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Anästhesie bei neuromuskulären Erkrankungen

Letzte Aktualisierung: 18.2.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Neuromuskuläre Erkrankungen sind eine heterogene Gruppe genetisch bedingter oder erworbener Krankheitsbilder, die das Motoneuron, die neuromuskuläre Übertragung oder die Muskulatur selbst betreffen. Dazu zählen bspw. Muskeldystrophien, myasthene Syndrome und mitochondriale Myopathien. Gemeinsames Merkmal ist eine gestörte neuromuskuläre Funktion, häufig begleitet von kardiopulmonalen Komorbiditäten. Typisches Leitsymptom ist eine progrediente Muskelschwäche mit Verlust der groben Kraft.

Je nach Vorbefunden und aktuellem Zustand ist präoperativ eine erweiterte kardiopulmonale Diagnostik nötig, bspw. mittels Echokardiografie oder Lungenfunktionsuntersuchung. Die Prämedikation mit Benzodiazepinen sollte möglichst vermieden werden. Eine Regionalanästhesie kann insb. zur Vermeidung respiratorischer Komplikationen vorteilhaft sein. Intraoperativ gilt für Muskelrelaxanzien besondere Vorsicht, bspw. ist das Ansprechen auf nicht-depolarisierende Muskelrelaxanzien verändert und Succinylcholin kontraindiziert. Auf volatile Anästhetika muss je nach Krankheitsbild verzichtet werden. Postoperativ besteht ein erhöhtes Risiko für eine neuromuskuläre Restblockade, eine verlängerte Extubationszeit oder die Notwendigkeit einer NIV bzw. Nachbeatmung. Auch eine intensivmedizinische Überwachung und Therapie können erforderlich sein.

Dieses Kapitel behandelt exemplarisch ausgewählte Erkrankungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Für eine Übersicht der Besonderheiten bei Muskelrelaxanzien siehe: Muskelrelaxanzien bei Pathologien der neuromuskulären Übertragung!

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Amyotrophe Lateralsklerosetoggle arrow icon

Übersicht [2]

Bei Personen mit amyotropher Lateralsklerose muss mit einer perioperativen neurologischen Verschlechterung sowie mit respiratorischen Komplikationen gerechnet werden!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei amyotropher Lateralsklerose
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
  • Häufig schwieriger Atemweg
  • Präoperative NIV erwägen
    • Patient:in bei geplanter intra- oder postoperativer NIV an Device gewöhnen
    • Mögliche Probleme frühzeitig identifizieren [3]
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
  • Großzügige Indikation für postoperative Aufnahme auf eine Intensiv- oder Intermediate-Care-Station
  • Respiratorische Komplikationen antizipieren und Absaugung bereithalten
  • Oberkörperhochlagerung zur Erleichterung der Spontanatmung anstreben
  • Keine routinemäßige postoperative Sauerstoffgabe empfohlen
  • Patienteneigene Hilfsmittel und Betreuungspersonen einbeziehen
Sonstiges

Personen mit amyotropher Lateralsklerose weisen eine erhöhte Sensibilität gegenüber Opioiden, Injektionsanästhetika und Muskelrelaxanzien auf!

Bei der Narkoseeinleitung sollten eine hämodynamische Instabilität und ein schwieriger Atemweg antizipiert werden!

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Myasthenia gravistoggle arrow icon

Übersicht

Bei generalisierter Myasthenia gravis kann es perioperativ zu einer cholinergen bzw. myasthenen Krise mit akuter Zunahme der Muskelschwäche kommen! Die Differenzierung zwischen den beiden Formen kann klinisch schwierig sein!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Myasthenia gravis
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
  • Bei Thymom: Mögliche Kompression oder Verlagerung der Trachea beachten
  • Ggf. verlängerte Zeit bis zur Extubation bzw. postoperative Nachbeatmung erforderlich [5]
Hämodynamik
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
Sonstiges

Bei Myasthenia gravis sollte wann immer möglich eine Regionalanästhesie gegenüber einer Allgemeinanästhesie bevorzugt werden!

Eine erforderliche Muskelrelaxierung sollte primär mit Rocuronium durchgeführt werden (problemlose Aufhebung der Wirkung durch Sugammadex möglich)! [5]

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Mitochondriale Erkrankungentoggle arrow icon

Übersicht [7]

Bei mitochondrialen Erkrankungen ist die Skelettmuskulatur häufig, aber nicht immer betroffen! Klinisch kann es in diesem Zusammenhang zu einer Muskelschwäche mit erhöhtem perioperativen Risiko für respiratorische Insuffizienz und Aspiration kommen!

Viele der Erkrankungen weisen ein erhöhtes Risiko für eine metabolische Entgleisung mit Lactatazidose auf!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei mitochondrialen Erkrankungen
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
  • Erhöhtes Risiko für kardiale Komplikationen
    • Unmittelbare Verfügbarkeit eines Defibrillators bzw. Herzschrittmachers gewährleisten
    • Defibrillationselektroden ggf. bereits präoperativ aufkleben und anschließen
Gerinnung und Blutprodukte
Postoperatives Management
Sonstiges

Bei Personen mit mitochondrialer Erkrankung besteht aufgrund von Muskelschwäche, verzögerter Magenentleerung und reduzierten bulbären Reflexen ein erhöhtes Aspirationsrisiko!

Lokalanästhetika können zu einer Entkopplung der Atmungskette führen und sollten daher bei mitochondrialer Erkrankung nur vorsichtig und nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden!

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Dystrophinopathientoggle arrow icon

Übersicht

Die folgenden Angaben beziehen sich primär auf die Muskeldystrophie Typ Duchenne. Aufgrund der hohen Ähnlichkeit der Erkrankungen gelten die Empfehlungen jedoch auch für die Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener!

Typische Eingriffe

  • Muskelbiopsie zur Diagnosesicherung
  • Orthopädische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Dystrophinopathien
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Sorgfältige Gerinnungsanamnese erforderlich
  • Erhöhter Bedarf an Blutprodukten bei großen Eingriffen möglich
Postoperatives Management
Sonstiges

Bei Dystrophinopathien sind Inhalationsanästhetika und Succinylcholin absolut kontraindiziert aufgrund des Risikos für eine schwere Rhabdomyolyse und Hyperkaliämie!

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Myotone Dystrophie Typ 1 und 2toggle arrow icon

Übersicht [12]

Personen mit myotoner Dystrophie haben ein hohes perioperatives Komplikationsrisiko! Insb. bei myotoner Dystrophie Typ 1 sollte eine Allgemeinanästhesie daher nur nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung durchgeführt werden!

Typische Eingriffe

  • Muskelbiopsie zur Diagnosesicherung
  • Schrittmachertherapie
  • Kataraktchirurgie
  • Orthopädische Eingriffe
  • Allgemeinchirurgische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei myotonen Dystrophien
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
  • Erhöhtes Risiko für kardiale Komplikationen
    • Unmittelbare Verfügbarkeit eines Defibrillators bzw. Herzschrittmachers gewährleisten
    • Defibrillationselektroden ggf. bereits präoperativ aufkleben und anschließen
  • Bradykardisierende Wirkstoffe nur äußerst vorsichtig einsetzen (insb. Amiodaron, Betablocker)
  • Bei vorbestehender Medikation mit Mexiletin: Interaktionspotenzial beachten
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
Sonstiges

Typische Triggerfaktoren einer Myotonie wie Schmerzen oder Hypothermie/Shivering sollten bei myotoner Dystrophie unbedingt vermieden werden!

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Spinale Muskelatrophie (5q-SMA)toggle arrow icon

Übersicht [14]

Die Erkrankungsschwere der spinalen Muskelatrophie nimmt typischerweise mit dem Manifestationsalter ab!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei spinaler Muskelatrophie
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
  • Postoperative Überwachung auf einer Intensivstation
    • Immer bei SMA Typ 1, oft bei SMA Typ 2 erforderlich
    • Bei SMA Typ 3 insb. bei fortgeschrittener Erkrankung oder hohem Alter erforderlich
  • Opioide nur vorsichtig/titrierend einsetzen (erhöhte Gefahr einer Atemdepression)
  • Eher zurückhaltende Sauerstoffgabe (spO2 von 94–95% akzeptabel)
  • Frühzeitige Mobilisation anstreben, endobronchiale Sekretretention vermeiden
  • Ggf. patienteneigene Hilfsmittel zur NIV bzw. zum Sekretmanagement verwenden
Sonstiges

Das Risiko für perioperative Komplikationen ist insb. bei SMA Typ 1 und 2 erhöht! Diese treten überwiegend postoperativ auf und betreffen vorwiegend das respiratorische System (kardiovaskuläre Komplikationen sind selten)!

Bei spinaler Muskelatrophie muss mit einem schwierigen Atemweg sowie mit bevorzugt postoperativ auftretenden respiratorischen Komplikationen gerechnet werden!

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