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Windpocken

Letzte Aktualisierung: 5.1.2023

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Bei Windpocken handelt es sich um die meist im Kindesalter auftretende Primärinfektion mit dem Varizella-Zoster-Virus. Windpocken sind hochansteckend und werden aerogen oder auch seltener durch Schmierinfektion übertragen. Neben Fieber kommt es zu einem sehr charakteristischen, stark juckenden Exanthem, das am gesamten Körper auftritt, einschließlich der behaarten Kopfhaut: Es zeigen sich Papeln, die sich zu flüssigkeitsgefüllten ungekammerten Bläschen und schließlich zu verkrusteten Erosionen wandeln. Da die verschiedenen Stadien des Exanthems gleichzeitig auftreten, spricht man vom Bild des sog. „Sternenhimmels“. Bei Immunkompetenten kommt es nach ca. 5–7 Tagen zur Abheilung. Die Therapie erfolgt symptomatisch mit synthetischen Gerbstoffen und juckreizstillenden Medikamenten. Eine antivirale Therapie (z.B. mit Aciclovir) ist möglich, aber nur bei Risikogruppen mit zu erwartendem schweren Verlauf indiziert.

Schwere Verläufe betreffen insb. Neugeborene mit konnataler Varizelleninfektion, ältere und immungeschwächte Menschen. Eine Infektion in der Schwangerschaft kann zu einer vertikalen Transmission auf das Kind mit potenziell schwerwiegenden Folgen führen. (Fetales Varizellensyndrom, Neonatale Varizelleninfektion).

Windpocken treten i.d.R. nur einmal im Leben auf, da die Infektion eine Immunität zur Folge hat. Zur Prävention steht ein Lebendimpfstoff zur Verfügung, der als Standardimpfung im Alter von 11 und 15 Monaten (zusammen mit der Masern-Mumps-Röteln-Impfung) empfohlen wird. Das Virus kann jedoch nach einer Infektion oder Impfung lebenslang in den Ganglien persistieren, wodurch bei Immunschwäche eine Reaktivierung in Form eines Herpes zoster möglich ist. Bei Impfviren ist diese allerdings selten und verläuft i.d.R. mild.

  • Vorkommen: Weltweit
  • Häufigkeit
    • Vor STIKO-Impfempfehlung 2004: ca. 750.000 Infektionen pro Jahr in Deutschland
    • Aktuell in Deutschland
      • Hauptsächlich Erkrankung bei ungeimpften Kindern (ca. 90%) [1], Durchbruchvarizellen möglich
      • Ca. 350 stationäre Behandlungen von Kindern bis 15 J. pro Jahr infolge Varizellen
  • Alter: In jedem Alter möglich, Altersgipfel 1–4 J.
  • Saisonalität: Winter/Frühling

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Bereits ein kurzer Kontakt über eine Entfernung von wenigen Metern kann zur Infektion führen!

  • Inkubationszeit: Meist 2 Wochen (8–28 Tage)
  • Klinik
    • Uncharakteristische Prodromi (1–2 Tage vor Exanthembeginn, insgesamt über 3–5 Tage anhaltend)
      • Abgeschlagenheit, leichtes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen
    • Pathognomonisches Exanthem bei Windpocken
      • Primäreffloreszenz: Papeln und Vesikel auf gerötetem Grund („Tautropfen auf einem Rosenblatt“)
      • Im Verlauf Eintrüben des Blaseninhaltes und krustenschorfbedeckte Erosionen
      • Schubweiser Verlauf
      • „Sternenhimmel“ oder „Heubner-Sternenkarte“: Nebeneinander verschiedener Exanthemphasen (Papeln, Vesikel und Krusten)
      • Beginn Haargrenze, kraniokaudale Ausbreitung
      • Typischerweise Beteiligung von Gesicht, behaartem Kopf und Mundschleimhaut (Enanthem)
      • Starker Juckreiz
    • Menschen mit Immunschwäche zeigen häufig schwere, komplizierte, z.T. lebensgefährliche Verläufe

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Symptomatische Therapie

Die Hauptursache für die Entstehung einer Sekundärinfektion ist das Aufkratzen der juckenden Effloreszenzen. Die systemische Gabe von Antihistaminika sowie das Anwenden synthetischer Gerbstoffe können den Juckreiz und damit auch das Sekundärinfektionsrisiko durch Kontamination beim Kratzen deutlich reduzieren.

Bei Sekundärinfektion

Ggf. Antivirale Therapie bei Windpocken

Eine antivirale Therapie mit Aciclovir ist Patienten mit Risikofaktoren, Immunschwäche oder Komplikationen vorbehalten.

  • Indikationen
  • Aciclovir i.v.
    • Kinder und Erwachsene [1]
  • Aciclovir p.o. (bei leichteren Fällen bzw. zum Oralisieren nach Symptombesserung)
  • Alternativ: Famciclovir oder Brivudin p.o.

Salicylate sind bei einer Varizelleninfektion immer kontraindiziert, da in diesem Zusammenhang das Risiko eines Reye-Syndroms erhöht ist!

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

  • Bei immunkompetenten Patienten
    • I.d.R. komplikationsloser Verlauf und narbenloses Abheilen
    • Durch starkes Kratzen oder bakterielle Sekundärinfektionen Narbenbildung möglich
  • Bei Immunsupprimierten und Neugeborenen: Generalisierte Verläufe mit letalem Ausgang möglich
  • Komplizierte Verläufe mit schlechter Prognose immer möglich
  • Letalität
    • 0,6:100.000 Kinder
    • 31:100.000 Erwachsene

Varizellen-Impfung [3][6]

Die STIKO empfiehlt allen Kindern im Alter von 11 Monaten17 Jahren und allen seronegativen Frauen mit Kinderwunsch eine vollständige Grundimmunisierung gegen Varizellen als Standardimpfung.

Die für alle Kinder empfohlene Varizellen-Impfung erfolgt mit einem Lebendimpfstoff! Für die Herpes-zoster-Impfung stehen ein Lebend- und ein Totimpfstoff zur Verfügung, die STIKO empfiehlt als Standardimpfung ab dem Alter von 60 Jahren allerdings den Totimpfstoff!

Postexpositionsprophylaxe bei Windpocken [1][3][6]

Weitere Maßnahmen bei Kontaktpersonen [8]

  • Ausschluss aus Gemeinschaftseinrichtungen, solange das Risiko einer Weiterverbreitung besteht
    • Nicht (mehr) erforderlich bei Kontaktpersonen
      • Mit vorhandenem Impfschutz
      • Nach durchgemachter Krankheit [9]

Weitere Maßnahmen im Krankheitsfall

  • Kein Kontakt zu Neugeborenen, Schwangeren, Menschen mit fehlender Immunität oder mit Immunschwäche
  • Ausschluss aus Gemeinschaftseinrichtungen für mind. 7 Tage bzw. bis alle Effloreszenzen verkrustet sind, Wiederzulassung ohne ärztliches Attest möglich
  • Im Krankenhaus: Isolierung und Mundschutz-Handschuh-Kittel-Pflege während infektiöser Zeit

Varizelleninfektion in der Schwangerschaft

Schwangere haben im Vergleich zu nicht-schwangeren Frauen ein erhöhtes Risiko für schwere Verläufe und Komplikationen (siehe: Windpocken - Komplikationen). [3] Darüber hinaus besteht die Gefahr einer vertikalen Transmission auf das Kind (siehe: fetales Varizellen-Syndrom, neonatale Varizelleninfektion).

Diagnostik [3][10]

Therapie [10]

Prävention [10]

Vertikale Transmission [3][4]

Das Risiko einer diaplazentaren Übertragung auf das ungeborene Kind besteht i.d.R. nur bei einer Primärinfektion (Windpocken) der Schwangeren, nicht jedoch bei einer Reaktivierung (Herpes zoster)!

Die STIKO empfiehlt allen seronegativen Frauen mit Kinderwunsch eine vollständige Grundimmunisierung gegen Varizellen als Standardimpfung. Während der Schwangerschaft ist die Varizellen-Impfung jedoch kontraindiziert!

Neonatale Varizelleninfektion

Übertragung [3][4][10]

Klinisches Bild [3][4][10]

  • Bei vertikaler Übertragung: Krankheitsschwere und Prognose abhängig vom Infektionszeitpunkt der Schwangeren bzw. Mutter
  • Bei horizontaler Übertragung : Krankheitsschwere und Prognose abhängig von Nestschutz und Reife

Diagnostik [4][10]

  • Direkter Erregernachweis (PCR) im Blut und ggf. aus dem Bläscheninhalt oder Gewebe
  • Bei Hinweisen auf ZNS-Beteiligung: Direkter (PCR) und indirekter Erregernachweis (Serologie) im Liquor

Therapie [4]

Prävention [4]

Erkrankt eine Schwangere bzw. Mutter 5 Tage vor bis 2 Tage nach der Geburt an Windpocken, besteht für das Neugeborene das größte Risiko einer schwer verlaufenden Varizelleninfektion!

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2023, DIMDI.

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  1. Windpocken, Herpes zoster (Gürtelrose), RKI-Ratgeber für Ärzte. Stand: 29. August 2017. Abgerufen am: 22. März 2017.
  2. Labordiagnostik schwangerschaftsrelevanter Virusinfektionen. Stand: 1. Oktober 2021. Abgerufen am: 21. Juli 2022.
  3. Berner et al.: DGPI-Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. 7. Auflage Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) 2018, ISBN: 978-3-132-40790-9 .
  4. Berner et al.: DGPI-Handbuch: Infektionen bei Kindern und Jugendlichen. 6 . Auflage Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) 2013, ISBN: 978-3-131-44716-6 .
  5. Antiinfektiva, Leitlinien für die Therapie und Prophylaxe. Stand: 1. Juli 2009. Abgerufen am: 17. Januar 2017.
  6. Varizellen. Stand: 15. Juli 2022. Abgerufen am: 17. August 2022.
  7. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert Koch-Institut 2021 .
  8. Epidemiologisches Bulletin 02/2020. Stand: 9. Januar 2020. Abgerufen am: 27. September 2020.
  9. RKI-Ratgeber Windpocken (Varizellen), Gürtelrose (Herpes zoster). Stand: 1. August 2017. Abgerufen am: 17. September 2020.
  10. Wiese-Posselt et al.: Varicella-zoster virus seroprevalence in children and adolescents in the pre-varicella vaccine era, Germany In: BMC Infectious Diseases. Band: 17, Nummer: 1, 2017, doi: 10.1186/s12879-017-2461-2 . | Open in Read by QxMD .
  11. Mayatepek: Pädiatrie. 1. Auflage Urban & Fischer 2007, ISBN: 3-437-43560-4 .
  12. Koletzko: Pädiatrie. 13. Auflage Springer 2007, ISBN: 978-3-540-48632-9 .
  13. Höger: Kinderdermatologie. 1. Auflage Schattauer 2005, ISBN: 3-794-52221-4 .
  14. Speer, Gahr: Pädiatrie. 3. Auflage Springer 2009, ISBN: 978-3-540-69479-3 .
  15. Impfkalender (Standardimpfungen) für Säuglinge, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Stand: 23. August 2018. Abgerufen am: 30. Oktober 2018.