Übersicht
Initiative
Die Initiative „Klug entscheiden“ wurde 2015 von der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ins Leben gerufen, inspiriert durch die amerikanische „Choosing Wisely“-Initiative. Ihr Ziel ist es, durch Aufklärung über Über- und Unterversorgung die medizinische Versorgung zu verbessern.
„Klug entscheiden“ fokussiert auf diagnostische und therapeutische Maßnahmen, die entweder zu häufig oder zu selten angewendet werden – obwohl sie entweder nicht nötig oder tatsächlich erforderlich wären. Ziel ist es, die Qualität der Versorgung zu steigern.
Die „Klug entscheiden“-Empfehlungen entstehen durch einen transparenten Prozess, der Vorschläge aus Fachgesellschaften sowie Konsensuskonferenzen mit Experten und Patientenvertretern umfasst. Diese Empfehlungen werden regelmäßig aktualisiert, um sicherzustellen, dass sie auf dem neuesten Stand der medizinischen Versorgung sind.
Die Empfehlungen basieren auf wissenschaftlicher Evidenz und bestehenden Leitlinien.
Weitere Schwerpunkte
- DGIM - Klug entscheiden in der Kardiologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Infektiologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Endokrinologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Pneumologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Angiologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Rheumatologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Gastroenterologie
- DGIM - Klug entscheiden in der internistischen Intensivmedizin
- DGIM - Klug entscheiden in der Nephrologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Hämatologie und medizinischen Onkologie
- DGIM - Klug entscheiden in der Palliativmedizin
Positiv-Empfehlungen
HbA1c-Zielwerte bei >75-Jährigen an funktionelle Fähigkeiten anpassen
Bei der Behandlung des Diabetes mellitus beim älteren Patienten > 75 Jahre, soll die Zielgröße eines HbA1c an die funktionellen Fähigkeiten des Patienten angepasst werden.
- Niedrige HbA1c-Zielbereiche führen bei älteren Patienten zu einem häufigeren Auftreten von Hypoglykämien, die zu unmittelbaren kognitiven Defiziten führen können.
- Die angestrebte Senkung mikrovaskulärer Komplikationen ist aufgrund des langen Zeitverlaufs bis zum Auftreten dieser Komplikationen bei älteren Patienten weniger relevant.
- Daher sollten die HbA1c-Zielbereiche abhängig gemacht werden von den Zielen des Patienten, seinem Gesundheitsstatus und seiner Lebenserwartung.
- Die S2k-Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt für Patienten
- mit wenig Begleiterkrankungen und ohne kognitive und funktionelle Einschränkung mit einer Lebenserwartung von > 15 Jahren einen HbA1c -Zielbereich von 6,5–7,5 %;
- für sehr alte oder multimorbide oder kognitiv oder funktionell leicht ein - geschränkte Patienten mit einer Lebenserwartung von < 15 Jahren einen Bereich von < 8,0 % und
- für pflegeabhängige oder kognitiv stark eingeschränkte oder funktionell stark eingeschränkte Patienten einen Zielbereich von < 8,5 %. Die Nationale Versorgungsleitlinie Diabetes mellitus schlägt für letztere Patientengruppe einen HbA1c-Zielkorridor von 8,5–9 % vor (1–2).
1. Deutsche Diabetes Gesellschaft: S2k-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Alter, 2. Auflage 2018. AWMF-Registernummer 057–017. www.deutsche-diabetesgesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Leit linien/Evidenzbasierte_Leitlinien/2018/057_ 017_LL_Alter_Gesamtdokument_ 20180713.pdf (last accessed on 9 April 2019).
2. BÄK/ABV/AWMF (Hrsg.): Nationale Versorgungs-Leitlinie Therapie des Typ-2-Diabetes, Langfassung. 1. Auflage 2013. AWMFRegisternummer nvl-001g (abgelaufen am 1.8.2018, Neuauflage für 2019 angekündigt). www.awmf.org/leitlinien/detail/ ll/nvl-001g.html (last accessed on 9 April 2019).
Frühmobilisation älterer hospitalisierter Patienten
Ältere Patienten sollen während ihres Krankenhausaufenthaltes früh, d.h. in der Regel innerhalb von 24 Stunden, mobilisiert werden.
- Bis zu 65 % älterer Patienten, die selbstständig gehfähig sind, verlieren die Gehfähigkeit während der Krankenhausbehandlung. Gehen während der Krankenhausbehandlung ist wichtig für den Erhalt der funktionellen Fähigkeiten älterer Patienten. Der Verlust der Gehfähigkeit verlängert den Krankenhausaufenthalt, erhöht den Rehabilitationsbedarf, die Überleitung in ein Pflegeheim, die Sturzhäufigkeit während und nach dem Krankenhausaufenthalt, die Anforderungen an Angehörige und Pflegepersonen und die Mortalität.
- Bettruhe oder reduzierte Mobilität – zum Beispiel nur Mobilisation in den Stuhl – fördert die Dekonditionierung während des Krankenhausaufenthaltes und ist eine wesentliche Ursache für den Verlust der Gehfähigkeit während des Krankenhausaufenthaltes. Ältere Patienten, die während ihres Krankenhausaufenthaltes gehen, sind auch bei Entlassung gehfähig, können früher entlassen werden, zeigen bessere Fähigkeiten zur Bewältigung der Aktivitäten des Lebens und eine schnellere Erholung nach chirurgischen Eingriffen.
- Frühmobilisation sollte möglichst früh, in der Regel innerhalb von 24 Stunden, beginnen.
- Mobilisation ist definiert als die Maßnahmen am Patienten, die passive oder aktive Bewegungsübungen einleiten und/oder unterstützen und das Ziel haben, die Bewegungsfähigkeit zu fördern und/oder zu erhalten.
Funktionsassessment im höheren Lebensalter
Entscheidungen über diagnostische und therapeutische Maßnahmen im höheren Lebensalter sollen an ein Funktionsassessment (geriatrisches Assessment) und nicht primär an das kalendarische Alter gekoppelt werden.
- Patientinnen und Patienten in der Lebensphase des Alters (d.h. ≥ 70 Jahre) stellen hinsichtlich Funktionalität und biologischem Alter eine heterogene Gruppe dar, sodass Entscheidungen über diagnostische und therapeutische Maßnahmen nicht an das kalendarische Alter gebunden werden sollen, weil daraus sowohl eine Über- wie auch Unterversorgung resultieren kann.
- Der Einsatz eines umfassenden geriatrischen Assessments (kurz CGA) ist geeignet, sowohl Patientengruppen mit hohem Risikopotential für negative Outcomes zu identifizieren, als auch durch Einleitung spezifischer Maßnahmen Mortalität, Komplikationsraten, funktionelle Fähigkeiten, Krankenhausverweildauer und Institutionalisierungsraten günstig zu beeinflussen.
- Die Forschung zur Präzisierung des Begriffes und ggf. zur weiteren positiven Effektsteigerung des CGA dauert an.
- Der zeitaufwendige Prozess eines CGA mit den zu untersuchenden Domänen ist in Deutschland weitgehend standardisiert. Ein CGA ist nicht zu verwechseln mit kurzen, nur wenig aussagekräftigen geriatrischen Screening-Instrumenten (z.B. ISAR) (1–9).
1. Pilotto A, Cella A, Pilotto A, et al. Three Decades of Comprehensive Geriatric Assessment: Evidence Coming From Different Healthcare Settings and Specific Clinical Conditions. J Am Med Dir Assoc 2016; 18:192.e1–192.e11
2. Ellis G, Gardner M, Tsiachristas A et al.: Comprehensive geriatric assessment for older adults admitted to hospital. Cochrane Database Syst Rev 2017; 9:CD006211. doi:10.1002/14651858.CD006211.pub3. PMID: 28898390; PMCID: PMC64843
3. Parker SG, McCue P, Phelps K, et al. What is Comprehensive Geriatric Assessment (CGA)? An umbrella review, Age Ageing 2018; 47: 149–155. doi.org/10.1093/ageing/afx166.
4. O'Shaughnessy I, Robinson K, O'Connor M et al.: Effectiveness of acute geriatric unit care on functional decline and process outcomes among older adults admitted to hospital with acute medical complaints: a protocol for a systematic review. BMJ Open 2021; 11:e050524. bmjopen.bmj.com/content/11/10/e050524. doi: 10.1136/bmjopen-2021-050524. PMID: 34706953; PMCID: PMC8552169.
5. Galvin R, Gilleit Y, Wallace E et al.: Adverse outcomes in older adults attending emergency departments: a systematic review and meta-analysis of the Identification of Seniors At Risk (ISAR) screening tool. Age Ageing 2017; 46:179-186.
6. Ellis G, Whitehead MA, Robinson D, et al.: Comprehensive geriatric assessment for older adults admitted to hospital: meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ 2011; 343: d6553.
7. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie e.V. (DGG). S3-Leitlinie „Umfassendes Geriatrisches Assessment (Comprehensive Geriatric Assessment, CGA) bei hospitalisierten Patientinnen und Patienten“. Langversion 1.1, 2024. AWMF-Registernummer: 084-003. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/084-003. Zugriff am (21.08.2025).
8. Veronese N, Custodero C, Demurtas J, Smith L, Barbagallo M, Maggi S, Cella A, Vanacore N, Aprile PL, Ferrucci L, Pilotto A; Special Interest Group in Systematic Reviews of the European Geriatric Medicine Society (EuGMS); Special Interest Group in Meta-analyses and Comprehensive Geriatric Assessment of the European Geriatric Medicine Society (EuGMS). Comprehensive geriatric assessment in older people: an umbrella review of health outcomes. Age Ageing. 2022 May 1;51(5):afac104. doi: 10.1093/ageing/afac104. PMID: 35524746.
9. Briggs R, McDonough A, Ellis G, Bennett K, O'Neill D, Robinson D. Comprehensive Geriatric Assessment for community-dwelling, high-risk, frail, older people. Cochrane Database Syst Rev. 2022 May 6;5(5):CD012705. doi: 10.1002/14651858.CD012705.pub2. PMID: 35521829; PMCID: PMC9074104.
Beurteilung von Stürzen und Sturzrisiko im höheren Lebensalter
Stürze und Sturzrisiko im höheren Lebensalter sollen diagnostisch und interventionell Beachtung finden.
- Stürze beim älteren Menschen sind ein häufiger Grund für ambulante und stationäre medizinische Maßnahmen.
- Eingetretene Stürze mit Frakturen sind assoziiert mit einer erhöhten Komplikationsrate im Krankenhaus einschließlich Mortalität, einer Abnahme funktioneller Fähigkeiten und einer erhöhten Institutionalisierungsrate.
- Mit der rechtzeitigen Identifikation von physiologischen, psychologischen und umweltbedingten Risikofaktoren für Stürze und durch eine Multikomponenten-Intervention mit u.a. Kraft- und Balancetraining kann die Häufigkeit von Stürzen und daraus resultierende Verletzungen reduziert werden. Die konkrete Ausgestaltung im Hinblick bestmöglich effektiver Präventionsprogramme ist noch Gegenstand der Forschung (1–8).
1. Gross, M., Roigk, P., Schoene, D. et al.: Update der Empfehlungen der Bundesinitiative Sturzprävention – Identifizierung und Prävention des Sturzrisikos bei älteren zu Hause lebenden Menschen. Z Gerontol Geriat (2023); 56:448.
2. Montero-Odasso, M, van der Velde N, Martin FC et al.: Force on Global Guidelines for Falls in Older Adults , World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative, Age and Ageing 2022; afac205.
3. Cortés OL, Piñeros H, Aya PA et al.: Systematic review and meta-analysis of clinical trials: In-hospital use of sensors for prevention of falls. Medicine (Baltimore) 2021; 100:e27467.
4. Loureiro V, Gomes M, Loureiro N et al.: Multifactorial Programs for Healthy Older Adults to Reduce Falls and Improve Physical Performance: Systematic Review. Int J Environ Res Public Health 2021; 18:10842.
5. Dautzenberg L, Beglinger S, Tsokani S et al.: Interventions for preventing falls and fall-related fractures in community-dwelling older adults: A systematic review and network meta-analysis. J Am Geriatr Soc 2021; 69:2973-2984.
6. Sherrington C, Fairhall N, Kwok W et al.: Evidence on physical activity and falls prevention for people aged 65+ years: systematic review to inform the WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Int J Behav Nutr Phys Act 2020; 17:144.
7. Colón-Emeric CS, McDermott CL, Lee DS, Berry SD. Risk Assessment and Prevention of Falls in Older Community-Dwelling Adults: A Review. JAMA. 2024 Apr 23;331(16):1397-1406. doi: 10.1001/jama.2024.1416. PMID: 38536167.
8. Guirguis-Blake JM, Perdue LA, Coppola EL, Bean SI. Interventions to Prevent Falls in Older Adults: Updated Evidence Report and Systematic Review for the US Preventive Services Task Force. JAMA. 2024 Jul 2;332(1):58-69. doi: 10.1001/jama.2024.4166. PMID: 38833257.
Beachtung von Mangelernährung beim geriatrischen Patienten
Mangelernährung beim geriatrischen Patienten soll sowohl diagnostisch als auch interventionell Beachtung finden.
- Eine (Protein-Energie‑)Mangelernährung als Folge des geriatrischen Syndroms der Altersanorexie ist die häufigste Ernährungsstörung im höheren Lebensalter. Sie betrifft auch adipöse Personen.
- Mangelernährung im Alter ist diagnostisch definiert; das Risiko für Mangelernährung kann in praxi über Screening-Instrumente, wie z.B. mit dem Mini Nutritional Assessment (MNA), erhoben werden.
- Mangelernährung ist mit einem generell ungünstigeren Krankheitsverlauf und erhöhter Mortalität assoziiert und verschlechtert die geriatrischen Syndrome der Sarkopenie und Frailty.
- Von daher muss Mangelernährung im Alter - und insbesondere beim geriatrischen Patienten - sowohl diagnostisch als auch interventionell Beachtung finden.
- Trotz praktisch leicht umsetzbarer Leitlinien wird Mangelernährung häufig nicht erkannt. Eine Intervention nicht oder häufig nicht zeitgerecht, obwohl effektive und nebenwirkungsarme Therapieoptionen zur Verfügung stehen (1–7).
1. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD et al.: GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition- a consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr 2019; 38:1-9.
2. Dent E, Hoogendijk EO, Visvanathan R, Wright ORL. Malnutrition Screening and Assessment in Hospitalised Older People: a Review. J Nutr Health Aging 2019; 23:431-441.
3. Foo MXE, Wong GJY, Lew CCH. A systematic review of the malnutrition prevalence in hospitalized hip fracture patients and its associated outcomes. J Parenter Enteral Nutr 2021 45:1141-1152.
4. Schuetz P, Seres D, Lobo DN et al.: Management of disease-related malnutrition for patients being treated in hospital. Lancet. 2021; 398:1927-1938.
5. Volkert D, Beck AM, Cederholm T et al.: ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in geriatrics. Clin Nutr 2019;38:10-47.
6. Cruz-Jentoft AJ, Volkert D. Malnutrion in Older Adults. N Engl J Med 2025;392:2244-2255, June 11, 2025, doi: 10.1056/NEJMra2412275.
7. Dent E, Wright ORL, Woo J, Hoogendijk EO. Malnutrition in older adults. Lancet. 2023 Mar 18;401(10380):951-966. doi: 10.1016/S0140-6736(22)02612-5. Epub 2023 Jan 27. PMID: 36716756.
Behandlung von Depressionen im höheren Lebensalter
Depressionen sollen auch im höheren Lebensalter bei mittelschwerer Ausprägung vorrangig psychotherapeutisch behandelt werden.
- Psychotherapeutische Maßnahmen sind bei depressiven Episoden auch im höheren Lebensalter wirksam. Sie finden allerdings aufgrund mangelnder Therapieangebote im Vergleich zur medikamentösen Therapie beim älteren Menschen seltener statt, obwohl die Risiken einer medikamentösen Behandlung (z.B. Sturzgefahr, Knochengesundheit) gerade beim älteren Menschen im Vergleich zum jüngeren höher sind.
- Angesichts mangelnder Verfügbarkeit psychotherapeutischer Angebote ist deshalb auch ein primär medikamentöser Ansatz möglich. Bei schwerer Ausprägung sind kombiniert psychotherapeutische und medikamentöse Maßnahmen angezeigt.
- Depressive Erkrankungen im höheren Lebensalter sind häufig; zum Screening stehen verlässliche Test-Instrumente zur Verfügung (1–10).
1. van Poelgeest EP, Pronk AC, Rhebergen D et al.: Depression, antidepressants and fall risk: therapeutic dilemmas-a clinical review. Eur Geriatr Med. 2021; 12:585-596.
2. Agüera-Ortiz L, Claver-Martín MD, Franco-Fernández MD et al.: Depression in the Elderly. Consensus Statement of the Spanish Psychogeriatric Association. Front Psychiatry 2020; 11:380.
3. Krishnamoorthy Y, Rajaa S, Rehman T et al.:. Diagnostic accuracy of various forms of geriatric depression scale for screening of depression among older adults: Systematic review and meta-analysis. Arch Gerontol Geriatr. 2020;87:104002.
4. Krause M, Gutsmiedl K, Bighelli I et al.: Efficacy and tolerability of pharmacological and non-pharmacological interventions in older patients with major depressive disorder: A systematic review, pairwise and network meta-analysis. Eur Neuropsychopharmacol; 2019; 29:1003-1022.
5. Locher C, Kossowsky J, Gaab J, et al.:Moderation of antidepressant and placebo outcomes by baseline severity in latelife depression: a systematic review and meta-analysis. J Affect Disord 2015; 181: 50–60.
6. Kirkham JG, Choi N, Seitz D: Meta-analysis of problem solving therapy for the treatment of major depressive disorder in older adults. Int J Geriatr Psychiatry 2016; 31: 526–35.
7. Huang AX, Delucchi K, Dunn LB, Nelson JC: A systematic review and meta-analysis of psychotherapy for late-life depression. Am J Geriatr Psychiatry 2015; 23: 261–73.
8. Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression –Langfassung, Version 3.2. 2022 [cited: 2025-08-22]. DOI: 10.6101/AZQ/000505. www.leitlinien.de/depression.
9. Davison TE, Bhar S, Wells Y, Owen PJ, You E, Doyle C, Bowe SJ, Flicker L. Psychological therapies for depression in older adults residing in long-term care settings. Cochrane Database Syst Rev. 2024 Mar 19;3(3):CD013059. doi: 10.1002/14651858.CD013059.pub2. PMID: 38501686; PMCID: PMC10949416.
10. Jalali A, Ziapour A, Karimi Z, Rezaei M, Emami B, Kalhori RP, Khosravi F, Sameni JS, Kazeminia M. Global prevalence of depression, anxiety, and stress in the elderly population: a systematic review and meta-analysis. BMC Geriatr. 2024 Oct 4;24(1):809. doi: 10.1186/s12877-024-05311-8. PMID: 39367305; PMCID: PMC11451041.
Behandlung der Osteoporose in höherem Lebensalter
Osteoporose als häufige Erkrankung des höheren Lebensalters soll diagnostiziert und behandelt werden.
- Die altersassoziierte Osteoporose betrifft Frauen etwa 10 bis Jahre früher als Männer und geht einher mit Fragilitätsfrakturen an den Prädilektionsstellen:
- Hüftnahe Femurmetaphyse, Wirbelsäule, Beckenring, Humerus, Radius.
- Häufige Folgen einer osteoporotischen Fraktur sind eingeschränkte Mobilität, eine höhere Institutionalisierungsrate, Einschränkungen der Selbsthilfefähigkeit und der gesellschaftlichen Partizipation und nicht zuletzt auch eine höhere Mortalität (z.B. etwa 30% im 1.Jahr nach einer Hüft-nahen Fraktur).
- Eine leitliniengerechte Osteoporose-Basisdiagnostik sollte primärprophylaktisch bei allen Frauen ab 70 Jahren sowie allen Männern ab 80 Jahren erfolgen, jedoch spätestens nach eingetretener Fragilitätsfraktur.
- Trotz ihrer Häufigkeit und klinischen Relevanz ist die Osteoporose oft unterbehandelt.
- Dabei sind für die medikamentöse Osteoporosebehandlung im Sinne einer Frakturprävention die Number Needed to Treat und die Time to Benefit niedrig.
- Die sicheren Interventionsmöglichkeiten sind deshalb auch im hohen Alter gerechtfertigt.
- Bei unsicherer Adhärenz können parenterale Präparate ggf. in Verbindung mit Disease Management Programmen vorteilhaft sein (1 - 8).
1. Bergh C, Wennergren D, Möller M et al.: Fracture incidence in adults in relation to age and gender: A study of 27,169 fractures in the Swedish Fracture Register in a well-defined catchment area PLoS One 2020; 15:e0244291.
2. Rupp M, Walter N, Pfeifer C et al.: Inzidenz von Frakturen in der Erwachsenenpopulation in Deutschland. Dtsch Arztebl 2021, 118:665-669.
3. Alarkawi D, Bliuc D, Tran T et al.: Impact of osteoporotic fracture type and subsequent fracture on mortality: the Tromsø Study. Osteoporos Int 2020;31:119-130.
4. Hayes KN, Zullo AR, Berry SD, Oganisian A, Aggarwal S, Adegboye M, Cadarette SM. Osteoporosis medication use over time in the United States and Canada. Osteoporos Int. 2025 Jun;36(6):1089-1094. doi: 10.1007/s00198-025-07484-3. Epub 2025 Apr 2.
5. Reid IR, Bolland MJ: Calcium and/or Vitamin D Supplementation for the Prevention of Fragility Fractures: Who Needs It? Nutrients 2020; 12:1011.
6. Yeam CT, Chia S, Tan HCC et al.: A systematic review of factors affecting medication adherence among patients with osteoporosis, Osteoporos Int 2018; 29:2623-2637.
7. Dachverband der deutschsprachigen wissenschaftlichen osteologischen Gesellschaften (DVO): Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose. AWMF Register 183 / 001, Langfassung V 2.1, 2023.
8. Bolland MJ, Nisa Z, Mellar A, Gasteiger C, Pinel V, Mihov B, Bastin S, Grey A, Reid IR, Gamble G, Horne A. Fracture Prevention with Infrequent Zoledronate in Women 50 to 60 Years of Age. N Engl J Med. 2025 Jan 16;392(3):239-248. doi: 10.1056/NEJMoa2407031. PMID: 39813642.
Negativ-Empfehlungen
Vermeidung von Harnblasenverweilkatheter
Blasenverweilkatheter erhöhen die Infektionsgefahr und sollen deshalb nur in Ausnahmefällen wie bei einem akuten Harnverhalt und mit möglichst kurzer Dauer angewandt werden.
- Blasenverweilkatheter werden häufig und mit vielen Indikation eingesetzt, bevorzugt bei älteren Patienten. Dabei verursachen sie zahlreiche Probleme:
- Die Anlage des Katheters empfinden viele Patienten als schmerzhaft; Katheter führen oft zu Einschränkungen der Mobilität und der Alltagsaktivitäten.
- Darüber hinaus begünstigen sie Harnwegsinfektionen (HWIs); nach Schätzungen sind etwa 70 -80 % aller im Krankenhaus erworbenen HWIs katheterassoziierte Infektionen.
- HWIs wiederum zählen zu den häufigsten nosokomialen Infektionen, korrelieren mit verlängerten Krankenhausaufenthalten und können ernsthaften Komplikationen wie einer Sepsis den Weg bereiten.
- Zu den besonders wirksamen Präventionsmaßnahmen zählen die Vermeidung unnötiger Katheterisierungen, die tägliche Überprüfung der Indikation und die Beschränkung der Dauer auf ein Minimum. Katheter-Restriktionsprotokolle sind ein wichtiger Bestandteil von multimodalen Interventionen, um Katheter-assoziierte Harnwegsinfektionen zu reduzieren.
- Deshalb ist die Indikation für die Anlage eines Blasenkatheters sorgfältig zu stellen.
- Blasenkatheter sind indiziert bei einem akuten Harnverhalt.
- Sie können indiziert sein im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung oder perioperativ.
- Ein engmaschiges, z.B. stündliches Monitoring der Urinproduktion kann ebenfalls die Anlage eines Katheters rechtfertigen.
- Weitere Indikationen können chronische Harnverhalte in Abhängigkeit von der Blasenfüllung (z.B > 300 ml), das Vorliegen größerer Dekubitalulzera glutäal oder sakral oder eine palliative Situation sein.
- Eine Urininkontinenz allein rechtfertigt nicht die Anlage eines Blasenverweilkatheters (1–7).
1. Koscher-Kien C, Schultes MT, Gendolla S, Daxenbichler J, Klerings I, Naef R, Clack L, Fangmeyer M, Sommer I. Perceptions and experiences of factors determining the inappropriate use and timely removal of indwelling urinary catheters in hospitals and nursing homes: a qualitative evidence synthesis. BMJ Open. 2025 Dec 7;15(12):e107995. doi: 10.1136/bmjopen-2025-107995. PMID: 41360464; PMCID: PMC12684122.
2. Chrouser K, Fowler KE, Mann JD, Quinn M, Ameling J, Hendren S, Krapohl G, Skolarus TA, Bernstein SJ, Meddings J. Urinary Retention Evaluation and Catheterization Algorithm for Adult Inpatients. JAMA Netw Open. 2024 Jul 1;7(7):e2422281. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.22281. PMID: 39012634; PMCID: PMC11252892.
3. Patel PK, Advani SD, Kofman AD, Lo E, Maragakis LL, Pegues DA, Pettis AM, Saint S, Trautner B, Yokoe DS, Meddings J. Strategies to prevent catheter-associated urinary tract infections in acute-care hospitals: 2022 Update. Infect Control Hosp Epidemiol. 2023 Aug;44(8):1209-1231. doi: 10.1017/ice.2023.137. Epub 2023 Aug 25. PMID: 37620117; PMCID: PMC11287483.
4. Kranz J, Schmidt S, Wagenlehner F, Schneidewind L: Catheter-associated urinary tract infections in adult patients—preventive strategies and treatment options. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 83–8. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0083
5. Aghdassi SJS, Hansen S, Peña Diaz LA, Gropmann A, Saydan S, Geffers C, Gastmeier P, Piening B, Behnke M: Healthcare-associated infections and the use of antibiotics in German hospitals—results of the point prevalence survey of 2022 and comparison with earlier findings. Dtsch Arztebl Int 2024; 121: 277–83. DOI: 10.3238/arztebl.m2024.0033
6. Bundesgesundheitsbl 2015 ・ 58:641–650 DOI 10.1007/s00103-015-2152-3 Online publiziert: 1. April 2015 c Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
7. Kranz J, Bartoletti R, Bruyère F, Cai T, Geerlings S, Köves B, Schubert S, Pilatz A, Veeratterapillay R, Wagenlehner FME, Bausch K, Devlies W, Horváth J, Leitner L, Mantica G, Mezei T, Smith EJ, Bonkat G. European Association of Urology Guidelines on Urological Infections: Summary of the 2024 Guidelines. Eur Urol. 2024 Jul;86(1):27-41. doi: 10.1016/j.eururo.2024.03.035. Epub 2024 May 6. PMID: 38714379.
Absetzen von Medikamenten am Lebensende
Für eine therapiezielangepasste Medikation am Lebensende sollen explizite Strategien zur Beendigung präventiver Medikamente eingesetzt werden (Deprescribing).
- Nicht das Absetzen von Medikamenten bedarf einer Indikation, sondern vielmehr ihre Fortführung. Im Rahmen fortgeschrittener Erkrankungen und auf Tage, Wochen oder Monate begrenzter Lebenserwartung sollten die im Rahmen chronischer Erkrankungen verschriebenen Medikamente regelmäßig überprüft werden, ob sie ein präventives oder therapeutisches Ziel verfolgen, das im Zeitrahmen der prognostizierten Lebenserwartung erreicht werden kann.
- Das Absetzen kann eine Reihe von positiven Effekten haben, u.a. bessere Lebensqualität, weniger unerwünschte Wirkungen, weniger Interaktionen, geringere Kosten.
- Typische Substanzen sind Statine, Antihypertensiva, Thrombozytenaggregationshemmer, Antikoagulanzien, orale Antidiabetika, Osteoprotektiva (1–12).
1. Kutner JS, Blatchford PJ, Taylor DH et al.: Safety and benefit of discontinuing statin therapy in the setting of advanced, life-limiting disease: a randomized trial. JAMA Intern Med 2015; 175: 691–700.
2. Morin L, Todd A, Barclay S, et al.: Preventive drugs in the last year of life of older adults with cancer: Is there room for deprescribing? Cancer 2019; 125: 2309–17.
3. Zuger A: Dying of Cancer, but Still Taking a Statin? Cancer 1 July 2019.
4. Capurso G: Deprescription During Last Year of Life in Patients With Pancreatic Cancer: Optimization or Nihilism? Cancer 10 July 2019; doi: 10.1002/cncr.32389.
5. Christensen M, Lundh A: Medication review in hospitalised patients to reduce morbidity and mortality. Cochrane Database Syst Rev 2013; 2: CD008986.
6. Patterson SM, Hughes C, Kerse N, et al.: Interventions to improve the appropriate use of polypharmacy for older people. Cochrane Database Syst Rev 2012; 5: CD008165.
7. Scott JA, Hilmer S, Reeve E, et al.: Reducing inappropriate polypharmacy: the process of deprescribing. JAMA Int Med 2015; 75 (5): 827–34.
8. Todd A, Holmes HM: Recommendations to support deprescribing medications late in life. Int J Clin Pharm 2015; 37: 678–71.
9. Todd A, Jansen J, Colvin J, McLachlan AJ: The deprescribing rainbow: a conceptual framework highlighting the importance of patient context when stopping medication in older people. BMC Geriatrics 2018; 18: 295.
10. Lavan AH, Gallagher P, Parsons C, O’Mahony D: STOPPFrail (Screening Toll of Older Persons Prescriptions in Frail adults with limited life expenctancy): consensus valida - tion. Age and Ageing 2017; 46: 600–7.
11. Thompson W, Lundby C, Graabaek T, et al.: Tools for Deprescribing in Frail Older Persons and Those with Limited Life Expectancy: A Systematic Review. J Am Geriatr Soc. 2019; 67 (1): 172–80.
12. deprescribing.org.
Überprüfen von Medikamenten mit präventivem Therapieansatz bei begrenzter Lebenszeitprognose
Statine und vergleichbare Medikamente mit präventivem Therapieansatz sollen bei begrenzter Lebenszeitprognose von unter einem Jahr auf Nutzen und Risiken überprüft und gegebenenfalls abgesetzt werden.
- In der klinischen Situation einer voraussichtlich begrenzten Lebenserwartung sollte eine bestehende Medikation hinsichtlich des Fortbestehens der Indikation überprüft werden.
- Zum Einsatz von Statinen muss zwischen Primär- und Sekundärprävention unterschieden werden.
- Für die Primärprävention liegen derzeit keine Hinweise auf einen Nutzen vor (1–2).
- In einer italienischen Kohortenstudie profitierten hochaltrige und funktionell eingeschränkte Patienten hinsichtlich der Gesamtmortalität, aber nicht hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse von einem sekundärpräventiven Einsatz von Statinen. Dies kann als Hinweis auf einen durchaus vorhandenen generellen Nutzen verstanden werden (3).
- Von einer Sekundärprävention profitieren nicht Patienten mit Herzinsuffizienz oder dialysepflichtiger Niereninsuffizienz (1).
- In einer randomisierten Studie an 381 Patienten (mittleres Alter 74 ± 11 Jahre, 48 % Frauen) mit einer Lebenserwartung unter einem Jahr war das Beenden einer bestehenden Statintherapie nicht mit vorzeitigem Versterben oder vermehrten kardiovaskulären Ereignissen, aber mit einer signifikant erhöhten Lebensqualität verbunden (4–5).
1. Cholesterol Treatment Trialists’ Collaboration. Efficacy and safety of statin therapy in older people: a meta-analysis of individual participant data from 28 randomised trials. Lancet 2019; 393: 07–415.
2. Han BH, Sutin D, Williamson JD et al.: Effect of statin treatment vs usual care on primary cardiovascular prevention among older adults. The ALLHAT-LLT randomized clinical trial. JAMA Intern Med 2017; 177: 955–65.
3. Pilotto A, Gallina P, Panza F et al.: Relation of statin use and mortality in community-dwelling frail older patients with coronary artery disease. Am J Cardiol 2016; 118: 1624–30.
4. Kutner JS, Blatchford PJ, Taylor DH et al.: Safety and benefit of discontinuing statin therapy in the setting of advanced, life-limiting disease: a randomized trial. JAMA Intern Med 2015; 175: 691–700.
5. Homes HM, Todd A: Evidence-based deprescribing of statins in patients with advanced illness. JAMA Intern Med 2015; 175: 701–2.
Medikationsüberprüfung vor Neuverordnung
Die Neuverordnung eines Medikamentes soll erst nach der Überprüfung der bestehenden Medikation erfolgen.
- Ältere Menschen nehmen im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen überproportional viele verordnete und nicht verordnete Medikamente (OTC) ein, was das Risiko für Nebenwirkungen und eine inadäquate Verordnung unübersehbar erhöht. Polypharmazie führt zu reduzierter Adhärenz, unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW) und zu einem erhöhten Risiko für kognitive Einschränkungen, Stürze und funktionelle Einschränkungen.
- Nur durch die konsequente, synoptische Überprüfung der gesamten Medikation lassen sich Medikamente, die ohne Indikation (fort)geführt werden oder in Abwägung zum Nutzen ein zu hohes Risikoprofil aufweisen, identifizieren und potenzielle Medikamenteninteraktionen untereinander erkennen.
- Eine solche Medikationsüberprüfung soll nicht nur einer Überversorgung durch nicht-indizierte Medikamente (sog. potential inappropriate Medication, PIM), sondern vice versa auch der medikamentösen Unterversorgung von relevanten Gesundheitsproblemen (sog. potential prescribing omission, PPO) entgegenwirken.
- Neben diversen PIM-Listen existieren für das Absetzen (sog. Deprescribing) praxistaugliche Strategien und konkrete Vorgehensweisen.
- Die jährliche Überprüfung ist ein Qualitätsindikator für die Medikamentenverordnung für ältere Patienten (1–11).
1. American Geriatrics Society: Ten Things Clinicians and Patients Should Question, recommendation #9. 1. Version 2014 – letztmalig revidiert 2021.
2. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V.: S3-Leitlinie Hausärztliche Multimedikation. AWMF 2021; Registernummer 053 – 043.
3. Ibrahim K, Cox NJ, Stevenson JM, Lim S et al.: A systematic review of the evidence for deprescribing interventions among older people living with frailty. BMC Geriatr 2021; 21:258.
4. Krüger C, Schäfer I, van den Bussche H et al.: Comparison of FORTA, PRISCUS and EU(7)-PIM lists on identifying potentially inappropriate medication and its impact on cognitive function in multimorbid elderly German people in primary care: a multicentre observational study. BMJ Open 2021; 11:e050344.
5. Davies LE, Spiers G, Kingston A et al.: Adverse Outcomes of Polypharmacy in Older People: Systematic Review of Reviews. J Am Med Dir Assoc 2020; 21:181-187.
6. Michiels-Corsten M, Gerlach N, Schleef T et al.: Generic instruments for drug discontinuation in primary care: A systematic review. Br J Clin Pharmacol 2020; 86:1251-1266.
7. Rankin A, Cadogan CA, Patterson SM. et al. Interventions to improve the appropriate use of polypharmacy for older people. Cochrane Database Syst Rev 2018; (09) CD008165.
8. Garfinkel D, Mangin D. Feasibility study of a systematic approach for discontinuation of multiple medications in older adults: addressing polypharmacy. Arch Intern Med 2010 ;170:1648-1654.
9. Santos AP, da Silva DT, Dos Santos Júnior GA, et al.: Evaluation of the heterogeneity of studies estimating the association between risk factors and the use of potentially inappropriate drug therapy for the elderly: a systematic review with meta-analysis. Eur J Clin Pharmacol 2015; 71: 1037–50.
10. Hung A, Kim YH, Pavon JM. Deprescribing in older adults with polypharmacy. BMJ. 2024 May 7;385:e074892. doi: 10.1136/bmj-2023-074892. PMID: 38719530.
11. Thompson W, McDonald EG. Polypharmacy and Deprescribing in Older Adults. Annu Rev Med. 2024 Jan 29;75:113-127. doi: 10.1146/annurev-med-070822-101947. Epub 2023 Sep 20. PMID: 37729029.
Sondenernährung bei fortgeschrittener Demenz
Bei Patienten mit fortgeschrittener Demenz soll die Ernährung nicht durch eine perkutane endoskopische Gastrostomie (PEG) erfolgen.
- Eine perorale Ernährungsunterstützung („careful hand-feeding“) für Patienten mit schwerer Demenz (< 10 Punkte im Mini Mental Status Examination [MMSE]) ist hinsichtlich der Ergebnisse Sterblichkeit, Aspirationspneumonie, funktioneller Status und Wohlbefinden mindestens so effektiv wie eine Sondenernährung durch PEG.
- Normale Nahrung wird von Patienten bevorzugt. Sondenernährung ist assoziiert mit Agitationszuständen, vermehrtem Einsatz von mechanischen und medikamentösen Fixierungsmaßnahmen und der Verschlechterung von Dekubitalulzera.
- Die Anlage von Ernährungssonden ist assoziiert interventionellen Risiken wie Blutung, Perforation und Infektion (1–9).
1. American Geriatrics Society: Ten Things Clinicians and Patients Should Question, recommendation #1. 1. Version 2013 – letztmalig revidiert 2021.
2. Davies N, Barrado-Martín Y, Vickerstaff V et al.: Enteral tube feeding for people with severe dementia. Cochrane Database Syst Rev 2021; 8.
3. Lee YF, Hsu TW, Liang CS, Yeh TC, Chen TY, Chen NC, Chu CS. The Efficacy and Safety of Tube Feeding in Advanced Dementia Patients: A Systemic Review and Meta-Analysis Study. J Am Med Dir Assoc 2021; 22(:357-36.
4. Newman RD, Ray R, Woodward L et al.: Factors Contributing to the Preferred Method of Feeding in End-Stage Dementia: A Scoping Review. Dysphagia 2020;35:616-629.
5. Ijaopo EO, Ijaopo RO: Tube Feeding in Individuals with Advanced Dementia: A Review of Its Burdens and Perceived Benefits. J Aging Res 2019; 2019:7272067.
6. De D, Thomas C et al.: Enhancing the decision-making process when considering artificial nutrition in advanced dementia care. Int J Palliat Nurs. 2019; 25:216-223.
7. Volkert D, Chourdakis M, Faxen-Irving G et al.: ESPEN guidelines on nutrition in dementia. Clin Nutr. 2015; 34:1052-1073.
8. Palecek EJ, Teno JM et al.: Comfort feeding only: A proposal to bring clarity to decision-making regarding difficulty with eating for persons with advanced dementia. J Am Geriatr Soc 2010; 58:580–584.
9. Roche KF, Bower KL, Collier B, Neel D, Esry L. When Should the Appropriateness of PEG be Questioned? Curr Gastroenterol Rep. 2023 Jan;25(1):13-19. doi: 10.1007/s11894-022-00857-2. Epub 2022 Dec 8. PMID: 36480136.
Neuroleptika bei Demenz
Neuroleptika sollen bei Menschen mit Demenz nicht als erste Maßnahme bei Verhaltens- und psychologischen Symptomen (BPSD) eingesetzt werden. Es muss immer ein Assessment für die Ursachen solcher Symptome vorausgehen.
- Demenziell Erkrankte zeigen häufig Symptome wie Angst, Stimmungsveränderungen, Wahn, Halluzinationen, Aggression, die oft mit fehlender Kooperation bei pflegerischen Maßnahmen einhergehen und dann als herausfordernd oder störend wahrgenommen werden.
- In solchen Situationen werden häufig Neuroleptika verordnet, obwohl die Evidenz für den Nutzen beschränkt bzw. widersprüchlich ist, während die Risiken einschließlich Übersedierung, kognitiver Verschlechterung, erhöhtem Risiko für Stürze, Schlaganfall und Sterblichkeit eindeutig belegt sind. Unter Maßgabe strengster Indikationsstellung ist ein solcher Einsatz von Neuroleptika in möglichst niedriger Dosierung von kürzest möglicher Anwendungsdauer zu wählen; eine Befristung ist durch regelmäßige, z.B. wöchentliche, Überprüfungsintervalle zu gewährleisten.
- Die Anwendung solcher Medikamente bei demenziell Erkrankten sollte beschränkt werden auf Situationen, in denen nicht-pharmakologische Maßnahmen versagen und eine erhebliche Symptomlast bzw. ein erhebliches Risiko für Eigen- und Fremdgefährdung besteht.
- Durch Erkennen und Beeinflussung von medizinisch angehbaren (Delir, Schmerzen …) und anderen Umständen, die mit Verhaltensauffälligkeiten einhergehen können, können medikamentöse Interventionen oft überflüssig gemacht werden (1–11).
1. American Geriatrics Society: Ten Things Clinicians and Patients Should Question, recommendation #2. 1. Version 2013 – letztmalig revidiert 2021
2. Gedde MH, Husebo BS, Mannseth J et al.: Less Is More: The Impact of Deprescribing Psychotropic Drugs on Behavioral and Psychological Symptoms and Daily Functioning in Nursing Home Patients. Results from the Cluster-Randomized Controlled COSMOS Trial. Am J Geriatr Psychiatry 2021; 29:304-315
3. Watt JA, Goodarzi Z, Veroniki AA et al.: Comparative Efficacy of Interventions for Aggressive and Agitated Behaviors in Dementia: A Systematic Review and Network Meta-analysis. Ann Int Med 2019; 171: 633-642
4. Van Leeuwen E, Petrovic M, van Driel ML et al.: Withdrawal versus continuation of long-term antipsychotic drug use for behavioural and psychological symptoms in older people with dementia. Cochrane Database Syst Rev. 2018 Mar 30; 3:CD00772696
5. Brodaty H, Aerts L, Harrison F et al.: Antipsychotic Deprescription for Older Adults in Long-term Care: The HALT Study. J Am Med Dir Assoc. 2018;19(7):592-600
6. Maust DT, Kim HM, Seyfried LS et al .: Antipsychotics, Other Psychotropics, and the Risk of Death in Patients with Dementia. Number Needed to Harm. JAMA Psychiatry. 2015;72(5):438-445
7. Kales HC, Gitlin LN, Lyketsos CG, Detroit Expert Panel on the Assessment and Management of the Neuropsychiatric Symptoms of Dementia: Management of neuropsychiatric symptoms of dementia in clinical settings: recommendations from a multidisciplinary expert panel. J Am Geriatr Soc 2014; 62: 762–69.
8. Gitlin LN, Kales HC, Lyketsos, CG: Nonpharmacologic management of behavioral symptoms in dementia. JAMA 2012; 308: 2020–29.
9. Mok P L H, Carr M J, Guthrie B, Morales D R, Sheikh A, Elliott R A et al. Multiple adverse outcomes associated with antipsychotic use in people with dementia: population based matched cohort study BMJ 2024; 385 :e076268 doi:10.1136/bmj-2023-076268
10. Malena K, Rao S, Mosler C. Review of Current Clinical Options for the Management of Behavioral and Psychological Symptoms of Dementia. Sr Care Pharm. 2024 Aug 1;39(8):300-310. doi: 10.4140/TCP.n.2024.300. PMID: 39080869
11. DGN e. V. & DGPPN e. V. (Hrsg.) S3-Leitlinie Demenzen, Version 4.0, 8.11.2023, https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013, Zugriff am 19.08.2025
Benzodiazepine bei älteren Patienten
Benzodiazepine oder andere Sedativa bzw. Hypnotika sollen bei älteren Patienten nicht als Mittel der ersten Wahl bei Schlafstörungen, Agitation oder Delir eingesetzt werden.
- Im Alter steigt unter Einnahme von Benzodiazepinen - insbesondere bei Therapieinitiierung oder um den Zeitpunkt einer Dosissteigerung - das Risiko für Verkehrsunfälle und Stürze mit Hüftfrakturen, Hospitalisierung und Sterblichkeit um mehr als das Doppelte an. Neben einer Delirogenität ist vor allem im Kontext dementieller Erkrankungen auch das erhöhte Risiko von Pneumonien unter Benzodiazepinen zu beachten.
- Die gerontopsychiatrische Anwendung von Benzodiazepinen ist deshalb beschränkt auf die Behandlung von Alkoholentzugssymptomen oder schweren, generalisierten Angststörungen, die auf andere Behandlungsstrategien nicht ansprechen sowie auf palliativmedizinischen Situationen. Dabei ist auf den Einsatz von Benzodiazepinen ohne relevantes Kumulationsrisiko, wie z.B. Oxazepam, Lorazepam oder Temazepam, zu achten (1–12).
1. American Geriatrics Society: Ten Things Clinicians and Patients Should Question, recommendation #4) 1. Version 2013 – letztmalig revidiert 2021.
2. Chen TY, Winkelman JW, Mao WC: The Use of Benzodiazepine Receptor Agonists and the Risk of Hospitalization for Pneumonia: A Nationwide Population-Based Nested Case-Control Study. Chest. 2018 Jan;153(1):161-171.
3. Brandt J, Leong C: Benzodiazepines and Z-Drugs: An Updated Review of Major Adverse Outcomes Reported on in Epidemiologic Research. Drugs 2017; 17:493-507.
4. Díaz-Gutiérrez MJ, Martínez-Cengotitabengoa M, Sáez de Adana E et al.: Relationship between the use of benzodiazepines and falls in older adults: A systematic review. Maturitas 2017; 101:17-22.
5. Taipale H, Tolppanen AM, Koponen M et al.: Risk of pneumonia associated with incident benzodiazepine use among community-dwelling adults with Alzheimer disease. CMAJ 2017; 189:E519-E529.
6. Finkle WD, Der JS, Greenland S, et al.: Risk of fractures requiring hospitalization after an initial prescription of zolpidem, alprazolam, lorazepam or diazepam in older adults. J Am Geriatr Soc 2011; 59: 1883–90.
7. Allain H, Bentue-Ferrer D, Polard E, et al.: Postural instability and consequent falls and hip fractures associated with use of hypnotics in the elderly: a comparative review. Drugs Aging 2005; 22: 749–65.
8. Kripke DF, Langer RD, Kline LE. Hypnotics’ association with mortality or cancer: a matched cohort study. BMJ Open 2012; 2: e000850..
9. Sivertsen B, Omvik S, Pallesen S, et al.: Cognitive behavioral therapy vs zopiclone for treatment of chronic primary insomnia in older adults: a randomized controlled trial. JAMA 2006; 295: 2851–58.
10. Lou BX, Oks M. Insomnia: Pharmacologic Treatment. Clin Geriatr Med. 2021 Aug;37(3):401-415. doi: 10.1016/j.cger.2021.04.003. Epub 2021 Jun 4. PMID: 34210446.
11. Brewster GS, Riegel B, Gehrman PR. Insomnia in the Older Adult. Sleep Med Clin. 2022 Jun;17(2):233-239. doi: 10.1016/j.jsmc.2022.03.004. PMID: 35659076.
12. Samara MT, Huhn M, Chiocchia V, Schneider-Thoma J, Wiegand M, Salanti G, Leucht S. Efficacy, acceptability, and tolerability of all available treatments for insomnia in the elderly: a systematic review and network meta-analysis. Acta Psychiatr Scand. 2020 Jul;142(1):6-17. doi: 10.1111/acps.13201. Epub 2020 Jun 30. PMID: 32521042.