Zusammenfassung
Halsschmerzen sind ein weitverbreitetes Symptom und ein häufiger Beratungsanlass in der hausärztlichen Praxis. In den meisten Fällen treten Halsschmerzen akut auf und sind infektiös bedingt. Bestehen Halsschmerzen länger als 14 Tage, werden sie als chronisch bezeichnet und nicht-infektiöse Ursachen werden wahrscheinlicher. Eine Vielzahl von Ursachen kommt dann in Betracht, insb. Medikamentennebenwirkungen, lokale Reizungen oder internistische Erkrankungen. Wichtig ist der Ausschluss einer malignen Erkrankung, v.a. bei Risikofaktoren und/oder einer einseitigen Schwellung. In den meisten Fällen akuter Halsschmerzen ist eine symptomatische Therapie ausreichend.
Klassifikation
- Akute Halsschmerzen: ≤14 Tage
- Chronische Halsschmerzen: >14 Tage
Die Abgrenzung chronischer von akuten Halsschmerzen ist wichtig, da sich die Ätiologie und damit die erforderlichen weiteren Maßnahmen deutlich unterscheiden!
Epidemiologie
- Weitverbreitetes Symptom in der Bevölkerung [1]
- Ca. 3% aller hausärztlichen Konsultationen aufgrund von Hals-/Rachenbeschwerden [2]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
Infektiöse Halsschmerzen
- Viral (50–80%): Häufigste Ursache von Halsschmerzen insgesamt
- Oft im Rahmen einer akuten unkomplizierten Atemwegsinfektion
- Selten: Erreger mit spezifischem Krankheitsbild
- Influenzavirus: Influenza
- HSV: Stomatitis aphthosa, Herpes-Pharyngitis, Herpes-Gingivitis
- EBV: Infektiöse Mononukleose
- HIV: Akute HIV-Infektion
- Bakteriell (20–30%)
- Streptococcus pyogenes : Häufigster bakterieller Erreger der akuten Tonsillopharyngitis [3]
- Streptokokken der Gruppen C und G
- Andere Bakterienspezies nur in Einzelfällen
- Für Details inkl. Sonderformen siehe auch: Ätiologie der akuten bakteriellen Tonsillopharyngitis
Die meisten Fälle akuter Halsschmerzen treten im Rahmen unspezifischer selbstlimitierender Virusinfekte auf!
Nicht-Infektiöse Halsschmerzen [2][4]
- Lokale Reizung
- Rauchen, inkl. Passivrauchen
- Nasenatmungsbehinderung
- Schnarchen/OSAS
- Stimmbelastung
- Z.n. Intubation/Larynxmaske
- Festsitzende Fremdkörper
- Medikamente
- Umweltfaktoren
- Luftverschmutzung
- Lufttemperatur und -feuchtigkeit
- Berufliche Schadstoffe: Bspw. Lösungsmittel, Farbstoffe, Füllstoffe
- Maligne Erkrankungen
- Oropharynxkarzinom
- Parapharyngeale Tumoren
- Weitere Erkrankungen
Nicht-infektiologische Ursachen sollten v.a. bei chronischen Halsschmerzen in Betracht gezogen werden!
Diagnostik
Basisdiagnostik
- Primäre Ziele
- Ausschluss von Red Flags, siehe
- Identifizierung von Personen, die von Antibiotikagabe profitieren
- Identifizierung von Personen, bei denen weitere Diagnostik benötigt wird
- Vorgehen
- Anamnese
- Beginn und zeitlicher Verlauf
- Ein- vs. beidseitig
- Begleitsymptome
- Husten, Schnupfen
- Fieber
- B-Symptomatik
- Operationen
- Bei länger bestehenden Halsschmerzen
- (Berufliche) Stimmbelastung
- Rauchen
- Nasenatmungsbehinderung/Schnarchen
- Medikamente
- Körperliche Untersuchung
- Racheninspektion
- Palpation der zervikalen Lymphknoten
- Körpertemperatur
- Ggf. Palpation der Schilddrüse
- Bei akuten Halsschmerzen ggf. Anwendung klinischer Scores zur Differenzierung einer Tonsillopharyngitis
- Anamnese
Red Flags bei Halsschmerzen
Red Flags bei akuten Halsschmerzen
- Atemwegsbeeinträchtigung
- Schlechter Allgemeinzustand, Exsikkose
- Hinweise auf anderen Infektfokus
- Hinweise auf Diphtherie
- Hinweise auf lokale Abszedierung (v.a. Peritonsillar-, Parapharyngeal- oder Retropharyngealabszesss)
- Schwere Immunsuppression
- Erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines akuten rheumatischen Fiebers
- Schwere Begleiterkrankungen
Red Flags bei chronischen Halsschmerzen
- Hinweise auf Malignom
- Unilaterale Tonsillen-Vergrößerung , evtl. schnell größenprogredient [5]
- Schmerzlose zervikale Lymphknotenschwellung
- Vorhandensein von Risikofaktoren (Rauchen, Alkoholkonsum), B-Symptomatik
- Schwere Immunsuppression
- Hinweise auf lokale Abszedierung (vor allem Peritonsillar-, Parapharyngeal- oder Retropharyngealabszesss)
- Schwere Begleiterkrankungen
Weiterführende Diagnostik
Indikationen
- Akute Halsschmerzen
- Red Flags bei akuten Halsschmerzen
- „Untypische“ akute Halsschmerzen
- Beschwerdepersistenz nach Antibiotikatherapie bei V.a. bakterielle Tonsillopharyngitis
- Chronische Halsschmerzen
- Red Flags bei chronischen Halsschmerzen
- Unklare, persistierende Symptomatik
Verfahren
- Labordiagnostik
- Bei Hinweisen auf chronische Infektionen oder Abszesse: Blutbild, Entzündungswerte
- Bei Beschwerdepersistenz nach Antibiotikatherapie: Ggf. Rachenabstrich mit Resistogramm
- Bei V.a. spezifische Infektion: Serologie (EBV, HIV)
- Sonografie
- Bei unklarer Situation immer sinnvoll
- Speziellere Indikationen
- Druckschmerzhafte Raumforderungen, anhaltendes Fieber → V.a. Abszedierung
- Lang anhaltende Beschwerden, Risikofaktoren → Malignomverdacht
- Druckschmerzhafte Schilddrüse → V.a. Thyreoiditis: Schilddrüsen-Sonografie
- HNO-ärztliche Untersuchung
- Bei anhaltenden oder wiederkehrenden Beschwerden: Überweisung [6]
- Ziel: Ausschluss Malignom, Abszedierung, Abklärung seltener Ursachen
Streptokokken-Schnelltests können bei Kindern zwischen 3 und 15 Jahren und McIsaac-Score ≥3 eingesetzt werden. Für Erwachsene werden sie nicht empfohlen!
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnostik bei akuten Halsschmerzen
Die mit Abstand häufigste Ursache akuter Halsschmerzen sind virale Infektionen!
| Wichtige Differenzialdiagnosen bei akuten Halsschmerzen | |||
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| Lokalbefund | Klinische Besonderheiten | Erreger/Ätiologie | |
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| Akute Tonsillitis („Angina tonsillaris“) |
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| Akute Tonsillopharyngitis |
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| Seitenstrangangina |
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| Scharlach |
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| Angina durch infektiöse Mononukleose |
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| Angina agranulocytotica |
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| Epiglottitis |
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| Kawasaki-Syndrom |
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Bei ungewöhnlichen Lokalbefunden sollte immer auch an die Möglichkeit eines Malignoms gedacht werden!
Differenzialdiagnostik bei chronischen Halsschmerzen
Über 14 Tage anhaltende Halsschmerzen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht infektiös bedingt! Siehe auch: Ätiologie nicht-infektiöser Halsschmerzen
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
Allgemeines
- Immer Beratung und ggf. symptomatische Therapie
Symptomatische Therapie von Halsschmerzen
- Allgemein
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Körperliche Schonung (ggf. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung)
- Rauchverzicht
- Siehe auch: Therapieoptionen bei Atemwegsinfektionen
- Lokale Analgesie: Lutschtabletten (ggf. mit Lokalanästhetika und/oder NSAR)
- Systemische Analgesie
-
Paracetamol
- Kinder ≥1 Monat und ≥3 kgKG (p.o. oder supp.)
- Erwachsene (und Kinder und Jugendliche ≥12 Jahre und ≥43 kgKG)
-
Ibuprofen
- Kinder ≥3 Monate (p.o. ≥5 kgKG oder supp. ≥6 kgKG)
- Erwachsene
-
Paracetamol
- Anwendung von Phytotherapeutika, bspw. Salbei oder Thymian
- Abschwellendes Nasenspray bzw. Nasentropfen bei verlegter Nasenatmung
Spezifische Therapie
- Bei hoher Wahrscheinlichkeit einer bakteriellen Genese ggf. Antibiotikatherapie
- Indikation kritisch stellen: I.d.R. günstiger Spontanverlauf unabhängig vom Nachweis von GAS
- Für Details siehe: Antibiotikatherapie bei Streptokokken-Tonsillopharyngitis
- Ansonsten je nach vermuteter Ursache
Eine Antibiotikagabe ist auch bei vermuteter bakterieller Genese meist nicht nötig!
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- R07.0: Halsschmerzen
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.