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Antisepsis

Abstract

Antisepsis bezeichnet alle Maßnahmen zur Verminderung von Keimzahlen, um somit einer Infektion vorzubeugen. Die häufigste antiseptische Maßnahme ist die Desinfektion mit bioziden Substanzen. Zur Haut- und Schleimhautreinigung werden vor allem Alkohole, Phenole und Jod verwendet. Zur Flächendesinfektion kommen bevorzugt Aldehyde, Halogene, Oxidantien und quartäre Ammoniumverbindungen zum Einsatz. In medizinischen Einrichtungen hat die Händedesinfektion eine besondere Bedeutung, wobei die alltägliche hygienische Händedesinfektion von der chirurgischen unterschieden wird.

Wirkstoffe

  • Alkohole, Polyguanide, (Phenole)
    • Indikation: v.a. Haut- und Schleimhautreinigung
      • z.B. Ethanol, Propanol
      • z.B. Chlorhexidin – CAVE: allergische Reaktionen, reversible Geschmacksstörungen, Zahnverfärbungen
      • z.B. Phenole (schlechtere Wirksamkeit)
    • Optimale Wirkung bei Konzentration von 60–70 % (reiner Alkohol wird nicht so gut in die Zelle aufgenommen, was insbesondere ein Überleben der grampositiven Bakterien begünstigt.)
    • Wirkmechanismus: Proteindenaturierung
    • Vorteil: Schneller Wirkeintritt und relativ gute Verträglichkeit
    • Nachteil
      • Unwirksam gegen Bakteriensporen und unbehüllte Viren
      • Hoher Eiweißfehler (Proteine, z.B. aus dem Blut oder anderen Sekreten verringern die Wirkung)
    • Alternative: Jodhaltige Präparate
  • Aldehyde, Halogene, Oxidantien
    • Indikation: v.a. Flächendesinfektion
    • Vorteil: hohe Wirksamkeit auch gegen Sporen und unbehüllte Viren und nur geringer Eiweißfehler
    • Nachteil: schlecht verträglich
    • Wirkmechanismus: Denaturierung zahlreicher Strukturen (Proteine, Nukleinsäuren, Zellkerne)
    • Alternative: quartäre Ammoniumverbindungen

Händedesinfektion

Hygienische Händedesinfektion [1]

  • Ziele der Händedesinfektion
  • Händedesinfektion vs. Händewaschen
    • Händedesinfektion reduziert die transiente Hautflora effektiver und trocknet die Haut weniger stark aus als Händewaschen
    • Seifenwaschung auf ein Minimum begrenzen
  • Indikation (5 WHO-Indikationen der Händedesinfektion)
    1. Vor jedem Patientenkontakt
    2. Vor aseptischer Tätigkeit (z.B. Legen eines intravenösen Zugangs, Vorbereiten von Medikamenten, Spritzen und Infusionen)
    3. Nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten des Patienten
    4. Nach jedem Patientenkontakt
    5. Nach dem Kontakt mit der Umgebung des Patienten
  • Hygienevorschriften und Verhaltensregeln: Von der WHO wird eine Händedesinfektionszeit von 30 Sekunden vorgegeben
    • Fingernägel sollten kurz geschnitten sein, künstliche Fingernägel sind nicht gestattet
    • Kein Schmuck an Händen und Unterarmen
    • Desinfektion des Stethoskops nach jedem Einsatz
    • Desinfektion der Hände nach Kontakt mit dem Diensttelefon/Pieper
    • Eine spezielle Einreibetechnik wird für die hygienische Händedesinfektion nicht mehr vorgeschrieben
      • Ausreichend Desinfektionsmittel auf die trockene(!) Haut auftragen
      • Unbedingt auch auf Desinfektion von Fingerkuppen, Daumen und Fingerzwischenräumen achten
    • Wandspender sind der Kittelflasche überlegen
  • Substanzen: Alkohol- und Phenolmischungen
  • Vorgehen bei Handschuhen: Hygienische Händedesinfektion vor und nach Anlegen von Einmalhandschuhen durchführen
  • Hautpflege und Hautschutz: Zur Vermeidung von Hautirritationen empfohlen (z.B. in Pausen, nach Arbeitsende)
  • Gesundheitsökonomische Bedeutung
    • Durchschnittlicher Desinfektionsbedarf: Ausreichend häufig durchgeführt, muss man sich pro Schicht etwa 150 mal die Hände desinfizieren
    • Kosten nosokomialer Infektionen: Eine Infektion mit einem multiresistenten Erreger (MRE) führt in Deutschland pro Fall zu ca. 12.000 Euro Kosten für das Krankenhaus und das Gesundheitssystem
      • Eine Erhöhung der Händedesinfektionsrate um 18% führt zu 41% weniger Healthcare Associated Infections und zu 68% weniger MRSA-Fällen!
      • Mittlerweile gibt es technologische Assistenzsysteme zur Messung der Händedesinfektion im Rahmen der fünf WHO-Indikationen

Mehr als ein Drittel der nosokomialen Infektionen sind vermeidbar. Die hygienische Händedesinfektion ist dabei die Einzelmaßnahme mit der höchsten Evidenz für die Prävention von nosokomialen Infektionen!

Chirurgische Händedesinfektion: Zur Reduktion der Keimzahl der transienten und residenten Hautflora

  • Indikation: Vor jedem chirurgischen Eingriff
  • Substanzen: Alkohol- und Phenolmischungen
  • Durchführung
    1. Waschen: Waschen ist nur erforderlich bei offensichtlichen Verunreinigungen oder beim erstmaligen Betreten der Operationsräume; ansonsten kann auf Waschen verzichtet und nur die Desinfektion durchgeführt werden
      • CAVE: Seifenfehler → Seifenreste gründlich abspülen
    2. Desinfektion
      • Mindesteinwirkzeit 3 (z.B. bei bestimmten HNO-Eingriffen) bis 5 Minuten (z.B. die meisten urologischen Eingriffe)
      • Desinfektion nach Schema und mit Stoppuhr zur sicheren Einschätzung der Desinfektionszeit
      • Neben den Händen muss bei der chirurgischen Desinfektion auch der Unterarmbereich komplett einbezogen werden: Die Desinfektion wird i.d.R. mit dem Benetzen der Hände begonnen und zu den Unterarmen fortgeführt [2]

Zugelassene Desinfektionsmittel

  • DGHM-Liste: Auflistung der zugelassenen Desinfektionsmittel mit ihren Routinedosierungen für den Standardgebrauch
Desinfektion Auszug aus den zugelassenen Substanzen
Hände- und Hautdesinfektion
  • Alkohole
  • Quaternäre Verbindungen
  • Guanidine
  • Iodabspaltende Verbindungen
Flächendesinfektion
  • Aldehyde und Aldehydabspalter
  • Alkohole
  • Peroxidverbindung
  • Quaternäre Verbindungen
  • Guanidine
  • Glykolderivate
Instrumentendesinfektion
  • Aldehyde und Aldehydabspalter
  • Quaternäre Verbindungen
  • Phenole
  • Glykolderivate
  • Laugen
Wäschedesinfektion
  • Peroxidverbindungen
  • Aldehyde
  • Chlorabspaltende Verbindungen
  • RKI-Liste: Auflistung der zugelassenen Desinfektionsmittel für eine behördlich angeordnete (Amtsarzt‑) Entseuchung. Die Dosierungen sind im Regelfall höher.

Sterilisationsverfahren

Verfahren für thermostabile Materialien

Bei thermostabilen Materialien kann durch hohe Temperaturen eine Sterilisation erreicht werden, ohne dass eine Gesundheitsgefährdung zu erwarten ist.

  • Autoklavieren
    • Gilt als sicherstes Verfahren
    • Zwei Verfahren werden angewandt
      • 15 Minuten bei 121 °C oder
      • 3 Minuten bei 134 °C
    • Prionen werden bei diesen Verfahren nicht unschädlich gemacht. Um diese unschädlich zu machen, muss 60 Minuten bei 134 °C autoklaviert werden (kein Standard)
  • Heißluftsterilisation
    • Bei gleicher Einwirkzeit sind höhere Temperaturen erforderlich
    • Als Standard werden Arbeitstemperaturen von 160–200 °C angestrebt

Verfahren für thermolabile Materialien

Bei thermolabilen Materialien können keine hohen Temperaturen eingesetzt werden, so dass auf potentiell gesundheitsgefährdende chemische Stoffe zurückgegriffen werden muss.

  • Ethylenoxid
    • Bis 60 °C bei 60% Luftfeuchtigkeit
    • Kanzerogen: Desorptionszeiten (Ausgasungszeiten, Belüftung) von mindestens 4 Stunden bis 14 Tage sind erforderlich
    • Explosiv
  • Formaldehyd
    • Bis 70 °C bei 100% Luftfeuchte
    • Schlechte Penetration der Materialien: Eher für Oberflächensterilisation
    • Gesundheitsschädlich: Schon die für die Sterilisation nötige Konzentration von nur 5% ist gesundheitsschädlich (siehe auch Formaldehydexposition)
  • Plasmasterilisation [3]
    • Mechanismus: Durch freie Radikale, Ionen und UV-Strahlung, die in einem Gas-Plasma erzeugt werden, können Mikroorganismen und Viren inaktiviert werden
    • Bei 45–55 °C bei 5% Feuchtigkeit im Gas (i.d.R. Wasserstoffperoxid (H2O2) -Gas)
    • Vorteile
      • Kurze Zyklusdauer (ca. 30 min)
      • Keine toxischen Rückstände
      • Deaktiviert neben Bakterien, Bakteriensporen, Viren, Hefen und Pilzen auch Prionen
    • Nachteil
      • Geringe Veränderungen der Sterilisationsbedingungen (Anstieg der Feuchtigkeit, Absinken des Vakuums) beenden den Sterilisationsprozess
      • Zusammensetzung des Gasplasmas muss auf das Sterilisationsgut (Material) abgestimmt werden

Pasteurisierung

  • Ziel: Reduktion der Keimzahl durch kurzzeitiges Erhitzen, meistens von Milch- und anderen eiweißhaltigen Produkten
  • Verfahren: 40 Sekunden bei 72 °C oder 10 Sekunden bei 85 °C
  • Wirkspektrum: Abtötung einer Vielzahl von Bakterien, aber keiner hitzeresistenter Sporen