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Sepsis

Letzte Aktualisierung: 23.1.2023

Abstracttoggle arrow icon

Die Sepsis ist eine lebensbedrohliche Erkrankung, die durch eine dysregulierte Immunantwort auf eine Infektion entsteht und mit Organdysfunktionen einhergeht (z.B. Leber- oder Nierenschädigung). Beim septischen Schock tritt zusätzlich eine Hypotonie trotz intravenöser Flüssigkeitsgabe sowie eine Lactaterhöhung auf.

Eine Sepsis sollte frühzeitig identifiziert und der Infektionsherd sowie der auslösende Erreger gesucht werden. Dabei sind klinische Parameter, mikrobiologische Diagnostik und ggf. Bildgebung entscheidend. Da die Sepsis ein hochakutes Krankheitsbild ist, sollte neben der Diagnostik parallel bereits eine Therapie begonnen werden. Diese umfasst insb. die antibiotische Therapie, Kreislaufstabilisierung sowie das intensivmedizinische Management von Komplikationen. Die Prognose insb. des septischen Schocks ist schlecht – die Letalität liegt je nach Erkrankungsschwere zwischen 10 und 60%.

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Sepsis, Organdysfunktion und septischer Schock [1]

  • Sepsis: Akut lebensbedrohliche Organdysfunktion infolge einer dysregulierten Immunantwort auf eine (mutmaßliche) Infektion
    • Sepsisassoziierte Organdysfunktion: Änderung des SOFA-Scores um ≥2 Punkte für das jeweilige Organ
  • Septischer Schock: Maximalvariante mit
  • Schwere Sepsis (veraltet)

Der Nachweis einer Infektion ist für die Diagnose einer Sepsis nicht zwingend – die Vermutung ist ausreichend!

Blutstrominfektion, Bakteriämie

  • Blutstrominfektion: Präsenz von Erregern im Blut (z.B. Bakterien, Pilze), die zu einer Entzündungsreaktion mit entsprechenden Änderungen der klinischen, laborchemischen und/oder hämodynamischen Parameter führt
  • Bakteriämie: Präsenz von Bakterien im Blut, die transient (bspw. nach dem Zähneputzen) auftreten und auch ohne Änderung der o.g. Parameter einhergehen kann

Positive Blutkulturen sind für die Diagnose einer Sepsis nicht erforderlich!

Besteht eine Blutstrominfektion, liegt nicht zwangsläufig auch eine Sepsis vor!

Definition

SIRS-Kriterien

  • Beurteilung: Ein SIRS liegt vor, wenn ≥2 Kriterien erfüllt sind

SIRS-Kriterien

Körpertemperatur
  • ≥38 °C oder ≤36 °C
Herzfrequenz
  • ≥90/min

Atemfrequenz

(Leitsymptom des SIRS)

Blutbild

SIRS-Kriterien (Rechner)

Entstehung

SIRS-Trigger

Neben Infektionen kann ein SIRS auch durch folgende Ursachen ausgelöst werden:

Pathomechanismus

  • Zerstörung von Gewebe → Freisetzung zellulärer Strukturen → Aktivierung proinflammatorischer und antiinflammatorischer Kaskaden → Systemische Entzündungsreaktion → Organschädigung
  • Mögliche Folgen
    • Bei Superinfektion (z.B. infizierte Nekrosen bei Pankreatitis) kann zusätzlich im Verlauf eine Sepsis entstehen
    • Auch ohne Superinfektion und Sepsis kann bei nicht-infektiösem SIRS ein Multiorganversagen entstehen
  • Inzidenz der Sepsis in Deutschland: 158/100.000 gemeldete Personen
    • USA: 517/100.000 gemeldete Personen
    • Schweden: 780/100.000 gemeldete Personen
  • Weltweite Zahlen
    • Ca. 48,9 Mio. Fälle von Sepsis pro Jahr
    • Ca. 20% aller Todesfälle mit Sepsis assoziiert

Die Sepsis ist eine der häufigsten Erkrankungen weltweit und steht im Zusammenhang mit ca. 20% der Todesfälle!

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Bei der Sepsis handelt es sich um eine generalisierte entzündliche Reaktion des Körpers; die Ursachen sind jedoch unterschiedlich.

Eine adäquate Immunreaktion beruht auf einer Balance zwischen der proinflammatorischen (anti-infektiösen) und der antiinflammatorischen Antwort – bei der Sepsis ist diese Immunreaktion dysreguliert!

Eine Sepsis wird zwar durch eine Infektion ausgelöst, für den Krankheitsverlauf ist jedoch die dysregulierte Immunantwort entscheidend!

Die Sepsis hat kein pathognomonisches Leitsymptom; es zählt immer die Zusammenschau klinischer Parameter und ggf. vorliegender diagnostischer Marker. Erster Hinweis ist häufig ein deutlich reduzierter Allgemeinzustand.

Entscheidend ist die Erkennung von Personen mit (V.a.) Sepsis sowie die rasche Fokus- und Erregersuche. Infolge der Akuität werden diagnostische und therapeutische Maßnahmen bei der Sepsis optimalerweise parallel durchgeführt (siehe auch: Checkliste Sepsis-Therapie).

  1. Erkennen einer Sepsis
    • Erste klinische Beurteilung (insb. Gesamteindruck, Vitalparameter)
    • Sepsis-Scores: Zur Früherkennung von Personen mit Sepsis bzw. zur Diagnosestellung
  2. Fokus- und Erregersuche
  3. Weitere Labordiagnostik: Beurteilung der Organfunktionen und Entzündungsparameter

Die mikrobiologische Diagnostik sollte möglichst vor Einleitung einer antibiotischen Therapie erfolgen!

Die Sepsis ist eine schwere Erkrankung – der Beginn einer (antibiotischen) Therapie sollte durch die Diagnostik nicht verzögert werden!

Für die Prognose einer Sepsis ist eine frühe Diagnosestellung entscheidend. Wichtig ist hierfür die klinische Beurteilung, die durch Sepsis-Scores unterstützt werden kann.

Erste klinische Beurteilung

Die Sepsis ist in erster Linie eine klinische Diagnose – eine genaue Beurteilung und ggf. Verlaufskontrolle der Patient:innen ist entscheidend!

Es sollten frühzeitig Wünsche und Vorstellungen bzgl. des weiteren Prozederes (insb. Frage nach Intensivverlegung, Patientenverfügung) erfragt und besprochen werden!

Sepsis-Scores [2][4]

Zum Screening

Die SIRS-Kriterien sind für die Falldefinition einer Sepsis inzwischen zwar obsolet, das Vorhandensein entsprechender Symptome kann den Verdacht auf eine Sepsis allerdings erhärten!

Der qSOFA-Score wird aktuell nicht als alleiniger Screening-Score empfohlen! [2]

Zur Diagnosestellung: SOFA-Score

  • Beurteilung: Bei Anstieg des SOFA-Scores um mind. 2 kann die Diagnose einer Sepsis gestellt werden
SOFA-Score
Organ Parameter 0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte 3 Punkte 4 Punkte
Lungenfunktion paO2/FiO2 ≥400 mmHg <400 mmHg <300 mmHg <200 mmHg (Beatmung) <100 mmHg (Beatmung)
Nierenfunktion Kreatinin (mg/dL) <1,2 1,2–1,9 2,0–3,4 3,5–4,9 bzw. Oligurie ≥5 bzw. Anurie
Leberfunktion Bilirubin (mg/dL) <1,2 1,2–1,9 2,0–5,9 6–11,9 ≥12
Kreislauffunktion Mittlerer arterieller DruckKatecholamine) ≥70 <70 Niedrige Katecholamindosis Mittlere Katecholamindosis Hohe Katecholamindosis
Blutbild Thrombozytenzahl ≥150/nL <150/nL <100/nL <50/nL <20/nL
ZNS Glasgow Coma Scale 15 13–14 10–12 6–9 <6

SOFA-Score (Rechner)

Zur Fokus- und Erregersuche sollten immer eine Anamnese und körperliche Untersuchung sowie eine Blutkulturdiagnostik erfolgen. Die weitere Diagnostik richtet sich dann nach den daraus gewonnenen Hinweisen.

Anamnese und körperliche Untersuchung

Die häufigsten Fokusse: PneumonieGastrointestinale InfektionenHarnwegsinfektionenHaut- und Weichteilinfektionen ≥ Fremdkörperassoziierte InfektionenZNS-Infektionen!

Blutkulturdiagnostik

Bei Personen mit Verdacht auf schwere Infektionen sollten vor der Gabe der Antibiotika mind. 2 Paar Blutkulturen an separaten Punktionsstellen abgenommen werden! Die Einhaltung eines zeitlichen Mindestabstands zwischen den BK ist dabei nicht erforderlich. (DGIM - Klug entscheiden in der Notaufnahme)

Bei klinischer Symptomatik und Nachweis eines Erregers in der Blutkultur (Blutstrominfektion) liefert dieser entscheidende Hinweise auf den Fokus!

Weitere mikrobiologische Diagnostik und Bildgebung: Je nach (vermutetem) Fokus [6]

Die weitere Fokussuche richtet sich nach den zuvor gewonnenen anamnestischen und klinischen Hinweisen und sollte insb. den Ausschluss der häufigsten Fokusse umfassen.

Fokus- und Erregersuche bei Infektionen mit unklarem Fokus: Je nach klinischen Hinweisen
Organsystem

Klinische Hinweise

Mikrobiologische Diagnostik (zusätzlich zu Blutkulturen)

Ggf. Bildgebung

Atemwege/Lunge

(z.B. Pneumonie, Pleuraempyem)

Gastrointestinaltrakt

(z.B. Cholangitis, Pankreatitis, Hohlorganperforation, Divertikulitis, postoperativ Anastomoseninsuffizienz)

  • Stuhl
  • Bei einliegender Drainage: Drainagesekret

Urogenitaltrakt

(z.B. Zystitis, Pyelonephritis)

  • Urin
  • Implantierte Urinkatheter (bspw. Doppel-J-Katheter) ggf. wechseln und einschicken

Haut

(z.B. Wundinfektion, Erysipel, Abszesse)

  • Entzündungszeichen der Haut
  • Oberflächliche/tiefe Abstriche offener Wunden

Fremdkörper

(z.B. ZVK-assoziierte Infektionen, Portkatheterinfektion)

  • Fremdmaterial wechseln bzw. entfernen und zur mikrobiologischen Diagnostik einschicken

Herz

(z.B. Endokarditis)

ZNS

(z.B. Meningoenzephalitis, Hirnabszess)

Knochen- und Gelenke

(z.B. Spondylodiszitis, Arthritis)

  • Entzündungszeichen über den betroffenen Gelenken, sichtbare Wunden, Schmerzen, Funktionseinschränkung
  • Z.n. Operation (z.B. Narben, Prothesenausweise)
  • Gelenkpunktat

HNO

(z.B. Sinusitis, Mastoiditis)

  • Ggf. Abstrich

Bei V.a. Sepsis sollte aus allen Bereichen Material untersucht werden, die als Fokus in Betracht kommen (bspw. Drainagesekret, Urin, Trachealsekret)!

Die Labordiagnostik dient der Einschätzung der Infektionsschwere, zur Evaluation möglicher Organdysfunktionen (u.a. Gerinnung, Nierenfunktion) und zur Verlaufsbeurteilung.

Sepsis-Parameter - Übersicht
Parameter Fragestellung Key Facts
Procalcitonin (PCT)
CRP
  • Universell als Labordiagnostik verfügbar, jedoch weniger spezifisch und sensitiv als das PCT

Blutbild

Lactat

  • Marker des (septischen) Schocks
    • >2 mmol/L
BGA
  • Eine Hypoxie spricht i.d.R. für eine Oxygenierungsstörung (ARDS)
  • Eine Hyperkapnie deutet auf ein Versagen der Atmung hin (respiratorische Erschöpfung)

Leberparameter (Transaminasen, GGT, AP, Bilirubin, INR)

  • AST (GOT) und ALT (GPT) sind Marker der Zellschädigung
  • Bilirubin ist ein Marker der Entgiftungsfunktion
  • Die INR erlaubt die Einschätzung der Lebersyntheseleistung
Nierenparameter (Kreatinin, Harnstoff)
Gerinnungsparameter (Fibrinogen, Antithrombin III, D-Dimere)
  • Insb. postoperativ kann eine DIC insb. in der Folge von Eingriffen an thrombokinasereichen Organen (4P – Pulmo, Prostata, Pankreas und Plazenta) und nach Traumata auftreten

Ausblick: Weitere Sepsismarker

  • Interleukin-6 (IL-6): Insb. in der Neonatologie zunehmend verbreitet, im Vergleich zum PCT schnellerer Anstieg und Abfall (im Minutenbereich), jedoch weniger Spezifität
  • Zurzeit in präklinischer Erforschung
    • HLA-DR-Expression auf Monozyten bzw. lösliches HLA-DR-Antigen: Kann auf eine Dysregulation der Immunantwort hinweisen
    • Methylglyoxal: Kann auf eine Aktivierung proinflammatorischer Zytokinkaskaden hinweisen
    • Lösliches CD14 bzw. lösliches CD64: Wird als früher Sepsismarker erforscht

Procalcitonin gilt als empfindlichster Marker bei Diagnose und Verlaufskontrolle der Sepsis!

Diagnostik [7]

Zentrale Venenkatheter bahnen Erregern eine potenzielle Eintrittspforte und tragen somit zu einem erhöhten Infektionsrisiko und gesteigerter Morbidität sowie Mortalität bei.

Klinisches Bild

Mikrobiologie

  • Blutkulturen
    • Indikation: Immer durchführen!
    • Bestimmung der DTP (differential time to positivity): Gleichzeitige Bebrütung zentraler und peripherer Blutkulturpaare
      • Positive DTP: 2–3 Stunden früherer Nachweis des Erregers zentral spricht für ZVK als Fokus
    • Plausibilitätsprüfung: Eine zentrale Katheterinfektion gilt zusätzlich als erwiesen wenn
      • Selber Erreger mit ggf. dem selben Resistenzmuster an mikrobiologisch untersuchter Katheterspitze
      • Quantitative Ratio des Keimnachweises zentral zu peripher >5:1
  • Kultur der Katheterspitze
    • Indikation: Bei V.a. Katheterassoziierte Infektion immer durchführen!

Bei positiver DTP sind alle intravasalen Katheter zu entfernen und nach Etablierung einer wirksamen antibiotischen Therapie ggf. durch neue Katheter an alternativen Einstichstellen zu ersetzen!

Um eine sichere diagnostische Aussage bezüglich der DTP zu ermöglichen, müssen die eingesendeten Blutkulturpaare eindeutig mit Entnahmeort und Uhrzeit der Entnahme gekennzeichnet sein!

Therapie

Für das Überleben ist die adäquate Therapie innerhalb der ersten Stunde entscheidend! In vielen Kliniken ist diese entscheidende Therapiephase in Form von Sepsis Bundles standardisiert.

Checkliste Sepsis: 1-Hour-Bundle (Update SSC 2018) [8]

Intravenöse Antiinfektiva

Bei der Sepsis und beim septischen Schock soll rasch eine kalkulierte und hochdosierte Antibiotikatherapie begonnen werden!

Kreislaufstabilisierung

Zielparameter Zielwert
ZVD
  • ≥8 cmH2O (spontan atmend)
  • ≥12 cmH2O (maschinell beatmet)
Arterieller Mitteldruck (MAP)
  • ≥65 mmHg
Lactat
  • ≤2 mmol/L oder fallend
Zentralvenöse Sauerstoffsättigung (szvO2)
  • ≥70%

Diurese

  • ≥0,5 mL/kgKG pro Stunde

Volumentherapie bei Sepsis

Regelmäßige Kontrollen des Serumlaktats (BGA) sind ausdrücklich empfohlen (Zielparameter!) – auch die zentralvenöse oder gemischtvenöse Sättigung sollten regelmäßig bestimmt werden!

Synthetische Kolloide wie z. B. Hydroxyethylstärke (HAES) sollen bei Volumenmangelzuständen, insb. bei der Sepsis, nicht als Erstlinientherapie im Rahmen der Volumenersatztherapie eingesetzt werden (DGIM - Klug entscheiden in der internistischen Intensivmedizin).

Therapie mit kreislaufwirksamen Substanzen bei Sepsis

Transfusionen [9][13]

  • Indikation zur Transfusion von Erythrozytenkonzentraten: Trigger ist ein Hb ≤7 g/dL , außer bei Vorliegen individueller Faktoren die eine Transfusion anderweitig erforderlich machen
  • Indikationen zur Transfusion von Thrombozytenkonzentraten
    • Schon bei Thrombozytenzahlen von 20.000–100.000/μL, bei zusätzlich invasiven Maßnahmen, aktiven Blutungen oder der Einnahme von Medikamenten mit Einfluss auf die Thrombozytenfunktion
    • Erst bei Thrombozytenzahlen <10.000/μL, wenn keine weiteren Blutungsrisiken bestehen
  • Indikation zur Gabe von Plasmapräparaten (zur Korrektur von Gerinnungsanomalien): Nur bei aktiven Blutungen oder invasiven Eingriffen

Fokussanierung

Eine adäquate Fokussanierung ist für die Therapie und Prognose entscheidend!

Weitere Therapiemaßnahmen bei Sepsis

Maßnahmen ohne Empfehlung bzw. Evidenz

  • Selen: Der Einsatz von Selen bei Sepsis bzw. septischem Schock ist nicht zu empfehlen.
  • Rekombinantes aktiviertes Protein C (rhAPC, Drotrecogin-α): Keine Empfehlung – nach initial großen Hoffnungen wurde das rhAPC im Jahr 2011 nach Erscheinen der PROWESS-SHOCK-Studie im Jahr 2011 vom Markt genommen.

Bei der Diagnose einer Sepsis ist der Erreger i.d.R. nicht bekannt. Daher ist die kalkulierte Initialtherapie derart auszuwählen, dass Erregerspektrum und Resistenzsituationen berücksichtigt werden. Die Paul-Ehrlich-Gesellschaft gibt hierzu Empfehlungen heraus, die zuletzt im Jahr 2018 aktualisiert wurden.

Essenziell für die Auswahl einer Antibiotikatherapie

  • Vermutete oder evidente Infektionsquelle beachten
  • Lokale Resistenzsituation: Immer beachten, wenn Daten und lokale Richtlinien vorliegen
  • Risiko für multiresistente Erreger
  • Initial mit einer empfohlenen Kombinationstherapie in ausreichend hoher Dosierung i.v. zu behandeln (insb. bei unbekanntem Fokus und Verdacht auf bzw. gesicherter Infektion mit Pseudomonas aeruginosa)
  • Patientenfaktoren: Eine Nieren- und ggf. Leberinsuffizienz sind bei der Dosierung zu beachten; die erste Gabe kann i.d.R. in voller Dosierung erfolgen

Sepsis - Initialtherapie bei unbekanntem Fokus

Häufigste Erreger Nosokomiale Infektion Ambulant erworbene Infektion

Staphylococcus aureus
Streptokokken
E. coli
Enterococcus spp.
Klebsiella
Pseudomonas

Hinweise

Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Atemwege

Häufigste Erreger Nosokomiale Infektion Ambulant erworbene Infektion

Streptococcus pneumoniae
Haemophilus infl.
Staph. aureus
Enterobacteriaceae
Anaerobier
Pseudomonas

Hinweise

Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Darm und gynäkologische Organe

Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Gallenwege

Häufigste Erreger Nosokomiale Infektion Ambulant erworbene Infektion

Enterobacteriaceae
Enterokokken
Pseudomonaden
Anaerobier

Hinweise

Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Harnwege (Urosepsis)

Enterobacteriaceae (z.B. E. coli, Proteus), Pseudomonas

Hinweise

Sepsis - Initialtherapie bei Fokus Haut und Weichteile

Häufigste Erreger Nosokomiale Infektion Ambulant erworbene Infektion

Streptococcus pyogenes
Staphylococcus aureus
Anaerobier
Enterobacteriaceae
Pseudomonaden

Hinweise

Sepsis - Initialtherapie bei Kathetersepsis

Häufigste Erreger Nosokomiale Infektion Ambulant erworbene Infektion

Koagulaseneg. Staphylokokken (KNS)
Staphylococcus aureus
Corynebakterium
Propionibakterium

2003 wurde in einer wegweisenden Publikation erstmalig die Tarragona-Strategie vorgestellt. Ursprünglich für die Behandlung der beatmungsassoziierten Pneumonie entwickelt, fasst die Tarragona-Strategie essenzielle Prinzipien der antibiotischen Therapie auf Intensivstation zusammen .[17]

  1. Look at your patient!
  2. Listen to your hospital!
    • Lokales Erreger- und Resistenzspektrum beachten
    • Ggf. bei Reiseanamnese auch Resistenzsituation des Reiselandes berücksichtigen
  3. Hit hard (and early)!
  4. Get to the point!
  5. Focus, focus, focus!
    • Deeskalation sobald Erregernachweis und Resistenzbestimmungen dies erlauben
    • Sequenztherapie (Umstellung von i.v. auf p.o.) sobald eine Nahrungsaufnahme möglich und die enterale Resorption gesichert ist

Für die antibiotische Therapie bei Sepsis gibt es keine einfachen Schemata und perfekten Pläne – unter laufender Therapie müssen die Einflussfaktoren auf die Wirksamkeit regelmäßig evaluiert und die Therapie ggf. angepasst werden!

Critical-Illness-Polyneuropathie (CIP)

  • Definition: Häufige Erkrankung ungeklärter Ursache bei beatmeten Intensivpatient:innen (bspw. mit Sepsis oder Multiorganversagen), bei der es zu einer axonalen Schädigung vorwiegend der motorischen Neuronen kommt
  • Klinik
    • Distal betonte, symmetrische Muskelschwäche der Extremitäten bis hin zur ausgeprägten Tetraparese
    • Das Zwerchfell kann in schweren Fällen mitbetroffen sein, was sich klinisch in einer verlängerten Entwöhnung von der Beatmung zeigt
    • Strumpf- bzw. handschuhförmige Sensibilitätsstörungen sind möglich, können jedoch auch komplett fehlen
  • Diagnostik
  • Therapie
    • Neben der adäquaten Sepsistherapie ist keine spezifische Therapie bekannt, i.d.R. langsame Spontanremission
    • Wichtig sind unterstützende Maßnahmen wie Ernährungsoptimierung, Frühmobilisation und Weaning

Schilddrüsenfunktion – Sepsis-assoziierte Störungen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Sepsis [18]

  • 30-Tage-Letalität in Deutschland: 26,50%
    • Europa (ohne Deutschland): 23,85%
    • Nordamerika: 19,58%

Septischer Schock [18]

  • 30-Tage-Letalität in Deutschland: 30,48%
    • Europa (ohne Deutschland): 34,57%
    • Nordamerika: 33,69%
  • 90-Tage-Letalität in Deutschland: 38,78%
    • Europa (ohne Deutschland): 41,90%
    • Nordamerika: 34,41%
  • Maßnahmen im Krankenhaus [11]
    • Antibiotic-Stewardship-Programm: Sicherung rationaler Antibiotikaanwendung
    • Anwendung von Sepsis-Scores außerhalb der Intensivstation
    • Jährliche Impfung medizinischen Personals gegen Influenza
  • Allgemein: Impfungen gemäß der STIKO

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Könnte es eine Sepsis sein? (Januar 2020)

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SIRS/Sepsis

G62.-: Sonstige Polyneuropathien

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2023, DIMDI.

In den Ergänzungen dieser Sektion können individuelle SOPs eingefügt werden. Diese Sektion ist über die AMBOSS-Suchfunktion mittels dem Begriff „SOP Sepsis“ unmittelbar auffind- und ansteuerbar.

  1. S2k-Leitlinie Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen – Update 2018. . Abgerufen am: 10. Januar 2018.
  2. Gahlot et al.: Catheter-related bloodstream infections In: International Journal of Critical Illness and Injury Science. 2014, .
  3. Evans et al.: Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock 2021 In: Critical Care Medicine. Band: 49, Nummer: 11, 2021, doi: 10.1097/ccm.0000000000005337 . | Open in Read by QxMD p. e1063-e1143.
  4. Fleischmann-Struzek et al.: Inzidenz der Sepsis in Deutschland und weltweit In: Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin. Band: 117, Nummer: 4, 2021, doi: 10.1007/s00063-021-00777-5 . | Open in Read by QxMD p. 264-268.
  5. Engelmann, Schmitt: „Tarragona-Strategie“ – adäquate Antibiotikatherapie auf der Intensivstation In: Medizinische Klinik - Intensivmedizin und Notfallmedizin. Band: 109, Nummer: 3, 2014, doi: 10.1007/s00063-013-0310-7 . | Open in Read by QxMD p. 156-161.
  6. Obermaier et al.: Sepsis in der prähospitalen Notfallmedizin In: Notfall + Rettungsmedizin. Band: 25, Nummer: 8, 2021, doi: 10.1007/s10049-021-00949-y . | Open in Read by QxMD p. 541-551.
  7. Sepsisdefinition und -kodierung 2020. . Abgerufen am: 12. Januar 2023.
  8. Levy et al.: The Surviving Sepsis Campaign Bundle In: Critical Care Medicine. Band: 46, Nummer: 6, 2018, doi: 10.1097/ccm.0000000000003119 . | Open in Read by QxMD p. 997-1000.
  9. S3-Leitlinie Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge. Stand: 15. Dezember 2019. Abgerufen am: 12. August 2020.
  10. Reinhart et al.: Consensus statement of the ESICM task force on colloid volume therapy in critically ill patients In: Intensive Care Medicine. Band: 38, Nummer: 3, 2012, doi: 10.1007/s00134-012-2472-9 . | Open in Read by QxMD p. 368-383.
  11. Brunkhorst: S3-Leitlinie: Sepsis 2018 Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Zusammenfassung starker Empfehlungen* In: Brunkhorst FM, Weigand MA, Pletz M, Gastmeier P, Lemmen SW, Meier-Hellmann A et al: S3-Leitlinie Sepsis 2018:Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Zusammenfassung starker Empfehlungen. Nummer: 05-2020, 2020, doi: 10.19224/ai2020.178 . | Open in Read by QxMD p. 178-188.
  12. Reuß et al.: Flüssigkeitstherapie In: Der Anaesthesist. Band: 68, Nummer: 10, 2019, doi: 10.1007/s00101-019-00639-y . | Open in Read by QxMD p. 697-701.
  13. Rhodes et al.: Surviving Sepsis Campaign: International Guidelines for Management of Sepsis and Septic Shock: 2016 In: Critical Care Medicine. Band: 45, Nummer: 3, 2017, doi: 10.1097/ccm.0000000000002255 . | Open in Read by QxMD p. 486-552.
  14. Krag et al.: Pantoprazole in Patients at Risk for Gastrointestinal Bleeding in the ICU In: New England Journal of Medicine. 2018, doi: 10.1056/nejmoa1714919 . | Open in Read by QxMD .
  15. Sakka: Sepsis bei einer Patientin mit Autoimmunerkrankung und immunsup­pressiver Therapie – Einsatz eines polyvalenten IgGAM-Präparates In: Sakka SG: Sepsis bei einer Patientin mit Autoimmunerkrankung und immunsup­pressiver Therapie – Einsatz eines polyvalenten IgGAM-Präparates. Nummer: 2-2021, 2021, doi: 10.19224/ai2021.082 . | Open in Read by QxMD p. 082-085.
  16. Bauer et al.: Sterblichkeit bei Sepsis und septischem Schock in Deutschland. Ergebnisse eines systematischen Reviews mit Metaanalyse In: Der Anaesthesist. 2021, doi: 10.1007/s00101-021-00917-8 . | Open in Read by QxMD .
  17. Yealy et al.: Early Care of Adults With Suspected Sepsis in the Emergency Department and Out-of-Hospital Environment: A Consensus-Based Task Force Report In: Annals of Emergency Medicine. Band: 78, Nummer: 1, 2021, doi: 10.1016/j.annemergmed.2021.02.006 . | Open in Read by QxMD p. 1-19.
  18. Herold et al.: Innere Medizin 2020. Herold 2020, ISBN: 978-3-981-46609-6 .
  19. Dellinger et al.: Surviving sepsis campaign: international guidelines for management of severe sepsis and septic shock In: Critical Care Medicine. Band: 41, Nummer: 2, 2013, doi: 10.1097/CCM.0b013e31827e83af . | Open in Read by QxMD p. 580-637.
  20. Vincent et al.: International Study of the Prevalence and Outcomes of Infection in Intensive Care Units In: JAMA: The Journal of the American Medical Association. Band: 302, Nummer: 21, 2009, doi: 10.1001/jama.2009.1754 . | Open in Read by QxMD p. 2323-9.
  21. Brunkhorst, Schmitz: Sepsis – Epidemiologie, Biomarker und mikrobiologische Diagnostik In: Der Klinikarzt. Band: 43, Nummer: 6, 2014, doi: 10.1055/s-0034-1384300 . | Open in Read by QxMD p. 284-288.
  22. Pandharipande et al.: Long-Term Cognitive Impairment after Critical Illness In: New England Journal of Medicine. Band: 369, Nummer: 14, 2013, doi: 10.1056/NEJMoa1301372 . | Open in Read by QxMD p. 1306-16.
  23. Vincent et al.: Advances in antibiotic therapy in the critically ill In: Critical Care. Band: 20, Nummer: 1, 2016, doi: 10.1186/s13054-016-1285-6 . | Open in Read by QxMD p. 133.
  24. Rhodes et al.: The Surviving Sepsis Campaign bundles and outcome: results from the International Multicentre Prevalence Study on Sepsis (the IMPreSS study) In: Intensive Care Medicine. Band: 41, Nummer: 9, 2015, doi: 10.1007/s00134-015-3906-y . | Open in Read by QxMD p. 1620-1628.
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