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Gesundheit und Krankheit

Abstract

Der Zustand der Gesundheit kann auf unterschiedliche Weise definiert und interpretiert werden. Als sicher gilt heutzutage, dass sowohl physische, psychische als auch soziale Faktoren einen Einfluss auf die Gesundheit haben und dass das subjektive Erleben von Krankheiten interindividuell verschieden sein kann.

Auch Umweltfaktoren und kognitive Vorgänge beeinflussen die Wahrnehmung des eigenen Körpers und des Wohlbefindens und können sich sowohl positiv als auch negativ darauf auswirken. Auch können Erwartungen und Bewertungen der Gesellschaft den Krankheitsverlauf beeinflussen (bspw. bei psychischen Erkrankungen).

Wichtige Begriffe

Definitionen von Gesundheit

Man unterscheidet zwischen einer medizinischen Definition der Gesundheit und der Definition der WHO (World Health Organization).

  • Medizinische Definition: Abwesenheit von Krankheit
  • Definition der WHO: Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens (= Idealnorm)

Begriffe zum Thema Krankheit

  • Entstehung und Entwicklung von Krankheiten
    • Ätiologie: Lehre von den Ursachen einer Krankheit
    • Pathogenese: Lehre von der Entstehung und Entwicklung einer Krankheit
  • Verlauf von Krankheiten
    • Chronifizierung: Übergang einer Erkrankung in einen dauerhaften Zustand
    • Remission: Temporäre oder dauerhafte Abschwächung von Symptomen einer Krankheit, ohne dass eine vollständige Heilung erreicht wird
    • Rezidiv: Wiederauftreten einer Krankheit, nachdem diese bereits geheilt war

Epidemiologische Begriffe

Die Epidemiologie als Teilgebiet der Medizin untersucht die Verteilung und Häufigkeit von Krankheiten in einer Bevölkerung. Im Folgenden werden einige wichtige epidemiologische Begriffe aufgeführt.

  • Morbidität: Überbegriff zur Beschreibung der Häufigkeit einer Erkrankung
    • Inzidenz: Anzahl der Neuerkrankungen innerhalb eines Zeitraumes bezogen auf eine bestimmte Krankheit
    • Prävalenz: Anzahl der erkrankten Personen in einer bestimmten Population
      • Punktprävalenz: Zu einem bestimmten Zeitpunkt
      • Periodenprävalenz: Über einen bestimmten Zeitraum
  • Mortalität: Anzahl aller Sterbefällen innerhalb einer Bevölkerungsgruppe
  • Letalität: Verhältnis von Anzahl der Todesfälle zur Anzahl aller Erkrankten bezogen auf eine Krankheit

Normbegriffe

Gesundheit und Krankheit einer Person können anhand verschiedener Normen bestimmt werden. Je nachdem welche Norm angewandt wird, kann eine Person somit als gesund oder als erkrankt bzw. behandlungsbedürftig gelten.

  • Soziale Norm: Allgemein anerkannte, verbindliche Verhaltensanweisungen im gesellschaftlichen Miteinander
  • Statistische Norm: Bezieht sich auf statistische Werte
  • Idealnorm: Bezieht sich auf einen Idealzustand
  • Funktionsnorm: Bezieht sich auf die Funktionsfähigkeit des Individuums (bspw. kann durch Krankheit die Funktionsfähigkeit bei alltäglichen Aktivitäten oder im Beruf eingeschränkt sein)
  • Therapeutische Norm: Beschreibt, ab welchem Wert eine Therapie sinnvoll ist, um das Risiko für Folgeerkrankungen zu senken

Konkurrierende Betrachtungsweisen

  • Dichotome Betrachtung: Eine Person ist entweder "gesund" oder "krank"
  • Kontinuierliche Betrachtung: Der Übergang von "gesund" und "krank" wird als fließend betrachtet, so dass sich der Patient in der Regel auf einer Position zwischen krank und gesund befindet

Subjektive Einschätzung

Patientenzufriedenheit und Lebensqualität

Die subjektiven Erfahrungen des Patienten mit seiner Behandlung sollten stets berücksichtigt werden und können Aufschluss über die Qualität der medizinischen Versorgung geben. Im Folgenden werden Aspekte der Patientenzufriedenheit sowie der gesundheitsbezogenen Lebensqualität als subjektiv wahrgenommene Einschätzung des eigenen Wohlbefindens erläutert.

Patientenzufriedenheit

Folgende Faktoren haben maßgeblichen Einfluss auf die Zufriedenheit der Patienten:

  • Wirksamkeit der Therapie
  • Verhalten des Personals
  • Wahrnehmung von technischer und fachlicher Kompetenz
  • Art der Informierung über die Vorgehensweise
  • Ausstattung und Umgebung (z.B. Zimmer, Mahlzeiten)
  • Ausmaß von Bürokratie und Organisation

Lebensqualität

Die gesundheitsbezogene Lebensqualität ist eine subjektiv wahrgenommene Einschätzung des eigenen Wohlbefindens, die sich sowohl bei kranken als auch bei gesunden Personen aus folgenden vier Komponenten zusammensetzt:

  1. Physisches Befinden (bspw. Schmerzen)
  2. Psychisches Befinden (bspw. Stimmungen)
  3. Soziales Befinden (bspw. Qualität der Freundschaften)
  4. Funktionsfähigkeit/Funktionszustand (bspw. die Fähigkeit, normale Alltagssituationen ausführen zu können)

Short Form 36 Health Survey“ (SF 36)

  • Dient der Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sowohl gesunder als auch kranker Patienten
  • Kann als Fragebogen oder Interview sowohl mit dem Patienten selbst als auch im Rahmen einer Fremdanamnese durchgeführt werden
  • Besteht aus 36 Fragen, die sich auf acht Bereiche beziehen
    • Allgemeine Gesundheitswahrnehmung
    • Körperlicher Schmerz
    • Vitalität
    • Körperliche Funktionsfähigkeit
    • Soziale Funktionsfähigkeit
    • Körperliche Rollenfunktion
    • Emotionale Rollenfunktion
    • Psychisches Wohlbefinden

Die Erhaltung bzw. das Wiederherstellen der Lebensqualität sollte stets oberstes Ziel der Therapie sein. So muss bspw. bei einer Krebserkrankung im Endstadium ein Maximum an Lebensqualität für den Patienten angestrebt werden, selbst wenn die Erkrankung objektiv nicht mehr behandelbar ist!

In der Gesellschaft

Gesundheit und Krankheit sind nicht nur individuell geprägte Erscheinungsformen, sondern werden auch durch die gesellschaftlichen Strukturen beeinflusst, in denen sich der Mensch befindet. Wie die Gesellschaft Individuen und Krankheit bewertet, hat so mitunter großen Einfluss auf die weitere Entwicklung eines Menschen bzw. auf den weiteren Verlauf seiner Erkrankung.

  • Diskriminierung: Benachteiligung oder Ausschluss von Personen
  • Stigmatisierung: Abwerten von Personen und vorurteilsbehaftetes Zuschreiben negativer Eigenschaften (Stigmata) aufgrund von der Gesellschaft negativ beurteilter Merkmale oder Verhaltensweisen
  • Etikettierungsansatz (Labeling-Theorie): Sieht den Einfluss der Gesellschaft als Ursache für psychische Erkrankungen
    • Die Gesellschaft definiert, was "normal" und was "verrückt" ist und etikettiert dadurch Personen, die von der "Norm" abweichen
    • Erst durch diese Etikettierung übernimmt der Betroffene seine Rolle als psychisch Erkrankter und entwickelt die eigentliche Störung
    • Diese Annahme hat sich jedoch als nicht gültig erwiesen
      • Die Stigmatisierung durch die Gesellschaft ist vielmehr Folge der psychischen Erkrankung
      • Jedoch können die negativen Folgen der Stigmatisierung den Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen

Sozialpsychologische Einflüsse auf Gesundheit und Krankheit

Im Folgenden werden einige psychische und soziale Einflussfaktoren auf Gesundheit und Krankheit vorgestellt. Hierbei ist es besonders wichtig, sich die psychosozialen Risiko- und Schutzfaktoren bewusst zu machen, um im Vorfeld einer Erkrankung, aber auch bei bereits bestehender Erkrankung möglichst Risikofaktoren zu minimieren und Schutzfaktoren zu stärken.

Einflüsse der psychosozialen Umwelt

  • Soziale Rollen: Alle Rollen, die von einem Menschen in der Gesellschaft erfüllt werden und in ihrer Gesamtheit eine bestimmte Verhaltenserwartung zur Folge haben.
  • Normen: Regeln, die ein bestimmtes Verhalten in der Gesellschaft fordern
  • Einstellungen: Kognitive oder affektive Bewertungen durch die Umwelt hinsichtlich eines bestimmten Verhaltens

Psychosoziale Risiko- und Schutzfaktoren

Es existiert eine Reihe psychosozialer Risiko- und Schutzfaktoren, die Auswirkungen auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten haben und von denen im Folgenden eine Auswahl vorgestellt wird. Hierbei ist es wichtig, zu beachten, dass Risikofaktoren alleine zwar keine Erkrankung auslösen (und demnach kein monokausaler Zusammenhang zwischen Exposition und Erkrankung besteht), jedoch das Erkrankungsrisiko erhöhen. Schutzfaktoren dienen hingegen als Schutz gegenüber Krankheiten und senken das Erkrankungsrisiko.

  • Psychosoziale Risikofaktoren
    • Soziale Isolation
    • Kritische Lebensereignisse (bspw. Tod einer nahestehenden Person, Trennung, Verlust der Arbeit)
  • Psychosoziale Schutzfaktoren
    • Hohe Resilienz: Psychische und physische Widerstandsfähigkeit bei Lebenskrisen
    • Internale Kontrollüberzeugung: Die Überzeugung, mit dem eigenen Verhalten Einfluss auf Geschehnisse im Leben zu haben
    • Selbstwirksamkeitserwartung: Das Ausmaß der Überzeugung, dass das eigene Verhalten auch unter widrigen Umständen umgesetzt werden kann
    • Dispositioneller Optimismus: Die generelle Zuversicht, dass sich die Dinge positiv entwickeln werden, unabhängig davon, ob dies durch eigenes Zutun oder von allein geschieht
    • Hardiness (Robustheit): Die Fähigkeit einer Person, Veränderungen als kontrollierbar zu erleben und als Chance zu sehen
    • Erfahrung mit Stress
    • Problemlösungsstrategien: Individuelle Fähigkeiten zur Problembewältigung, wie bspw. das Ausführen von Entspannungsübungen in stressreichen Situationen
    • Soziale Integration (strukturelle Unterstützung): Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen (auf struktureller Ebene)
    • Soziale Unterstützung: Oberbegriff für jegliche Hilfe, die eine Person beim Bewältigen von bestimmten Aufgaben aus ihrem Umfeld erfahren kann (auf funktioneller Ebene)
      • Emotionale Unterstützung: Bspw. Trost, unterstützende Gespräche
      • Instrumentelle Unterstützung: Bspw. Hilfe im Alltag, wie Unterstützung beim Einkaufen
      • Informationelle Unterstützung: Bspw. Vermitteln von Informationen, Ratschläge
      • Bewertungsunterstützung: Diese Form der Unterstützung erfährt das Individuum, wenn jemand anderes seine Meinung und Ansichten teilt
    • Soziale Kohäsion: Zusammenhalt zwischen Mitgliedern einer Gruppe
    • Soziales Kapital: Gesamtheit aller sozialen Beziehungen, die zu einem Vertrauen in die Gesellschaft führt

Einige Studien gehen davon aus, dass im höheren Alter eine hohe soziale Partizipation und Aktivität eher zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führt, da das Altern dem allmählichen Rückzug des Menschen dient (Disengagement-Theorie)!

Modelle zu gesundheitsprotektiven Effekten sozialer Unterstützung

Es werden zwei Modelle unterschieden, die die protektiven Effekte sozialer Unterstützung beschreiben.

Wiederholungsfragen zum Kapitel Gesundheit und Krankheit

Wichtige Begriffe

Wie lautet die WHO-Definition von Gesundheit? Welcher Normbegriff liegt ihr zugrunde?

Was versteht man unter einem Rezidiv?

Was bedeutet Inzidenz?

Wie unterscheiden sich Punkt- und Periodenprävalenz?

Was beschreibt der Begriff Letalität?

Welches Verständnis von Normalität beschreibt man mit sozialer Norm?

Was versteht man unter Funktionsnorm?

Welchem Normbegriff folgt die Festlegung von z.B. Grenzwerten für Blutdruck am ehesten?

Subjektive Einschätzung

Welche Komponenten beschreiben die gesundheitsbezogene Lebensqualität?

Mit welchem Instrument kann die gesundheitsbezogene Lebensqualität erfasst werden?

In der Gesellschaft

Was ist der Unterschied zwischen Stigmatisierung und Diskriminierung?

Was versteht man unter sekundärer Devianz?

Was versteht man allgemein unter psychosoziale Schutz- und Risikofaktoren?

Wann beschreibt man eine Person als resilient?

Was versteht man unter internaler Kontrollüberzeugung?

Was beschreibt der Begriff Selbstwirksamkeitserwartung?

Welchen psychosozialen Schutzfaktor beschreibt man mit der „Zuversicht, Probleme bewältigen zu können“?

Was versteht man unter „dispositionellem Optimismus“?

Was versteht man unter sozialer Integration?

Was wird als soziale Unterstützung bezeichnet und in welche Unterkategorien kann diese unterteilt werden?

Was versteht man unter sozialer Kohäsion?

Was wird als soziales Kapital bezeichnet?

Was beschreibt die Disengagement-Theorie?

Das Stress-Puffer-Modell und das Haupteffektmodell sind beides Modelle zu gesundheitsprotektiven Effekten sozialer Unterstützung. Wie unterscheiden sie sich?