• Klinik

Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (F43)

Abstract

Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen sind durch relativ klar definierbare ursächliche Faktoren geprägt. Dabei handelt es sich zumeist um ein außergewöhnlich belastendes Ereignis oder besondere Veränderungen im Leben („Life-events“), die als direkter Auslöser nachzuvollziehen sind. Dass diese Ereignisse eine Störung hervorrufen können, hängt aber maßgeblich von den individuellen Bewältigungs-Ressourcen ab. Die akute Belastungsreaktion ist vor allem durch gesteigerte Affekte (Wut, Trauer etc.) geprägt, die unmittelbar nach dem Ereignis auftreten und nach Stunden bis Tagen abklingen. Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein Ereignis „katastrophalen“ Ausmaßes und durch wiederholtes Wiedererleben (z.B. Flashbacks), emotionale Abstumpfung und vegetative Übererregtheit charakterisiert. Die dritte große Störung aus dieser Krankheitsgruppe ist die Anpassungsstörung, die vereinfacht als depressive Reaktion (Interessenverlust, gedrückte Stimmung etc.) auf ein klar nachvollziehbares Ereignis bezeichnet werden kann und definitionsgemäß nicht länger als 6 Monate andauert.

Akute Belastungsreaktion (F43.0)

  • Kurzbeschreibung: Die akute Belastungsreaktion ist im allgemeinen Sprachgebrauch besser als „Nervenzusammenbruch“ bekannt. Sie ist die Reaktion auf schwere körperliche oder emotionale Belastungen. Aufbauende Gespräche (als Krisenintervention) und der kurzfristige Einsatz von Benzodiazepinen können die Symptomatik lindern. Die Symptomatik klingt i.d.R. nach Stunden bis Tagen ab.
  • Symptome: Eine akute Belastungsreaktion kann sich in sehr unterschiedlicher Weise präsentieren
    • Gesteigerte Affekte: Trauer, Wut, Aggression, Verzweiflung
    • Dissoziative Symptome: Bspw. Abwesenheit, die bis zu einem dissoziativen Stupor reichen kann
    • Vegetative Symptome: Herzrasen, Schwitzen, Übelkeit
  • Therapie
    • Allgemein: Aufbauende Gespräche sowie soziale und emotionale Unterstützung im Sinne einer Krisenintervention. Bei „Red Flags“ (z.B. suizidale Absichten) ist eine kurzfristige stationäre Aufnahme zu erwägen.
    • Medikamentös
      • Zur psychischen Entlastung (nur bei schwerer Symptomatik): Ggf. kurzfristige Gabe von Benzodiazepinen (z.B. Lorazepam)
      • Bei Schlafstörungen: Ggf. kurzfristige Gabe von Schlafmitteln (z.B. Zopiclon)

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, F43.1)

  • Kurzbeschreibung: Die posttraumatische Belastungsstörung ist eine Reaktion, die innerhalb von 6 Monaten nach einem traumatischen, emotional belastenden Ereignis eintreten kann und durch eine Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses gekennzeichnet ist. Sie tritt i.d.R. nicht zum Zeitpunkt des Ereignisses auf. Eine Chronifizierung ist möglich.
  • Ätiologie
    • Mögliche Auslöser: Schwere traumatische Ereignisse wie bspw. körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch, Unfälle, Naturkatastrophen, Kriegshandlungen, Diagnose einer schweren Erkrankung
      • Erleben des Ereignisses würde bei nahezu jedem Menschen tiefe Verzweiflung auslösen
      • Das Ereignis muss nicht selbst erlebt worden sein, sondern kann auch durch die Beobachtung eines traumatischen Erlebnisses eines Dritten ausgelöst werden
    • Wichtige Risikofaktoren für die Entwicklung einer PTBS
      • Das Ereignis geht mit einem unwiederbringlichen Verlust einher, erfolgt völlig unerwartet und unterliegt nicht der Kontrolle des Betroffenen
      • Mangelnde soziale Unterstützung
      • Traumatische Kindheitserfahrungen
  • Symptome
    • Intrusionen
      • Flashbacks: Auf einen Schlüsselreiz erlebt der Patient in Gedanken, Gefühlen und Bildern erneut das traumatische Ereignis
      • Intrusive Bilder
      • Albträume
    • Vermeidungsverhalten
      • Vermeidung von Gesprächen, Situationen, Orten etc., die mit dem Trauma in Verbindung stehen oder gebracht werden
      • Erinnerungsbeeinträchtigung in Bezug auf das traumatische Ereignis
      • Depressivität: Interessenverlust, Anhedonie, emotionale Abstumpfung und Rückzug , Suizidgedanken
    • Agitiertheit („Hyperarousal“) und Angstsymptome
      • Psychische und vegetative Übererregung: Reizbarkeit, Schlafstörungen, Herzrasen, übermäßige Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit
    • Weitere Symptome: Ich-Störungen (Derealisation, Depersonalisation), dissoziative Symptome
  • Häufige Komorbiditäten: Depression, Suchterkrankungen, Somatisierungsstörungen
  • Therapie: Die Therapie einer posttraumatischen Belastungsstörung gestaltet sich i.d.R. schwierig und langwierig

Anpassungsstörung (F43.2)

  • Kurzbeschreibung: Die Anpassungsstörung beschreibt Beeinträchtigungen, die begünstigt durch eine erhöhte individuelle Vulnerabilität während des Anpassungsprozesses nach einer Lebensveränderung entstehen und die Lebensqualität des Betroffenen einschränken. Diese Beeinträchtigungen sind meistens depressive Verstimmungen, Ängste und das Gefühl, in der Alltagsbewältigung eingeschränkt zu sein. Im Vergleich zur akuten Belastungsreaktion entwickelt sich eine Anpassungsstörung langsamer (innerhalb eines Monats), hält aber bis zu 6 Monate an.
  • Klinik
    • Beginn: Die Störung manifestiert sich innerhalb eines Monats nach dem Ereignis
    • Symptome: Die Klinik ähnelt den Symptomen einer leichten depressiven Episode, kann sich aber in Einzelfällen auch in einem gestörten Sozialverhalten (bspw. Aggressivität) äußern
    • Dauer: Nicht länger als 6 Monate; dauert die Störung länger als 6 Monate an, spricht man je nach Ausprägung der Symptomatik von einer Anpassungsstörung mit längerer depressiver Reaktion (F43.21) oder einer depressiven Episode (F32)
  • Wichtige Differentialdiagnosen
  • Therapie
    • Allgemein: Aufbauende Gespräche, Ressourcenaktivierung sowie soziale und emotionale Unterstützung im Sinne einer Krisenintervention. Bei „Red Flags“ (z.B. suizidale Absichten) ist eine kurzfristige stationäre Aufnahme zu erwägen.
    • Ggf. supportive medikamentöse Behandlung

Die Anpassungsstörung ist eine nicht länger als 6 Monate andauernde depressive Reaktion auf ein spezifisches Ereignis (Trennung, Tod)!

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

F43.-: Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.