Zusammenfassung
Pharynxkarzinome sind bösartige Tumore des Rachens, die nach ihrer Lokalisation in Naso-, Oro- und Hypopharynxkarzinome unterteilt werden. Die mit Abstand häufigste histologische Form ist das Plattenepithelkarzinom, dessen Entstehung wesentlich durch Tabak- und Alkoholkonsum sowie durch Infektionen mit dem Epstein-Barr-Virus (Nasopharynx) oder humanen Papillomviren (Oropharynx) begünstigt wird. Klinisch manifestieren sich die Tumoren oft erst in fortgeschrittenen Stadien durch schmerzlose Halslymphknotenschwellungen, Schluckbeschwerden, ein Fremdkörpergefühl oder ausstrahlende Ohrenschmerzen. Mundhöhlenkarzinome weisen ähnliche Charakteristika auf. Die diagnostische Abklärung umfasst eine sorgfältige klinische Untersuchung inkl. Endoskopie sowie eine Schnittbildgebung mittels CT oder MRT zur Beurteilung der Infiltrationstiefe. Zur definitiven Sicherung der Diagnose und zum Ausschluss von synchronen Zweitkarzinomen ist eine Panendoskopie mit Biopsie erforderlich. Die Therapie erfolgt stadiengerecht; während beim Nasopharynxkarzinom die primäre Radio(chemo)therapie im Vordergrund steht, werden Oro- und Hypopharynxkarzinome sowie Mundhöhlenkarzinome meist operativ reseziert oder primär radiochemotherapeutische behandelt. Ein begleitendes Management der Halslymphknoten mittels Neck Dissection ist bei vielen Entitäten ein integraler Bestandteil der chirurgischen Behandlung. Die Prognose ist stark vom Tumorstadium und dem HPV-Status abhängig, wobei das Hypopharynxkarzinom die ungünstigste Überlebensrate aller Kopf-Hals-Tumoren aufweist.
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Epidemiologie
- Inzidenz [1]
- Nasopharynxkarzinom [2]
- ♂: 0,5 / 100.000 Personen
- ♀: 0,2 / 100.000 Personen
- Endemische Regionen mit stark erhöhter Inzidenz: 25 / 100.000 Personen (Südchina) [3]
- Oropharynxkarzinom
- Hypopharynxkarzinom
- Nasopharynxkarzinom [2]
- Geschlecht: ♂ > ♀ [1]
- Durchschnittsalter bei Erstdiagnose [1]
Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.
Ätiologie
- Risikofaktoren
- Insb. Tabakkonsum und/oder Alkoholabusus
- Weitere Risikofaktoren: Immunsuppression, Vitamin-A-Mangel, chronischer Eisenmangel oder Karzinogene in Nahrungsmitteln (Aflatoxine = Pilzgifte), radioaktive Bestrahlung, schlechte Mund-/Zahnhygiene, Betelnusskonsum
- Assoziationen
- Beim Nasopharynxkarzinom: Epstein-Barr-Virus-Infektion
- Insb. beim Oropharynxkarzinom: Humane Papillomaviren-Infektion, fast ausschließlich HPV 16 [1]
- Erkrankungen, die mit einer Atrophie der Schleimhaut einhergehen: Bspw. Plummer-Vinson-Syndrom
Klassifikation
Nach der anatomischen Lokalisation [4]
Die geläufigste Terminologie unterscheidet zwischen Nasopharynx-, Oropharynx- und Hypopharynxkarzinom. Zum anatomischen Aufbau der Pharynxabschnitte siehe auch: Pharynx. Die nachfolgende Einteilung in Unterbezirke ist insb. für die TNM-Klassifikation von Bedeutung.
- Nasopharynx = Epipharynx
- Unterbezirke
- Dach und Hinterwand
- Seitenwand
- Untere Wand
- Unterbezirke
- Oropharynx = Mesopharynx (das Tonsillenkarzinom wird zu den Oropharynxkarzinomen gezählt)
- Unterbezirke
- Vorderwand
- Seitenwand
- Tonsillen
- Fossa tonsillaris und Gaumenbögen
- Glossotonsillarfurche
- Hinterwand
- Obere Wand
- Orale Oberfläche des weichen Gaumens
- Uvula
- Unterbezirke
- Laryngopharynx = Hypopharynx (betroffen ist v.a. der Recessus piriformis)
- Unterbezirke
- Postkrikoidregion
- Sinus piriformis
- Hypopharynxhinterwand
- Unterbezirke
Nach der Histologie
- Plattenepithelkarzinome (mit Abstand häufigste Form, 95%) [1]
- Adenokarzinome (bei Holzarbeitern als Berufskrankheit)
- Lymphoepitheliales Karzinom (Schmincke-Tumor)
- Undifferenziertes Karzinom des Nasopharynx
- Besteht aus Tumorzellen epithelialen Ursprungs, die von lymphozytenreichem Stroma umgeben sind
- Assoziation mit vorausgegangener EBV-Infektion
- Beim Oropharynxkarzinom: Expression von p16 und HPV-DNA-Nachweis [1]
Das Epstein-Barr-Virus schminkt den Nasopharynx mit lymphozytenreichem Stroma (Schmincke-Tumor).
TNM-Klassifikation maligner Pharynxtumoren (9. Edition, 2025) [5]
Nasopharynxkarzinom
| TNM-Klassifikation des Nasopharynxkarzinoms [5] | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Kriterium | ||
| T-Klassifikation | |||
| Tx |
| ||
| T0 |
| ||
| Tis | |||
| T1 |
| ||
| T2 |
| ||
| T3 |
| ||
| T4 |
| ||
| N-Klassifikation | |||
| N0 |
| ||
| N1 |
| ||
| N2 |
| ||
| N3 |
| ||
| M-Klassifikation | |||
| M0 |
| ||
| M1a |
| ||
| M1b |
| ||
Hypopharynxkarzinom und Oropharynxkarzinom (p16‑)
| TNM-Klassifikation des Hypopharynx- und Oropharynxkarzinoms (p16‑) [5] | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Kriterium | ||
| T-Klassifikation | |||
| Tx |
| ||
| T0 |
| ||
| Tis | |||
| T1 |
| ||
| T2 |
| ||
| T3 |
| ||
| T4 |
| ||
| Klinische N-Klassifikation | Pathologische N-Klassifikation | ||
| cN1 |
| pN1 |
|
| cN2 |
| pN2 |
|
| cN3 |
| pN3 |
|
| M-Klassifikation | |||
| M0 |
| ||
| M1 |
| ||
Oropharynxkarzinom (p16+)
| TNM-Klassifikation des Oropharynxkarzinoms (p16+) [5] | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Kriterium | ||
| T-Klassifikation | |||
| T0 |
| ||
| T1 |
| ||
| T2 |
| ||
| T3 |
| ||
| T4 |
| ||
| Klinische N-Klassifikation | Pathologische N-Klassifikation | ||
| cN0 |
| pN0 |
|
| cN1 |
| pN1a |
|
| pN1b |
| ||
| cN2 |
| pN2 |
|
| cN3 |
| pN3 |
|
| M-Klassifikation | |||
| M0 |
| ||
| M1 |
| ||
Stadien
Nach UICC
Nasopharynxkarzinom
| Stadieneinteilung des Nasopharynxkarzinoms [5] | |
|---|---|
| Stadium | TNM |
| 0 | Tis |
| Ia | T1, T2 |
| Ib | T0–T2 mit N1 |
| II | T0–T2 mit N2 oder T3 mit N0–N2 |
| III | T0–T4 mit N3 oder T4 mit N0–N3 |
| IVa | T0–T4 mit N0–N3 und M1a |
| IVb | T0–T4 mit N0–N3 und M1b |
Hypopharynx- und Oropharynxkarzinom (p16‑)
| Stadieneinteilung des Hypopharynx- und Oropharynxkarzinoms (p16‑) [5] | |
|---|---|
| Stadium | TNM |
| 0 | Tis |
| I | T1 mit N0 |
| II | T2 mit N0 |
| III | T3 mit N0 oder T1–T3 mit N1 |
| IVa | T4a mit N0–N2 oder T1–T3 mit N2 |
| IVb | T4b mit N0–N3 oder T0–T4 mit N3 |
| IVc | M1 |
Oropharynxkarzinom (p16+)
| Stadieneinteilung des Oropharynxkarzinoms (p16+) [5] | ||
|---|---|---|
| Stadium | cTNM | pTNM |
| I |
|
|
| II |
|
|
| III |
|
|
| IV |
|
|
Karzinome mit unbekanntem Primärtumor (CUP-Syndrom) werden bei positivem EBV- oder HPV/p16-Nachweis analog zu Naso- bzw. Oropharynxkarzinomen (p16+) eingeteilt! [6]
Symptomatik
- Allgemein
- Keine charakteristischen Frühsymptome
- Abhängig von Lokalisation im Rachen
- Speziell Nasopharynxkarzinom [7]
- Schmerzlose Halslymphknotenschwellung
- Tubenventilationsstörung mit Schallleitungsschwerhörigkeit durch
- Behinderte Nasenatmung
- Nasenbluten
- Kaudale Hirnnervenausfälle bei Schädelbasisinfiltration → Halbbasis-Syndrom
- Speziell Oropharynx- und Hypopharynxkarzinom [7]
- Häufiges Erstsymptom: Vergrößerte zervikale Lymphknoten aufgrund lokaler Lymphknotenmetastasierung
- Stechende Ohrenschmerzen
- Fremdkörpergefühl
- Schluckbeschwerden
- Trismus
- Kloßige Sprache
Bei Persistenz von verdächtigen Symptomen (bspw. Heiserkeit, Schluckbeschwerden, einseitiges Fremdkörpergefühl) über mehr als 4 Wochen muss eine fachärztliche Abklärung erfolgen! [1]
Diagnostik
Primärdiagnostik
Anamnese und klinische Untersuchung [1]
- Allgemeine Anamnese, inkl. [1]
- Beruf
- Alkoholanamnese
- Raucheranamnese
- Erfassung relevanter Komorbiditäten
- Körperliche Untersuchung, inkl.
- Sorgfältige Inspektion und Endoskopie von Mundhöhle, Naso-,Oro- und Hypopharynx sowie Larynx
- Lupenlaryngoskopie oder flexible Rhino-Pharyngo-Laryngoskopie
- Beurteilung von Schleimhaut und Stimmlippenbeweglichkeit
- Funktionsprüfung relevanter Hirnnerven
- Palpation des Halses (Lymphknotenstatus)
- Sorgfältige Inspektion und Endoskopie von Mundhöhle, Naso-,Oro- und Hypopharynx sowie Larynx
- Geriatrisches Assessment: Bei Personen >65 Jahre
- Vor Therapieentscheidung Beurteilung der Gebrechlichkeit („Frailty“) und der Komorbiditäten
- Screeninginstrument: Bspw. G8-Fragebogen, MIDOS
Apparative Diagnostik und Biopsie [1]
- Bildgebung/Staging
- Sonografie des Halses: Zur Beurteilung von Halslymphknoten und ggf. Tumorausbreitung bei fortgeschrittener Infiltration
- Kontrastmittelgestützte CT oder MRT des Halses (Schädelbasis bis obere Thoraxapertur)
- CT-Thorax: Zum Ausschluss pulmonaler Metastasen oder Zweitkarzinome
- Bildgebung des Abdomens (Sonografie, CT oder MRT): Zum Ausschluss von Lebermetastasen
- Panendoskopie mit Biopsie
- Untersuchung in Vollnarkose zur Bestimmung der Tumorausdehnung und zum Ausschluss von Zweitkarzinomen
- Umfang: Inspektion von Naso-, Oro- und Hypopharynx, Larynx (Mikrolaryngoskopie), Tracheobronchoskopie und Ösophagoskopie
- Biopsie: Aus dem Randbereich des Tumors und möglichst mittig aus dem Tumorgrund
- Bei Oropharynxkarzinom: Bestimmung des p16-Status als Surrogatmarker für eine HPV-Assoziation
- Bei Nasopharynxkarzinom: EBV-Nachweis im histologischen Präparat mittels In-situ-Hybridisierung [8]
- PD-L1-Status: Bestimmung (CPS/TPS) sinnvoll für potenzielle Immuntherapie (insb. bei Rezidiv/Metastasierung)
- Bei CUP-Syndrom: Zur Suche des Primärtumors bei fehlendem Tumornachweis in der Panendoskopie [9][10]
- Tonsillektomie beidseits, Nasopharynxbiopsie, Zungengrundtonsillenabtragung
- Bislang keine Empfehlung in der Leitlinie
Um das Kontrastmittelverhalten des Primärtumors nicht zu beeinflussen, sollte die Biopsie erst nach der Schnittbildgebung erfolgen! [11]
Erweiterte Diagnostik [1]
- FDG-PET/CT
- Indikation: Bei lokal fortgeschrittenen Tumoren vor funktionseinschränkender Therapie zum Ausschluss von Fernmetastasen
- Kein Stellenwert in der Routine-Primärdiagnostik der lokalen Ausdehnung (T-Status)
- Zahnärztliche Untersuchung: Vor Beginn einer Strahlentherapie zur Feststellung des Zahnstatus und zur Prophylaxeplanung
- Ggf. ultraschallgestützte Feinnadelbiopsie (bei suspekten Lymphknotenbefunden)
- Keine Empfehlung: Wächterlymphknoten-Biopsie
Zervikale Lymphknotenmetastasen, bei denen trotz ausführlicher Diagnostik kein Primärtumor gefunden werden kann, werden als „Cancer of unknown Primary“ (CUP) klassifiziert!
Psychosoziales Screening
Therapie
Stadiengerechte Therapie des Pharynxkarzinoms
Nasopharynxkarzinom [7][12]
- Primär strahlentherapeutische Behandlung
- T1/2-Karzinome: Alleinige Strahlentherapie
- Ab Stadium Ib: Benefit durch primäre Radiochemotherapie möglich [6]
-
T3/4-Karzinome oder Lymphknotenmetastasen: Mit oder ohne Induktionschemotherapie gefolgt von simultaner Radiochemotherapie (mit Cisplatin) [8]
- Zur Durchführung siehe auch: Primäre Radiochemotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen
- T1/2-Karzinome: Alleinige Strahlentherapie
- Ggf. palliative Therapie bei metastasiertem Kopf-Hals-Karzinom oder nicht-resezierbarem Rezidiv
Hypo-/Oropharynxkarzinom (inkl. Tonsillenkarzinom ) [1]
Primäre Operabilität vorhanden
- Therapieziel: Möglichst komplette Tumorresektion unter Berücksichtigung der Lebensqualität (nach Möglichkeit weitgehender Erhalt von Stimm-, Kau- und Schluckfunktion)
- Je nach Lokalisation und Stadium: Transorale Tumorresektion, ggf. unter Einsatz mikrochirurgischer Verfahren (CO2-Laser) und/oder Neck Dissection und/oder adjuvanter Radiatio bzw. Radiochemotherapie (siehe: Adjuvante Therapie beim Pharynxkarzinom)
- Oropharynxkarzinom
- Lokal begrenztes Stadium (UICC I–II): Gleichwertigkeit von primärer Operation (+/- adjuvanter Therapie) und primärer Radio-/Radiochemotherapie
- Fortgeschrittenes Stadium (UICC III–IV): Primäre Resektion + adjuvante Therapie oder primäre Radiochemotherapie
- Hypopharynxkarzinom
- Lokal begrenztes Stadium (UICC I–II): Primäre Resektion (+/- adjuvante Therapie) oder primäre Radio-/Radiochemotherapie
- Fortgeschrittenes Stadium (UICC III–IVb)
- Primäre Resektion (+/- adjuvante Therapie) oder primäre Radiochemotherapie
- Besseres Gesamtüberleben von T4a-Hypopharynxkarzinomen bei primär chirurgischer Therapie
- Oropharynxkarzinom
- Intraoperative Empfehlungen
- Intraoperative Schnellschnitthistologie zur Beurteilung der Resektionsränder
- Operative Nachresektion bei R1-Status dringlich empfohlen, falls funktionell und technisch möglich
- Operative rekonstruktive Maßnahmen zur funktionellen und ästhetischen Verbesserung sinnvoll
- Halslymphknotenmanagement: Durchführung einer Neck Dissection (mind. Level II–IV)
- Bei klinischem V.a. zervikale Lymphknotenmetastase: Mind. ipsilaterale kurative Neck Dissection notwendig
- Rat zur elektiven ipsilateralen Neck Dissection bei lateraler Tumorlokalisation mit unauffälligen Halslymphknoten
- Indikation zur beidseitigen elektiven Neck Dissection bei
- Oro- und Hypopharynxkarzinom mit Mittellinienüberschreitung
- Hypopharynxkarzinom ab Stadium cT2
- Perioperatives Management
- Häufig temporäre Tracheotomie
- Ggf. perkutane endoskopische Gastrostomie im Verlauf notwendig
Keine Operabilität vorhanden (bzw. auf Patientenwunsch)
- Primäre Radiochemotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen
- Empfehlung zur Salvage-Operation bei allen Patient:innen mit einem resektablen lokoregionären Rezidiv nach vorausgegangener Strahlen(chemo)therapie
- Postoperative Re-Bestrahlung nach Salvage-Resektion möglich bei
- Langem Intervall zur ersten Bestrahlungsserie (mind. 6 Monate)
- Fehlen von Grad-IV-Spätfolgen der Erstbestrahlung
- Vorliegen von Risikofaktoren (z.B. knappe Resektion)
- Postoperative Re-Bestrahlung nach Salvage-Resektion möglich bei
- Ggf. palliative Therapie bei metastasiertem Kopf-Hals-Karzinom oder nicht-resezierbarem Rezidiv
- Empfehlung zur Salvage-Operation bei allen Patient:innen mit einem resektablen lokoregionären Rezidiv nach vorausgegangener Strahlen(chemo)therapie
Adjuvante Therapie beim Pharynxkarzinom
Die postoperative Strahlentherapie sollte nach abgeschlossener Wundheilung möglichst frühzeitig, spätestens jedoch innerhalb von 6 Wochen nach der Operation, eingeleitet werden.
- Adjuvante Radiatio: Bei mittlerem Risikoprofil
- Mind. pT3
- >1 befallener Lymphknoten
- Perineural-/Gefäßinvasion
- Adjuvante Radiochemotherapie (bspw. mit 60 Gy und Cisplatin): Bei hohem Risikoprofil
- R1-Situation oder knapper Resektionsrand (<5 mm)
- Extrakapsuläres Tumorwachstum im Lymphknoten, sog. extranodale Ausbreitung
- Ablauf Radiatio
- Bei durchschnittlichem Risiko: 54–60 Gy in 27–30 Fraktionen über 5,5–6 Wochen
- Bei erhöhtem Rezidivrisiko : 66 Gy in 33 Fraktionen über 6,5 Wochen
- Elektive Bestrahlung nicht-betroffener Lymphknotenlevel: 45–54 Gy in Einzeldosen von 1,5–1,8 Gy
- Bestrahlungspausen möglichst vermeiden
- In Studien aktuell: PD-1-Inhibitoren
Primäre Radiochemotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen
- Indikation: Inoperabilität, fortgeschrittene Stadien (Organerhalt) oder Ablehnung der Operation
- Vor Therapiebeginn: Zahnärztliche Kontrolle
- Durchführung: Simultane Radiatio mit cisplatinhaltiger Chemotherapie, ggf. Carboplatin/5-FU, Mitomycin C/5-FU oder Taxane bei Unverträglichkeit
- IMRT-Technik
- 70 Gy in konventioneller Fraktionierung (5×2 Gy pro Woche)
- Nach Abschluss der Therapie
- Schnittbildgebung zum Ausschluss eines Residualtumors bzw. von Residualmetastasen nach 8–12 Wochen
- PET-CT nach 12 Wochen zur Beurteilung der Halslymphknoten bei prätherapeutischem cN+-Status
- Salvage Neck Dissection bei PET-positiven Lymphknoten
- Bildgebende Verlaufskontrollen bei PET-negativen Lymphknoten
Palliative Therapie bei metastasiertem Kopf-Hals-Karzinom oder nicht-resezierbarem Rezidiv [13][14][15]
- Ziel: Lebensverlängerung, Symptomkontrolle und Erhalt der Lebensqualität
- Erstlinientherapie: Je nach Ausprägungsgrad des PD-L1-Status der Immunzellen im Tumor, sog. Combined positive Score (CPS) [15]
- Palliative Chemotherapie: Bei CPS <1
- PD-1-Inhibitoren
- Pembrolizumab [18] Mono- oder Kombinationstherapie bei Plattenepithelkarzinomen je nach CPS
- Bei CPS 1–19: Kombiniert mit Chemotherapie (+ Platin/5-FU) oder Monotherapie
- Bei CPS ≥20: Monotherapie
- Bei Ansprechen nach 4–6 Zyklen Immuntherapie als Erhaltungstherapie bis zum Progress
- Alternativ Nivolumab (nach platinbasierter Vortherapie)
- Insb. bei Nichteignung für Chemotherapie oder bei geringem Remissionsdruck
- PD-L1-unabhängige Zulassung
- Als Monotherapie
- Pembrolizumab [18] Mono- oder Kombinationstherapie bei Plattenepithelkarzinomen je nach CPS
- Zweitlinientherapie: Nach platinbasierter primärer Radiochemotherapie oder palliativer Erstlinienchemotherapie
- Nach Platin-Versagen: PD-1-Inhibitoren
- Pembrolizumab
- Nivolumab [19]
- Bei einer Progression eines Plattenepithelkarzinoms während oder nach einer platinbasierten Therapie
- PD-1-unabhängige Zulassung
- Nach Checkpoint-Inhibitor-Versagen: Taxane (Docetaxel/Paclitaxel) ± Cetuximab
- Nach Platin-Versagen: PD-1-Inhibitoren
Bei nicht-identifizierbarem Primärtumor und Diagnose eines CUP-Syndroms wird in lokalisierten Stadien eine lokale radikale Therapie in kurativer Intention angestrebt, i.d.R. mittels modifizierter radikaler Neck Dissection und/oder lokaler Radiatio! [20][21]
Rehabilitative Maßnahmen
Schluckrehabilitation
- Zeitpunkt
- Bei präoperativ bestehender Schluckstörung bereits prätherapeutisch indiziert
- Zeitnahe postoperative Untersuchung der Schluckfunktion
- Ziele
- Rasche Wiederaufnahme der oralen Ernährung nach OP oder primärer Radiochemotherapie
- Vermeidung von Aspirationen
- Maßnahmen: Elastizitätsförderung der Muskulatur, Schluckmanöver und diätetische Anpassung der Kostkonsistenz
Sprech- und Stimmrehabilitation
- Zeitpunkt: Berücksichtigung der späteren Funktion bereits vor Therapiebeginn unter Einbeziehung von Stimmtherapeut:innen
- Verfahrenswahl: Abhängig von
- Postoperativen anatomischen Verhältnissen
- Befunden der Stimm- und Artikulationsdiagnostik
- Patient:innenpräferenz
- Logopädische Therapie: Indiziert bei motorischen Funktionseinschränkungen (Dysglossie), Larynxoperationen oder nach Radiochemotherapie
Psychosoziale Rehabilitation
- Psychische Belastung: Hohe Prävalenz von Ängsten und Depressionen (ca. 30% der Betroffenen)
- Berufliche Reintegration
- Häufig erschwert
- Positive Prädiktoren: Hohe Qualifikation, Angestelltenstatus, zufriedenstellendes ästhetisches Ergebnis, Stimmprothese bei Laryngektomie
- Psychoonkologische Versorgung: Bedarfsorientierte, sofortige und langfristige Unterstützung sicherstellen, siehe auch
Ernährungstherapie
- Hohes Mangelernährungsrisiko durch Kau- und Schluckdefizite
- Frühzeitige professionelle Ernährungsberatung indiziert
-
Enterale Ernährung
- Indikation: Unzureichende orale Aufnahme bei erheblicher Schluckstörung
- Sondentyp: PEG gegenüber nasogastraler Sonde bei länger anhaltender Dysphagie bevorzugen
Die Rehabilitation ist integraler Bestandteil des gesamten Behandlungspfades, der als prä-, peri- oder posttherapeutische Maßnahme beginnt!
Nachsorge
- Ziele
- Ausschluss von Lokalrezidiven
- Früherkennung metachroner Zweittumoren
- Erfassung funktioneller, ästhetischer und psychischer Folgezustände
- Basisdiagnostik
- Inspektion des Mund-, Rachen- und Kehlkopfbereichs
- Palpation des Halses
- Sonografie der zervikalen Lymphknoten
- Weiterführende Diagnostik
- Bildgebung
- Panendoskopie: Bei klinischem V.a. Rezidiv oder Zweittumor
- Sozialrechtliche und psychosoziale Beratung, bspw.
- Berufliche Wiedereingliederung
- Erwerbsminderungsrente
- Schwerbehindertenausweis
Die Nachsorgeintervalle betragen im 1. und 2. Jahr 3 Monate, im 3. bis 5. Jahr 6 Monate!
Regelmäßige Thorax-Röntgenaufnahmen oder Tumormarkerbestimmungen im Serum haben keinen belegten Nutzen in der Tumornachsorge und werden nicht empfohlen!
Prognose
- Prognosefaktoren [1]
- TNM-Klassifikation
- R-Status
- Differenzierung
- Lymphgefäßinvasion
- p16-Status bei Oropharynxkarzinomen
- 5-Jahres-Überlebensrate : U.a. abhängig von Entität bzw. HPV-Status [1]
- Nasopharynxkarzinom [8]
- Europa: Ca. 49%
- USA: Ca. 60%
- Südchina: Ca. 70% [22]
- Oropharynxkarzinom
- Hypopharynxkarzinom
- Ungünstigste Prognose aller Plattenepithelkarzinome des Kopf-Hals-Bereichs: Über alle Stadien <20%
- Diagnosestellung meist erst im fortgeschrittenen Stadium
- Nasopharynxkarzinom [8]
- Prävention: Vermeidung HPV-positiver Oropharynxkarzinome durch frühzeitige HPV-Impfung im Kindesalter möglich [1]
Exkurs: Mundhöhlenkarzinom
An dieser Stelle werden die Mundhöhlenkarzinome (oft Mundbodenkarzinom) abgehandelt, um die vielen Gemeinsamkeiten (u.a. Epidemiologie, Ätiologie, Histologie) mit dem Pharynxkarzinom zu verdeutlichen. Zudem gibt es bei den Karzinomen des Aerodigestivtraktes eine Besonderheit: Es treten gehäuft synchron oder metachron (nacheinander) Zweitkarzinome in anatomischer Nachbarschaft auf (z.B. Ösophagus- und Tonsillenkarzinome, Hypopharynx- und Mundbodenkarzinome oder Larynx- und Bronchialkarzinome).
Definition
- Beschreibung: Maligner Tumor im Bereich der Mundhöhle
- Histologie: Meist Plattenepithelkarzinome (ca. 95%)
Epidemiologie
- Inzidenz: Ca. 10.000 Neuerkrankungen/Jahr (in Deutschland)
- Geschlecht: ♂ > ♀ (3:1)
- Häufigkeitsgipfel
Ätiologie
- Hauptrisikofaktoren: Chronischer Tabak- und Alkoholabusus [23]
- Weitere Faktoren
- Kautabak
- Einseitige Ernährung (z.B. viel Fleisch/Gebratenes, Mangel an Obst/Gemüse)
Einteilung
- Ulzerös (wächst endophytisch nach innen)
- Verrukös (wächst exophytisch nach außen)
TNM-Klassifikation [5]
| TNM-Klassifikation des Mundhöhlenkarzinoms [5] | |||
|---|---|---|---|
| Kategorie | Kriterium | ||
| T-Klassifikation | |||
| Tx |
| ||
| T0 |
| ||
| Tis | |||
| T1 |
| ||
| T2 |
| ||
| T3 |
| ||
| T4 |
| ||
| Klinische N-Klassifikation | Pathologische N-Klassifikation | ||
| cN1 |
| pN1 |
|
| cN2 |
| pN2 |
|
| cN3 |
| pN3 |
|
| M-Klassifikation | |||
| M0 |
| ||
| M1 |
| ||
Stadieneinteilung nach UICC
| Stadieneinteilung des Mundhöhlenkarzinoms [5] | |
|---|---|
| Stadium | TNM |
| 0 | Tis |
| I | T1 |
| II | T2 |
| III | T3 oder N1 |
| IVa | T4a oder N2 |
| IVb | T4b oder N3 |
| IVc | M1 |
Symptome
- Frühsymptome: Oft schmerzlos
- Weiße oder rote Flecken (Leukoplakie/Erythroplakie)
- Schleimhautdefekte/Ulzerationen
- Knötchenförmige Epithelverdickungen
- Spätsymptome
- Schmerzen (ggf. Ausstrahlung in Kopf/Nacken)
- Funktionelle Einschränkungen: Dysphagie, Odynophagie, Sprechprobleme, Trismus
- Zahnlockerung (ohne parodontale Ursache), Prothesenunverträglichkeit
- Sensibilitätsstörungen (z.B. Taubheitsgefühl Zunge/Lippe)
- Foetor ex ore, Blutungen
- Derbe Schwellung am Hals (Lymphknotenmetastasen)
Jede unklare Schleimhautveränderung, die länger als 2 Wochen besteht, ist tumorverdächtig und bedarf einer fachärztlichen Abklärung! [23]
Diagnostik
- Siehe auch: Pharynxkarzinom - Diagnostik
- Zusätzlich
- Panoramaschichtaufnahme (Orthopantomogramm; Röntgenbild von Zähnen, Kieferknochen und -höhlen)
- Ausschluss von synchronen Zweitkarzinomen und Fernmetastasen
- Biopsie: Repräsentative Probeentnahme aus dem Randbereich (Progressionszone)
- Häufig in Lokalanästhesie möglich
Metastasierung
- Lymphogen: Frühzeitige Metastasierung in zervikale Lymphknoten
- Bevorzugt Level I–III
- Okkulte Metastasen: Bei klinisch unauffälligem Hals (cN0) liegen in 20–40% bereits mikroskopische Metastasen vor
- Hämatogen: Vorwiegend in die Lunge
Therapie
- Vorgehen: Je nach Lokalisation und Prognose
- Resektion + Neck Dissection, ggf. mit adjuvanter Radio(chemo)therapie in fortgeschrittenem Stadium oder primäre Radiochemotherapie
- T1/2-Mundhöhlenkarzinome: Kurative Therapie mittels Chirurgie oder Radiotherapie möglich
- T3/4-Mundhöhlenkarzinome: Kombinationsbehandlung aus Resektion und Radiotherapie erforderlich
- Bevorzugung einer primären kurativen Radiochemotherapie gegenüber einer alleinigen Strahlentherapie bei Patient:innen mit fortgeschrittenem, nicht-operablem und nicht-metastasiertem Mundhöhlenkarzinom
- Operative Therapie
- Resektion des Primärtumors (Sicherheitsabstand histologisch ≥3–5 mm)
- Management der Halslymphknoten (Neck Dissection)
- Bei cN0: Elektive Neck Dissection (Level I–III) empfohlen
- Sentinel-Lymphknoten-Biopsie: Option bei frühen (T1/T2), transoral resektablen Tumoren ohne Notwendigkeit eines transzervikalen Zugangs
- Bei cN+: Kurative Neck Dissection (modifiziert radikal Level I–V)
- Bei cN0: Elektive Neck Dissection (Level I–III) empfohlen
- Strahlentherapie/Radiochemotherapie
- Adjuvante Therapie, siehe: Adjuvante Therapie beim Pharynxkarzinom
- Interstitielle Brachytherapie bei
- T1/T2-Tumoren
- Guter lokaler Erreichbarkeit
- Primäre Therapie, siehe: Primäre Radiochemotherapie bei Kopf-Hals-Karzinomen
- Gefahr der Entwicklung einer Osteoradionekrose am Kieferknochen nach Radiatio
- Palliative Situation, siehe: Palliative Therapie bei metastasiertem Kopf-Hals-Karzinom oder nicht-resezierbarem Rezidiv
- Posttherapeutisches Vorgehen
- Nach Radiatio (bei Xerostomie): Pilocarpin
- Siehe auch: Rehabilitative Maßnahmen bei Pharynxkarzinom
Bei jedem Mundhöhlenkarzinom (auch cN0) ist eine elektive Behandlung der Halslymphknoten (i.d.R. Neck Dissection Level I–III) indiziert!
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
C04.-: Bösartige Neubildung des Mundbodens
- C04.0: Vorderer Teil des Mundbodens
- Von vorn bis zum Prämolar-Eckzahn-Übergang
- C04.1: Seitlicher Teil des Mundbodens
- C04.8: Mundboden, mehrere Teilbereiche überlappend
- C04.9: Mundboden, nicht näher bezeichnet
C05.-: Bösartige Neubildung des Gaumens
- C05.0: Harter Gaumen
- C05.1: Weicher Gaumen
- Exklusive: Nasopharyngeale Fläche des weichen Gaumens (C11.3)
- C05.2: Uvula
- C05.8: Gaumen, mehrere Teilbereiche überlappend
- C05.9: Gaumen, nicht näher bezeichnet
C09.-: Bösartige Neubildung der Tonsille
- Exklusive: Rachentonsille (C11.1), Zungentonsille (C02.4)
- C09.0: Fossa tonsillaris
- C09.1: Gaumenbogen (vorderer) (hinterer)
- C09.8: Tonsille, mehrere Teilbereiche überlappend
- C09.9: Tonsille, nicht näher bezeichnet
C10.-: Bösartige Neubildung des Oropharynx
- Exklusive: Tonsille (C09.‑)
- C10.0: Vallecula epiglottica
- C10.1: Vorderfläche der Epiglottis
- Epiglottis, freier Rand [Margo]
- Plica(e) glosso-epiglottica(e)
- Exklusive: Epiglottis (suprahyoidaler Anteil) o.n.A. (C32.1)
- C10.2: Seitenwand des Oropharynx
- C10.3: Hinterwand des Oropharynx
- C10.4: Kiemengang
- Branchiogene Zyste [Lokalisation der Neubildung]
- C10.8: Oropharynx, mehrere Teilbereiche überlappend
- Übergangsregion des Oropharynx
- C10.9: Oropharynx, nicht näher bezeichnet
C11.-: Bösartige Neubildung des Nasopharynx
- C11.0: Obere Wand des Nasopharynx
- Dach des Nasopharynx
- C11.1: Hinterwand des Nasopharynx
- Adenoide Rachentonsille
- C11.2: Seitenwand des Nasopharynx
- Pharyngeales Tubenostium
- Recessus pharyngeus
- Rosenmüller-Grube
- C11.3: Vorderwand des Nasopharynx
- Boden des Nasopharynx
- Hinterrand des Nasenseptums und der Choanen
- Nasopharyngeale (anteriore) (posteriore) Fläche des weichen Gaumens
- C11.8: Nasopharynx, mehrere Teilbereiche überlappend
- C11.9: Nasopharynx, nicht näher bezeichnet
- Wand des Nasopharynx o.n.A.
C12 Bösartige Neubildung des Recessus piriformis
- Inklusive: Fossa piriformis
C13.-: Bösartige Neubildung des Hypopharynx
- Exklusive: Recessus piriformis (C12)
- C13.0: Regio postcricoidea
- C13.1: Aryepiglottische Falte, hypopharyngeale Seite
- Aryepiglottische Falte:
- Randzone
- o.n.A.
- Exklusive: Aryepiglottische Falte, laryngeale Seite (C32.1)
- C13.2: Hinterwand des Hypopharynx
- C13.8: Hypopharynx, mehrere Teilbereiche überlappend
- C13.9: Hypopharynx, nicht näher bezeichnet
- Wand des Hypopharynx o.n.A.
C14.-: Bösartige Neubildung sonstiger und ungenau bezeichneter Lokalisationen der Lippe, der Mundhöhle und des Pharynx
- Exklusive: Mundhöhle o.n.A. (C06.9)
- C14.0: Pharynx, nicht näher bezeichnet
- C14.2: Lymphatischer Rachenring [Waldeyer]
- C14.8: Lippe, Mundhöhle und Pharynx, mehrere Teilbereiche überlappend
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.