• Klinik

Adrenogenitales Syndrom (AGS)

Abstract

Das adrenogenitale Syndrom subsumiert eine Gruppe von autosomal-rezessiven Stoffwechselstörungen, die in der Nebennierenrinde zu einer verminderten Cortisolsynthese und gelegentlich zusätzlich zu verminderter Aldosteronsynthese führen. Das Fehlen der negativen Feedback-Wirkung von Cortisol auf die Hypophyse führt zu einer gesteigerten ACTH-Sekretion, wodurch verstärkt Androgene in der Nebennierenrinde produziert werden. Deshalb kann bei der Geburt bei Mädchen eine Klitorishypertrophie und bei Jungen ein vergrößerter Penis auffallen. Ist von der Stoffwechselstörung auch die Aldosteronsynthese betroffen, entwickelt sich postnatal oftmals schnell eine lebensbedrohliche Krise mit Hyperkaliämie, Hyponatriämie und metabolischer Azidose. Symptome dieser Salzverlust-Krise können Erbrechen, Exsikkose und Schock sein.

Epidemiologie

  • Häufigkeit: 1:10.000 bis 1:15.000

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Pathophysiologie

Bei der autosomal-rezessiv vererbten Stoffwechselerkrankung kommt es zur Störung der Cortisolsynthese in der Nebennierenrinde (NNR). Durch die verminderte Cortisolproduktion fällt der negative (bzw. hemmende) Feedback-Mechanismus auf die Hypophyse weg → ACTHACTH regt die NNR-Zellen zu vermehrter Produktion an → NNR-Hyperplasie mit erhöhter Produktion der Hormonvorstufen → Androgene/Testosteron

Zusätzlich auch gestörte Aldosteronproduktion möglich: Aldosteron↓ → Verringerte Rückresorption von Natrium (+H2O), verringerte H+-Ausscheidung, erhöhter Kaliumspiegel (= „Salzverlustsyndrom“)

  • Bekannte Enzymdefekte
    • 21-Hydroxylase (ca. 85–90%)
    • 11β-Hydroxylase (ca. 10%)
    • 3β-Dehydrogenase
    • 20,22-Desmolase
    • 17-Hydroxylase

Symptome/Klinik

Adrenogenitales Syndrom ohne Salzverlustsyndrom

Weibliches Geschlecht

Männliches Geschlecht

*Eine generell vermehrte Hyperpigmentierung der Haut kann sich bei männlichen und weiblichen Betroffenen zeigen; häufig beschrieben ist die Hyperpigmentierung des Skrotums

Die Patienten zeigen aufgrund des Überangebotes an Androgenen ein schnelles Knochenwachstum und eine frühe Knochenreife – sie sind daher als Kinder überdurchschnittlich groß! Jedoch sind sie durch den verfrühten Epiphysenschluss im Erwachsenenalter wiederum eher klein!

Adrenogenitales Syndrom mit Salzverlustsyndrom

Beim Salzverlustsyndrom ist zusätzlich die Aldosteronproduktion gestört. Die Erkrankung ist aufgrund Dehydratation und Elektrolytstörungen bereits in den ersten Lebenswochen lebensgefährlich (schwerer Hypoaldosteronismus):

Normalerweise kommt es durch Erbrechen zu einer Hypokaliämie – Kinder mit AGS mit Salzverlustsyndrom haben dennoch eine Hyperkaliämie!

Ein AGS mit Salzverlustsyndrom kann in den ersten postnatalen Wochen zu lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisungen führen!

Late-onset-AGS

  • Definition: Milde Verlaufsform mit 25–50%iger Restaktivität der 21-Hydroxylase
  • Symptome
    • Bei Geburt noch keine Anzeichen für ein adrenogenitales Syndrom
    • Symptome im Verlauf
      • Hirsutismus
      • Vorzeitige Schambehaarung
      • Verstärkte Akne
      • Zyklusstörungen und Infertilität
      • Gelegentlich: Beeinträchtigung des Längenwachstums

Diagnostik

Blut und Urin

Adrenogenitales Syndrom mit Salzverlustsyndrom

Pränatale Diagnostik

  • Eine pränatale Diagnostik sollte erfolgen, wenn bereits ein vorheriges Kind der Mutter an einem adrenogenitalen Syndrom erkrankt war. Zudem ist eine frühzeitige prophylaktische Therapie indiziert!

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Therapie des manifesten adrenogenitalen Syndroms

  • Lebenslange Substitution von Glucocorticoiden und ggf. Mineralocorticoiden
    • Z.B. Hydrocortison zur Cortisolsubstitution
    • Z.B. Fludrocortison zur Aldosteronsubstitution
    • Regelmäßige Therapieüberwachung
  • Ggf. Behandlung mit Wachstumshormonen
  • Ggf. Genitalkorrekturoperationen

Therapie bei AGS-Verdacht in der Schwangerschaft

  • Indikation: Wenn bereits ein Kind der Mutter an einem adrenogenitalen Syndrom erkrankt ist
  • Maßnahme
    • Prophylaktische Behandlung der Mutter mit Dexamethason möglichst rasch nach eingetretener Schwangerschaft
    • Sobald feststeht, dass entweder kein AGS vorliegt oder es sich um einen männlichen Karyotyp handelt, kann die Glucocorticoidtherapie abgesetzt werden

Meditricks

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • E25.-: Adrenogenitale Störungen
    • Inklusive:
      • Adrenaler Pseudohermaphroditismus femininus
      • Adrenogenitale Syndrome mit Virilisierung oder Feminisierung, erworben oder durch Nebennierenrindenhyperplasie mit Hormonsynthesestörung infolge angeborenen Enzymmangels
      • Heterosexuelle Pseudopubertas praecox feminina
      • Isosexuelle Pseudopubertas praecox masculina
      • Macrogenitosomia praecox beim männlichen Geschlecht
      • Sexuelle Frühreife bei Nebennierenrindenhyperplasie beim männlichen Geschlecht
      • Virilisierung (bei der Frau)
    • E25.0-: Angeborene adrenogenitale Störungen in Verbindung mit Enzymmangel
      • Angeborene Nebennierenrindenhyperplasie
      • Angeborenes adrenogenitales Salzverlustsyndrom
      • E25.00: 21-Hydroxylase-Mangel [AGS Typ 3], klassische Form
      • E25.01: 21-Hydroxylase-Mangel [AGS Typ 3], Late-onset-Form
      • E25.08: Sonstige angeborene adrenogenitale Störungen in Verbindung mit Enzymmangel
      • E25.09: Angeborene adrenogenitale Störung in Verbindung mit Enzymmangel, nicht näher bezeichnet
    • E25.8: Sonstige adrenogenitale Störungen
      • Idiopathische adrenogenitale Störung
    • E25.9: Adrenogenitale Störung, nicht näher bezeichnet
      • Adrenogenitales Syndrom o.n.A.

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.