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Migräne

Abstract

Bei der Migräne handelt es sich um einen rezidivierend auftretenden, meist einseitig lokalisierten Kopfschmerz, welcher oftmals mit Übelkeit, Erbrechen, Phono- oder Photophobie einhergeht. In etwa 10–30% der Fälle kommt es dabei zu Auraphänomenen. Damit werden reversible fokale neurologische Ausfälle, wie z.B. Gesichtsfeldausfälle (Flimmerskotome) oder Paresen, bezeichnet, die nicht länger als eine Stunde anhalten. Therapie der Wahl beim akuten Migränekopfschmerz sind bei leichten Attacken nichtsteroidale Antiphlogistika (z.B. ASS), bei schweren Attacken Triptane. Zusätzlich sollte in jeder Akutsituation ein Mittel gegen die Übelkeit gegeben werden (z.B. Metoclopramid). Treten Attacken häufiger als dreimal im Monat auf oder halten länger als 72 Stunden an, ist prophylaktisch die Einnahme von Betablockern sinnvoll.

Epidemiologie

  • Sehr häufige primäre Kopfschmerzerkrankung
  • Geschlecht: > (3:1) im mittleren Erwachsenenalter, im Kindesalter keine unterschiedliche Verteilung
  • Alter: Erstmanifestation meist zwischen 15. und 25. Lebensjahr

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

  • Familiäre Disposition
  • Über die pathophysiologische Ursache der Erkrankung gibt es viele Theorien, aber keine eindeutigen Erkenntnisse
  • Mögliche Triggerfaktoren
    • Klimaeinflüsse: Wetterwechsel, Kälte
    • Genussmittel: Alkohol, Nikotin, Zitrusfrüchte, Milchprodukte, tyraminhaltige Lebensmittel (Schokolade, Rotwein)
    • Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Zeitverschiebungen
    • Nach einer anstrengenden, stressigen Zeit (sog. "Feiertagsmigräne")
    • Bei Frauen zusätzlich

Pathophysiologie

  • Kopfschmerz [1]: Die pathophysiologische Grundlage ist bisher nicht eindeutig geklärt!
  • Begleitsymptomatik (Übelkeit, Erbrechen, Licht-/Geräuschempfindlichkeit): Herabsetzung endogener antinozizeptiver Hirnstammfunktionen
  • Aura: Langsame Ausbreitung einer Depolarisationswelle, meist beginnend am Okzipitalpol; Veränderung kortikaler neuronaler Aktivität („Cortical Spreading Depression“)
  • Prodromi: Stunden bis Tage vor Aura und Kopfschmerz treten limbisch/dienzephal vermittelte Symptome auf

Symptome/Klinik

  • Prodromi (fakultativ, etwa bei einem Drittel der Betroffenen)
    • Vorboten Stunden bis 2 Tage vor der Migräneattacke
      • Stimmungsveränderung
      • Heißhunger oder Appetitlosigkeit
      • Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen
      • Vermehrtes Gähnen
      • Polyurie
      • Polydipsie
  • Kopfschmerzen
    • Lokalisation: Ca. 60% einseitig (kann auch während eines Anfalls die Seite wechseln), insb. frontal, frontotemporal, retroorbital
    • Dauer: 4–72 Stunden
    • Verlauf: Langsam zunehmender Schmerz
    • Charakter: Pulsierend, bohrend, hämmernd
  • Begleitphänomene
    • Phonophobie
    • Photophobie
    • Appetitlosigkeit
    • Übelkeit
    • Erbrechen
    • Leichtes Augentränen
    • Geruchsüberempfindlichkeit
    • Verstärkung durch körperliche Tätigkeiten
  • Migräne mit Aura [2] (früher Migraine accompagnée)

Die Diagnose Migräne kann anhand diagnostischer Kriterien gestellt werden. Landläufig werden unter „Migräne“ jedoch häufig zahlreiche nicht ärztlich diagnostizierte Kopfschmerzformen subsumiert!

Verlaufs- und Sonderformen

Diagnostik

  • Klinische Diagnose der klassischen Migräne ohne Aura [4]: Anamnestisch mind. fünf Attacken, die folgende Kriterien erfüllen und nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen sind
    • Dauer (ca. 4–72 Stunden)
    • Mind. zwei der folgenden Kriterien bzgl. der Kopfschmerzen werden erfüllt
      • Lokalisation (meistens einseitig)
      • Pulsierender Charakter
      • Mittlere bis starke Intensität
      • Verstärkung durch körperliche Tätigkeiten
    • Auftreten von mind. einem der folgenden Begleitsymptome
      • Übelkeit und/oder Erbrechen
      • Photophobie und Phonophobie
  • Diagnosekriterien weiterer Verlaufsformen der Migräne: In der IHS-Klassifikation [4] abgebildet (frei verfügbar)
  • Allgemeine Untersuchung beim Leitsymptom Kopfschmerz zum Ausschluss anderer Ursachen
    • Neurologischer Status und detaillierter Hirnnervenstatus
    • Trigeminale Nervenaustrittspunkte
    • Bulbusdruck- und Bewegungsschmerz
    • Beweglichkeit der HWS, Druckschmerzhaftigkeit der perikraniellen Muskulatur
    • Klopf- und Druckschmerz der Kalotte
    • Schmerzen bei Kieferöffnung
    • Beurteilung der Schleimhäute, Zahnstatus
    • Ertasten der A. temporalis superficialis
    • Messung des Blutdrucks
  • Kernspintomographie als Zusatzdiagnostik
    • Indikation
      • Erstmaliges Auftreten einer Migräne bei Patienten >40 Jahre
      • Sehr häufige Aurasymptomatik
      • Veränderung des Kopfschmerzcharakters
      • Bisher effektive Therapie nicht mehr wirksam
      • Außergewöhnliche Klinik (z.B. zum Ausschluss einer Subarachnoidalblutung)
      • Persistierende neurologische oder psychopathologische Auffälligkeiten
    • Mögliche Befunde: Sog. „White Matter Lesions“

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Allgemein

  • Patienten von äußeren Reizen (Licht, lauten Geräuschen usw.) abschirmen
  • Bettruhe

Medikamentöse Akuttherapie [5]

Eine möglichst frühe und hochdosierte Medikamenteneinnahme (mit anschließender, klinischer Befundkontrolle) ist häufig entscheidend für den Therapieerfolg

Migräne-Notfallmedikation

  • Nach erfolgloser Einnahme oraler Medikation

Komplikationen

  • Chronische Migräne
    • Kopfschmerzen an ≥15 Tagen/Monat über ≥3 Monate, ohne dass ein Medikamentenübergebrauch besteht
    • Dabei an ≥8 Tagen/Monat typische Migränesymptomatik
  • Status migraenosus: Migräneattacke, die länger als 3 Tage anhält
  • Migränöser Infarkt: Persistierende Migräne mit Aurasymptomen in Kombination mit einem Infarktgeschehen (z.B. klinisch fokal-neurologische Ausfälle)
    • Diagnosekriterien und Klinik
      • Persistenz der Aura über mind. 60 Minuten
      • Nachweis eines Infarktgeschehens (in einem relevanten Hirnareal) in der Bildgebung (mittels MRT oder CCT)
      • Der ischämische Infarkt ist nicht auf eine andere Erkrankung zurückzuführen
  • Persistierende Aura ohne Hirninfarkt: Dauer der Aurasymptome >1 Woche, aber kein morphologisches Korrelat für einen Hirninfarkt in der Bildgebung
  • Zerebraler Krampfanfall: Getriggert durch eine Migräneattacke

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prävention

Besondere Patientengruppen

Schwangerschaft und Stillzeit[5]

Kinder und Jugendliche[5]

Patienteninformationen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.