• Klinik

Progressive Muskeldystrophien (Muskeldystrophie Duchenne)

Abstract

Bei den progressiven Muskeldystrophien handelt es sich um eine Gruppe von Erkrankungen, bei denen es durch Mutationen in muskulären Proteinen zu einem fortschreitenden, aber unterschiedlich stark ausgeprägtem Verfall vor allem der Skelettmuskulatur kommt.

Bei der häufigsten und schwerwiegendsten Form (Typ Duchenne) ist das Protein Dystrophin (fast) komplett funktionslos. Die Krankheit wird X-chromosomal-rezessiv vererbt und manifestiert sich vor dem 5. Lebensjahr zunächst mit einer Schwäche der Beckengürtelmuskulatur. Die Schwäche breitet sich zunehmend aus und es kommt ebenfalls zu einer dilatativen Kardiomyopathie, die verlaufsentscheidend ist. Die Krankheit ist unheilbar und die Patienten versterben vor dem 25. Lebensjahr.

Epidemiologie

Typ Duchenne = Häufigste Muskeldystrophie!

Weiterhin existieren eine große Anzahl weiterer Muskeldystrophie-Typen, die sehr selten auftreten.

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Pathophysiologie

Dystrophin verankert das Zytoskelett einer Muskelzelle in der extrazellulären Matrix → Mutation führt zu einem eingeschränkt funktionsfähigen (Becker-Kiener) oder einem fast vollständig funktionslosen bzw. fehlenden Dystrophin-Protein (Duchenne) → Störung zahlreicher zellulärer Signalwege → Absterben der Muskelzellen, das zum binde- und fettgewebigen Umbau sowie zur Hypertrophie der verbliebenen Muskelzellen führt

Symptome/Klinik

X-chromosomal-rezessiver Erbgang

Muskeldystrophie Typ Duchenne (maligne Form)

Muskeldystrophie Typ Becker-Kiener (benigne Form)

  • Beginnt ebenfalls mit Paresen und Atrophien der Beckengürtelmuskulatur, die sich dann weiter ausbreiten
  • Beginn allerdings später und Verlauf weniger schnell progredient

Autosomal-rezessiver oder -dominanter Erbgang

Gliedergürteldystrophie (limb girdle muscular dystrophies, LGMD)

  • Vererbung
  • Krankheitsbeginn: Reicht von früher Kindheit bis zum mittleren Lebensalter
  • Klinik: Paresen und Atrophien der Becken- und Schultergürtelmuskulatur
  • Diagnostik: Muskelbiopsie → Verminderung der Protease Calpain 3

Fazioskapulohumerale Muskeldystrophie (FSHD)

  • Vererbung: Autosomal-dominant
  • Krankheitsbeginn: Frühe Kindheit bis spätes Erwachsenenalter
    • Erkrankungsgipfel: 10.–19. Lebensjahr
  • Klinik: Häufig asymmetrische Schwäche der Gesichts-, Schulter- und Oberarmmuskulatur
    • Facies myopathica mit betonter Schwäche der runden Gesichtsmuskeln
    • Atrophie der Schultermuskulatur mit Scapulae alatae
    • Im Verlauf häufig Übergang auf die Bein-, Becken- und Rumpfmuskulatur
  • Diagnostik

Diagnostik

  • Blutuntersuchung
    • Kreatinkinase im Serum↑↑ bei fast allen Betroffenen (auch bei 70% der Konduktorinnen)
      • Erste Diagnostik: Sensitiver Marker für die Muskeldystrophien
    • DNA-Diagnostik: In bis zu 90% Nachweis von Mutationen im Bereich des Dystrophin-Gens
      • Aufwendigere Diagnostik, wenn statt der üblichen Deletionen Punktmutationen verantwortlich sind
  • Neurophysiologie: Elektromyogramm → Myopathisches Muster (niedrigamplitudig, verkürzte Potentialdauer), Fibrillationen
  • Muskelbiopsie
    • Histologisch
      • Alle Dystrophien: Kaliberschwankungen, Nekrosen, binde- und fettgewebiger Umbau, zentral gelegene Kerne
        • LGMD: Verminderung der Protease Calpain 3
    • Immunhistologisch mit Anti-Dystrophin-Antikörpern zur Differentialdiagnose: Fehlender (Typ Duchenne) oder Restnachweis von Dystrophin (Typ Becker)

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Eine kurative Therapie ist bei Muskeldystrophien nicht möglich!

  • Medikamentös
    • Es gibt immer wieder Therapieansätze mit Glucocorticoiden - eine entscheidende Wirksamkeit wurde bisher aber nicht bewiesen
    • Für Patienten, die wenigstens 5 Jahre alt sind, noch gehen können und eine sog. "nonsense mutation" aufweisen: Ataluren → Verzögerung des Muskelabbaus
  • Intensive supportive Therapie
    • Krankengymnastik
    • Psychologische Betreuung
    • Heimbeatmung
  • Genetische Beratung
  • Operative Lösung von Kontrakturen, Korrektur der Skoliose

Prognose

  • Typ Duchenne: Lebenserwartung liegt bei ca. 20 Jahren
  • Typ Becker-Kiener: Lebenserwartung ist im Vergleich zur Normalbevölkerung nur leicht reduziert

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.