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Stressmodelle

Abstract

Stress kommt zustande, wenn ein Ungleichgewicht zwischen äußeren Anforderungen und persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten besteht. Im Folgenden werden sowohl die physiologischen als auch die psychischen Reaktionen auf Stress vorgestellt. Hierbei wird insbesondere auf die verschiedenen Stressmodelle Bezug genommen, die sich allesamt mit der Entstehung von Stress und der Reaktion des Menschen auf Stress beschäftigen.

Begriffe

  • Definition von „Stress“: Ungleichgewicht zwischen äußeren Anforderungen (Stressoren) und persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten
    • Eustress: Die Anforderungen können bewältigt werden und werden positiv wahrgenommen
    • Disstress: Die Anforderungen können nur schwer bewältigt werden und werden als Belastung wahrgenommen
  • Stresszustand: Besteht aus zwei Komponenten
    1. Stressor: Reiz, der eine Anforderung darstellt
      • Umweltstressoren: Bspw. hohe Leistungsanforderung durch das Umfeld
      • Psychische Stressoren: Bspw. Zeitdruck, Reizüberflutung, hohe eigene Leistungsanforderung, kritische Lebensereignisse
      • Physische Stressoren: Bspw. Krankheit, Schlafmangel
    2. Stressreaktion: Spezifische Anpassungsreaktion auf den Stressor
  • Diathese (Vulnerabilität): Individuelle Empfindlichkeit gegenüber Stressoren

Endogene Opioide bei sozialen Bindungen
Endogene Opioide sind vom Körper produzierte Opioide (z.B. Endorphine), die die positiven Empfindungen bei sozialen Beziehungen auslösen. Diese Gefühle lassen sich durch exogene Opioide auch künstlich und ohne den Kontakt zu anderen Menschen hervorrufen, weshalb sich opioidabhängige Menschen häufig von ihren Mitmenschen zurückziehen. Aufgrund der positiven Wirkung endogener Opioide mildern sie zudem negative Gefühle wie Trennungsdisstress.

Reaktion auf Stress

Stress als Ungleichgewicht zwischen äußeren Anforderungen und persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten ruft sowohl physiologische als auch psychische Reaktionen hervor. Im Folgenden werden die verschiedenen Anpassungsreaktionen an Stress vorgestellt und insbesondere Bezug auf einige "Stressmodelle" genommen.

Physiologische Reaktion auf Stress

Der Körper reagiert auf Stress mit der Ausschüttung verschiedener Hormone (bspw. Glucocorticoide, Katecholamine, Schilddrüsenhormone) sowie einer Aktivierung des Sympathicus.

  • Homöostase-Allostase-Modell: Durch Anpassungsreaktionen bzw. eine Sollwertverschiebung (Allostase) kann das Gleichgewicht zwischen Individuum und Umwelt (sog. Homöostase) aufrecht erhalten werden. Die physiologischen Veränderungen (z.B. erhöhter Cortisolspiegel) als Reaktion auf Stress sind kurzfristig nötig und hilfreich, um adäquat auf Reize reagieren zu können. Bei länger anhaltendem Stress können sich die veränderten physiologischen Vorgänge jedoch negativ auf die Gesundheit auswirken und somatische Schädigungen zur Folge haben .

Aktivations- und Bewusstseinszustände

Je nachdem welcher Situation ein Mensch ausgesetzt ist, befindet sich sein Körper auf unterschiedlichen Aktivierungsniveaus. So erfolgt bspw. auf einen neuen, unvermuteten Reiz hin eine Orientierungsreaktion des Körpers, das Aktivierungsniveau steigt an und der Körper ist (idealerweise) bereit, auf den Reiz zu reagieren. Das Aktivierungsniveau hat somit Einfluss auf die Leistungsfähigkeit eines Organismus. Der genaue Zusammenhang zwischen Aktivierung und Leistung wird anhand der Yerkes-Dodson-Regel beschrieben.

  • Orientierungsreaktion
    • Richten der Konzentration auf einen neuen, unvermuteten Reiz, um auf ihn reagieren zu können
    • Elemente der Orientierungsreaktion :
      • Anstieg von Herz- und Atemfrequenz
      • Anstieg des Blutdrucks
      • Anstieg der Muskelspannung
      • Anstieg der Lidschlagfrequenz
      • Periphere Vasokonstriktion und zentrale Vasodilatation
      • Pupillendilatation
      • Abnahme des Hautwiderstandes, Erhöhung der Hautleitfähigkeit (Hautwiderstand = Kehrwert der Hautleitfähigkeit)
      • Erniedrigung der Reizschwelle
      • β-Wellen im Elektroenzephalogramm (EEG): α-Blockade
  • Yerkes-Dodson-Regel
    • Beschreibt den Zusammenhang zwischen Aktivierung und Leistung
    • Die Leistungsfähigkeit ist bei mittlerer Aktivierung ideal
    • Bei geringerer oder höherer Aktivierung lässt die Leistungsfähigkeit nach

Stressmodelle

Es existieren verschiedene Modelle und Konzepte, die sich mit der Entstehung von Stress und der Reaktion des Menschen auf Stress beschäftigen. Im Folgenden wird eine Auswahl vorgestellt.

Transaktionales Stressmodell (Coping-Modell) nach Lazarus

Nach dem transaktionalen Stressmodell des amerikanischen Psychologen Richard Lazarus aus den 1970er Jahren entsteht Stress nicht allein durch einen Reiz, sondern erst durch die Bewertung und Deutung der Situation, in der der Reiz erfolgt ist. Das Modell wird in vier Phasen eingeteilt, wobei während der ersten drei Phasen der eigentliche Bewältigungsversuch (= Coping) erfolgt.

Coping-Modell nach Lazarus
Phase Vorgang
1. Primäre Bewertung

Schnelle Beurteilung, ob das Ereignis positiv/negativ, relevant/irrelevant oder sogar bedrohlich ist

2. Sekundäre Bewertung Einschätzung der eigenen Bewältigungsmöglichkeiten
3. Coping

Bewältigung der Situation

  • Problemfokussiertes Coping: Alle Bewältigungsansätze, die auf eine Lösung oder Veränderung des Problems abzielen
  • Emotionsfokussiertes Coping: Alle Bewältigungsansätze, die darauf abzielen, unangenehme Emotionen zu beherrschen oder zu reduzieren
4. Neubewertung Erneute Prüfung der Situation nach der Ausführung der eigenen Bewältigungsversuche

Stress entsteht erst, wenn das Ereignis als relevant negativ oder bedrohlich eingeschätzt wird und die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten als unzureichend empfunden werden!

Allgemeines Adaptationssyndrom (AAS) von Selye

Das AAS beschreibt die physiologische Reaktion auf Stressoren. Es geht davon aus, dass die Reaktion, unabhängig von der Art des Stressors, immer dieselbe ist.

Phasen der Adaptation nach Selye
Phasen Eintritt Physiologische Reaktion
1. Alarmphase
  • Unmittelbar nach Stressreiz
  • Sympathikusstimulation
  • Katecholaminausschüttung
  • ACTH-Ausschüttung
2. Widerstandsphase
  • Nach Gewöhnung an Stress
  • Erhöhte Cortisolausschüttung
  • Erhöhte Resistenz gegenüber Stress
3. Erschöpfungsphase
  • Bei chronischem Stress
  • Aufbrauch der Energiereserven
  • Schwächung des Immunsystems

Psychoendokrines Stressmodell nach Henry

Nach dem psychoendokrinen Stressmodell kann Stress verschiedene Emotionen herbeiführen, die zu unterschiedlichem Verhalten mit bestimmten endokrinen Reaktionsmustern führen.

Reaktionsmuster nach Henry
Emotion Verhalten Endokrines Reaktionsmuster

Ärger/Wut

  • Kampfreaktion

Angst

  • Fluchtreaktion

Depression

  • Unterordnung
  • Kontrollverlust

Weitere Konzepte

Wiederholungsfragen zum Kapitel Stressmodelle

Begriffe

Was versteht man unter „Diathese“ oder „Vulnerabilität“?

Welche vom Körper produzierten Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle bei der Schmerz- und Disstressverarbeitung?

Reaktion auf Stress

Was beschreibt das Homöostase-Allostase-Modell?

Was ist der Zweck einer sog. Orientierungsreaktion des Körpers? Nenne einige Beispiele, welche Parameter des Körpers sich hierbei wie verändern!

Was beschreibt die Yerkes-Dodson-Regel?

Nenne die vier Phasen des transaktionalen Stressmodells nach Lazarus und erkläre kurz, was in den jeweiligen Phasen passiert!