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Tinnitus (Ohrgeräusche…)

Abstract

Als Tinnitus bezeichnet man eine auditive Wahrnehmung, die sich als Rauschen, Klingeln, Brummen oder Piepen bemerkbar machen kann. Man unterscheidet zwischen einem objektiven Tinnitus, der auch vom Untersucher gehört werden kann, und einem subjektiven Tinnitus mit nur für den Patienten wahrnehmbaren Tönen oder Geräuschen ohne akustische Stimulation von außen. Ein objektiver Tinnitus kann bspw. durch einen Glomustumor verursacht werden; der subjektive Tinnitus entsteht meist durch eine fehlerhafte Informationsbildung im auditorischen System. Ein akuter Tinnitus (<3 Monate) kann spontan sistieren. Eine Chronifizierung kann zu einer starken Beeinträchtigung der Lebensqualität mit großem Leidensdruck führen.

Die Therapie des objektiven Tinnitus richtet sich nach dessen Ursache. Bei einem neu aufgetretenen subjektiven Tinnitus ohne erkennbare Ursache ist das Mittel der Wahl eine umgehende Glucocorticoidtherapie, insb. wenn zusätzlich eine Hörminderung vorliegt. Parallel zur Therapie sollte immer eine Diagnostik eingeleitet werden, die aufgrund der vielen möglichen Ursachen sehr zeitaufwendig sein kann. Ist die kausale Therapie nicht erfolgreich, ist die Veranlassung einer Psychotherapie zur Verbesserung des Umgangs mit der Symptomatik ratsam, da eine erfolglose Habituation zu psychischen Sekundärsymptomen führen kann.

Definition

  • Tinnitus: Auditive Wahrnehmung (Ohrgeräusch) unterschiedlicher Genese, die ein- oder beidseitig vorkommt

Bei allen Formen des Tinnitus handelt es sich um ein Symptom und nicht um eine Erkrankung!

Epidemiologie

  • Lebenszeitprävalenz: ca. 25% der Menschen
  • Prävalenz des chronischen Tinnitus: ca. 4% der Erwachsenen
  • Inzidenz des chronischen Tinnitus: ca. 250.000 Neuerkrankungen pro Jahr [1]

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Ursachen für objektive Ohrgeräusche [2][3]

Ursachen für subjektive Ohrgeräusche

  • Ursache kann im Bereich des äußeren Ohrs, des Mittelohrs, der Cochlea, des Hörnerven oder des zentralen auditorischen Systems liegen
  • Insb. bei unauffälligem Ohrbefund ist die Pathogenese oft unklar

Übersicht möglicher Ursachen

Ein subjektiver Tinnitus tritt häufig auf, ein objektiver selten!

Psychologische Aspekte

  • Psychische Verarbeitung: Tinnitus ist häufig, in den meisten Fällen ist die Akzeptanz der Symptomatik gut und der Leidensdruck gering [5]
  • Gestörte psychische Reaktion: Bei übermäßiger Konzentration auf den Tinnitus und fehlender Habituation → Gestörte Hörwahrnehmung und -verarbeitung des Tinnitusreizes → Pathologisch-übersteigerte Reizantworten → Sekundärsymptomatik mit Angststörung, Schlafstörung, Depression (unabhängig von der Ursache)
  • Indikation zur Psychotherapie: Bei starker Belastung durch chronischen Tinnitus
    • Wirkung: Verbesserung der Verarbeitung und Bewältigung der Ohrgeräusche sowie zur Behandlung von Ängsten, Depressionen und Schlafstörungen [6]

Klassifikation

Einteilung nach Objektivierbarkeit des Befundes [5]

  • Subjektiver Tinnitus: Ohrgeräusche, die nur vom Patienten wahrgenommen werden
    • Ursprung kann im Bereich des äußeren Ohrs, Mittelohrs, Cochlea, Hörnerven und im Bereich des zentralen auditorischen Systems liegen
  • Objektiver Tinnitus: Ohrgeräusche, die sowohl vom Betroffenen als auch vom Untersucher wahrgenommen werden können
    • I.d.R. durch körpereigene Schallquelle, bspw. gefäß- oder muskelbedingte Geräusche

Einteilung nach Verlaufsdauer

  • Akuter Tinnitus: Dauer <3 Monate
  • Chronischer Tinnitus: Dauer ≥3 Monate

Einteilung nach Schweregrad

Grad Charakteristika
1 kompensiert Gut kompensiert, kein Leidensdruck
2 Tinnitus hauptsächlich in Stille, störende Wirkung bei Stress und Belastungen
3 dekompensiert Dauernde Beeinträchtigung im privaten und beruflichen Bereich, Störungen im emotionalen, kognitiven und körperlichen Bereich
4 Völlige Dekompensation im privaten Bereich sowie Berufsunfähigkeit

Symptome/Klinik

  • Leitsymptom: Ohrgeräusch, bspw. pfeifend, rauschend, brummend, klingelnd, pulsierend
  • Zusätzlich ggf.
    • Hörminderung
    • Hyperakusis
  • Sekundärsymptomatik: Depression, Angst und Schlafstörungen bis hin zur Suizidalität

Diagnostik

Basisdiagnostik bei Tinnitus [3]

Erweiterte Diagnostik bei Tinnitus

Schon vor Abschluss der Ursachenklärung sollte beim subjektiven Tinnitus zeitnah ein Therapiebeginn mit Glucocorticoiden erfolgen!

Verlaufsdiagnostik bei Tinnitus: Nach frühestens einer Woche

Vorgehen bei Patienten mit neu aufgetretenem Tinnitus

  • Bei neu aufgetretenem Tinnitus mit Dauer >24 h: Dringende ärztliche Vorstellung [7]
  • Behandlungsdringlichkeit: Tinnitus ist generell kein Notfall, der sofort behandelt werden muss
    • Häufig Spontanremission innerhalb weniger Tage
  • Bei objektivem Tinnitus
    • Zeitnahe Blutdruckkontrolle und bildgebende Diagnostik (Abklärung Glomus-caroticum-Tumor)
    • Zeitnahe Vorstellung bei einem HNO-Facharzt und ggf. bei weiteren Fachärzten zur Eruierung der Ursachen
    • Therapie erst nach abgeschlossener Diagnostik, entsprechend der Grunderkrankung
  • Bei subjektivem Tinnitus ohne anamnestisch eruierbare Ursache
    • Sofortige Therapieeinleitung mit Glucocorticoiden
    • Zeitnahe Vorstellung bei einem HNO-Facharzt und ggf. bei weiteren Fachärzten zur Eruierung der Ursachen

Therapie

Zur Vermeidung einer Chronifizierung sollte ein möglichst frühzeitiger Beginn der Therapie angestrebt werden.

Objektiver Tinnitus

  • Kausale Therapie je nach Grunderkrankung
  • Beseitigung der körpereigenen Schallquelle durch mikrochirurgische, neuroradiologische und/oder strahlentherapeutische Interventionen

Subjektiver Tinnitus

  • Bei unklarer Ursache: Initial sofortiger Beginn einer Glucocorticoidtherapie, sofern keine Kontraindikationen bestehen (für Informationen zur Dosierung siehe: Glucocorticoidtherapie bei Hörsturz)
    • Bei geringer objektiver und subjektiver Beeinträchtigung
      • Abwarten einer Spontanremission für 2–3 Tage möglich
      • Bei ausbleibender Besserung Therapiebeginn mit Glucocorticoiden
  • Bei erkennbarer und therapierbarer Krankheitsursache: Kausale Therapie
    • Funktionsstörung des Gehörgangs, Mittelohrs oder cochleärer Hörstörung: Ggf. operative Therapie, bspw. Implantation eines Cochlea-Implantats bei zusätzlich ausgeprägter cochleärer Hörstörung
    • Orthopädische Funktionsstörungen: Physiotherapie
    • Systemische Erkrankungen: Bspw. medikamentöse Therapie bei Hypertonus
    • Störungen des Kiefers oder Kauapparates: Zahnärztliche Funktions- bzw. kieferorthopädische Therapie

Supportive Therapiemaßnahmen bei Tinnitus

  • Indikation: Bei unklarer bzw. nicht kausal therapierbarer Krankheitsursache, insb. bei chronischem Tinnitus (≥3 Monate)
  • Optionen

Ein akuter, subjektiver Tinnitus ohne anamnestisch eruierbare Ursache sollte bei starkem Leidensdruck wie ein Hörsturz therapiert werden!

Prognose

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • H93.-: Sonstige Krankheiten des Ohres, anderenorts nicht klassifiziert

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.