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Icterus neonatorum

Letzte Aktualisierung: 24.9.2021

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Bei mehr als der Hälfte aller Neugeborenen entwickelt sich innerhalb der ersten Lebenswoche ein sichtbarer Ikterus. Häufig liegt dieser Gelbfärbung der Haut ein physiologischer Anstieg des Bilirubins zugrunde, der u.a. durch eine verminderte Lebensdauer der Erythrozyten und eine langsame Verstoffwechselung in der noch unreifen Leber bedingt ist. Ein Anstieg des Bilirubins über altersentsprechende Normwerte sollte jedoch rasch untersucht und ggf. therapiert werden: Einerseits müssen zugrundeliegende Pathologien identifiziert werden (z.B. Hämolyse, Stoffwechselerkrankungen, Infektionen), andererseits führen massiv erhöhte Bilirubinspiegel auch unabhängig von der Ursache zu gravierenden akuten und chronischen Schädigungen (z.B. Enzephalopathie).

Diagnostisch sollte die Blickdiagnose (Gelbfärbung) durch eine transkutane und eine genauere „blutige“ Bestimmung der Bilirubinkonzentration im Serum bestätigt werden. Je nach Höhe des Wertes ist dann eine Phototherapie indiziert, bei der durch blaues Licht das hydrophobe Bilirubin in eine wasserlösliche (über die Nieren ausscheidbare) Form überführt wird. Bei Therapieresistenz ist alternativ eine Austauschtransfusion mit Spenderblut zur Elimination des kumulierenden Stoffes zu erwägen.

Einteilung des Icterus neonatorum

  • Physiologischer Neugeborenenikterus
    • Zeitraum: 3.–10. Lebenstag (Maximum um den 5. Lebenstag)
    • Asymptomatisch bis auf eine Gelbfärbung der Haut und/oder Skleren
    • Höhe des Gesamtbilirubins: 5–15 mg/dL (bei reifgeborenem, gestilltem Kind)
  • Pathologischer Ikterus
    • Icterus praecox: Gesamtbilirubin >7 mg/dL innerhalb der ersten 24 Lebensstunden
    • Icterus gravis: Gesamtbilirubin >15 mg/dL
    • Icterus prolongatus: Erhöhte Bilirubinspiegel nach dem 10. Lebenstag
  • Etwa 60% aller Neugeborenen werden innerhalb der 1. Lebenswoche sichtbar ikterisch

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ursachen der physiologischen Hyperbilirubinämie

Ursachen von pathologischen Hyperbilirubinämien

Die Diagnose eines physiologischen Neugeborenenikterus ist eine Ausschlussdiagnose! Bei deutlich vorhandener Hyperbilirubinämie müssen alle weiteren pathologischen Ursachen mittels Labordiagnostik ausgeschlossen werden!

Phototherapie bei Neugeborenenikterus [1]

  • Prinzip: Blaulicht (Wellenlänge 420–480 nm)Umwandlung des in der Haut vorhandenen (hydrophoben) indirekten Bilirubins in eine wasserlösliche FormAusscheidung über Galle und Urin
  • Indikation: Erhöhung des Gesamtbilirubins (GSB) über die Phototherapiegrenze
  • Durchführung
    • Therapie bis Absinken des Bilirubinwertes unter den berechneten Grenzwert
    • Phototherapie des entkleideten Kindes
    • Augenschutz durch Schutzbrille; Gonadenschutz durch Windel
    • Auf ausreichende Flüssigkeitsmengen achten
  • Zu Beachten
    • Erschwerte Beurteilbarkeit des Hautkolorits durch permanent strahlendes, blaues Licht
    • Trennung von der Mutter
  • Ggf. Assoziation zwischen Phototherapie und Auftreten von

Blutaustauschtransfusion

  • Gute Prognose
  • Bleibende Schäden i.d.R. nur selten: Im Rahmen des Kernikterus
  • P57.-: Kernikterus
  • P58.-: Neugeborenenikterus durch sonstige gesteigerte Hämolyse
    • Exklusive: Ikterus durch Isoimmunisierung (P55P57)
    • P58.0: Neugeborenenikterus durch Quetschwunde
    • P58.1: Neugeborenenikterus durch Blutung
    • P58.2: Neugeborenenikterus durch Infektion
    • P58.3: Neugeborenenikterus durch Polyglobulie
    • P58.4: Neugeborenenikterus durch Arzneimittel oder Toxine, die von der Mutter übertragen oder dem Neugeborenen verabreicht wurden
    • P58.5: Neugeborenenikterus durch Verschlucken mütterlichen Blutes
    • P58.8: Neugeborenenikterus durch sonstige näher bezeichnete gesteigerte Hämolyse
    • P58.9: Neugeborenenikterus durch gesteigerte Hämolyse, nicht näher bezeichnet
  • P59.-: Neugeborenenikterus durch sonstige und nicht näher bezeichnete Ursachen
    • Exklusive: Durch angeborene Stoffwechselstörungen (E70–E90), Kernikterus (P57.‑)
    • P59.0: Neugeborenenikterus in Verbindung mit vorzeitiger Geburt
    • P59.1: Gallepfropf-Syndrom
    • P59.2: Neugeborenenikterus durch sonstige und nicht näher bezeichnete Leberzellschädigung
      • Fetale oder neonatale (idiopathische) Hepatitis
      • Fetale oder neonatale Riesenzellhepatitis
      • Exklusive: Angeborene Virushepatitis (P35.3)
    • P59.3: Neugeborenenikterus durch Muttermilch-Inhibitor
    • P59.8: Neugeborenenikterus durch sonstige näher bezeichnete Ursachen
    • P59.9: Neugeborenenikterus, nicht näher bezeichnet
      • Physiologischer Ikterus (verstärkt) (verlängert) o.n.A

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2021, DIMDI.

  1. S2k-Leitlinie Hyperbilirubinämie des Neugeborenen - Diagnostik und Therapie. Stand: 31. August 2015. Abgerufen am: 30. Oktober 2017.
  2. Sitzmann: Duale Reihe Pädiatrie. 3. Auflage Thieme 2006, ISBN: 978-3-131-25332-3 .
  3. Hoffmann: Crashkurs Pädiatrie. 2. Auflage Urban & Fischer 2003, ISBN: 978-3-437-43200-2 .
  4. Koletzko: Pädiatrie. 13. Auflage Springer 2007, ISBN: 978-3-540-48632-9 .
  5. Reinhardt et al.: Therapie der Krankheiten im Kindes- und Jugendalter. 8. Auflage Springer 2007, ISBN: 3-540-71898-2 .
  6. Kliegman et al.: Nelson Textbook of Pediatrics. 19. Auflage Elsevier 2011, ISBN: 978-1-437-70755-7 .
  7. Jorch, Hübler: Neonatologie. 1. Auflage Thieme 2010, ISBN: 978-3-131-46071-4 .