Papiervorschub von 50 mm/s → Auf Millimeterpapier lassen sich die Zeitabstände daher leicht erfassen
    • 1 mm = 0,02 s
  • Standard für Rhythmusstreifen für 12-Kanal-EKGs in Deutschland: Papiervorschub von 25 mm/s
    • 1 mm = 0,04 s
  • Amplitude: 1 mm (vertikal) entspricht 0,1 mV
  • Leider wird nicht immer Millimeterpapier verwendet oder die Millimeterabstände sind nicht immer zu sehen!

Bei der Bestimmung der Herzfrequenz oder der Dauer einer Herzaktion können sich leicht Fehler einschleichen, wenn der Papiervorschub nicht beachtet wird!

Interpretation/Befund

Strukturierte Befundung

Bei der Befundung eines EKGs ist es wichtig, die Befunde sowohl im Zusammenhang mit der Klinik des Patienten als auch (wenn möglich) im Vergleich zu vorherigen EKGs zu beurteilen . Es ist sinnvoll, einem festen Schema zu folgen, um alle Aspekte der elektrischen Herzaktivität zu beachten und keine Pathologie zu übersehen. Die Reihenfolge der folgenden Abschnitte zeigt beispielhaft ein schematisches Vorgehen

  1. Rhythmus
  2. Herzfrequenz
  3. Lagetyp
  4. Zeiten
  5. Morphologie

Übersicht über die Bestandteile der EKG-Linie

Bedeutung Dauer Morphologie der Ausschläge
P-Welle Erregungsausbreitung in den Vorhöfen ≤0,1 s I.d.R. positiv
PQ-Zeit Erregungsausbreitung in Vorhöfen (P-Welle) und atrioventrikuläre Überleitung 0,12–0,2 s Die Strecke vor dem QRS-Komplex definiert das isoelektrische Nullniveau des EKGs
QRS-Komplex Erregungsausbreitung in den Kammern ≤0,1 s Q ist immer negativ, R immer positiv und S immer negativ
J-Punkt Übergang des QRS-Komplexes in die ST-Strecke
ST-Strecke Depolarisation der ganzen Kammer mit nachfolgender Repolarisation (T-Welle) Keine relevanten Normwerte
T-Welle Erregungsrückbildung der Kammer Keine relevanten Normwerte Meist konkordant (positiv) zum QRS-Komplex
QT-Zeit Gesamtzeit von Erregungsausbreitung und -rückbildung der Kammer Ca. 0,35–0,44 s (stark frequenzabhängig)
U-Welle Zusätzliche positive Welle nach der T-Welle (und vor der nächsten P-Welle) Bis zu halb so groß wie vorangehende T-Welle, meist am deutlichsten in V2+3

Bestimmung von Herzfrequenz und Rhythmus

Bestimmung des Rhythmus

Kriterien für das Vorliegen eines Sinusrhythmus

  1. Vorliegen normal konfigurierter P-Wellen
  2. Auf jede P-Welle folgt regelmäßig ein QRS-Komplex

Sind zudem die PP-Intervalle konstant → Regelmäßiger Sinusrhythmus

Siehe auch Herzrhythmusstörungen

Bestimmung der Frequenz

  • Bestimmung
    • Praktischer Tipp: Annäherungsweise kann die Frequenz abgeschätzt werden, indem die Anzahl der QRS-Komplexe, die sich innerhalb einer Ableitung auf dem DIN-A4-Blatt befindet, mit 10 multipliziert wird. Doch Vorsicht: Diese Frequenzbestimmung ist nur sehr grob und daher lediglich einer ersten Orientierung dienlich!
    • Genauer ist es, die Herzfrequenz (HF) zu berechnen
      • Bei 50 mm/s: HF = 300/RR-Abstand in cm
      • Bei 25 mm/s: HF = 150/RR-Abstand in cm
    • In der Praxis wird die Frequenz i.d.R. mithilfe eines EKG-Lineals bestimmt
  • Interpretation

Bestimmung des Lagetyps

Vereinfachte Lagetypbestimmung

Der Lagetyp entspricht der intraventrikulären Erregungsausbreitung und projiziert sich auf die Frontalebene (wird aus den Extremitätenableitungen I,II,III, aVR, aVL, aVF bestimmt). Man betrachtet den QRS-Komplex und bewertet, ob dieser positiv oder negativ ist. Positiv ist ein QRS-Komplex, wenn die Fläche oberhalb der isoelektrischen Linie größer ist als unterhalb - bei negativem QRS-Komplex entsprechend umgekehrt. Der Hauptvektor (Lagetyp der elektrischen Herzachse) ist der Ableitung mit dem höchsten positiven Ausschlag (bzw. genau genommen mit der „größten positiven Fläche“) am nächsten.

Lagetyp Extremitätenableitung
I II III
Überdrehter Linkstyp (ÜLT) +
Linkstyp (LT) + +
Indifferenztyp* (IT) + + +
Steiltyp* (ST) + + +
Rechtstyp (RT) + +
Überdrehter Rechtstyp (ÜRT) – /+ +

*wenn alle Ableitungen positiv: I>III = Indifferenztyp, III>I = Steiltyp

Seltene Lagetypen

  • Erklärung: Der Lagetyp liegt normalerweise in der Frontalebene, dabei verläuft die Herzachse von "oben" nach "unten". Verläuft die Herzachse von "hinten" nach "vorne" ist der Cabrera-Kreis nicht geeignet, um die Herzachse zu bestimmen. Folgend werden Lagetypen unterschieden, wobei eine Unterscheidung dieser Typen von Autoren unterschiedlich definiert wird. Klinisch gemeinsam ist den Lagetypen, dass sie an eine rechtsventrikuläre Belastung, z.B. bei Lungenembolie, denken lassen, aber auch physiologisch vorkommen können.
  • SISIISIII-Typ: In allen Extremitätenableitungen sind sowohl R- als auch S-Zacken vorhanden
    • Sagittaltyp: Zusätzlich haben R- und S-Zacken eine ähnlich hohe Amplitude
  • SIQIII-Typ: Tiefe S-Zacke in Abl. I und tiefe Q-Zacke in Abl. III

Klinische Bedeutung des Lagetyps

Die physiologische Herzachse liegt im Bereich −30° bis 90° und reicht damit von Links- über Indifferenz- zu Steiltyp. Ein Abweichen der Herzachse von diesem Bereich kann verschiedene Ursachen haben, bspw. eine Hypertrophie oder eine akute Belastung eines Ventrikels .

Mit zunehmendem Alter und Gewicht verschiebt sich die Herzachse von rechts nach links. Ein Lagetyp alleine ist nicht pathologisch. Insb. Sagittal- und Rechtstypen sollten beim Erwachsenen an eine Rechtsherzbelastung denken lassen!

Beurteilung der P-Welle

  • Definition: Die P-Welle entspricht der intraatrialen Erregungsausbreitung
  • Morphologie: Halbrunder, i.d.R. positiver Ausschlag
    • Dauer: ≤0,10 Sekunden
    • Amplitude <0,25 mV
  • Praxistipp: Am besten ist die P-Welle in Ableitung II zu sehen. Als Maß für die P-Dauer und -Höhe zählt aber immer der längste bzw. höchste Ausschlag.
  • Interpretationshilfe

Pathologien

P-Welle Befund Pathophysiologie Mögliche Ursachen

Sinusarrest oder SA-Block

Keine Erregung des Vorhofmyokards
  • Erhöhung von P ≥0,25 mV
P-pulmonale (P-dextroatriale, P-dextrocardiale)

Folge eines vergrößerten rechten Vorhofs

  • Doppelgipflige P-Welle mit Betonung der 2. Welle (2. Teil der P-Welle entspricht der linksatrialen Erregungsausbreitung)
  • Verlängerung von P >0,10 s
P-mitrale (P-sinistroatriale, P-sinistrocardiale)

Folge eines vergrößerten linken Vorhofs

  • Überhöhung (≥0,25 mV), Verbreiterung (>0,10 s) und doppelgipflige Form
P-biatriale (Kombination von P-mitrale und P-pulmonale)

Folge einer Vergrößerung beider Vorhöfe

Beurteilung der PQ-Zeit

Pathologien

PQ-Zeit Befund
Dauer Variabilität
<0,12 s konstant Physiologisch bei schnellerer atrioventrikulärer Überleitung, z.B. bei Jugendlichen
Möglicher Hinweis auf ein Präexzitationssyndrom (WPW-Syndrom), v.a. in Verbindung mit trägem Anstieg des QRS-Komplexes (Delta-Welle)
0,12–0,2 s konstant Physiologisch
>0,2 s konstant AV-Block I°
Zunehmende PQ-Zeit bei gleichbleibender PP-Zeit bis zum Ausfall eines QRS-Komplexes nach regulärer Vorhoferregung variabel AV-Block II° Typ 1 Wenckebach (bzw. Mobitz I)
Plötzlicher Ausfall eines QRS-Komplexes nach vorangegangener P-Welle; erst auf die zweite (bzw. dritte) P-Welle folgt ein QRS-Komplex (2:1- bzw. 3:1-Überleitung) konstant AV-Block II° Typ 2 Mobitz (bzw. Mobitz II)
P-Wellen und QRS-Komplexe kommen unabhängig voneinander in regelmäßigen Abständen vor → Vollständige Entkopplung von P-Wellen und QRS-Komplex variabel AV-Block III°

Beurteilung der Q-Zacke

  • Definition: Ist der erste Ausschlag nach der P-Welle negativ, wird er als Q-Zacke bezeichnet . Sie entspricht dem Beginn der Kammererregung.
  • Physiologische Q-Zacke
    • In fast allen Ableitungen kann physiologisch eine schmale Q-Zacke zu sehen sein. Lediglich in den Ableitungen V1 und V2 sind normalerweise keine Q-Zacken aufzufinden.
  • Pathologische Q-Zacke (Pardee-Q)

Beurteilung des QRS-Komplexes

  • Definition: Der QRS-Komplex entspricht der intraventrikulären Erregungsausbreitung. Ein ausschließlich negativer QRS-Komplex wird auch als QS-Komplex bezeichnet.
  • Morphologie
    • Q-Zacke: Initial negativer Ausschlag des QRS-Komplexes
    • R-Zacke: Jeder positive Ausschlag des QRS-Komplexes. Ein zweiter positiver Ausschlag wird als R' bezeichnet.
    • R/S-Umschlag: Im physiologischen Zustand nimmt die Amplitude der R-Zacke von V1/2 bis V6 an Höhe zu, wohingegen die Amplitude der S-Zacke kontinuierlich abnimmt. Die R-Zacke ist typischerweise zwischen V2 und V3 oder zwischen V3 und V4 zum ersten Mal größer als die S-Zacke, was als „R/S-Umschlag“ bezeichnet wird.
    • Oberer Umschlagspunkt (OUP) = Beginn der letzten Abwärtsbewegung innerhalb des QRS-Komplexes (endgültige Negativierung); erleichtert die Unterscheidung zwischen Links- und Rechtsschenkelblock
      • Gemessen wird die Strecke von Beginn des QRS-Komplexes (erste Abweichung nach der P-Welle von der isoelektrischen Linie) bis zu dem Punkt, an dem sich die Kurve endgültig absteigend der isoelektrischen Linie nähert und nicht mehr positiv wird.
    • S-Zacke: Jeder negative Ausschlag eines QRS-Komplexes, dem ein R vorangeht. Ein zweiter negativer Ausschlag nach R' wird als S' bezeichnet.
      • Sind zwei R-Zacken und/oder zwei S-Zacken im EKG sichtbar, wird der kleinere Ausschlag mit einem Kleinbuchstaben (r bzw. r' und s bzw. s') und der größere Ausschlag mit einem Großbuchstaben (R bzw. R' und S bzw. S') bezeichnet.
    • Dauer: ≤0,1 Sekunden
  • Praxistipp: Die Dauer des QRS-Komplexes sollte in der Ableitung bestimmt werden, in der er am längsten ist. Voraussetzung ist, dass der QRS-Komplex klar abgrenzbar ist.

Pathologien

Schenkelblock

Durch eine gestörte Erregungsleitung in einem der Tawara-Schenkel wird das Myokard dieser Seite verspätet innerviert, wodurch ein verbreiterter Kammerkomplex entstehen kann.

Beim RECHTSschenkelblock findet sich das Blockbild (typischerweise „M-förmig“) in den RECHTSpräkordialen Ableitungen V1 und V2, beim LINKSschenkelblock ist das Blockbild (typischerweise „abgebrochener Zuckerhut“) in den LINKSpräkordialen Ableitungen V5 und V6 sichtbar!

Detektion von Schenkelblöcken

QRS-Dauer Oberer Umschlagspunkt Befund/ggf. EKG-Charakteristikum
≤0,1 s
  • In V1≤0,03 s
  • In V6≤0,05 s*
Physiologisch
>0,1 und <0,12 s In V1>0,03 s Inkompletter Rechtsschenkelblock
In V6>0,05 s* Inkompletter Linksschenkelblock
≥0,12 s In V1>0,03 s Kompletter Rechtsschenkelblock (RSB)
In V6>0,05 s* Kompletter Linksschenkelblock (LSB)
* Der Grenzwert für den OUP bei LSB ist leider nicht einheitlich. Einige Quellen geben auch einen Grenzwert von 0,055 s an.

Weitere Merkmale von Schenkelblöcken und Ursachen

Diagnose EKG-Merkmale Häufigkeit und Ursachen
Kompletter Rechtsschenkelblock
  • rSR'-Formation in V1,2 (meist M-förmig), manchmal auch V3
  • Diskordant negatives T in V1,2, manchmal auch in V3
  • Breites, tiefes S in allen linkslateralen Ableitungen: I,aVL,V5+6
  • Zweithäufigste intraventrikuläre Leitungsstörung
  • Oft physiologisch (unspezifische Degeneration des rechten Tawaraschenkels)
  • Seltener: KHK, rechtsventrikuläre Belastung
Kompletter Linksschenkelblock
  • Tiefe S-Zacken in V1,2: R sehr niedrig oder nicht vorhanden (QS-Komplexe)
  • Evtl. rSR'-Formation in V5 oder V6 (kann einem „abgebrochenen Zuckerhut“ ähneln)
  • Diskordantes Verhalten von ST-Strecke und T in allen Ableitungen
    • Diese Veränderungen der Erregungsrückbildung entstehen mit zunehmender QRS-Breite
    • In der Übergangszone der Brustwandableitungen von dominantem S zu dominantem R sind auch bei komplettem Blockbild Konkordanzen möglich.
Linksanteriorer Hemiblock
  • Häufigste intraventrikuläre Leitungsstörung
  • KHK führt oft zu diesem Blockbild
  • Ohne weitere EKG-Veränderungen nicht von pathologischem Wert
Linksposteriorer Hemiblock
  • (Überdrehter) Rechtslagetyp, wenn vorher schon ein anderer Lagetyp aufgezeichnet wurde
  • Keine weiteren spezifischen Zeichen, daher im EKG schwer zu erkennen

Eine verzögerte R-Progression, ein persistierendes S und ein verspäteter R/S-Umschlag sind häufig ohne pathologischen Wert. Bei einem R-Verlust muss aber immer auch an einen (zurückliegenden) Myokardinfarkt gedacht werden!

Der (inkomplette) Rechtsschenkelblock ist häufig und hat oft keinen pathologischen Wert. Ein Linksschenkelblock hingegen ist i.d.R. Folge einer Herzerkrankung, die mit einer Verkürzung der Lebenserwartung einhergeht!

Ein neu aufgetretener Linksschenkelblock mit Angina-pectoris-Beschwerden wird als STEMI gewertet!

Bifaszikulärer Block

Beurteilung der ST-Strecke- und T-Welle

Einleitung

Elektrophysiologisch sind ST-Strecke und T-Welle unterschiedliche Zeitabschnitte. Sie werden klinisch jedoch zusammen betrachtet, da Veränderungen der ST- Strecke und der T-Welle meist gemeinsam auftreten und dann allgemein als Erregungsrückbildungsstörungen bezeichnet werden. Diese gehören zu den häufigsten Auffälligkeiten im EKG und ihre korrekte Einordnung bedarf klinischer Erfahrung, da selbst dezente Veränderungen mit einer bedeutenden organischen Ursache einhergehen können, während umfangreiche Veränderungen mitunter unspezifisch sind.

  • Definition: Die ST-Strecke entspricht der vollständigen Depolarisation der Ventrikel vom Ende des QRS-Komplexes bis zum Anfang der T-Welle
  • Morphologie: Die ST-Strecke verläuft i.d.R. entlang der isoelektrischen Linie
  • Praxistipps
    • Zur Ausmessung von ST-Hebungen und -Senkungen gilt die Strecke vor dem QRS-Komplex als isoelektrisches Nullniveau
    • ST-Hebungen <0,1 mV oder -Senkungen <0,05 mV sind als unspezifisch zu werten
    • Voraussetzung für den EKG-Verdacht auf eine Ischämie sind ST-Strecken-Veränderungen in 2 benachbarten Ableitungen

Pathologien der ST-Strecke

ST-Hebungen

Die wichtigste Ursache einer ST-Streckenhebung aus einem absteigenden R ist der Myokardinfarkt!

ST-Senkungen

T-Welle

  • Definition: Die T-Welle entspricht der intraventrikulären Repolarisation
  • Morphologie: Meist konkordant zum QRS-Komplex = positiv, wenn QRS-Komplex positiv bzw. negativ, wenn QRS-Komplex negativ („Konkordanz der T-Welle“)
    • Amplitude von 1/6 bis 2/3 der vorangehenden R-Zacke
    • Eine einzelne Diskordanz in III und aVF kann physiologisch sein
  • Praxistipps
    • Die T-Welle ist i.d.R. höher und breiter als die P-Welle
    • Der Übergang der ST-Strecke in die T-Welle ist meist nicht klar abgrenzbar, sodass keine allgemein etablierten Normwerte für die Dauer der T-Welle existieren.

T-Welle - Pathologien

Liegt eine pathologische Erregungsausbreitung vor (Schenkelblock), zeigt sich auch eine gestörte Erregungsrückbildung → Zuverlässige Beurteilung der ST-Strecke sowie der T-Welle nicht möglich!

Beurteilung der QT-Zeit

Jede QT-Zeit >440 ms sollte aus Sicherheitsgründen dokumentiert werden. Ggf. muss dieser Umstand bei der Verordnung berücksichtigt werden!

QT-Zeit (Rechner)

Erworbenes Long-QT-Syndrom

Torsade des pointes sind lebensbedrohliche Rhythmusstörungen, daher ist eine umsichtige Medikation zur Prävention unerlässlich!

Diagnostische Kriterien einer verlängerten QT-Zeit

  1. Korrigierte QT-Zeit (QTc) >470 ms bei Frauen bzw. QTc >450 ms bei Männern
  2. Mindestens 1 Medikament mit Potential zur QT-Zeit-Verlängerung in der Medikation
  3. Nachweisliche QT-Zeit-Veränderung >30 ms nach Ansetzen bzw. Absetzen einer verdächtigten Medikation

Risikokonstellationen einer verlängerten QT-Zeit

Prävention einer verlängerten QT-Zeit

  • EKG-Kontrollen: In allen Risikofällen!
    • I.d.R. vor Einleitung einer Risikomedikation und 4–7 Tage nach Therapiebeginn ausreichend
    • Jedoch engmaschigere Kontrolle und ggf. Monitoring bei hochriskant einzuschätzenden Situationen
    • Absetzen des Medikaments bei Überschreiten des QTc-Grenzwertes (>470 ms)
  • Weitere Grundsätze
    • Vermeiden einer Medikation mit mehr als einem QT-Zeit verlängernden Medikament
    • Elektrolytstörungen vermeiden (CAVE: Diuretika!)

QT-Zeit verlängernde Medikamente

  • Häufigkeit: Ca. 5–10 % der Patienten in der Versorgung weisen eine riskante Kombinationstherapie auf. Nach einer in 2003 durchgeführten Kohortenstudie mit 5 Millionen Patienten wurde eine Prävalenz von 9,4 % festgestellt.
  • Potenzierende Genuss- und Nahrungsmittel: Grapefruitsaft, Kaffee, Alkohol und Nikotin können das Risiko erhöhen
  • Pharmakokinetik: Insb. (schnelle) intravenöse Gaben von riskanten Wirkstoffen können akute Rhythmusstörungen hervorrufen
  • CYP3A4-Inhibitoren: Kombination aus QT-Zeit verlängerndem Medikament und einem Inhibitor potenziert das Risiko; einige Wirkstoffe sind sowohl CYP3A4-Inhibitoren als auch QT-Zeit verlängernd
Wirkstoffe mit Potential zur QT-Verlängerung
Antiarrhythmika
Antibiotika
Antimykotika
Antihistaminika
Antidepressiva
Antipsychotika
Sedativa
  • Methadon, insb. das Razemat , Tiaprid, Chloralhydrat
Triptane
Parkinson-Medikation
Malaria-Medikation
Weitere
Legende: Markiert sind besonders relevante Medikamente

Bei Patienten mit akuter Erkrankung und erforderlicher Verordnung einer Risikomedikation unbedingt die bestehende Medikation im Hinblick auf Risikofaktoren für Torsade des pointes und QT-Verlängerung prüfen!

Niedervoltage

Bei Niedervoltage immer an eine Hypothyreose als Ursache denken!

Hypertrophiezeichen im EKG

EKG-Merkmale für Linksherzhypertrophie

EKG-Merkmale für Rechtsherzhypertrophie

  • Lagetypverschiebung durch Verlagerung der Herzachse nach rechts: Sagittaltyp, Steiltyp oder Rechtstyp
  • Große R-Zacke in allen rechtspräkordialen Ableitungen V1+2
  • Kleines R und zunehmend tiefes S in den linkslateralen Ableitungen V5+6
  • Bei ausgeprägter rechtsventrikulärer Hypertrophie (selten) diskordante ST-Senkung und T-Negativierung in den rechtspräkordialen Ableitungen V1+2
  • Hilfestellung
    • Hauptmerkmal einer Rechtsherzhypertrophie ist ein hohes R in V1 in Verbindung mit einer Verlagerung der Herzachse nach rechts
    • Die Merkmale für eine Rechtsherzhypertrophie gelten nicht bei einem Rechtsschenkelblock

Kinder, Jugendliche und teilweise auch junge Erwachsene haben deutlich höhere R-Amplituden, sodass die Hypertrophiezeichen erst ab einem Lebensalter von 30 J. herangezogen werden können!

Sokolow-Lyon-Index

Aus den oben genannten Zeichen der Rechts- und Linksherzhypertrophie lassen sich zahlreiche Indices herleiten, von denen der Sokolow-Lyon-Index der etablierteste ist.

R in V1 und S in V5 → „RechtS“ → Hinweis auf Rechtsherzhypertrophie!

Der Sokolow-Lyon-Index ist nur für Männer >40 J. validiert!

Nicht bei jedem Patienten mit einer Myokardhypertrophie finden sich entsprechende Zeichen im EKG. Mitunter treten diese erst im Verlauf auf oder fehlen selbst bei ausgeprägten Befunden völlig (bspw. bei schwerer Adipositas). Umgekehrt machen jedoch Hypertrophiezeichen im EKG eine Hypertrophie sehr wahrscheinlich!

Physiologische EKG-Veränderungen bei Sportlern

Durch den Vagotonus und die physiologische Hypertrophie des Herzens ergeben sich insb. bei Ausdauersportlern EKG-Veränderungen , die eine Pathologie vortäuschen können. Selbst Experten fällt es im Rahmen der Befundung eines Sportler-EKGs schwer, physiologische Veränderungen von Zeichen, die auf eine Herzkrankheit mit dem Risiko eines plötzlichen Herztodes hinweisen, abzugrenzen.

Physiologische trainingsbedingte Veränderungen eines ‚Sportler-EKGs'

Pathologische Veränderungen

Praxistipp EKG-Befundung

Aufgrund seiner Komplexität empfiehlt sich bei der EKG-Befundung ein strukturiertes Vorgehen. Folgende Schritte und dazugehörige Fragen können dabei helfen, alle gängigen Pathologien zu erfassen.

  1. Rhythmus (i.d.R. bestmögliche Beurteilung der P-Welle in Ableitung II)
  2. Herzfrequenz (in jeder Ableitung beurteilbar)
    • Annäherungsweise kann bei EKGs mit einer Schreibgeschwindigkeit von 50 mm/s die Frequenz abgeschätzt werden, indem die Anzahl der QRS-Komplexe, die sich innerhalb einer Ableitung auf dem DIN-A4-Blatt befindet, mit 10 multipliziert wird.
      • Bradykardie <50–60/Min., Tachykardie >100/Min.
  3. Lagetypbestimmung nach vereinfachter Methode (Ableitungen I–III wegweisend, siehe vereinfachte Lagetypbestimmung)
    • Passt der Lagetyp zum Patient?
    • Ist das EKG richtig abgeleitet?
  4. Zeiten (i.d.R. bestmögliche Beurteilung der P-Welle in Ableitung II)
    1. PQ-Zeit ≤0,2 Sekunden und konstant? → AV-Block ausgeschlossen
    2. QRS-Komplex ≤0,1 Sekunden? → Schenkelblock ausgeschlossen
    3. Frequenzkorrigierte QT-Zeit <440 ms? → Long QT-Syndrom unwahrscheinlich
  5. Morphologie (jede der 12 Ableitungen einzeln betrachten )
    • Tiefe Q-Zacken (Q-Pardee) bzw. QS-Komplexe vorhanden?
    • Signifikante ST-Streckenhebungen (≥0,1 mV) in benachbarten Ableitungen?
    • Horizontale oder deszendierende ST-Senkungen?
      • Korrelieren ST-Senkungen und Hebungen anatomisch?
      • Sind alle ST-Strecken verändert?
    • Liegen diskordante T-Negativierungen vor?

EKG-Normalbefund und Notation: Sinusrhythmus mit einer Frequenz von X/Min., Linkstyp, PQ-Zeit nicht verlängert, QRS nicht verbreitert, keine signifikanten ST-Streckenveränderungen, keine Erregungsrückbildungsstörungen