• Klinik

Verletzungen und Gewalteinwirkung

Abstract

Um Informationen über den Charakter einer Verletzung bei Gewalteinwirkungen zu erhalten, ist es aus rechtsmedizinischer Sicht wichtig, einen möglichen Tathergang zu rekonstruieren und somit zwischen einer Selbst- und Fremdbeibringung zu unterscheiden. Dabei werden unter anderem der Schnittverlauf, die Regelmäßigkeit und die Tiefe der Wunde sowie mögliche Abwehrverletzungen beurteilt. Bei Kopfverletzungen können mithilfe der Hutkrempen-Regel und der Puppe-Regel Informationen über den Hergang gewonnen werden, während der Charakter von Knochenfrakturen Hinweise bezüglich des Tatwerkzeugs liefern kann.

Schnitt- vs. Stichverletzungen

Schnittverletzungen Stichverletzungen
Einstich
  • Breite > Tiefe
  • Tiefe > Breite
  • Tiefer Stichkanal, ggf. Ausstichsöffnung

Wundränder

  • Glatt
  • Glatt

Wundwinkel

  • Spitz
  • Spitz
  • Schwalbenschwanzform
  • Gewebsbrücken sprechen für eine Riss-/Quetschwunde

Bei Stichverletzungen kann der Einstich durch Weichteilkompression tiefer als die Länge des Stichwerkzeugs sein!

Selbstbeibringung vs. Fremdbeibringung

Selbstbeibringung Fremdbeibringung
Wunde, Schnitte
  • Symmetrien
  • Oberflächliche Wunden
  • Parallele Probierschnitte
  • Gruppiert stehende Stiche
  • Herznahe Lokalisation
  • Tiefe Wunden
  • Gebrochener Stichkanal
Kleidung
  • Entkleidete Einstichstelle
  • Be- oder entkleidete Einstichstelle
Schnittverlauf
  • Dem Links-/Rechtshänder entsprechend
  • Verschiedene Verläufe möglich
  • Schwalbenschwanzform
Abwehrverletzungen
  • Keine
  • Deutliche Spuren von Abwehrhandlungen, z.B. an den Unterarmstreckseiten
  • „Fischmaulartige“ Schnitte an den Beugeseiten der Hände

Kopfverletzungen

  • Hutkrempen-Regel: Die Hutkrempen-Regel besagt, dass Verletzungen oberhalb der Hutkrempenlinie eher durch Schläge eines Dritten, Verletzungen unterhalb der Hutkrempe eher durch Stürze entstanden sind.
  • Puppe-Regel: Mit der Puppe-Regel kann die zeitliche Abfolge von Kopfverletzungen nachvollzogen werden. Sie besagt, dass später entstandene Frakturlinien (multiple Traumata) an bereits bestehenden Frakturlinien enden. Die Frakturlinien kreuzen nicht.
  • Längsbrüche: Entstehen durch Längsdruck, z.B. bei Sturz auf den Hinterkopf
  • Querbrüche: Entstehen durch Querdruck, z.B. bei Tritt gegen einen am Boden fixierten Kopf

Querdruck verursacht Querbrüche, Längsdruck verursacht Längsbrüche!

  • Biegungsbrüche: Entstehen am Ort der direkten Gewalteinwirkung
    • Globusfraktur: Radiäre und konzentrische Bruchlinien vom Zentrum ausgehend (z.B. bei stumpfer Gewalt mit einem Baseballschläger)
    • Lochfraktur: Ausgestanztes Loch bei kleiner Angriffsfläche und konzentrierter Gewalteinwirkung (z.B. mit einem Hammer)
    • Terrassenfraktur: Stufe an der Bruchlinie bei schräger Gewalteinwirkung, die eine Verkantung provoziert
  • Berstungsbrüche: Entstehen nicht am Ort der Gewalteinwirkung, sondern durch Verformung des Schädels, z.B. bei einem Sturz
  • Coup-Contrecoup-Mechanismus: Kommt es nach einer Gewalteinwirkung auf den Schädel nicht direkt zu einer Fraktur, werden die auf den Schädel einwirkenden Kräfte nur zu einem Teil von der direkten Auftreffstelle aufgenommen und größtenteils auf die gegenüberliegende Seite übertragen.
    • Coup: Ort der direkten Gewalteinwirkung am Schädel
    • Contrecoup: Meist stärker betroffener Bereich auf der gegenüberliegenden Seite

Gewalteinwirkung

  • Folgen scharfer Gewalt: Verblutungen, Luftembolien, Herzbeuteltamponade, usw.
  • Folgen stumpfer Gewalt: Verschiebung und Kompression des Gewebes mit Hämatomen, Hauteinblutungen (Suffusion) und Quetschwunden mit Abschürfungen (Exkoriation)
  • Platzwunden: Platzwunden entstehen dort, wo Haut und Unterhaut ohne schützende Fettpolster auf dem Knochen aufliegen.
  • Stockhiebe: Charakteristische Hautveränderung
    • Doppelstriemen: Der Druck des Tatwerkzeugs drückt das Blut vom Wirkort nach außen -es entsteht eine helle Aussparung zwischen zwei blutunterlaufenen Streifen