• Klinik
  • Arzt

Mastoiditis und Labyrinthitis

Abstract

Die akute Mastoiditis ist eine Entzündung der lufthaltigen Zellen im Processus mastoideus (Warzenfortsatz), in der Regel mit Knocheneinschmelzung. Sie tritt häufig im Rahmen einer akuten Otitis media auf, hier sind insbesondere Kleinkinder betroffen. Die akute Mastoiditis kann außerdem als Komplikation einer subakuten oder chronischen Otitis media oder eines Cholesteatoms vorkommen. Neben Fieber, reduziertem Allgemeinbefinden und starken Ohrenschmerzen zeigt sich typischerweise eine schmerzhafte retroaurikuläre Rötung und Schwellung sowie eine abstehende Ohrmuschel. Wegweisend sind die Klinik sowie die otoskopische Untersuchung, ggf. ist eine Bildgebung zu erwägen. Therapeutisch erfolgt immer die stationäre Aufnahme zur i.v.-antibiotischen Therapie und je nach Ausprägung des Befundes die chirurgische Intervention. Bei leichten Verläufen kann das Ansprechen der intravenösen Antibiotikatherapie innerhalb der ersten 12–24 Stunden abgewartet werden. Die Prognose ist bei rechtzeitigem Therapiebeginn gut. Andernfalls können sich lokale Abszesse sowie intrakranielle Komplikationen entwickeln.

Die Labyrinthitis ist eine Komplikation der akuten bzw. der chronischen Otitis media und beschreibt eine Entzündung des vestibulären und kochleären Labyrinthanteils. Klassische Symptome sind eine zunehmende Schallempfindungsschwerhörigkeit und Drehschwindel, oft verbunden mit Übelkeit und Erbrechen. Meist klagen die Patienten über Ohrenschmerzen, ein allgemeines Krankheitsgefühl und Ohrgeräusche. Diagnostisch wegweisend sind der Weber-Versuch bzw. die Audiometrie sowie die Untersuchung mittels Frenzel-Brille. Die Diagnose indiziert immer eine stationäre Aufnahme mit i.v.-antibiotischer Therapie plus chirurgischer Intervention. Die Prognose ist abhängig vom Zeitpunkt des Therapiebeginns; häufig bleiben Hörstörungen bestehen.

Mastoiditis

Definition [1]

Epidemiologie

  • Inzidenz: 1–4 pro 100.000 Einwohner/Jahr
  • Alter: Insb. Kleinkinder betroffen

Ätiologie

Klinik und Formen der Mastoiditis

  • Akute Mastoiditis
    • Starke Ohrenschmerzen, ggf. als wiedereinsetzende Ohrenschmerzen nach anfänglicher Besserung oder bei ausbleibender Besserung im Rahmen einer Otitis media
    • Innerhalb von Stunden auftretende retroaurikuläre druckdolente, teigige Schwellung, Rötung und Überwärmung, abstehende Ohrmuschel
    • Fieber, deutlich reduzierter Allgemeinzustand, schmerzbedingte Schonhaltung des Kopfes
  • Chronische oder larvierte (verschleierte) Mastoiditis
    • Chronische Schleimhauteiterung im Warzenfortsatzbereich ohne Knocheneinschmelzung, bspw. bei Kindern mit chronischem Mukotympanon oder bei chronisch sezernierender Otitis media
    • Mastoidklopfschmerz und geringe unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsschwäche, subfebrile Temperaturen, Kopfschmerzen
  • Stauungsmastoiditis bei Cholesteatom

Diagnostik

  • Anamnese: Meist bestehende oder stattgehabte akute Otitis media, ggf. antibiotisch therapiert
  • Klinik (s.o.) und HNO-ärztliche Untersuchung
    • Palpation: Klopf- und/oder Druckschmerz retroaurikulär über dem Planum mastoideum, Schmerzauslösung bei Zug an der Ohrmuschel
    • Otoskopie (mögliche Befunde)
  • Bildgebung
    • CT Felsenbein: Einschmelzung von Knochenstrukturen
    • MRT: Ausdehnung im Gewebe, auch intrakraniell
    • Sonographie: Nachweis von subperiostalen Abszessen
      • Dopplersonographie bei V.a. Thrombose der V. jugularis
    • Im Einzelfall: CT der Nasennebenhöhlen, wenn die Ursache dort vermutet wird
    • Nicht mehr durchgeführt: Röntgenaufnahme nach Schüller zur Beurteilung der lufthaltigen Zellen des Mastoids
      • Röntgenaufnahme des Schädels mit Zentralröntgenstrahl im Winkel von 30° gegenüber der Horizontalen nach oben gekippt, Ohr röntgenplattennah
      • Projizierung von innerem und äußerem Gehörgang übereinander; Verhinderung von Artefakten durch das jeweils kontralaterale Felsenbein
  • Labor
  • Bei V.a. Meningitis: zusätzlich Lumbalpunktion

Therapie der Mastoiditis

Allgemeine Maßnahmen

Systemische Antibiotikatherapie [3]

Lokale Therapie

Chirurgische Intervention

  • Bei klinisch eindeutiger schwerer Mastoiditis: Immer notfallmäßige Mastoidektomie
    • Bei geschlossenem Trommelfell oder kleiner Perforation: Zusätzlich Parazentese und Paukendrainage sowie ggf. Adenotomie
  • Bei leichter Mastoiditis (mit flachem Tympanogramm bzw. Paukenerguss): Parazentese+Paukendrainage und Ansprechen der antibiotischen Therapie für 12–24 h abwarten; bei ausbleibender Besserung zusätzlich Mastoidektomie
  • Bei unklarem Befund oder V.a. beginnende Mastoiditis: Parazentese und Paukendrainage, bei Kindern zusätzlich Adenotomie (umgehend)
    • Intraoperative CT des Felsenbeins: Je nach Befund zusätzlich Mastoidektomie
  • Bei Subperiostalabszess: Zusätzlich zur Mastoidektomie ggf. retroaurikuläre Drainage nach außen
  • Bei Cholesteatom: Zusätzlich zur Mastoidektomie Radikaloperation mit Entfernung des Cholesteatoms
  • Bei Komplikationen: Entsprechende Erweiterung des Eingriffes
  • In jedem Fall: Ursachenbeseitigung, bspw. Adenotomie, Nasennebenhöhlensanierung (FESS = functional endoscopic sinus surgery)

Komplikationen

Prognose

  • Gute Prognose, oft mit folgenloser Ausheilung bei rechtzeitigem Therapiebeginn
  • Ansonsten Prognose in Abhängigkeit von Therapiebeginn und Komplikationen
    • Bei intrakraniellen Komplikationen häufig neurologische Residualschäden

Nach Abschluss der Therapie sollte immer eine Hörprüfung erfolgen, bei Kindern am besten durch die Ableitung akustisch evozierter Potentiale oder eine BERA!

Prävention

Sonderfall: Bezold-Mastoiditis

Labyrinthitis

Definition

  • Entzündung des vestibulären und kochleären Labyrinthanteils

Epidemiologie

  • Häufigkeit: Selten
  • Altersgipfel: 30–50 Jahre
  • Geschlecht: > (1,5:1) [4]

Obwohl sie selten ist, sollte man bei einer Otitis media immer an die Labyrinthitis als mögliche Komplikation denken!

Ätiologie

Klinik

Diagnostik

Zusatzdiagnostik im Einzelfall

Therapie der Labyrinthitis

Allgemeine Maßnahmen

Medikamentöse Therapie

Plus chirurgische Intervention

  • Paukendrainage und Sanierung der Mittelohrräume mit intraoperativem Abstrich
  • Ggf. Mastoidektomie
  • Ggf. Entfernung eines Cholesteatoms
  • Ggf. Abdecken einer Labyrinthfistel
  • Bei hochgradiger Schwerhörigkeit oder Hörverlust: Frühzeitig Cochleaimplantat

Komplikationen

  • Meningitis
  • Enzephalitis
  • Abszessbildung
  • Ertaubung

Prognose

  • Abhängig vom Therapiebeginn; seröse (toxische) Verlaufsform bessere Prognose als eitrige
  • I.d.R. Sistieren der vestibulären Symptome bzw. zentrale Kompensation
  • Oft bleibende Hörschäden

Nach Abschluss der Therapie sollte immer eine Hörprüfung erfolgen, bei Kindern am besten durch eine BERA oder durch Ableitung akustisch evozierter Potentiale!

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

H70.-: Mastoiditis und verwandte Zustände

H75.-*: Sonstige Krankheiten des Mittelohres und des Warzenfortsatzes bei anderenorts klassifizierten Krankheiten

H83.-: Sonstige Krankheiten des Innenohres

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.