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Unterschenkel

Abstract

Der Unterschenkel besteht aus den zwei Röhrenknochen Tibia und Fibula. Nach proximal schließt sich an den Unterschenkel das Kniegelenk an, nach distal das Sprunggelenk; beide sind wichtig für den aufrechten Gang. Die Flexoren des Unterschenkels bilden die prominente Muskulatur der Wade und müssen beim Gehen die volle Last des Körpergewichts anheben. Die stärkste Sehne des Körpers, die sogenannte "Achillessehne", ist bei dieser Bewegung zuständig für die nötige Kraftübertragung.

Am Unterschenkel verlaufen eng benachbart in Logen oder Kompartimenten Muskeln, Gefäße und die zwei großen Nerven des Unterschenkels, Nervus tibialis und Nervus fibularis. Eine Läsion der genannten Nerven führt bei den Betroffenen oft zu charakteristischen Gangstörungen.

Dieses Kapitel bespricht die Anatomie der Knochen, Gelenke und Muskeln des Unterschenkels und gibt einen Überblick über seine Gefäß- und Nervenversorgung.

Knochen

Der knöcherne Unterschenkel besteht aus zwei Röhrenknochen : Der medialseitigen Tibia (= Schienbein) und der lateralseitigen Fibula (= Wadenbein).

Tibia (= Schienbein)

Fibula (= Wadenbein)

Malleolus medialis der Tibia und Malleolus lateralis der Fibula bilden zusammen die Malleolengabel, sie umfasst den Talus und bildet mit diesem das obere Sprunggelenk!

Bänder und Gelenke

Der Unterschenkel artikuliert proximal über das Kniegelenk mit dem Femur und distal über das obere Sprunggelenk mit dem Talus (= Sprungbein). Die zwei Unterschenkelknochen selbst sind relativ starr verbunden über das proximale Tibiofibulargelenk sowie über zwei Syndesmosen (Membrana interossea cruris und Syndesmosis tibiofibularis).

Kniegelenk

Im Kniegelenk kommunizieren distales Femur und das Tibiaplateau miteinander. Dieses Gelenk wird unter „Oberschenkel und Knie“ besprochen.

Tibiofibulare Verbindungen

Tibia und Fibula haben jeweils an ihrem proximalen und distalen Ende direkten Kontakt miteinander über gelenkähnliche Strukturen und sind zusätzlich auf der gesamten Schaftlänge indirekt über die Membrana interossea cruris miteinander verbunden. Die Verbindungen lassen sich von proximal nach distal in folgende Strukturen gliedern: Articulatio tibiofibularis, Membrana interossea cruris und Syndesmosis tibiofibularis.

Articulatio tibiofibularis

Membrana interossea cruris

Syndesmosis tibiofibularis

Weber-Frakturen
Frakturen des Malleolus lateralis der Fibula werden als Weber-Frakturen bezeichnet. Für die genaue Einteilung spielen die Syndesmosebänder eine entscheidende Rolle: Je nachdem, ob die Fibula unterhalb, auf Höhe oder oberhalb der Syndesmosebänder gebrochen ist, wird sie als Weber-A-, Weber-B- oder Weber-C-Fraktur klassifiziert . Hier gilt: Bei Weber-A-Frakturen bleibt die Syndesmose immer intakt, während sie bei Weber-B-Frakturen intakt oder gerissen sein kann . Bei Weber-C-Frakturen ist die Syndesmose immer gerissen. Der Zustand der Syndesmose ist entscheidend für die Stabilität der Fraktur.

Sprunggelenke

Die Malleolengabel des Unterschenkels artikuliert mit dem Talus im oberen Sprunggelenk. Es bildet mit dem unteren Sprunggelenk eine funktionelle Einheit. Beide Gelenke werden unter „Fuß und Sprunggelenke“ besprochen.

Muskeln

Kompartimente und Muskellogen des Unterschenkels

Der muskuläre Unterschenkel wird durch die Membrana interossea cruris, die Septa intermuscularia cruris anterior et posterior und die Fascia cruris in drei Kompartimente aufgeteilt, die wiederum in insgesamt vier Muskellogen unterteilt werden:

Kompartmentsyndrom
Die Unterschenkelkompartimente sind allseitig begrenzte, tunnelartige Räume. In ihnen verlaufen die entsprechenden Muskelgruppen, aber auch die zugehörigen Gefäß-Nerven-Bündel. Kommt es aufgrund von Überbeanspruchung, Ischämie oder Fraktur und resultierendem Ödem oder Blutung zur Volumenzunahme im Kompartiment, können Nerven komprimiert und im schlimmsten Fall irreversibel geschädigt werden. Wenn die Extensorenloge betroffen ist, entsteht das Tibialis-anterior-Syndrom: Leitsymptome sind akuter Ausfall der Zehenhebung und fehlende Sensibilität im 1. Zehenzwischenraum. Therapeutisch wird in einer Notfall-Operation das betroffene Kompartiment "gespalten", indem die einengende Fascia cruris eröffnet und somit der betroffene Nerv entlastet wird.

Extensoren des Unterschenkels

Die Muskeln der Extensoren (Strecker) sind in der Tabelle von tibial nach fibular angeordnet. Gleichzeitig entspricht diese Reihenfolge auch der Muskelanordnung von ventral nach dorsal.

Name Ursprung Ansatz Funktion Innervation
Hilfsstrukturen der Muskeln Besonderheiten
M. tibialis anterior -
M. extensor digitorum longus -
M. fibularis tertius
M. extensor hallucis longus
  • Kennmuskel von Segment L5
Abkürzungen: Dig. = Digitus, Digg. = Digiti, OSG = oberes Sprunggelenk, USG = unteres Sprunggelenk

Fibularisgruppe

Die Muskeln der Fibularis- oder Wadenbeingruppe sind in der Tabelle von ventral (oberflächlich) nach dorsal (tief) angeordnet.

Name Ursprung Ansatz Funktion Innervation Hilfsstrukturen der Muskeln Besonderheiten
M. fibularis longus
  • Fibula
    • Caput
    • Facies lateralis
  • Septa intermuscularia
  • OSG: Plantarflexion
  • USG: Pronation (=Eversion)
M. fibularis brevis
  • Fibula: Facies lateralis
  • Septa intermuscularia
-
Abkürzungen: OSG = oberes Sprunggelenk, USG = unteres Sprunggelenk

Der N. fibularis superficialis versorgt die gesamte Fibularisgruppe, der N. fibularis profundus hingegen alle Extensoren!

Oberflächliche Flexoren des Unterschenkels

Die oberflächlichen Flexoren (oder Beuger) bestehen aus zwei Muskeln: dem M. triceps surae sowie dem M. plantaris. Funktionelle Bedeutung besitzt jedoch nur der M. triceps surae, sein Muskelbauch bildet Gestalt und Umfang der Wade ("surae" von lat. sura = Wade). Er besteht aus den zwei Teilmuskeln Musculus gastrocnemius und Musculus soleus, die zwar getrennte Ursprünge, aber eine gemeinsame Endsehne haben (Achillessehne).

Name Ursprung Ansatz Funktion Innervation Besonderheiten
M. triceps surae

M. gastrocnemius

  • Caput mediale: Medialer Femurkondylus
  • Caput laterale: Lateraler Femurkondylus

M. soleus

M. plantaris
  • Fehlend bei ca. 5% der Menschen → Ohne funktionelle Konsequenz
  • Lange Sehne → Eignung für Sehnentransplantate
Abkürzungen: OSG = oberes Sprunggelenk, USG = unteres Sprunggelenk, US = Unterschenkel

Der Musculus gastrocnemius wirkt auf Knie- und Sprunggelenke, während der Musculus soleus nur die Sprunggelenke beeinflusst!

Achillessehnenruptur
Die Ansatzsehne des M. triceps surae am Calcaneus wird "Achillessehne" genannt. Sie kann entweder aus degenerativer Ursache oder durch ein Trauma - manchmal sogar knallend hörbar - reißen. Bei einer kompletten Ruptur wird die Dominanz des M. triceps surae am Sprunggelenk deutlich: Das Gehen auf ebenem Grund ist stark beeinträchtigt und Treppensteigen oder Bergaufgehen kaum noch möglich. Therapeutisch wird die Ruptur meist operativ durch Sehnennaht, oder seltener auch konservativ mittels Unterschenkelgips in Spitzfußstellung versorgt.

Tiefe Flexoren des Unterschenkels

Die Gruppe der tiefen Flexoren (Beuger) liegt ventral des M. triceps surae und besteht aus drei Muskeln. Alle tiefen Flexoren wirken auf die Sprunggelenke, wobei der M. flexor digitorum longus und M. flexor hallucis longus zusätzlich noch Zehenbeuger sind. Die Muskeln sind in der Tabelle von tibial nach fibular angeordnet. Die tiefen Flexoren bilden als topographische Besonderheit zwei Sehnenkreuzungen: das Chiasma crurale am Unterschenkel und das Chiasma plantare an der Fußsohle.

Name Ursprung Ansatz Funktion Innervation Hilfsstrukturen der Muskeln Besonderheiten
M. flexor digitorum longus
  • Phalanges distales Digg. II-V
M. tibialis posterior

Von medial nach lateral:

  • OSG: Plantarflexion
  • USG: Supination (=Inversion)
M. flexor hallucis longus
  • OSG: Plantarflexion
  • USG: Supination (=Inversion)
  • Dig. I: Flexion der Großzehengelenke
Abkürzungen: Dig. = Digitus, Digg. = Digiti, OSG = oberes Sprunggelenk, USG = unteres Sprunggelenk

Alle Flexoren des Unterschenkels werden vom N. tibialis versorgt!

Gefäßversorgung und Innervation

Dieser Abschnitt gibt einen Überblick über Gefäßversorgung und Innervation des Unterschenkels. Für genauere Informationen zu den beteiligten Gefäßen und Nerven siehe auch: Leitungsbahnen der unteren Extremität.

Gefäßversorgung
Arteriell
Venös Oberflächlich
Tief
Innervation
Motorisch
Sensibel

Bei Verdacht auf Nervenerkrankungen ist der N. suralis der am besten geeignete Nerv für eine Probeentnahme für weitergehende histologische Diagnostik. Er eignet sich besonders gut, da er hinter dem Malleolus lateralis direkt unter der Haut liegt und als rein sensibler Nerv keine Bedeutung für die Motorik hat.

Varize
Unter einer Varize versteht man die sackförmige Erweiterung einer Hautvene ("Krampfader"), die in den oberflächlichen Venen der unteren Extremität im Alter häufig anzutreffen ist. Mögliche Ursachen sind Venenklappeninsuffizienz oder eine Abflussbehinderung, z.B. bei tiefer Beinvenenthrombose. Betroffene leiden aufgrund von Ödemen unter Schwere- und Spannungsgefühlen oder nächtlichen Beinkrämpfen. Es kann auch zu Komplikationen wie Entzündung oder Thrombose innerhalb der Varize kommen. Das Tragen von Kompressionsstrümpfen kann Linderung verschaffen, in fortgeschrittenen Stadien sind Verödung (Sklerosierung) oder operative Entfernung der Varizen das Mittel der Wahl.

Fibularisläsion
Der N. fibularis ist aufgrund seines oberflächennahen Verlaufs am Fibulaköpfchen besonders gefährdet für Verletzungen bei Fraktur oder Kompression. Charakteristisch für diese Läsion ist das sog. Hahnen- oder Steppergangbild: Da der N. fibularis alle Fußheber innerviert, kommt es bei seiner Schädigung zum schlaffen Herabhängen des Fußes (sog. Fußheberschwäche). Um dennoch gehen zu können, muss das Bein im Hüft- und Kniegelenk zum Ausgleich besonders stark gebeugt werden. Eine Gewichtsverlagerung auf die Ferse, auch als Fersenstand bezeichnet, ist den Betroffenen nicht mehr möglich. Zudem haben sie sensible Ausfälle am Fußrücken und dem lateralen Unterschenkel.

Wiederholungsfragen zum Kapitel Unterschenkel

Bänder und Gelenke

Nenne die beiden Syndesmosebänder! Welche Funktion haben sie?

Welche beiden Muskelgruppen trennt die Membrana interossea cruris voneinander und welche topographische Beziehung zur A. tibialis anterior hat sie?

Muskeln

Welche beiden knöchernen Strukturen dienen sowohl dem M. tibialis anterior als auch dem M. fibularis longus als Ansatzpunkte?

Welche Muskeln des Unterschenkels sind an der Pronation (= Eversion) des unteren Sprunggelenks beteiligt? Welcher ist der stärkste Pronator?

Welche Muskeln des Unterschenkels sind am Abrollen des Fußes vom Boden beteiligt?

Welcher Muskel wird über den Achillessehnenreflex überprüft? Welche Bewegung wird charakteristischerweise bewirkt?

Was ist das sog. Chiasma plantare und auf Höhe welcher knöchernen Struktur liegt es in etwa?

Innervation

Beschreibe die Auswirkungen einer hohen Läsion des N. fibularis!

Eine Sammlung von allgemeineren und offeneren Fragen zu den verschiedenen prüfungsrelevanten Themen findest du im Kapitel Beispielfragen aus dem mündlichen Physikum.