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Glucocorticoide

Letzte Aktualisierung: 15.4.2021

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Glucocorticoide sind die Medikamente mit den meisten Indikationen in der Medizin. Durch ihre multiplen Eigenschaften, deren Pathophysiologie häufig noch unbekannt ist, werden sie sowohl in der Akuttherapie (z.B. Anaphylaxie) als auch in der Langzeittherapie chronischer Erkrankungen eingesetzt. Zahlreiche Nebenwirkungen schränken den Gebrauch von Glucocorticoiden im klinischen Alltag jedoch ein.

Hydrocortison systemisch

Wirkstoff Hydrocortison
Applikation
  • p.o.
  • i.v.

Indikationen und

Standarddosierung

Zu beachten

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit

Prednisolon systemisch

Wirkstoff Prednisolon (z.B. Solu-Decortin®, Decortin H®)
Applikation
Standarddosierung
  • Chronische corticoidsensitive Erkrankungen: Initial Prednisolon 5–60 mg/Tag p.o. oder i.v. je nach Schwere und Art der Erkrankung; im Verlauf i.d.R. schrittweise Reduktion anstreben
  • Akute lebensbedrohliche Situationen: Prednisolon 50–250 mg/Tag bevorzugt i.v., die Dosis kann kurzfristig auf >1000 mg/Tag gesteigert werden; die Medikation muss zügig beendet werden (i.d.R. innerhalb von 48–72 h)
Pädiatrische Dosierung

Indikationen

Zu beachten

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit
  • Gravidität: Mittel der Wahl in der Schwangerschaft, dennoch nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingeschränkt verwendbar
  • Stillzeit: Mittel der Wahl in der Stillzeit

Prednison systemisch

Wirkstoff Prednison (z.B. Decortin®, Cutason®, Rectodelt®)
Applikation
  • p.o.
  • supp.
Standarddosierung
  • Chronische corticoidsensitive Erkrankungen: Initial Prednison 5–60 mg/Tag bevorzugt p.o. je nach Schwere und Art der Erkrankung; im Verlauf Reduktion auf 5 mg/Tag anstreben
  • Akute lebensbedrohliche Situationen: Prednison 50–200 mg/Tag p.o., die Dosis kann kurzfristig auf >1000 mg/Tag gesteigert werden; die Medikation muss zügig beendet werden (i.d.R. innerhalb von 48–72 h)
Pädiatrische Dosierung

Indikationen

Zu beachten

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit
  • Gravidität: Mittel der Wahl in der Schwangerschaft, dennoch nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingeschränkt verwendbar
  • Stillzeit: Mittel der Wahl in der Stillzeit

Methylprednisolon systemisch

Wirkstoff Methylprednisolon (z.B. Urbason®)
Applikation
  • p.o.
  • i.v.
Standarddosierung
  • Dauertherapie bei chronischen corticoidsensitiven Erkrankungen: Initial Methylprednisolon 4–48 mg/Tag bevorzugt p.o. je nach Schwere der Erkrankung; im Verlauf Reduktion auf 4–12 mg/Tag anstreben
  • Intravenöse Hochdosistherapie: Methylprednisolon 1 g/Tag i.v. für i.d.R. 3–5 Tage

Indikationen

Zu beachten
  • Cushing-Schwellen-Dosis = 6 mg/Tag
  • Bei Langzeitbehandlung hohe Nebenwirkungsrate
  • Bei Kombination mit ASS: Deutlich erhöhtes Ulkusrisiko
    • Kombination nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung und Gabe von PPIs (z.B. Pantoprazol)
  • Bei kurzfristiger Therapie (auch mit sehr hohen Dosierungen) ist kein Ausschleichen erforderlich
  • Bei Therapiedauer über 3 Wochen: Ausschleichen!

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit
  • Gravidität: Mittel der Wahl in der Schwangerschaft, dennoch nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingeschränkt verwendbar
  • Stillzeit: Mittel der Wahl in der Stillzeit

Dexamethason systemisch

Wirkstoff Dexamethason (z.B. Fortecortin®)
Applikation
Standarddosierung
  • p.o.: Dexamethason 4–16 mg/Tag p.o. als Einzelgabe, bei langfristiger Therapie Erhaltungsdosis von 0,5–1 mg/Tag anstreben
  • i.v. : Dexamethason 4–20 mg/Tag i.v. als Einzelgabe, ggf. Wiederholen
  • i.m./s.c: Dexamethason 4–8 mg/Tag i.m./s.c. als Einzelgabe, ggf. Wiederholen
  • intraartikulär: Dexamethason 0,8–6 mg intarartikulär je nach Größe des Gelenkes als einmalige Gabe, Wiederholungen vermeiden
Pädiatrische Dosierung

Indikationen

Zu beachten

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit

Betamethason systemisch

Wirkstoff Betamethason (z.B. Celestan®)
Applikation
  • p.o.
  • i.v.
  • i.m.
  • s.c.
  • intraartikulär (lokal)
Standarddosierung
  • Bei langfristiger Therapie Erhaltungsdosis von 0,5–2 mg/Tag p.o. anstreben
Pädiatrische Dosierung

Indikationen

Zu beachten

Kontraindikationen

DANI
  • Keine Dosisanpassung erforderlich
DALI
  • Individuelle Dosisreduktion je nach Schwere der Insuffizienz
Gravidität/Stillzeit

Keine Gewähr für Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität der bereitgestellten Inhalte. Die Angaben erfolgen nach sorgfältigster redaktioneller Recherche. Insbesondere aktuelle Warnhinweise und veränderte Empfehlungen müssen beachtet werden. Soweit nicht anders genannt, beziehen sich die genannten Empfehlungen auf Erwachsene.

Wichtige Vertreter mit gut zu merkenden Eigenschaften

Übersicht wichtiger Glucocorticoide
Vorkommen Tagesbedarf bzw. Cushing-Schwellen-Dosis (Cushingschwelle)* und Äquivalenzdosierungen Relative glucocorticoide Wirkung Relative mineralcorticoide Wirkung
Cortisol (Hydrocortison)
  • 30 mg (physiologische Menge der Tagessekretion)
  • 1
  • 1

Prednisolon oder Prednison

  • Synthetisches Glucocorticoid
  • 7,5 mg
  • 4
  • 0,8

Dexamethason oder Betamethason

  • 1 mg
  • 30
* Überschreitet man den Tagesbedarf, droht ein Hypercortisolismus/Cushing-Syndrom (Werte gelten für Erwachsene, bei Kindern etwa 25% der Dosis)

Weitere Glucocorticoide

Weitere Glucocorticoide
Relative glucocorticoide Wirkung Relative mineralcorticoide Wirkung
Cortison

0,8

0,8

6-Methyl-Prednisolon

5

Budesonid (inhalativ, topisch): Für Dosierungsanweisungen: siehe COPD - Medikamentöse Therapie in der klinischen Anwendung

>30.000

Unklar

Fluticason (inhalativ, topisch): Für Dosierungsanweisungen: siehe z.B. COPD - Medikamentöse Therapie in der klinischen Anwendung

>90.000

Unklar

  • Antiinflammatorische und immunsuppressive Wirkung
    • Akute Wirkung (Minuten): Nicht gänzlich geklärt, ein membranstabilisierender Effekt wird angenommen
    • Langfristige Wirkung (Stunden und Folgezeit): Genomischer Effekt
      • Hemmung des intrazellulären NF-κB → Multiple Entzündungs- und Immunmediatoren werden gehemmt → Zelluläre und humorale Immunantwort

Systemische Glucocorticoide (Akuttherapie)

Im Rahmen einer Akuttherapie mit systemischen Glucocorticoiden sind relevante Nebenwirkungen selbst bei sehr hohen Dosierungen i.d.R. nicht zu erwarten!

Systemische Glucocorticoide (Langzeittherapie)

Mögliche Nebenwirkungen einer langfristigen, systemischen Glucocorticoid-Therapie
Haut
Elektrolyte
Knochenstoffwechsel und Bewegungsapparat
Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel
Sexualhormone
Hämatologie
Gastrointestinal
  • Glucocorticoide alleine erhöhen das Risiko für einen Ulkus in Magen oder Duodenum vermutlich unwesentlich bis gar nicht
  • CAVE: Die Kombination aus Glucocorticoiden und NSAR erhöht das Ulkusrisiko mit der Gefahr für gastrointestinale Blutungen oder Perforation etwa um den Faktor 10–15!
ZNS und Psyche
Auge
Bei Kindern
  • Wachstumshemmung

Viele der hier aufgeführten Nebenwirkungen sind zugleich Symptome bzw. diagnostische Befunde eines Cushing-Syndroms!

Bei absehbar längerfristiger Glukokortikoidgabe (mehr als 3 Monate) sollte jeder Patient eine initiale Knochendichtemessung (DXA), eine Vitamin-D-Prophylaxe und ausreichende Kalziumzufuhr, ein moderates Muskeltraining und gegebenenfalls eine spezifische Osteoporosetherapie erhalten. (DGIM - Klug entscheiden in der Inneren Medizin)

Lokal wirksame Glucocorticoide

Inhalative Glucocorticoide

  • Nebenwirkungen
    • Candidabefall der Mundschleimhaut → Mundsoor
    • Atrophie der Stimmbandmuskulatur → Heiserkeit
  • Prophylaxe: Mundausspülung nach jedem Glucocorticoid-Sprühstoß

Kutan-applizierte Glucocorticoide

  • Nebenwirkungen: Hautatrophie (häufig irreversibel), die sich klinisch als Zigarettenpapier-artige, atrophe Haut mit multiplen Teleangiektasien äußert

In besonders Glucocorticoid-sensitiven Hautbereichen (Gesicht, intertriginöse Regionen und Anogenitalbereich) sollte eine möglichst kurzfristige Anwendung von nur schwach wirksamen Glucocorticoiden erfolgen!

Es werden die wichtigsten Nebenwirkungen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Substitutionstherapie

Symptomatische Therapie

In der Akuttherapie (vitale Bedrohung) gibt es keine absoluten Kontraindikationen!

Relative Kontraindikationen

Die relativen Kontraindikationen leiten sich weitestgehend aus den Nebenwirkungen ab.

Es werden die wichtigsten Kontraindikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Systemische Therapie
    • Gabe möglichst einmalig morgens vor 8 Uhr
    • Grundsätzlich keine i.m. Applikation

Wird die Cushingschwelle über einen längeren Therapiezeitraum überschritten, so muss die Glucocorticoiddosis schrittweise reduziert werden, um die Gefahr des Auftretens einer Nebennierenrindeninsuffizienz zu minimieren!

Bei einer intraartikulären Injektion besteht stets die Gefahr der Keimverschleppung und einer iatrogenen bakteriellen Arthritis!

  • Indikation: Kein abruptes Absetzen von einem auf den anderen Tag bei
    • Glucocorticoidtherapie >3 Wochen
    • Bereits erkennbar vorliegendem Cushing-Syndrom unabhängig von der Therapiedauer
  • Pathophysiologie
    • Langfristige Glucocorticoidtherapie führt zur Suppression der endogenen Glucocorticoidproduktion
    • Plötzliches Absetzen kann Addison-Krise hervorrufen

Bei einer Glucocorticoidtherapie bis 3 Wochen oder maximalen Dosen von 5 mg Prednison/Prednisolon bzw. 20 mg Hydrocortison ist i.d.R. kein Ausschleichschema erforderlich.

Eine längerfristige Glucocorticoidtherapie in einer Dosis von mehr als 5 mg/d Prednisonäquivalent soll nicht durchgeführt werden. (DGIM - Klug entscheiden in der Rheumatologie)

Beispielhafte Glucocorticoid-Ausschleichschemata [1][2]

Prednisolon- und Prednison-Ausschleichschema

Prednisolon-Ausschleichschema / Prednison-Ausschleichschema
Tagesdosen bei Therapiedauer über 3 Wochen Mögliches Ausschleichschema

Prednisolon/Prednison >20 mg/Tag

Reduktion der Tagesdosis um 5–10 mg alle 7–14 Tage

Prednisolon/Prednison 10–20 mg

Reduktion der Tagesdosis um 2,5 mg alle 7–14 Tage

Prednisolon/Prednison 5–10 mg

Reduktion der Tagesdosis um 1 mg alle 7–14 Tage

Prednisolon/Prednison <5 mg

Reduktion der Tagesdosis um 0,5 mg alle 7–14 Tage

Hydrocortison-Ausschleichschema

Hydrocortison-Ausschleichschema
Tagesdosen bei Therapiedauer über 3 Wochen Mögliches Ausschleichschema

Hydrocortison >80 mg/Tag

Reduktion der Tagesdosis um 20–40 mg alle 7–14 Tage

Hydrocortison 40–80 mg

Reduktion der Tagesdosis um 10 mg alle 7–14 Tage

Hydrocortison 20–40 mg

Reduktion der Tagesdosis um 4–5 mg alle 7–14 Tage

Hydrocortison <20 mg

Reduktion der Tagesdosis um 2 mg alle 7–14 Tage

In Kooperation mit Meditricks bieten wir dir Videos zum Einprägen relevanter Fakten an. Die Inhalte sind vielfach auf AMBOSS abgestimmt oder ergänzend. Viele Meditricks gibt es in Lang- und Kurzfassung zur schnelleren Wiederholung. Eine Übersicht über alle Videos findest du in dem Kapitel Meditricks.

  1. LMU München Klinikleitfaden, Pharmakotherapie mit Glukokortikoiden .
  2. Glukokortikoide – Wie einnehmen? Wann ausschleichen? .
  3. Ott et al.: Kinderallergologie in Klinik und Praxis. Springer 2014, ISBN: 3-642-36998-7 .
  4. Herold et al.: Innere Medizin 2020. Herold 2020, ISBN: 978-3-981-46609-6 .
  5. Karow, Lang-Roth: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2020. 28. Auflage Eigenverlag 2019, ISBN: 978-3-982-12230-4 .