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Blutstillung und Blutgerinnung

Abstract

Die Blutstillung (Hämostase) ist ein lebenswichtiger mehrschrittiger Prozess, der eine Blutung mit Hilfe eines Gerinnsels (Thrombus) aus einem besonderen Plasmaprotein (Fibrin) beendet. Die Gesamtheit der Schritte bis zur Thrombusentstehung wird unter dem Begriff „Hämostase“ zusammengefasst, wobei man zwei Phasen unterscheidet: die primäre und die sekundäre Hämostase.

Zunächst entsteht während der primären Hämostase ein dreidimensionales Netzwerk aus Thrombozyten, welches den Bereich des Endotheldefekts abdeckt (sog. weißer Thrombus). Die primäre Hämostase besteht aus drei Schritten, welche die Thrombozyten durchlaufen: Anheften an den Endotheldefekt mit Hilfe eines Proteins namens von-Willebrand-Faktor (Adhäsion), Abgabe gerinnungsfördernder Substanzen ins Blut (Aktivierung) und zuletzt die Vernetzung untereinander durch Fibrinogenmoleküle (Aggregation).

Bei der sekundären Hämostase werden bestimmte Plasmaproteine (sog. Gerinnungsfaktoren), von denen die meisten Serinproteasen sind, durch proteolytische Spaltung aktiviert. Ein derart aktivierter Gerinnungsfaktor aktiviert dann wiederum spezifisch einen anderen Faktor, so dass ein stufenartiger, sich selbst verstärkender Prozess entsteht (sog. Gerinnungskaskade). Diese Kaskade kann auf zwei verschiedenen Wegen in Gang gesetzt werden: durch das intrinsische und das extrinsische System. Im Verlauf der Hämostase laufen beide Wege immer parallel ab und münden in der Aktivierung der Serinprotease Thrombin. Thrombin bildet schließlich den stabilen Thrombus (sog. roter Thrombus), indem es Fibrinogen in Fibrin umwandelt.

Um ungewollte oder überschießende Gerinnung zu verhindern, existieren im Körper auch Mechanismen zur Hemmung der Hämostase: Im Blut zirkulieren mehrere Protease-Inhibitoren (u.a. Antithrombin, Protein C), welche Thrombin und andere Gerinnungsfaktoren hemmen können. Nach abgeschlossener Wundheilung wird der Fibrinthrombus durch die Serinprotease Plasmin wieder abgebaut (sog. Fibrinolyse).

Der korrekte Ablauf und die benötigte Dauer bis zur Fibrinbildung können im Labor anhand verschiedener Tests gemessen werden. Sie geben Aufschluss über die Ursache verschiedener Störungen innerhalb der Hämostase.

Übrigens findest du auch einige Auditor-Folgen zum Thema Blutgerinnung (Primäre Hämostase Teil 1 und 2, Sekundäre Hämostase Teil 1–3).

Thrombozyten (= Blutplättchen)

Thrombozyten sind zusammen mit den Gerinnungsfaktoren des Plasmas für die Blutgerinnung zuständig.

Steckbrief: Der Thrombozyt

Bezeichnung Thrombozytenzahl im Blut
Thrombopenie <150.000/μL
vorübergehende, reaktive Thrombozytose i.d.R. 450.000 bis <1 Million/μL
länger anhaltende Thrombozythämie i.d.R. >1 Million/μL

Thrombozyten besitzen keinen Zellkern, da sie durch Abschnürung von Ausläufern der Megakaryozyten des Knochenmarks gebildet werden.

Inhaltsstoffe der Thrombozyten-Granula

Im Zytoplasma der Thrombozyten existieren drei verschiedene Formen von Granula: Alpha-, Delta- und Lambda-Granula. Alpha- und Delta-Granula speichern gerinnungsfördernde Mediatormoleküle, Lambda-Granula sind Lysosomen.

Granula Inhaltsstoff Funktion
Alpha-Granula Von-Willebrand-Faktor (vWF)
Fibrinogen (= Faktor I)
Faktor V
Faktor VIII

Fibronectin

Wachstumsfaktoren: PDGF , VEGF , FGF ,TGF-β

  • Wundheilung und Angiogenese
α2-Antiplasmin
Delta-Granula ADP
Ca2+
Serotonin
Lambda-Granula (= Lysosomen) Saure Hydrolasen
  • Dienen vermutlich der Zerstörung von Krankheitserregern

Während Alpha-Granula vor allem große Proteine für die Thrombozytenadhäsion enthalten, beinhalten Delta-Granula nur relativ kleine Moleküle für die Thrombozytenaktivierung!

Endotheldefekte und freiliegendes Gewebskollagen lösen das Entleeren der Thrombozyten-Granula aus (Degranulation). Die freigesetzten Stoffe sorgen erstens für die Degranulation weiterer Thrombozyten (positive Rückkopplung) und leiten zweitens die plasmatische Blutgerinnung (sekundäre Hämostase) ein!

Petechien
Petechien sind stecknadelkopfgroße (<3mm) Einblutungen ins Gewebe, die theoretisch in jedem Organ auftreten können. Besondere Bedeutung haben sie jedoch in der Haut, da sie hier für Betroffene oder den behandelnden Arzt unmittelbar sichtbar sind. Sie sind ein erster Hinweis auf eine Störung der Blutgerinnung und somit diagnostisch wegweisend. In der Mehrzahl der Fälle liegt die Ursache bei den Thrombozyten: Entweder liegt eine Thrombozytopenie (quantitative Störung) oder eine Thrombozytopathie (qualitative Störung) zugrunde. Eine Thrombozytopenie kann etwa durch eine verminderte Blutbildung oder einen erhöhten Verbrauch, wie z.B. bei unkontrollierter Blutgerinnung im Rahmen einer Blutvergiftung (= Sepsis) entstehen. Bei der Thrombozytopathie ist die Thrombozytenzahl im Blut i.d.R. normal, jedoch hat ihre gestörte Funktion eine herabgesetzte Gerinnbarkeit des Blutes zur Folge, so dass in diesen Fällen auch Petechien entstehen können. Als alternative Ursache muss immer auch eine Entzündung kleiner Blutgefäße (Vaskulitis) in Betracht gezogen werden, bei der es durch die Endothelschäden zu punktförmigen Blutaustritten ins Gewebe kommt. Bei Petechien sollte immer ein Blutbild angefordert und weitere Gerinnungsparameter bestimmt werden.

Thrombozytopathien und Thrombasthenie
Thrombozytopathien sind Erkrankungen, die auf einer Funktionsstörung der Thrombozyten basieren und eine erhöhte Blutungsneigung zur Folge haben. Man unterscheidet zwischen erworbenen (z.B. medikamentösen) und erblichen Formen. Ein Beispiel für eine erbliche Thrombozytopathie ist die sog. Thrombasthenie (syn. Glanzmann-Naegeli-Syndrom), was soviel wie schwache (asthenische) Thrombozyten bedeutet. Bezeichnend für diese Erkrankung ist nämlich, dass es trotz einer normwertigen Thrombozytenzahl im Blut dennoch zu spontanem Nasenbluten oder großen Hämatomen (selbst nach Bagatellverletzungen) kommt. Die Ursache liegt in einer Mutation im GPIIb- oder GPIIIa-Gen, die zu einem defekten GPIIb/IIIa-Rezeptor führt. Dadurch kann der Rezeptor seinen Liganden Fibrinogen nicht binden und die Vernetzung der Thrombozyten untereinander, d.h. die Thrombozytenaggregation, bleibt aus.

Primäre Hämostase (= Zelluläre Hämostase)

Bei der primären Hämostase unterscheidet man mehrere Phasen, die man insgesamt auch als thrombozytäre Blutstillung bezeichnet: Adhäsion, Aktivierung und Aggregation.

  1. Vaskuläre Blutstillung
  2. Thrombozytenadhäsion an geschädigtem Endothel mittels GPIb-Rezeptor und von-Willebrand-Faktor
  3. Thrombozytenaktivierung: Ausbildung von Pseudopodien, Phospholipid-Expression an der Zelloberfläche und Freisetzung von ADP, Thromboxan A2 und plättchenaktivierendem Faktor (PAF)
  4. Thrombozytenaggregation über GPIIb/IIIa-Rezeptor und Fibrinogen → Bildung eines Abscheidungsthrombus aus Thrombozyten (weißer Thrombus)

Vaskuläre Blutstillung

Einige Autoren gliedern die primäre Hämostase in zwei getrennte Phasen: Zum einen die bereits genannte thrombozytäre Blutstillung, zum anderen eine zuvor stattfindende Phase der vaskulären Blutstillung. Die vaskuläre Blutstillung erfolgt innerhalb der ersten Minute unmittelbar nach einer Gefäßverletzung. Sie vermindert einerseits die Durchblutung des betroffenen Gefäßes und fördert andererseits das Anheften von Thrombozyten an den Endotheldefekt (= Adhäsion).

Adhäsion der Thrombozyten

Aktivierung der Thrombozyten

Aggregation der Thrombozyten

Das Thrombozytenmembranprotein GPIb bindet an den von-Willebrand-Faktor, während der GPIIb/IIIa-Rezeptor Fibrinogen bindet!

Thromboxan A2 aus den Thrombozyten wirkt vasokonstriktorisch und fördert die Thrombozytenaggregation! Prostacyclin aus den Endothelien wirkt dagegen gefäßerweiternd und hemmt die Thrombozytenaggregation!

Thrombozytenaggregationshemmung
Einige Arzneimittel beeinflussen die primäre Hämostase. Der bekannteste Vertreter dieser Gruppe ist die Acetylsalicylsäure (ASS), sie wirkt schmerzlindernd (analgetisch), fiebersenkend (antipyretisch), entzündungs- (antiphlogistisch) und gerinnungshemmend (antikoagulatorisch). Diese Effekte entstehen durch die Hemmung der beiden Cyclooxygenasen (COX-1 und -2), die bei Entzündungen für die gesteigerte Synthese von fieber- und schmerzauslösenden Prostaglandinen sorgen. In den Thrombozyten wird mittels der COX-1 jedoch auch die Mediatorsubstanz Thromboxan A2 synthetisiert, welche die Thrombozytenaggregation sowie Vasokonstriktion bewirkt. Daher führt die Einnahme von ASS, sei es nun beabsichtigt oder als Nebenwirkung, immer auch zu einer Einschränkung der primären Hämostase. Diesen Effekt macht man sich (prophylaktisch) bei Patienten zu Nutze, bei denen eine erhöhte Gefahr eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls besteht.

Willebrand-Jürgens-Syndrom
Das Willebrand-Jürgens-Syndrom ist die häufigste angeborene Gerinnungsstörung. Ursächlich ist ein meist autosomal-dominant vererbter Mangel des von-Willebrand-Faktors (vWF). Man unterscheidet drei Typen, je nachdem, ob der Faktor nur in reduzierter Menge (Typen I und II) oder gar nicht (Typ III) produziert wird. Der vWF-Mangel führt dazu, dass sich nach einer Gefäßverletzung weniger Thrombozyten an freiliegendes Bindegewebskollagen anheften können. Daher läuft die Phase der Thrombozytenadhäsion als wichtiger Bestandteil der primären Hämostase erheblich langsamer und in geringerem Umfang ab. Daraus resultiert eine erhöhte Blutungsneigung, die sich in Form häufig wiederkehrenden Nasenblutens oder gesteigerten Blutungen selbst bei kleinen medizinischen Eingriffen (z.B. Zahnextraktion) äußert. Betroffene sollten auf die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) verzichten, da sie die Thrombozytenaggregation zusätzlich hemmt. Therapeutisch können bei lebensbedrohlichen Blutungen oder vor operativen Eingriffen vWF-Präparate mittels einer Infusion substituiert werden.

Sekundäre Hämostase (= Plasmatische Hämostase)

Die sekundäre Hämostase bewirkt die Gerinnung bzw. „Ausfällung“ von Fibrin im Plasma. Sie wird durch eine Abfolge von Aktivierungsschritten durch bestimmte Plasmaproteine (die sog. Gerinnungsfaktoren) ausgelöst und aufgrund ihres gestaffelten Ablaufs als „Gerinnungskaskade“ bezeichnet.

Gerinnungsfaktoren

  • Definition: Plasmaproteine, die als inaktive Vorläufer im Blut zirkulieren und durch limitierte proteolytische Spaltung in eine aktive (gerinnungsfördernde) Form umgewandelt werden
  • Nomenklatur: Bezeichnung mit römischen Ziffern I–XIII (1–13)
    • Eine römische Ziffer ohne Buchstaben steht für die inaktive Form (= Vorläuferprotein), die Ziffer mit angehängtem „a“ steht für die aktive Form (= aktives Enzym)
    • Beispiel: Faktor II = Prothrombin (inaktiv), Faktor IIa = Thrombin (aktive Serinprotease)

Gerinnungskaskade

  • Definition: Feinregulierter, sich selbst verstärkender Prozess mit dem Ziel der Fibrin-Bildung
  • Gliederung: Man unterscheidet zwei verschiedene Wege (extrinsische und intrinsische Aktivierung) zum Auslösen der Kaskade, die jedoch beide in dieselbe Endstrecke münden, an deren Schlusspunkt Fibrin entsteht
  • Ablauf: Stufenartige Aktivierung mehrerer Gerinnungsfaktoren

Extrinsischer Weg (= Exogene Aktivierung)

Intrinsischer Weg (= Endogene Aktivierung)

  • Ablauf
    1. Aktivierung von Faktor XII durch Kollagen, Kallikrein und hochmolekulares Kininogen
    2. Aktivierung von Faktor XI durch Faktor XIIa und Thrombin (= Faktor IIa)
    3. Aktivierung von Faktor IX durch Faktor XIa
    4. Aktivierung von Faktor VIII durch Thrombin (= Faktor IIa)
  • Resultat: Bildung der intrinsischen Tenase: Faktor IXa und VIIIa bilden mit Phospholipiden und Ca2+-Ionen einen Enzym-Komplex, die sog. intrinsische Tenase

Gemeinsame Endstrecke des extrinsischen und intrinsischen Systems

Sowohl der extrinsische als auch der intrinsische Aktivierungsweg münden in der selben Endstrecke, welche die Schlüsselreaktion der Hämostase beinhaltet: die Umwandlung von löslichem Fibrinogen in unlösliches Fibrin, welches die Grundsubstanz eines Blutgerinnsels (= Thrombus) darstellt.

  • Ablauf
    1. Aktivierung von Faktor X durch die extrinsische und intrinsische Tenase
    2. Aktivierung von Faktor V durch Thrombin (= Faktor IIa)
    3. Umwandlung von Prothrombin (= Faktor II) in Thrombin durch den Faktor-Xa-Va-Komplex (= Prothrombinase)
    4. Limitierte proteolytische Spaltung von Fibrinogen (= Faktor I) in Fibrin-Monomere durch Thrombin (= Faktor IIa)
    5. Aktivierung von Faktor XIII durch Thrombin (= Faktor IIa)
    6. Quervernetzung der Fibrin-Monomere über kovalente Bindungen zwischen Glutamin- und Lysinresten durch den aktivierten Faktor XIIIa, es entsteht ein unlöslicher Fibrinthrombus
    7. „Nachgerinnung“: Verkürzung der Thrombozyten-Pseudopodien innerhalb des Fibrinthrombus → Festigung des Thrombus
  • Resultat: Bildung roter Thrombus (= Blutgerinnsel) → Endotheldefekt wird abgedichtet → Blutung sistiert

Zellbasiertes Modell der Gerinnung

  • Initiation
    • Verletzung eines Blutgefäßes legt Faktor III (Gewebethromboplastin) frei, der ein Membranprotein auf Fibroblasten und glatten Muskelzellen ist
    • Faktor III bindet Faktor VII und aktiviert ihn
    • Komplex aus Faktor III und Faktor VIIa aktiviert Faktor X
    • Faktor Xa aktiviert geringe Mengen Thrombin (= Thrombinfunke)
  • Amplifikation
    • Thrombin aktiviert die Faktoren XI, VIII sowie V und unterstützt die Thrombozytenaktivierung
    • Faktor XIa aktiviert Faktor IX, der mit Faktor VIIIa einen Komplex eingeht
    • Komplex aus Faktor IXa und VIIIa aktiviert den Faktor X
  • Propagation
    • Faktor Xa bildet mit Faktor Va einen Komplex
    • Großteil der Thrombinproduktion auf der Thrombozytenoberfläche (= Thrombinburst)
    • Thrombin spaltet Fibrinogen (= Faktor I) in Fibrinmonomere, die sich zu einem Fibrinnetz zusammenlagern
    • Quervernetzung des Fibrinnetzes durch kovalente Bindungen zwischen Lysin und Glutaminresten erfolgt durch den Faktor XIIIa → Bildung eines sekundären Gerinnungsthrombus (roter Thrombus)

Hämophilie A und B
Die umgangssprachlich auch als Bluterkrankheit bekannte Hämophilie ist eine X-chromosomal-rezessiv vererbbare Erkrankung, bei der es aufgrund eines Mangels an Gerinnungsfaktoren zu einer Störung der Blutgerinnung kommt. Es wird dabei ein erblicher Faktor-VIII-Mangel (Hämophilie A) von einem erblichen Faktor-IX-Mangel (Hämophilie B) unterschieden. Durch den Faktor-VIII- bzw. -IX-Mangel ist die sekundäre Hämostase (plasmatische Gerinnung) im intrinsischen Weg gestört, was zu großflächigen Blutungen (besonders häufig Gelenkeinblutungen) führt. Wie bei allen X-chromosomal-rezessiven Erbgängen sind in der Regel nur Männer betroffen!

Hemmung der Blutgerinnung

Physiologische Gerinnungshemmung

Die Blutgerinnung ist ein kaskadenartiger Prozess mit mehreren positiven Rückkopplungsschleifen. Daher ist ein gegenregulierendes System notwendig, um ein Gleichgewicht zwischen Gerinnung und Gerinnungshemmung zu schaffen. Im Körper regulieren bestimmte Proteine aus Plasma und Endothelzellen diesen Prozess.

Antithrombin

Thrombomodulin, Protein C und Protein S

α1-Antitrypsin

α2-Makroglobulin

  • Definition: Plasmaprotein, das in Hepatozyten synthetisiert wird
  • Funktion: Protease-Inhibitor → Hemmung von Thrombin (Faktor IIa), Plasmin und Kallikrein

Medikamentöse Gerinnungshemmung

Heparin

Die Wirkung von Heparin tritt schnell ein (wirkt viel schneller als Cumarine)! Nach subkutaner Injektion wirkt Heparin schon innerhalb weniger Stunden gerinnungshemmend!

Cumarine

Gerinnungsfaktoren, deren Synthese auf Vitamin K angewiesen ist: 1972 (Neun-Zehn-Sieben-Zwei) – das Jahr der olympischen Spiele in München!

Vitamin-K-Antagonisten wirken erst nach einigen Tagen gerinnungshemmend, da erst die noch vorhandenen, carboxylierten Faktoren verbraucht werden müssen!

Protein C und S werden Vitamin-K-abhängig synthetisiert. Sie haben eine kürzere Halbwertszeit als die Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren. In den ersten Tagen einer Cumarintherapie kommt es also zunächst zu einer verstärkten Gerinnungsneigung, weshalb prophylaktisch meist überlappend Heparine eingesetzt werden!

Hirudin

  • Definition: Polypeptid, das aus dem Speichel des Blutegels „Hirudo medicinalis“ gewonnen werden kann
  • Wirkweise: Hemmung von Thrombin (= Faktor IIa) durch Bindung am aktiven Zentrum des EnzymsThrombin kann sein Substrat Fibrinogen nicht mehr aktivieren

Gerinnungshemmung in vitro

Die hier genannten in-vitro-Hemmstoffe befinden sich typischerweise in Blutentnahmeröhrchen und werden in der Labormedizin und Gerinnungsdiagnostik genutzt, um das zu untersuchende Blut vorübergehend ungerinnbar zu machen. Die Labortests zur Gerinnung messen nämlich die benötige Zeit bis Fibrin in einer Blutprobe entsteht. Daher muss das Blut kontrolliert und zu einem vom Untersucher festgelegten Zeitpunkt (Startpunkt der Zeitmessung) zur Gerinnung gebracht werden. Dies geschieht meist durch Zugabe von Calcium (Ca2+ = Faktor IV) und Gewebethromboplastin (Tissue factor = Faktor III).

  • Beispielsubstanzen: EDTA , Citrat , Oxalat
  • Wirkweise: Komplexbildung (EDTA) oder anionische Bindung (Citrat, Oxalat) mit/von Ca2+-Kationen (= Gerinnungsfaktor IV) → Eliminierung dieses wichtigen Cofaktors aus der Gerinnungskaskade → Bildung der Gerinnungsfaktorkomplexe (z.B. Intrinsische-Tenase-Komplex) bleibt aus

APC-Resistenz (Faktor-V-Leiden-Mutation)
Das aktivierte Protein C (APC) inaktiviert normalerweise zusammen mit seinem Cofaktor (Protein S) den Faktor Va. Bei der APC-Resistenz ist durch eine Punktmutation im Faktor-V-Gen die Spaltstelle für das aktivierte Protein C so verändert, dass Faktor V nicht mehr inaktiviert werden kann. Daraus resultiert eine erhöhte Gerinnungsneigung (Thrombophilie).

Fibrinolyse (= Abbau des Gerinnsels)

Blutgerinnung (Fibrinaufbau) und Fibrinolyse (Fibrinabbau) laufen ständig parallel im Gefäßsystem ab. Durch das fibrinolytische System wird kontinuierlich Fibrin abgebaut.

  • Definition: Enzymatische Vorgänge im Plasma, die zum Abbau des Fibrinthrombus führen
  • Funktion
    • Verhindert unnötige Fibrinbildung
    • Abbau alter Thromben
  • Ablauf
    1. Aktivierung der Serinprotease Plasmin
    2. Plasmin spaltet Fibrin → Entstehung löslicher Peptidfragmente (= D-Dimere)
    3. D-Dimere hemmen zusätzlich Thrombin
  • Regulation: Die Regulation der Fibrinolyse erfolgt durch Aktivierung oder Hemmung des Schlüsselenzyms Plasmin
Aktivierung der Fibrinolyse (Fibrinolytika)
Name Herkunft Wirkprinzip
Gewebsplasminogenaktivator (= t-PA)
  • Endothel
  • Wird auch als Medikament eingesetzt (rekombinant hergestelltes t-PA = rt-PA)
Serinprotease: Spaltet Plasminogen zu Plasmin
Urokinase (= u-PA)
Streptokinase „Aktivatorkomplex“ mit Plasminogen
Hemmung der Fibrinolyse (Antifibrinolytika)
PAI-1 Inhibitor mehrerer Serinproteasen: Hemmt t-PA und u-PA
α2-Antiplasmin Plasmin-Inhibitor: α2-Antiplasmin bildet mit Plasmin einen inaktiven Komplex
Tranexamsäure Plasmin-Inhibitor
ε-Aminocapronsäure
  • Synthetische chemische Verbindung zur Hemmung der Fibrinolyse

Thrombin baut Fibrin auf, sein wichtigster Inhibitor ist Antithrombin! Plasmin baut Fibrin ab, seine wichtigsten Inhibitoren sind α2-Antiplasmin und PAI-1!

Medikamentöse Fibrinolyse
Eine pathologische Blutgerinnung kann zu akuten Verschlüssen arterieller Gefäße führen, die schwere Krankheitsbilder nach sich ziehen. Dazu zählen Herzinfarkt, Schlaganfall oder auch die Lungenembolie. In den genannten Fällen kann therapeutisch eine „Thrombolyse“, also die Auflösung des Gerinnsels mit Hilfe besonderer Medikamente („Fibrinolytika“) sinnvoll sein, um möglichst viel Gewebe vor der hypoxiebedingten Zerstörung zu retten. Zu den Fibrinolytika zählen die Strepto- und Urokinase, die aus Bakterien- bzw. Nierenzellkulturen gewonnen wird. Derzeit wird vor allem rekombinant (in genetisch veränderten tierischen Zellkulturen) hergestellter Gewebsplasminaktivator (rt-PA) zur Fibrinolyse benutzt.

Gerinnungstests

Die verschiedenen laborchemischen Untersuchungen erfassen jeweils bestimmte Abschnitte des Gerinnungssystems. Zusammengenommen geben sie meist Aufschluss über die Ursache einer Störung der Blutgerinnung.

Diagnostik von Störungen der primären Hämostase

Diagnostik von Störungen der sekundären Hämostase

Befundkonstellationen bei bestimmten Erkrankungen

Lokalisation der Störung Vorkommen bei

Thrombo-
zytenzahl

Blutungs-
zeit

INR Quick aPTT
Störungen der primären Hämostase = = =
= = = =
Störungen der sekundären Hämostase
  • Extrinsisches System
= = =
= = =

= [1]

Störung der Fibrin-Vernetzung
  • Faktor-XIII-Mangel → Erhöhte Blutungsneigung und Wundheilungsstörungen
= = = = =
Kombinierte Gerinnungsstörungen = = = =/↑
Erklärung: „=“ bedeutet normal (im Normbereich); „↓“ bedeutet verkürzt oder erniedrigt; „↑“ bedeutet verlängert oder erhöht

Wiederholungsfragen zum Kapitel Blutstillung und Blutgerinnung

Thrombozyten

Wie lange beträgt die mittlere Lebensdauer eines Thrombozyten und wo findet anschließend dessen Abbau statt?

Welche Gemeinsamkeit besteht zwischen Thrombozyten und Erythrozyten bezüglich ihrer Zellbestandteile?

Beschreibe die Form eines inaktiven Thrombozyten. Wodurch wird diese aufrechterhalten und wie verändert sie sich nach Aktivierung?

Wie gewinnt ein Thrombozyt Energie?

Welche Inhaltsstoffe der Thrombozyten-Granula bewirken nach ihrer Ausschüttung eine Aktivierung weiterer Thrombozyten im Sinne einer positiven Rückkopplung?

Primäre Hämostase (= Zelluläre Hämostase)

Welche Funktion hat der von-Willebrand-Faktor im ersten Schritt der Hämostase?

Welchen Effekt hat die Freisetzung von Adenosindiphosphat (ADP) aus den Thrombozytengranula?

Welches Protein verknüpft bei der Thrombozytenaggregation die aktivierten Thrombozyten zu einem dichten Netzwerk?

Aus welchen Untereinheiten besteht der Fibrinogenrezeptor der Thrombozytenmembran?

Wo wird Thromboxan A2 gebildet und welchen Effekt hat es auf die Blutgerinnung?

Wo wird Prostacyclin gebildet und welchen Effekt hat es auf die Blutgerinnung?

Sekundäre Hämostase (= Plasmatische Hämostase)

Was ist der Tissue Factor und wie nennt man ihn noch?

Beschreibe den extrinsischen Weg der sekundären Hämostase bis zur gemeinsamen Endstrecke.

Woraus besteht der Enzymkomplex „Prothrombinase“ und welche Reaktion katalysiert er?

Um was für ein Enzym handelt es sich biochemisch bei Thrombin und welche Reaktion katalysiert es?

Durch die kovalente Bindung zwischen welchen Aminosäureresten zweier benachbarter Fibrinmoleküle entsteht letztendlich ein unlöslicher Fibrinthrombus? Welcher Gerinnungsfaktor katalysiert diese Reaktion?

Hemmung der Blutgerinnung

Was ist das Protein C/S-System und wie wird es aktiviert?

Um was handelt es sich bei Heparin biochemisch?

Wie entfaltet Heparin seine gerinnungshemmende Wirkung?

Wann ist mit einem Wirkungseintritt des Heparins bei subkutaner Injektion zu rechnen?

Die Synthese welcher Gerinnungsfaktoren ist auf Vitamin K angewiesen und in welchem Syntheseschritt wird es als Cofaktor benötigt?

Wie wirken Vitamin-K-Antagonisten (sog. Cumarine)?

Fibrinolyse (= Abbau des Gerinnsels)

Welches ist das Schlüsselenzym der Fibrinolyse und welche Reaktion katalysiert es?

Nenne zwei körpereigene Aktivatoren der Fibrinolyse und beschreibe ihre Funktionsweise.

Nenne ein Beispiel, bei dem die Aktivatoren der Fibrinolyse auch medikamentös genutzt werden können.

Wer ist der direkte „Gegenspieler“ des Plasmins?

Gerinnungstests

Ordne die folgenden Gerinnungsparameter den jeweiligen Phasen der Hämostase zu: Blutungszeit, Quick-Wert, partielle Thromboplastinzeit (aPTT).

In welchen Fällen kann es zu einer isolierten Verlängerung der Blutungszeit kommen?

Welche Gerinnungsparameter sind bei einem Mangel an Vitamin-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren verändert?

Bei welcher erblichen Erkrankung kommt es zu einer isolierten Verlängerung der partiellen Thromboplastinzeit (aPTT) und welche Gerinnungsfaktoren sind üblicherweise betroffen?

Wie wirkt sich ein Mangel an Fibrin-stabilisierendem Faktor (XIII) auf die Gerinnungstests aus?