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Sonderformen der Lungenembolie

Abstract

Neben den physiologischen Blutbestandteilen können auch andere Stoffe, die entweder körpereigen sind (Fetttropfen, Fruchtwasser) oder von außen in die Blutbahn eingebracht wurden (Luft oder Knochenzement), die arteriellen Lungengefäße verlegen. Die dargestellten Sonderformen der Lungenembolie entsprechen im Erscheinungsbild (Dyspnoe, respiratorische Insuffizienz und Rechtsherzbelastungszeichen) einer 'normalen' Lungenembolie, sind immer akut lebensbedrohlich und werden intensivmedizinisch behandelt.

Fruchtwasserembolie

  • Definition: Peripartal auftretende Embolisation von Fruchtwasserbestandteilen in den mütterlichen Kreislauf
  • Epidemiologie
    • Inzidenz ca. 2–8/100.000 Geburten
    • Weltweit eine der führenden Ursachen der direkten Müttersterblichkeit
      • Bis zu 50% der betroffenen Patientinnen versterben akut
      • Bis zu 50% der überlebenden Säuglinge erleiden persistierende neurologische Defektzustände
  • Pathophysiologie
    • Fruchtwasser embolisiert über Venen und Wundflächen des Uterus bzw. über die Plazenta
    • Neben einer mechanischen Obstruktion durch feste Anteile des Fruchtwassers spielen die im Fruchtwasser enthaltenen vasoaktiven und prokoagulatorischen Substanzen eine krankheitsfördernde Rolle
  • Risikofaktoren
  • Klinik
    • Leitsymptom: Peripartale kardiorespiratorische Dekompensation
    • Prodromalstadium: Inkonstant und unspezifisch
      • Agitation, Abgestumpftheit, Lichtempfindlichkeit, Apathie, Kältegefühl
    • Phase I: Innerhalb von 30–60 Minuten nach Ereignis
    • Phase II: Innerhalb von 30 Minuten bis 12 Stunden nach Ereignis
      • Diffuse Blutungen, vor allem aus den großen uterinen Wundflächen
      • Persistierende Hypotonie, ARDS, ggf. Multiorganversagen
  • Therapie

Fettembolie

  • Definition: Embolisation von fettigem Material in die Lungenstrombahn bzw. auch in die Gefäße des ZNS
  • Pathophysiologie
    • Mechanische Okklusion der kleinen pulmonalen Gefäße mit Verschlechterung des Gasaustausches und Rechtsherzbelastung
    • Entzündungsreaktion durch inflammatorische Zytokine, freie Fettsäuren und andere freie Radikale als Bestandteil des Embolus; dadurch kommt es zur Endothelschädigung und Gerinnungsaktivierung, auch eine systemische Verbrauchskoagulopathie ist möglich
    • Auch die Mikrozirkulation anderer Organsysteme kann durch Fettembolien betroffen sein, bevorzugt die des ZNS
  • Klinik (Gurd's criteria )
    • Major-Kriterien
      • Respiratorische Insuffizienz mit radiologischen Zeichen
      • Petechialer Ausschlag
      • Neurologische Symptome wie fokale sensomotorische Defizite, Verwirrtheit, Vigilanzstörung
    • Minor-Kriterien
  • Therapie
    • Es gibt keine kausale Therapie
    • Eine Antikoagulation und Glucocorticoide sind umstritten
    • Supportive (intensivmedizinische) Maßnahmen inklusive maschineller Beatmung, Katecholamingabe und Volumengabe zur Überbrückung, bis die Auswirkungen der Embolisation ausheilen

Luftembolie

  • Definition: Venöse Embolisation von Luft in die Lungenstrombahn
  • Ätiologie
    • Zentralvenöse Katheterisierung (Anlage und Entfernung)
    • Akzidentelle Injektion durch fehlerhafte Infusionen bzw. Injektion von Luft in suizidaler Absicht
    • Selten als Folge bronchoventrikulärer Fisteln oder im Rahmen von Operationen mit funktioneller Fistelbildung zwischen lufthaltigen Strukturen und Gefäßsystemen
  • Klinik: Symptome wie bei einer „normalen“ Lungenembolie
  • Diagnostik: Echokardiographie mit Nachweis von Luft in den (rechten) Herzhöhlen.
  • Therapie
    • Lokale Kompression des vermuteten Eintrittsortes der Luft im Sinne eines nahezu „luftdichten“ Verschlusses zur Verhinderung einer weiteren Luftembolisation
    • Supportive (intensivmedizinische) Maßnahmen inklusive maschineller Beatmung und Katecholamintherapie
    • Hyperbare Sauerstofftherapie: Bei Auftreten arterieller Komplikationen (insb. neurologischer Symptome)

Palacos-Embolie

  • Definition: Respiratorische Insuffizienz infolge mechanischer Knochenzement-Embolisation oder indirekter systemischer Effekte nach Knochenzement-Implantation
  • Vorkommen: Nach orthopädischen Eingriffen mit Knochenzement
  • Pathophysiologie: Direkte mechanische Embolisation und thermische Effekte bzw. eine immunologisch vermittelte Freisetzung vasoaktiver Substanzen, wahrscheinlich treten Palacos-Embolien häufig kombiniert mit Fettembolien auf
  • Klinik
  • Diagnostik: Angio-CT des Thorax zum Nachweis mechanischer Embolisationen
  • Therapie
    • Supportive (intensivmedizinische) Maßnahmen inklusive maschineller Beatmung und Katecholamintherapie
    • Ggf. interventionelle oder operative Entfernung des embolischen Knochenzements

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.