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Anästhesie bei seltenen hereditären Syndromen

Letzte Aktualisierung: 30.3.2026

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Seltene hereditäre Syndrome umfassen eine äußerst heterogene Gruppe genetisch bedingter Erkrankungen, die häufig mit komplexen Funktionsstörungen mehrerer Organsysteme einhergehen und oft nur symptomatisch therapiert werden können. Für die Anästhesie relevant sind insb. Auffälligkeiten der Atemwege wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalten oder Prognathie sowie angeborene Herzfehler. Auch pharmakologische Besonderheiten, bspw. eine veränderte Empfindlichkeit gegenüber Muskelrelaxanzien, müssen berücksichtigt werden.

Präoperativ ist eine sorgfältige Anamnese entscheidend, einschließlich genetischer Diagnosen, Organbeteiligung und bisheriger Narkosen. Im Fokus stehen die Beurteilung des Atemwegs, der Herzfunktion und des neuromuskulären Status. Intraoperativ sind individuell angepasste Anästhesietechniken, ein adäquates Monitoring und die Auswahl geeigneter Medikamente essenziell. Postoperativ sind v.a. mögliche respiratorische und kardiale Komplikationen zu beachten.

Dieses Kapitel behandelt exemplarisch ausgewählte Erkrankungen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

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Fragiles-X-Syndromtoggle arrow icon

Übersicht

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Fragiles-X-Syndrom
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
  • Neurokognitiver Status bzw. Kooperationsfähigkeit
  • EKG und Echokardiografie ratsam (falls Durchführung möglich)
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
  • Stress- und angstfreie Umgebung sicherstellen
    • Unnötige Pflaster/Katheter entfernen
    • Adäquate Schmerztherapie sicherstellen
    • Hypothermie/Shivering durch effektives Wärmemanagement vermeiden
    • Bezugspersonen einbeziehen und schnelle Rückkehr in die gewohnte Umgebung anstreben
  • Bei OSAS: Verlängerte Überwachungszeit erwägen
  • Epileptische Anfälle möglich
Sonstiges
  • Neuropsychiatrische Dauermedikation perioperativ unbedingt fortführen
  • Vorsichtige Patientenlagerung aufgrund von Bindegewebsschwäche
  • PONV-Prophylaxe erwägen
  • Ambulante Anästhesie potenziell vorteilhaft

Personen mit Fragiles-X-Syndrom profitieren in besonderem Maße von einer stress- und angstfreien Umgebung sowie von einer schnellen Rückkehr in das gewohnte Umfeld!

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Prader-Willi-Syndromtoggle arrow icon

Übersicht

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Prader-Willi-Syndrom
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
Sonstiges
  • Teilweise Neigung zu aggressivem Verhalten
  • Häufig schwierige periphere Venenverhältnisse
  • Speichel und Atemwegssekrete typischerweise sehr zähflüssig [4]
  • Engmaschige Kontrollen von Blutzucker und Körpertemperatur erforderlich
  • Ambulante Anästhesie nicht empfohlen

Personen mit Prader-Willi-Syndrom weisen ein erhöhtes Aspirationsrisiko sowie ein erhöhtes Risiko für perioperative respiratorische Komplikationen auf! Zudem muss mit einem schwierigen Atemweg gerechnet werden!

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Angelman-Syndromtoggle arrow icon

Übersicht

  • Meist Mikrodeletionssyndrom des Chromosoms 15 (15q11–13) mit maternaler Deletion
  • Manifestation im Säuglings- und Kleinkindalter mit verzögerter motorischer und geistiger Entwicklung
  • Im Verlauf charakteristische Fröhlichkeit mit häufigem Lachen und Hyperaktivität
  • Ausgeprägte Assoziation mit Epilepsie (>80% der Fälle)

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Angelman-Syndrom
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
  • Abhängig von Komorbiditäten präoperative Abklärung empfohlen
    • Kardiologisches Konsil bei vorbestehender Bradykardie
    • Neurologisches Konsil bei vorbestehender Epilepsie
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
  • Häufig kraniofaziale und oropharyngeale Anomalien (bspw. Prognathie, hervorstehende Zunge)
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
  • Beurteilung postoperativer Schmerzen häufig erschwert
    • Verbale Kommunikation (wenn überhaupt) nur sehr eingeschränkt möglich
    • „Fröhliches Erscheinungsbild“ kann zu Fehlannahmen führen
  • Enge Einbeziehung der Bezugspersonen wichtig
Sonstiges

Aufgrund einer erhöhten Vagusaktivität weisen Personen mit Angelman-Syndrom eine Prädisposition für schwere Bradykardien auf, die unter Umständen nicht auf Atropin ansprechen!

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Di-George-Syndromtoggle arrow icon

Übersicht

  • Mikrodeletionssyndrom des Chromosoms 22 (22q11.2)
  • „CATCH-22“ als Merkhilfe für die typische Symptomatik
    • Cardiac anomalies“ = Herzfehler
    • Anomalous face“ = Gesichtsdysmorphie
    • Thymic hypoplasia“ = Thymusaplasie/Hypoplasie mit Immundefizienz
    • Cleft palate“ = Gaumenspalte
    • Hypocalcaemia“ = Hypokalzämie aufgrund eines Hypoparathyreoidismus
    • Chromosom 22 ursächlich betroffen
  • Ausmaß der kardialen Beeinträchtigung als wichtigster prognostischer Faktor

Die Mikrodeletion 22q11.2 ist mit komplexen angeborenen Fehlbildungen im Bereich des Ausflusstrakts des Herzens assoziiert (sog. konotrunkale Herzfehler)!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Di-George-Syndrom
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
  • Fokus auf Herzfehler und vorangegangene Korrekturoperationen
    • Durchführung eines EKG auch bei asymptomatischen Personen empfohlen
    • Bei klinischen Hinweisen auf undiagnostizierte Herzfehler: Erweiterte Diagnostik
  • Abklärung einer möglichen Immundefizienz aufgrund der Thymusaplasie/Hypoplasie
  • Laborchemische Abklärung einer möglichen Hypokalzämie
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Vorbestehende Antikoagulation nur nach kardiologischer bzw. kardiochirurgischer Rücksprache anpassen
  • Bei (vermuteter) Immundefizienz: Bestrahlte Blutprodukte verwenden (insb. bei Säuglingen)
  • Transfusionsbedingte Verstärkung einer vorbestehenden Hypokalzämie möglich (insb. bei Massivtransfusion)
Postoperatives Management
Sonstiges
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Pierre-Robin-Sequenztoggle arrow icon

Übersicht

Bei der Pierre-Robin-Sequenz handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung des Mund-Kiefer-Gesichtsbereichs, die sowohl isoliert als auch im Rahmen eines Syndroms auftreten kann! In letzterem Fall sind beim anästhesiologischen Management die entsprechenden Begleitpathologien des jeweiligen Syndroms zu beachten!

Typische Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Pierre-Robin-Sequenz
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
  • Fokus auf Atemwege und respiratorische Funktion
    • Ausmaß der Atemwegsobstruktion evaluieren
    • Häufigkeit von Apnoe und zyanotischen Episoden erfragen
  • Polysomnografie zum Nachweis/Ausschluss eines OSAS erwägen
  • Bei syndromaler Erkrankung: Echokardiografie zum Nachweis/Ausschluss von Herzfehlern empfohlen
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
Hämodynamik
  • Bei syndromaler Erkrankung: Mögliche Herzfehler beachten
Gerinnung und Blutprodukte
  • Bei größeren Korrektureingriffen: Prophylaktische Gabe von Tranexamsäure erwägen (lokale Standards beachten)
Postoperatives Management
  • Insb. nach Korrektureingriffen: Intensivmedizinische Weiterbehandlung erforderlich
  • Präoperativ begonnene nicht-invasive Beatmung (bspw. bei OSAS) so früh wie möglich fortsetzen
Sonstiges
  • Perioperatives Auftreten einer akuten Atemwegsobstruktion antizipieren
  • Bei syndromaler Erkrankung: Mögliche Besonderheiten bei der Lagerung beachten
  • Bei starrer Laryngobronchoskopie: Transkutane CO2-Messung erwägen

Bei Pierre-Robin-Sequenz muss insb. im Säuglingsalter mit einer deutlich erschwerten Atemwegssicherung gerechnet werden! Eine Anästhesie sollte daher nur bei entsprechender Expertise und adäquater personeller und materieller Ausstattung durchgeführt werden!

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Williams-Beuren-Syndromtoggle arrow icon

Übersicht

  • Mikrodeletionssyndrom des Chromosoms 7 (7q11.23)
  • Multisystemerkrankung mit variabler Ausprägung
  • Typische „elfenartige“ Gesichtsdysmorphien

Typische Eingriffe

  • Diagnostische Prozeduren (MRT)
  • Korrekturoperationen bei Skoliose
  • Strabismus-OP
  • Zahnärztliche Eingriffe

Anästhesiologisches Management

Anästhesiologisches Management bei Williams-Beuren-Syndrom
Aspekt Wichtigste Besonderheiten
Präoperative Evaluation
Narkoseverfahren
Atemwegsmanagement
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Hämodynamik
Gerinnung und Blutprodukte
  • Keine spezifischen Besonderheiten
Postoperatives Management
Sonstiges

Personen mit Williams-Beuren-Syndrom haben ein erhöhtes perioperatives Risiko für kardiale Komplikationen und sollten daher nur an Zentren mit entsprechender Expertise behandelt werden!

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