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Zytostatika

Letzte Aktualisierung: 9.3.2022

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Unter den Oberbegriff Zytostatika fallen zunehmend mehr heterogene Pharmaka. Sie alle haben das Ziel gemein, direkt oder indirekt zur Reduktion von schnell proliferierenden Zellen (meist im Rahmen von Malignomen) beizutragen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden multiple Nebenwirkungen in Kauf genommen. Während sich im Rahmen der Zytostatika-Therapie häufig klassische Befunde wie z.B. Übelkeit, Erbrechen, Neutropenie mit erhöhter Infektanfälligkeit oder eine Beeinflussung von schnell-teilenden Zellen (Haarausfall, Mukositis) zeigen, sind nach Abschluss der Behandlung vorwiegend Zweitneoplasien (z.B. AML) gefürchtet. Etablierte Zytostatika, die häufig in den Replikationszyklus von Zellen eingreifen, werden durch die sog. zielgerichtete Tumortherapie ergänzt, bei der sich Wirkstoffe gegen spezielle molekulare Targets in den Tumorzellen richten.

Übersicht über klassische Zytostatika

Die klassischen Zytostatika bilden eine heterogene Arzneistoffgruppe, die die Hemmung des Zellwachstums gemein haben. Diese Wirkung ist häufig unselektiv, weshalb auch nicht-tumoröse Zellen mit einer hohen Teilungsrate angegriffen werden. Das erklärt auch die zahlreichen Nebenwirkungen an Gewebe mit hoher Zellteilungsrate (bspw. Schleimhaut, Knochenmark, Haarfollikel und Keimdrüsen).

Die einzelnen Bestandteile dieser Tabelle finden sich ebenfalls in den entsprechenden Abschnitten dieses Kapitels

Übersicht über die klassischen Zytostatika
Zytostatikagruppe Untergruppen Pharmaka Wirkmechanismus Wichtige Indikationen Nebenwirkungen

Alkylantien

  • Hämorrhagische Zystitis: Prophylaktische Gabe von Mesna (2-Mercaptoethansulfonat-Natrium) und Flüssigkeit
  • Myelosuppression
  • Emetogen
  • Myelotoxisch
  • Emetogen
  • Nephrotoxisch
  • Ototoxisch
  • Neurotoxisch (zentrale und periphere Neuropathien)

Topoisomerase-Hemmstoffe

  • Kardiotoxizität
  • U.a. myelotoxisch (dosislimitierend bei Topotecan)
  • Myelotoxizität

Mitosehemmstoffe (Spindelgifte)

  • Neurotoxizität (vor allem Vincristin führt zur (peripheren) Neuropathie)

Antimetabolite

  • Hemmung der Dihydrofolatreduktase u.a. durch Verdrängung der Dihydrofolsäure → Bildung von Purinnukleotiden↓
  • Myelotoxizität
  • Hepatotoxizität
  • Mukositis (Stomatitis, Ösophagitis, Enteritis)
  • Gegenmaßnahme: Folsäure als Rescue-Therapie
  • Wirkungsverstärkung durch Folinsäure
  • Myelotoxizität
  • Wechselwirkung mit Allopurinol
  • Nutzung als Immunsuppressivum
  • Myelotoxizität

Andere

  • Interkalierung und Alkylierung der DNA → Behinderung des Ableseprozesses → RNA-Synthese↓

Übersicht über Medikamente der zielgerichteten Tumortherapie

Die zielgerichtete Tumortherapie richtet sich gegen eine heterogene Gruppe molekularer Zielstrukturen (Targets). Im Unterschied zu den klassischen Zytostase-Medikamenten werden für den Tumor spezifische molekulare Ziele angegriffen und nicht generell schnell wachsende Zellen. Die Wirkstoffe können u.a. anhand der chemischen Struktur in unterschiedliche Gruppen eingeteilt werden: Sog. „Small Molecules“ , therapeutische Antikörper sowie therapeutische Proteine und Peptide.

Signaltransduktionsinhibitoren

Übersicht über Medikamente der zielgerichteten Tumortherapie: Signaltransduktionsinhibitoren
Wirkstoffgruppe (Auswahl) Wirkstoff (Auswahl) Target Wirkmechanismus Wichtige Indikationen Wichtige Nebenwirkungen
Tyrosinkinaseinhibitoren
  • Hemmung der aktivierten BCR-ABL- Tyrosinkinase → Hemmung der Enzymaktivität und der unkontrollierten Leukozytenproliferation
  • Erlotinib
  • EGFR

Proteasom-Inhibitoren

  • Carfilzomib
  • Hemmung des Abbaus von Proteinen → Anreicherung der Proteine → Apoptoseinduktion der Tumorzellen

VEGF-Inhibitoren

  • Aflibercept
  • Bindung von VEGF → Hemmung der Rezeptorbindung → Hemmung der (Tumor‑)Angiogenese

Raf-V600E-Inhibitoren

  • Vemurafenib
  • BRAF-Kinase
  • Hemmung der BRAF-Kinase → Hemmung des Zellwachstums

PARP-Inhibitoren

  • Olaparib
  • PARP
  • Hemmung von PARP → DNA-Strangbrüche in Zellen mit BRCA-Mutation → Apoptose
CDK-Inhibitoren
  • CDK4 und CDK6
  • Hemmung von CDK4 und CDK6 → Hemmung der Zellteilung

Monoklonale Antikörper

Übersicht über Medikamente der zielgerichteten Tumortherapie: Monoklonale Antikörper
Wirkstoffgruppe (Auswahl) Wirkstoff (Auswahl) Target Wirkmechanismus Wichtige Indikationen Wichtige Nebenwirkungen
VEGF-Inhibitoren
  • Hemmung (Tumor‑)Neoangiogenese → Hemmung Tumorwachstum/-metastasierung
EGFR-Inhibitoren
  • Trastuzumab
  • Bindung an HER2-Rezeptor → Hemmung der Rezeptoraktivierung → Unterdrückung des Proliferationsstimulus des HER2-Systems
  • Aktivierung von Komplement- und Antikörper-vermittelter Zytotoxizität
  • Cetuximab
  • EGFR1 (HER1)
  • Bindung an EGFR → Hemmung der Aktivierung von Rezeptor-assoziierten Kinasen → Zellwachstum↓ → Apoptoseinduktion

PD-1-Inhibitoren

  • Pembrolizumab
  • PD-1-Rezeptor

Weitere Wirkstoffgruppen

Übersicht über Medikamente der zielgerichteten Tumortherapie: Weitere Wirkstoffgruppen
Wirkstoffgruppe Wirkstoff (Auswahl) Target Wirkmechanismus Wichtige Indikationen Wichtige Nebenwirkungen

Ubiquitinierungs-Stimulatoren

  • Lenalidomid

HDAC-Inhibitoren

  • Panobinostat
Wirkung von klassischen Zytostatika
Zytostatikagruppe Untergruppen Pharmaka Wirkmechanismus

Alkylantien

  • Oxazaphosphorine
  • Cyclophosphamid
  • Ifosfamid
  • N-Lost-Derivate
  • Chlorambucil
  • Melphalan
  • Alkylsulfonate
  • Busulfan
  • Hydrazine
  • Temozolomid
  • Dacarbazin
  • Procarbazin
  • Platin-haltige Substanzen
  • Cisplatin
  • Carboplatin
  • Oxaliplatin

Topoisomerase-Hemmstoffe

  • Anthracycline
  • Doxorubicin
  • Daunorubicin
  • Idarubicin
  • Epirubicin
  • Topoisomerase-I-Hemmer
  • Irinotecan
  • Topotecan
  • Topoisomerase-II-Hemmer
  • Etoposid

Mitosehemmstoffe (Spindelgifte)

  • Vinca-Alkaloide
  • Vincristin
  • Vinblastin
  • Taxane
  • Docetaxel
  • Paclitaxel

Antimetabolite

  • Folsäure-Antagonisten
  • Hemmung der Dihydrofolatreduktase u.a. durch Verdrängung der Dihydrofolsäure → Bildung von Purinnukleotiden↓
  • Pyrimidin-Antagonisten
  • Purin-Antagonisten
  • Ribonukleotidreduktase-Hemmer
  • Hydroxyurea (Hydroxycarbamid)

Andere

  • Bleomycin
  • Actinomycin D
  • Mitomycin
  • L-Asparaginase

Allgemeine Nebenwirkungen von klassischen Zytostatika

Spezifische Nebenwirkungen und Charakteristika ausgewählter klassischer Zytostatika

Spezifische Nebenwirkungen von Zytostatika
Zytostatikagruppe Pharmaka Charakteristika und spezifische Nebenwirkungen

Alkylantien

  • Hämorrhagische Zystitis und Urothelkarzinom
    • Prophylaktisch: Gabe von Mesna (2-Mercaptoethansulfonat-Natrium) und Flüssigkeit sowie intermittierende statt kontinuierliche Gabe des Cyclophosphamids [1]
  • Myelosuppression
  • Emetogen
  • Myelotoxisch
  • Emetogen
  • Nephrotoxisch
  • Ototoxisch
  • Neurotoxisch (zentrale und periphere Neuropathien)

Anthracycline

  • Kardiotoxizität
Topoisomerase-I-Hemmer
  • U.a. myelotoxisch (dosislimitierend bei Topotecan)
  • Erhöhte Toxizität von Irinotecan bei verringerter Aktivität der UDP-Glucuronosyltransferase 1A1 (UGT1A1)
    • Rote-Hand-Brief zu irinotecanhaltigen Arzneimitteln: Risiko für schwere Neutropenien und Durchfälle bspw. bei Morbus Gilbert [2]
Topoisomerase-II-Hemmer
  • Myelotoxisch

Mitosehemmstoffe (Spindelgifte)

  • Neurotoxisch (vor allem Vincristin führt zur (peripheren) Neuropathie)

Antimetabolite

  • Myelotoxisch
  • Hepatotoxisch
  • Mukositis (Stomatitis, Ösophagitis, Enteritis)
  • Gegenmaßnahme: Folsäure als Rescue-Therapie
  • Wirkungsverstärkung durch Folinsäure, Myelosuppression
  • Erhöhte Toxizität bei DPD-Mangel
    • Rote-Hand-Brief zu 5-FU, Capecitabin und Tegafur: Vor Behandlung Test auf DPD-Mangel empfohlen [3]
  • Wechselwirkung mit Allopurinol
  • Nutzung als Immunsuppressivum

Andere

Es werden die wichtigsten Nebenwirkungen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Generelle Indikationen

  • Neoadjuvante Zytostatikatherapie: Präoperativ zur Reduktion der Tumormasse
  • Adjuvante Zytostatikatherapie: Postoperativ zur Senkung des Rezidivrisikos und/oder Verbesserung der Prognose
  • Palliative Zytostatikatherapie: Fehlende Kurabilität – Einsatz aus unterschiedlichen Gründen (Verlängerung der Lebenszeit, Minderung der tumorbedingten Symptomatik, usw.)
  • Konditionierung: High-Dose-Zytostatikatherapie (manchmal in Kombination mit Ganzkörperbestrahlung) zur Ausschaltung des eigenen Knochenmarks vor Knochenmark- oder Stammzelltransplantation

Spezifische Indikationen ausgewählter klassischer Zytostatika

Orale Anwendung möglich

Der oralen Anwendung von Zytostatika kommt vor allem in Palliativsituationen eine besondere Bedeutung zu: Durch die orale Einnahme kann langfristig ein ambulantes und kurzstationäres Behandlungskonzept umgesetzt werden.

Mögliche supportive Therapie unter Radiochemotherapie

Siehe auch: Supportive Therapie bei onkologischen Erkrankungen

Eine antiemetische Behandlung unter Einschluss von NK1-Rezeptor-Antagonisten, welche für hoch emetogene Chemotherapie einschließlich Carboplatin vorgesehen ist, soll unterlassen werden bei Patienten, welche eine Chemotherapie mit niedrigem oder moderatem Risiko für Übelkeit und Erbrechen erhalten (DGIM - Klug entscheiden in der Hämatologie und medizinischen Onkologie).

Auf die Anwendung von G-CSF im Kontext einer Chemotherapie-induzierten Neutropenie soll in Situationen ohne belegten klinischen Nutzen verzichtet werden. Dies gilt insb. bei manifester Neutropenie (außer bei Infekt mit zusätzlichen Risikofaktoren) und prophylaktisch bei niedrigem Risiko einer febrilen Neutropenie (<20%) (DGIM - Klug entscheiden in der Hämatologie und medizinischen Onkologie).

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5-Fluorouracil

Cyclophosphamid

Cisplatin (Video frei verfügbar)

Doxorubicin

Etoposid

Taxane

Methotrexat

Azathioprin

L-Asparaginase

Vinca-Alkaloide

Inhaltliches Feedback zu den Meditricks-Videos bitte über den zugehörigen Feedback-Button einreichen (dieser erscheint beim Öffnen der Meditricks).

  1. Hiddemann et al.: Die Onkologie: Teil 1: Epidemiologie - Pathogenese - Grundprinzipien der Therapie. Springer 2013, ISBN: 978-3-662-06671-3 .
  2. Rote-Hand-Brief zu irinotecanhaltigen Arzneimitteln: Arzneimitteltoxizität bei Patienten mit verringerter UGT1A1-Aktivität. Stand: 21. Dezember 2021. Abgerufen am: 21. Dezember 2021.
  3. Rote-Hand-Brief zu 5-Fluorouracil- (i.v.), Capecitabin- und Tegafur-haltigen Arzneimitteln: Tests vor Behandlungsbeginn zur Identifizierung von Patienten mit DPD-Mangel. Stand: 4. Juni 2020. Abgerufen am: 8. Juni 2020.
  4. Leitlinie Antimykotische Prophylaxe bei Patienten mit hämatologischen Neoplasien oder nach allogener Stammzelltransplantation. Stand: 1. Juli 2015. Abgerufen am: 1. Februar 2018.
  5. Leitlinie Bakterielle Infektionen und Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie – Prophylaxe. Stand: 1. September 2014. Abgerufen am: 23. Mai 2017.
  6. Leitlinie Antivirale Prophylaxe. Stand: 1. September 2014. Abgerufen am: 1. Februar 2018.
  7. Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2012 .
  8. Karow: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie 2021. 29. Auflage Thomas Karow (Verlag) 2020, ISBN: 978-3-982-12231-1 .
  9. Herold et al.: Innere Medizin 2021. Herold 2021, ISBN: 978-3-982-11660-0 .
  10. Serve, Zurmeyer: Therapie-Handbuch - Onkologie und Hämatologie. Elsevier 2021, ISBN: 978-3-437-23824-6 .