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Kreuztipps zum Zweiten Staatsexamen

Einleitung

Manchen Studierenden fällt das Kreuzen leichter als anderen. Da stellt sich manch einer die Frage: Was mache ich falsch? Es gibt keinen richtigen oder falschen Weg beim Lösen der Fragen! Das Ziel ist, die für dich beste Herangehensweise zu finden. Zudem gibt es wirklich ein paar Tricks und Besonderheiten der IMPP-Fragen, für die wir eure Sinne schärfen wollen.

Bei den Fragen lassen sich zwei Typen unterscheiden: Die Trifft-zu-Fragen, das sind 90% der gestellten Fragen und die Trifft-nicht-zu-Fragen, mit 10%. Letztere sind vom IMPP im Fragentext immer mit „am wenigsten“ (fett und unterstrichen) markiert. Wenn du bereits gemerkt hast, dass du diesen Hinweis im Eifer öfter überliest, erinnere dich, die Frage noch einmal genau zu lesen, sollten sich mehrere richtige Antwortmöglichkeiten ergeben. Vielleicht hat sich ein „am wenigsten“ versteckt?

Jedes Prüfungsheft enthält auch ein Vorwort, aus dem sich einige Tipps ableiten lassen. Es enthält im wesentlichen folgende Informationen:

  • „Die Aufgaben beziehen sich auf den Regelfall.“
  • „Die beste Antwort ist diejenige, die im Vergleich der fünf Antwortmöglichkeiten die Aufgabe am umfassendsten beantwortet.“

Wie hilft dir dies für die Kreuz-Praxis? Es kann passieren, dass du zwei Antwortmöglichkeiten als richtig einschätzt. Wähle in diesem Fall, diejenige, die dir als die wahrscheinlichere vorkommt. Das IMPP arbeitet mit Regelfällen! Versuche deshalb so wenig wie möglich kompliziert zu denken, aber zugegeben: bei einigen Fragen ist das manchmal schwer. Diese Fragen können nur beantwortet werden, wenn du es zufällig gelesen hast oder im Rahmen deiner Doktorarbeit darüber gestolpert bist. Lass dich davon nicht entmutigen, das geht jedem so! Andererseits besteht bei Themen, bei denen du dich vermeintlich besonders gut auskennst, die Gefahr, dass du dich in zu komplizierte Überlegungen verstrickst. Du weißt beispielsweise, dass eine bestimmte Lehrbuchmeinung (die Appendizitis beginnt mit Schmerzen im Oberbauch, die nach rechts unten wandern) in der Realität nur begrenzt zuverlässig ist. Vorsicht: Das IMPP muss nach Regelfällen fragen, sonst wäre die Antwort juristisch anfechtbar.

  • „Es handelt sich um Antwortwahlaufgaben“

Dies heißt nichts anderes, als dass du eine Lösung aus fünf vorgegebenen wählen musst. Eine Lösung vorschlagen, wäre mal was neues, ist aber noch nicht erlaubt.

Lesetechnik

Eine wichtige Fähigkeit, die im Examen geprüft wird, ist aus einer großen Menge von Informationen die wichtigsten herauszufiltern. Die Fragen und Fallbeschreibungen sind teilweise sehr lang, ohne dass sie der Lösung der Aufgabe nützlich sind. Es gibt mehrere Möglichkeiten dieser Anforderung gerecht zu werden:
Die Frage kann zum Beispiel einmal schnell gelesen werden, um einen ersten Eindruck zu bekommen und wird dann ein zweites Mal detailliert gelesen. Dies hat den Vorteil, dass du beim zweiten Lesen bereits ein Gefühl hast, in welche Richtung die Frage gehen wird und du auf die entsprechenden Details achten kannst. Diese Technik ist besonders interessant für schnell Lesende, die durch das doppelte Lesen wenig Zeit verlieren. Probier es einmal aus: Überfliege den Fragetext und lies dann die Antworten. Beim zweiten, genaueren Lesen hast du so schon ein besseres Gefühl, worauf die Frage abzielt:

Frage 1

Ein 17-jähriger asthenischer Jugendlicher klagt am Morgen nach einem Diskothekenbesuch über bereits unter Ruhebedingungen empfundene Luftnot. Er sucht seinen Hausarzt auf, der folgende Befunde erhebt: Tachypnoe unter Ruhebedingungen, keine sichtbare Zyanose von Lippen und Akren. Der rechte Thorax zieht bei der Atmung im Vergleich zu links deutlich nach. Bei der Perkussion über der rechten Lunge hypersonorer Klopfschall, ein Atemgeräusch ist nicht zu hören. Linksseitig ergibt sich ein sonorer Klopfschall, das Atemgeräusch ist vesikulär, Nebengeräusche sind nicht vorhanden.

Welche der Verdachtsdiagnosen liegt bei dem Patienten am wahrscheinlichsten vor?

A: akute rechtsseitige Pneumonie

B: Lungenembolie rechts

C: Pleuraerguss rechts

D: Pneumothorax rechts

E: stenosierender Prozess im rechten Stammbronchus

Bei längeren Fragen lohnt es sich auch, zuerst einen Blick auf die Fragestellung zu werfen. Das folgende Beispiel zeigt, dass die Informationen im Text für die Lösung nicht relevant sind:

Frage 2

Eine 42-jährige Lehrerin stellt sich in der Ambulanz vor und klagt über seit 24 Stunden bestehendes, bis 39,8 °C hohes Fieber, erhebliches Krankheitsgefühl sowie starken Husten mit beginnendem purulentem Auswurf. Schmerzen habe sie im Bereich des rechten frontalen Thorax bei tiefer Einatmung. Einige Tage vorher habe sie eine virale Infektionssymptomatik der oberen Atemwege gehabt mit Halsschmerzen, Rhinitis und trockenem Husten. Wesentliche Vor- oder Grunderkrankungen sind nicht bekannt, die Patientin hat sich im Oktober gegen Influenza impfen lassen.

Die körperliche Untersuchung zeigt einen deutlich reduzierten Allgemeinzustand, die Patientin hustet anhaltend mit purulentem Auswurf; über der Lunge frontal rechts feinblasige klingende RGs mit Angabe von Schmerzen bei tiefer Inspiration in diesem Bereich, Sauerstoffsättigung 91 %, Atemfrequenz 23/min; weitere Untersuchung bezüglich Nasennebenhöhlen, Rachen, Herz und Abdomen unauffällig, Blutdruck 125/75 mmHg, Herzfrequenz 106/min.

Im Blutbild zeigt sich eine Leukozytose von 16 000/μL mit 85 % Granulozyten und 6 % Stabkernigen im Differenzialblutbild, das CRP ist auf das 7-Fache des Referenzwertes erhöht, Kreatinin und die Leberenzyme
liegen im Referenzbereich.

Das radiologische Thoraxbild zeigt eine Infiltration in beiden Segmenten des Mittellappens.

Es wird eine Sputumprobe zur bakteriologischen Analyse mit Resistenzbestimmung abgenommen. Danach erfolgt die Einleitung einer antibiotischen Therapie, die sich zunächst gegen den häufigsten bakteriellen Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie richten soll.

Welcher ist der häufigste bakterielle Erreger ambulant erworbener Pneumonien?

A: Streptococcus pyogenes

B: Escherichia coli

C: Streptococcus pneumoniae

D: Proteus mirabilis

E: Pseudomonas aeruginosa

Mit dem Papier arbeiten

Um die Informationsflut zu bewältigen, kann es ratsam sein, beim Lesen Markierungen im Text zu machen. Zum Beispiel: Unterstreiche dir Schlüsselwörter und streiche fehlende Symptome durch. Dadurch bekommst du einen Überblick, um was für eine Konstellation von Symptomen es sich handelt. Auch bei den Antwortmöglichkeiten kannst du systematisch vorgehen und diese ein- bzw. ausschließen, bis die Auswahl eingegrenzt ist. Vor allem wenn die Lösungen lang und unübersichtlich sind, nutze ruhig den Stift, um sicher falsche Antworten von eventuell möglichen zu unterscheiden. Du könntest zum Beispiel ausgeschlossene Antworten durchstreichen und bei denkbaren Fragen den Buchstaben unterstreichen. So näherst du dich schrittweise der Lösung.

Was mache ich mit 'Falschen Freunden'?

Bei einigen Fragen wirst du feststellen, dass sich die Antwortmöglichkeiten thematisch in Gruppen einteilen lassen, beispielsweise vier Aussagen zur Therapie und eine Aussage zur Diagnostik. Diese Gruppen können bei der Erstellung der Fragen entstehen, zum Beispiel wenn nicht genügend ähnliche Antwortmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dann werden vom Autor Antworten aus einem ganz anderen Gebiet als Ergänzung und häufig als Ablenkung gewählt. Wenn Antworten eine Gruppe bilden, kann dies ein Hinweis sein, dass eine davon die Lösung ist. Manchmal ist es aber auch so, dass genau die Antwortmöglichkeit, die aus dem Schema fällt, die richtige ist. So auch in dem folgenden Beispiel, in dem vier Viren und ein Bakterium gelistet sind. Die Antworten inhaltlich in Gruppen einzuteilen, kann also helfen, sich der Lösung zu nähern, es gibt aber keine Regel und wir raten daher immer zur logischen Entscheidung:

Frage 3

Bei der serologischen Diagnostik der Borreliose kann es aufgrund von Kreuzreaktionen zu falsch positiven Befunden kommen.

Bei welcher der folgenden Infektionen ist am ehesten damit zu rechnen?

A: Lues

B: Masern

C: Mumps

D: Hepatitis A

E: Frühsommermeningoenzephalitis

Hin und wieder kommt es vor, dass sich zwei Antworten gegenseitig ausschließen. In diesem Fall ist es gut möglich, dass eine der beiden Antworten die gesuchte Lösung ist. Schaue dir das folgende Beispiel an:

Frage 4

Nach der Ersteinstellung, während der weiteren Therapie mit subkutanen Insulininjektionen, wie sie bei Anna durchgeführt wird, können verschiedene Faktoren das Ansprechen auf Insulin beeinflussen, was zu Hypo- oder Hyperglykämien führen kann.

Welche Aussage trifft diesbezüglich am ehesten zu?

A: Bei einem großen Teil der Kinder mit Typ-1-Diabetes ist bald nach Erstmanifestation und Beginn der Insulintherapie durch Gewöhnung mit gesteigertem Insulinbedarf zu rechnen.

B: Bei einem großen Teil der Kinder mit Typ-1-Diabetes ist bald nach Erstmanifestation und Beginn der Insulintherapie mit einer Remissionsphase mit vermindertem Insulinbedarf zu rechnen.

C: Bei Fieber besteht wegen des dabei erhöhten Ansprechens auf Insulin die Gefahr von Hypoglykämien.

D: Der Insulinbedarf sinkt bei länger dauernder außergewöhnlicher Muskelarbeit nur für die Zeit der Muskelanstrengung selbst und nicht darüber hinaus.

E: Von körperlicher Aktivität sollte Typ-1-Diabetikern abgeraten werden.

Gibt es Schlüsselwörter?

Ja, es gibt viele Schlüsselwörter, die das IMPP regelmäßig benutzt und die eine gute Hilfestellung bei der Lösung sind. Achte auf folgende Hinweise:

  • Absolute Aussagen wie „immer“, „nur“, „nie“ und „ausschließlich“ sind i.d.R. falsch.

Hier eine Beispielfrage:

Frage 5

Eine 47-jährige Patientin (168 cm, 70 kg) soll laparoskopisch cholezystektomiert werden. (weiterer Text gekürzt)
Welche der folgenden Aussagen zu den Maßnahmen des anästhesiologischen Assistenzarztes trifft am wenigsten zu?

A: Die Verabreichung eines Muskelrelaxans bei schwieriger Maskenbeatmung ist immer indiziert.

B: Der Assistenzarzt hätte bei Maskenbeatmungsproblemen frühzeitig Hilfe herbeiholen müssen.

C: Die Kopflagerung der Patientin hätte verbessert werden müssen, um die Beatmung zu optimieren.

D: Zur Verbesserung der Maskenbeatmung wäre das Einlegen eines Guedel-Tubus sinnvoll gewesen.

E: Bei einem Spitzenbeatmungsdruck von 35 cmH2O wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Luft in den Magen gelangen.

  • Allgemeine Formulierungen dienen der Absicherung und können schon eher korrekt sein: „in der Regel“, „kann“, „ist empfehlenswert“ und „üblicherweise“:

Frage 6

Ein 44-jähriger Mann besucht die urologische Sprechstunde auf Veranlassung seiner Hausärztin. Er schildert schmerzhafte Beschwerden im Beckenbodenbereich von ziehendem, teils stechendem Charakter, häufige Schmerzen beim Stuhlgang, vermehrtes, auch nächtliches Wasserlassen und Missempfindungen beim Samenerguss. Diese Beschwerden bestünden seit 8−9 Monaten. Die Hausärztin hatte wiederholt mit Antiphlogistika und krampflösenden Mitteln behandelt, ohne dass eine Besserung eingetreten wäre. Der Mann ist von Beruf Lehrer, hat zwei Kinder und ist seit 6 Monaten geschieden. Die CRP-Konzentration im Serum ist erhöht.

Es handelt sich am wahrscheinlichsten um

A: eine psychosomatische Belastungsstörung, sodass zunächst Entspannungstherapien notwendig sind

B: eine Prostatitis, sodass zunächst eine Diagnostik mittels Vier-Gläser-Probe empfehlenswert ist

C: ein Prostatakarzinom, sodass zunächst Stanzbiopsate entnommen werden sollten

D: eine ausgeprägte Somatisierungsstörung infolge eines Beziehungskonfliktes, sodass zunächst eine psychotherapeutische Intervention erforderlich ist

E: eine Sigmadivertikulitis, sodass zunächst eine Koloskopie erforderlich ist

Die richtige Lösung ist in diesem Fall B. Die Aussage „empfehlenswert“ steht den Aussagen „ist erforderlich“, „ist notwendig“ und „sollte“ gegenüber. Solche Eingrenzungen sind selbstverständlich nur ein Hinweis auf den geachtet werden kann. Insbesondere wenn du die Lösung nicht weißt, kannst du so deine Ratequote verbessern.

  • Überdeterminierung: Sehr differenzierte Formulierungen, um nicht anfechtbar zu sein:

Frage 7

An einem Abend im November ist der 6 Monate alte Säugling Sven derart unruhig, dass ihn die Eltern in ihr Ehebett holen. Am nächsten Morgen gegen 7.00 Uhr finden sie den Säugling leblos im elterlichen Bett vor, das schon winterlich mit weichem, dickem Bettzeug ausgestattet ist.
(Fragestellung gekürzt)
Sogleich nach der von ihm durchgeführten äußeren Leichenschau bescheinigt der Kinderarzt in der Todesbescheinigung (Leichenschauschein) einen natürlichen Tod.

Welche der folgenden Aussagen − jeweils Bewertung mit Begründung − zu dieser Qualifikation der Todesart trifft am ehesten zu?

Die Todesartqualifikation „natürlicher Tod“ ist in der vorliegenden Situation

A: einwandfrei und sicher, weil sie nicht vom Notarzt stammt, der keine Kenntnisse über Svens gesundheitliche Vorgeschichte hat, sondern durch den Kinderarzt der Familie erfolgt, der mit der Entwicklung des Säuglings vertraut ist

B: falsch, weil hier ein „Erdrücken im Schlaf durch den adipösen Stiefvater“ praktisch erwiesen ist: typischer Fall sog. unabsichtlichen „Überliegens“

C: folgerichtig und unbedenklich, weil es sich hier um einen Fall von Plötzlichem Kindstod, und zwar von SIDS im engeren Sinne, handeln muss

D: unumgänglich, weil sich bei der geschilderten Leichenschau kein verwertbarer Hinweis auf eine todesursächliche mechanisch-traumatische Gewalteinwirkung gefunden hat

E: zweifelhaft, weil hier ein sehr spurenarmer „Tod aus äußerer Ursache“ möglich ist

Dieses Beispiel zeigt, dass vier Lösungen sehr differenziert formuliert wurden, damit sie nicht anfechtbar sind. Antwort E, welche weniger differenziert formuliert wurde, ist die richtige Lösung.

  • Auch in Bezug auf Symptome gibt es regelmäßig abgefragte Schlüsselwörter (in AMBOSS sind das i.d.R. die gelb unterlegten Wörter in den Fragen). Es handelt sich entweder um eine sehr typische Präsentation einer Krankheit oder um sogenannte 'Redflags', die als Arzt nicht übersehen werden sollten.

Frage 8

Eine 73-jährige Patientin mit einer schlecht eingestellten langjährigen arteriellen Hypertonie verspürt plötzlich heftige bis in das Abdomen ausstrahlende Schmerzen im Rücken. Der EKG-Befund 2 Stunden später bei Klinikaufnahme ist unauffällig, die Herzauskultation ohne Besonderheiten, CK-Aktivität und Troponin I sind im Normbereich. Zwei Stunden nach der Aufnahme verstirbt die Patientin plötzlich.

Welches Krankheitsbild hat am ehesten vorgelegen?

A: akuter Myokardinfarkt

B: Papillarmuskelabriss

C: Ventrikelseptumruptur

D: dissezierendes Aortenaneurysma

E: ventrikuläre Tachykardie mit Degeneration im Kammerflimmern

Als Assistenzarzt in der Notaufnahme wäre ein NSTEMI die häufigste Diagnose und auch bei negativem Troponin nach 2 Stunden noch denkbar. Aber die Art, wie die Symptome beschrieben werden: „plötzlich heftige bis in das Abdomen ausstrahlende Schmerzen im Rücken“ entspricht der Lehrbuchbeschreibung der Klinik einer Aortendissektion und soll daher auf diese Erkrankung herleiten. Eine Diagnose, die nicht verpasst werden darf. Zudem erlauben die anderen Antwortmöglichkeiten keine Trennschärfe, da sie alle im Zusammenhang mit einem Myokardinfarkt stehen.

Weitere typische Konstellationen sind zum Beispiel:

Solche Konstellationen sind natürlich nicht 100 % zuverlässig, werden aber immer wieder gefragt. Auch epidemiologische und berufliche Aspekte werden häufig stilisiert dargestellt:

  • Patient aus Osteuropa, Indien, Kasachstan, Russland – Ganzkörperschmerz → Tuberkulose

  • Aufenthalt in Kenia → Malaria

  • Junge Handwerker sind laut IMPP dem Alkohol durchaus zugetan

  • Arbeiter mit Metallkontakt und Obstipation/Darmkoliken → Bleibelastung

Dadurch, dass manche dieser Darstellungen so stereotyp sind, hat man als Lernender konkrete Bilder vor Augen. Das ist übrigens generell ein gutes Prinzip, was Gedächtniskünstler ganz systematisch anwenden, um bspw. ganze Telefonbücher auswendig zu lernen. Für schwierige, nicht-bildlich erfassbare Zusammenhänge kannst du auch gezielt auf Eselsbrücken zurückgreifen. In der Prüfungssituation sind diese leichter abzurufen als die gesamte Herleitung. Ein Beispiel ist „No pot, no tea“ als Sprichwort für die EKG-Veränderungen der T-Welle bei Kaliumveränderungen. Das heißt: Hypokaliämien („No potassium“) zeigen sich durch eine Abflachung der T-Welle („No T“). Eine Hyperkaliämie kann dagegen mit einem spitzgipfligen T einhergehen. In der Aufregung können solche Sachverhalte ohne Eselbrücke leicht durcheinander gebracht werden. Solche Konstellationen gibt es bei Faktenwissen öfter, z.B. „War der pANCA- oder der cANCA-Antikörper bei der Granulomatose mit Polyangiitis erhöht? Sind Nüchternschmerzen und eine Linderung nach Nahrungsaufnahme typisch für das Ulcus ventriculi oder duodeni?“. Mit einem Merkspruch oder einer Eselsbrücke kann es nicht schief gehen!

Wie teile ich mir die Zeit am besten ein?

Du hast für jede Frage etwas mehr als zweieinhalb Minuten – das ist eine lange Zeit. Wenn du die Examen im Prüfungsmodus durchkreuzt, bekommst du ein Gefühl dafür. Manchen hilft es, sich für die Prüfungstage gewisse Zeitlimits zu setzen, bspw. nach 1,5 h alle Einzelfragen des Tages beantwortet zu haben.

Auch das Übertragen ist wichtig für die Zeiteinteilung. Jeder hat für sich im Medizinstudium und in den zahlreichen Multiple-Choice-Klausuren eine Strategie entwickelt, wie Antworten korrekt und sorgfältig auf den Antwortbogen übertragen werden. Bei unserer Arbeit an den Examina haben sich drei Prinzipien herauskristallisiert:

  • A: Sofortiges Übertragen der Antwort
    • Vorteile: kein Verrutschen in den Zeilen und somit keine Übertragungsfehler. Fragen, die nicht sicher beantwortet werden können, werden trotzdem gleich übertragen (ggf. später nochmal bearbeitet), sodass immerhin eine 20%-ige Chance besteht, dass diese Antwort richtig ist.
  • B: Die Antworten werden in 10er- oder 20er-Paketen übertragen bzw. nach einem kompletten Fall.
    • Vorteile: wie A, zusätzlich kurze Verschnaufpause für das Gehirn beim Übertragen
  • C: Die Antworten werden am Ende komplett übertragen.
    • Vorteile: kein Radieren falscher Antworten. Du kontrollierst bewusst alle Fragen noch einmal, bevor du sie final auf den Antwortbogen überträgst.
    • Nachteile: Wenn du in Zeitnot gerätst und noch übertragen musst, kann es sehr stressig werden. Solltest du es nicht mehr schaffen, alles zu übertragen, gehen diese Punkte verloren. Zudem besteht die Gefahr, dass du in der Zeile verrutschst und damit ganze Antwortreihen falsch werden (obwohl du eigentlich die Lösung wusstest), sodass wir von dieser Variante eher abraten.

Gegen Ende eines jeden Prüfungstages solltest du Verbesserungen nur noch vornehmen, wenn du einen offensichtlichen Fehler findest. Alles andere sind häufig „Verschlimmbesserungen“: Beim ersten Lösen warst du noch voll konzentriert und bist deiner meist richtigen Intuition gefolgt. Wenn du dich der gleichen Frage später ein zweites Mal annimmst, merkst du gar nicht, wie sehr die Konzentration über die Zeit schon abgenommen hat und veränderst die Lösung in eine falsche Richtung.

Was hat es mit den Fallfragen auf sich?

An jedem Examenstag werden auch Fälle vorgestellt, denen Fragen zugeordnet sind. Der Falltext umfasst manchmal mehrere Seiten und es werden im Schnitt 15 Fragen pro Fall gestellt. Generell gilt für die Fallfragen, dass sie sich immer chronologisch auf den Fall beziehen. Dies kann sehr hilfreich sein, um die entsprechende Passage im Text zu finden.
Wichtig ist: Etwa 50% der Fallfragen sind Einzelfragen, die sich unabhängig von den Details des Falles beantworten lassen. Daher ergeben sich zwei Strategien, wie die Fälle bearbeitet werden können:

  • Methode A: Fall komplett lesen und dann Fragen beantworten – mit erneutem Rückgriff auf den Falltext
  • Methode B: Erst die Fragen lesen und beantworten soweit es geht – dann nur noch nicht gelöste Fragen mit Rückgriff auf den Falltext lösen

Dabei gilt abzuwägen:

  • Methode A: Dauert länger, erfordert einen höheren Konzentrationspegel über einen längeren Zeitraum, erscheint aber gründlicher.
  • Methode B: Ist mutiger, du kannst viele Fragen schnell lösen. Eventuell fehlt aber der Zusammenhang aus dem Fall. Kann richtig angewendet eine Zeitersparnis sein.

Probiere in den nächsten Tagen gezielt beide Methoden aus, um zu schauen, welche dir besser liegt. Bei Methode B solltest du gezielt auf Hinweiswörter achten, die anzeigen, dass sich die Frage auf den Fall bezieht. Schaue dir zum Beispiel folgende Frage an:

Frage 9

Welche Präventionsmaßnahme zur Verhinderung einer Progression der koronaren Herzkrankheit sollte bei Frau U. am dringlichsten durchgeführt werden?

A: Einstellen des Rauchens

B: Senkung des Homozysteinspiegels

C: Reduzierung des Alkoholkonsums

D: optimale Einstellung des Diabetes mellitus

E: Umstellung auf kalziumreiche Ernährung

Rauchen ist der wichtigste kardiovaskuläre Risikofaktor. Die richtige Lösung ist hier jedoch die optimale Einstellung des Diabetes mellitus. Beim genauen Lesen des Falles zeigt sich: die Patientin ist Nicht-Raucherin. Der Hinweis wird in der Frage gegeben: „bei Frau U“. Achte also darauf, ob die Fallfragen allgemeine Fragen sind oder sich auf den Fall beziehen. Dies ist natürlich eine Spitzfindigkeit, die zum Glück nur sehr selten vorkommt. Übrigens wurde diese Frage auch von vielen falsch gekreuzt, die den Fall zuerst durchgelesen haben. Deshalb achte auf Hinweiswörter in der Fragestellung.

Fallprognosen?

Es gibt regelmäßig Prognosen zu den eventuell geprüften Fällen. Nach unserer Erfahrung ist dies immer weniger zutreffend und in letzter Zeit wurden auch Fälle um sehr spezielle Krankheitsbilder konstruiert. Bedenke aber: jeder Fall enthält auch viele allgemeine Fragen, die sich nicht auf das Krankheitsbild beziehen und dementsprechend gut zu beantworten sind. Genauso kann ein augenscheinlich „einfacher“ Fall schwierige Fragen mit sich bringen. Vielleicht hast du nach dem Kreuzen eines Falles das Gefühl, dass du die Fragen dazu nicht so lösen konntest, wie du es wolltest. Hier hilft es, sich vor Augen zu führen, dass du fernab des Falles viele der Einzelfragen wahrscheinlich richtig beantwortet hast! Innerhalb eines Falles verstecken sich häufig Fragen zu den wichtigsten Themen wie Diabetes mellitus, KHK und arterielle Hypertonie, denn ein Patient mit einer seltenen Erkrankung braucht vielleicht trotzdem ein weiteres Antihypertensivum. Daher unsere Empfehlung: Konzentriere dich auf die wichtigsten Erkrankungsbilder (Kapitel mit dem höchsten IMPPact). Damit wirst du am sichersten Punkte machen können!

Abschließendes

Du hast bestimmt während des 100-Tage-Lernplans gemerkt, dass du ein Bauchgefühl für die richtige Antwort entwickelst, je mehr Fragen du kreuzt. Versuche in den letzten Vorbereitungstagen auf dein Bauchgefühl zu hören und dieses etwas zu trainieren.

Während der Lernphase hast du immer ein sofortiges Feedback bekommen, ob du eine Frage richtig oder falsch beantwortet hast. Simuliere in den letzten Tagen die Prüfungssituation und prüfe erst nach dem Kreuzen deine Antworten. Hierfür stehen dir die Generalprobe und der Prüfungsmodus in AMBOSS zur Verfügung.

Traue deiner ersten Eingebung: Versuche jede Frage zu beantworten oder markiere dir zumindest deine erste Eingebung, bevor du die Frage zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal bearbeitest – oft ist der erste Gedanke der richtige! Selbst wenn du eine Lösung nicht weißt. Entscheide dich vorerst für deinen „Favoriten“ und mache mit der nächsten Frage weiter. Kehre später zu der Frage zurück, wenn du am Ende noch Zeit übrig hast. Das ist effektiver und bringt dich nicht in Zeitnot!

Letzte Worte zu den Kreuztipps

  • Nicht einschüchtern lassen – keiner kann alles wissen!
  • Lies die Fragestellung genau durch!
  • Logisch denken!
  • Klinisch denken!
  • Häufiges beachten!
  • Richtige Lösungen können häufig mit Basiswissen hergeleitet werden!

Wir hoffen, dass dir diese Tipps bei der Vorbereitung helfen!

Wenn du aufgeregt bist, ist das ganz normal. Bedenke, dass die Vorbereitung der Schlüssel zum Erfolg ist. In der Prüfung wirst du auf alles zurückgreifen, was du in den letzten Jahren deines Studiums gelernt hast. Nicht nervös sein. Der Grundstein ist gelegt!

Am Tag vor der Prüfung empfehlen wir nichts mehr zu lernen. Du hast es dir verdient auszuspannen und kannst dir ruhig eine Auszeit gönnen! Ausgeschlafen wirst du wesentlich fokussierter am Prüfungstag arbeiten können.