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Essstörungen

Letzte Aktualisierung: 19.10.2022

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Die Anorexia nervosa gehört zusammen mit der Bulimia nervosa und der Binge-Eating-Störung zu den Essstörungen. Bei allen Störungen liegt ein problematischer Umgang mit dem Verzehr von Nahrungsmitteln und dem eigenen Selbstbild vor. Grundsätzlich können Essstörungen jederzeit einem Syndromwandel unterliegen und ineinander übergehen. Während bei der Anorexie das Untergewicht dominiert, stehen bei der Bulimie Heißhungerattacken mit selbst-induziertem Erbrechen bei normalem Körpergewicht im Vordergrund. Die Binge-Eating-Störung ist durch Heißhungerattacken (ohne Erbrechen) und konsekutives Übergewicht geprägt.

Aufgrund der klinischen Bedeutung (hohe Letalität) spielt die Anorexie unter den Erkrankungen eine besondere Rolle. Bei der Anorexie wird ein massiver Gewichtsverlust absichtlich herbeigeführt (durch reduzierte Nahrungsaufnahme, Laxantienabusus, selbstinduziertes Erbrechen und/oder übertriebene körperliche Aktivität). Die Störung betrifft zumeist Frauen im Adoleszenzalter, wobei die Inzidenz heutzutage auch bei Männern ansteigt. Im Vordergrund steht die Körperschemastörung mit der Angst vor einem zu dicken Körper. Diese Angst besteht unabhängig vom Körpergewicht als tiefverwurzelte überwertige Idee. Die Unterernährung führt sekundär zu endokrinen und metabolischen Veränderungen mit Störung der Körperfunktion. Die wichtigste akute therapeutische Maßnahme ist die Erhöhung der Nahrungszufuhr, um der lebensgefährlichen Kachexie entgegenzuwirken. Langfristig sollte mithilfe von Psychotherapie und -edukation ein stabiler Zustand sichergestellt werden.

Epidemiologie

  • Geschlecht: > (10:1)
  • Alter: Krankheitseintritt zwischen 10. und 25. Lebensjahr mit Häufigkeitsgipfel in der Adoleszenz (13–16 Jahre)
  • Lebenszeitprävalenz: : 0,05%, : 0,5%

Ätiologie

  • Genetik: Konkordanz von 10% bei zweieiigen Zwillingen, bis zu 50% bei eineiigen Zwillingen
  • Neurobiologische Faktoren: Da durch Gewichtsreduktion und Fasten eine suchtähnliche Befriedigung erzielt wird, wird auch eine Störung des endogenen Belohnungssystems diskutiert
  • Psychosoziale Faktoren
    • Traumatisierung
    • Störung der Konfliktverarbeitung
  • Gesellschaftliche Faktoren: Schönheitsideale in der Gesellschaft (Model-Wahn)

Anorexia nervosa - Diagnosestellung nach ICD-10

Die nachfolgenden Kriterien müssen für die Diagnosestellung einer Anorexia nervosa (F50.0) erfüllt sein :

  1. Körperschemastörung
    • Störung des Selbstbildes und des Selbstwertgefühls
      Der eigene Körper wird unabhängig vom Körpergewicht als zu dick betrachtet
      • Differenzialdiagnostik: Die Beurteilung dieses Symptoms dient u.a. der Unterscheidung zwischen einer somatischen (z.B. Malabsorption) und einer psychiatrischen Ursache
  2. Untergewicht: Tatsächliches Körpergewicht mindestens 15% unter dem zu erwartenden Gewicht (Perzentilenkurven in der Jugend) oder BMI ≤17,5 kg/m2
  3. Selbst herbeigeführte Gewichtsreduktion
  4. Endokrine Störungen: Sekundäre Amenorrhö/Ausbleiben der Regelblutung (LH/FSH↓), Libidoverlust

Atypische Verläufe einer Anorexia nervosa (F50.1), bei denen nicht alle 4 Kriterien erfüllt werden, treten zunehmend auf!

Weitere psychiatrische Symptome

  • Persönlichkeitsstruktur
    • Patient:innen sind i.d.R. ehrgeizig und sehr leistungsorientiert
    • Ernährung ist das zentrale Thema

Somatische Folgen

Die somatischen Folgen ähneln den Symptomen einer Mangelernährung und betreffen alle Organsysteme. Der Körper reduziert den Energiebedarf, um diesen Mangel zu kompensieren.

Diagnostik

Setting

Es existieren keine klaren Richtwerte für die Abwägung zwischen ambulanter und stationärer Therapie. Im Folgenden sind Anhaltspunkte aufgeführt, die für das jeweilige Behandlungssetting sprechen.

  • Ambulantes Setting
    • Untergewicht mit BMI >15 kg/m2
    • Krankheitseinsicht und gute Compliance
    • Bei Kindern und jungen Erwachsenen: Gute familiäre Unterstützung
  • Tagesklinisches Setting
    • Unzureichende Besserung im ambulanten Setting
    • Im Anschluss an eine stationäre Behandlung („Step-Down-Ansatz“)
    • Bei bereits mehrfachen stationären Aufenthalten in der Vergangenheit
  • Offenes stationäres Setting
    • Rascher und anhaltender Gewichtsverlust (>20% innerhalb von 6 Monaten)
    • Untergewicht mit BMI <15 kg/m2
    • Vitale Gefährdung, gekennzeichnet durch bspw.
    • Fehlende Besserung im ambulanten Setting
    • Starke psychische Komorbidität
  • Geschlossene Unterbringung: Bei lebensbedrohlichen Verläufen und einwilligungsunfähigen Patient:innen

Therapieformen

Die primäre akute Therapie ist stets die Erhöhung der Nahrungsaufnahme. Diese gestaltet sich aber oft schwierig, weil die Patient:innen i.d.R. wenig Compliance zeigen. Da das Fasten eine Befriedigung im Sinne einer Sucht bringt, sollte man für das Verhalten Verständnis aufbringen. Die Erhöhung der Nahrungszufuhr empfinden die Betroffenen demnach wie eine Entzugstherapie. Zudem kommen Psychotherapiekonzepte zum Einsatz. Die medikamentöse Therapie der Anorexie spielt aufgrund der schlechten Evidenzlage nur eine untergeordnete Rolle.

Ernährungstherapie und -beratung

  • Therapieziele
    • Normalisierung der Mahlzeitenstruktur mit 3–5 Mahlzeiten/Tag
    • 500–1.000 g Gewichtszunahme/Woche
  • Höhe der Kalorienzufuhr: Eine zu hohe Kalorienzufuhr darf aufgrund der Gefahr eines Refeeding-Syndroms nicht erfolgen!
    • Kalorienbedarf für eine Gewichtszunahme sehr schwer abzuschätzen
    • Zu Beginn der Behandlung sehr niedriger Grundumsatz mit überproportionalem Anstieg im Verlauf
    • Bei massiv untergewichtigen Patient:innen (BMI <13): Initial ca. 30–40 kcal/kgKG täglich
    • Ansonsten: Orientierung am Verlauf der Gewichtszunahme
  • Behandlungsvertrag: Gemeinsame Festlegung der angestrebten Gewichtsentwicklung, der täglichen Anzahl an Mahlzeiten und der Toleranzgrenzen
  • Bei vitaler Gefährdung: Ggf. Zwangsernährung per Magensonde erforderlich

Psychotherapie

Medikamentöse Therapie

Keine ausreichende Evidenzlage und daher nur als Off-Label Use.

  • Antipsychotika
    • Indikation: Massiv eingeschränktes Denken aufgrund der Angst vor einer Gewichtszunahme
    • Substanzen: Bevorzugt Antipsychotika mit niedrigem Risiko für EPMS in niedriger Dosierung (bspw. Olanzapin)
    • Dauer: Nur während bestehender Symptomatik, nicht als Dauertherapie
  • Antidepressiva: In der Praxis häufig verwendet, jedoch nicht zu empfehlen
  • Appetitstimulanzien: Aufgrund unzureichender Evidenz nicht empfohlen

Aufgrund der Unterernährung und der Schwere der Erkrankung kann es zu zahlreichen lebensbedrohlichen Komplikationen kommen.

  • Letalität: 5–20% → Meist als Folge einer extremen Kachexie oder einer suizidalen Handlung
    • Abhängig von
      • Körpergewicht
      • Dauer der Erkrankung
      • Alter bei Erkrankungsbeginn
      • Komorbiditäten
      • Ressourcen der Betroffenen
  • Folgeerkrankungen/Komorbiditäten: Tritt häufig kombiniert mit anderen psychischen Störungen auf; außerdem zahlreiche psychische und somatische Folgeerkrankungen oft trotz erfolgreicher Therapie

Epidemiologie

  • Geschlecht: > (>90% der Betroffenen sind junge Frauen)
  • Altersgipfel: 20–24 Jahre
  • Prävalenz: ca. 1–3%

Ätiologie

Symptome und Diagnostik

Diagnosekriterien (nach ICD-10)

  • A: Essanfälle: Über mind. 3 Monate und mind. 2-mal pro Woche
  • B: Ununterbrochenes zwanghaftes Verlangen nach Nahrungsmitteln
  • C: Entgegenwirken einer Gewichtszunahme
    • Am häufigsten: Selbstinduziertes Erbrechen nach Essattacken
    • Laxantienabusus
    • Passagere Hungerperioden
    • Andere gewichtsreduzierende Maßnahmen
  • D: Verzerrte Selbstwahrnehmung (krankhaftes Gefühl, zu dick zu sein, bzw. Angst, zu dick zu werden)

Weitere Merkmale

Definitionsgemäß liegt bei der Bulimie (im Gegensatz zur Anorexie) der BMI über 17,5 kg/m2

Komorbiditäten

Therapie

Um eine Chronifizierung zu vermeiden, sollte eine Therapie möglichst frühzeitig begonnen werden.

Die Binge-Eating-Störung ist in der ICD-10 nicht eigenständig kodierbar und fällt unter F50.9 (Essstörung, nicht näher bezeichnet). In der ICD-11 wird die Störung als eigenständige Diagnose gelistet.

  • Definition: Essstörung, bei der Essattacken ohne induziertes Erbrechen zu Adipositas führen
  • Merkmale
    • Kontrollverlust beim Essen mit vermehrter Nahrungsaufnahme und Essanfällen
    • Keine Maßnahmen zur Gewichtsreduktion (kein Erbrechen, keine Abführmittel)
    • Ekel, Schuldgefühle und depressive Stimmung nach den Essanfällen
  • Therapie: Insb. Psychotherapie

Die Orthorexie ist keine wissenschaftlich anerkannte Erkrankung, was sich auch in der ICD-11 nicht ändern wird. [2]

  • Definition: Krankhaft gesundheitsbewusstes Essverhalten
  • Merkmale u.a.
    • Zwanghafte „gesunde“ Ernährung
    • Ständiges Beschäftigen mit Ernährung
    • Starke Angst, krank zu werden
    • Feste Regeln mit stringentem Ernährungsplan
      • Selbstbestrafung bei Verstößen
      • Gefühl der Kontrolle und Sicherheit bei Einhaltung
    • Überlegenheitsgefühl gegenüber Andersdenkenden
  • Therapie: Psychotherapie und Ernährungstherapie

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Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2022, DIMDI.

  1. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
  2. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. 17. Auflage Urban & Fischer 2021, ISBN: 978-3-437-24914-3 .
  3. Orthorexia nervosa: Vom Wahn der gesunden Ernährung. Stand: 1. Juni 2016. Abgerufen am: 15. Juni 2020.
  4. Bandelow et al.: Kurzlehrbuch Psychiatrie. 2. Auflage Steinkopff 2008, ISBN: 978-3-798-51835-3 .
  5. S3-Leitlinie Essstörungen, Diagnostik und Therapie. Stand: 12. Dezember 2010. Abgerufen am: 6. November 2017.