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Syndrome mit anhaltender minimaler Interaktionsfähigkeit

Letzte Aktualisierung: 28.4.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Nach einer schweren Hirnschädigung kann ein Zustand anhaltender, stark eingeschränkter Interaktionsfähigkeit entstehen. In vielen Fällen tritt akut zunächst ein Koma auf, von dem die Betroffenen sich im Verlauf bis zu einem gewissen Grad erholen. Deutlich seltener folgt ein solcher Zustand einem schrittweisen Abbau von Hirnfunktionen, bspw. bei entzündlichen oder fortgeschrittenen neurodegenerativen Erkrankungen.

Die Betroffenen haben meist Wachphasen mit geöffneten Augen, jedoch ist die Interaktion mit der Außenwelt aus verschiedenen Gründen nicht oder nur in geringem Ausmaß möglich. Wachphasen können zudem auch maskiert sein, bspw. durch die Unfähigkeit zur Lidhebung bei Schädigung spezifischer Hirnregionen. Fehleinschätzungen des quantitativen und qualitativen Bewusstseinsniveaus, bspw. bei einem nicht erkannten Locked-in-Syndrom, können schwerwiegende medizinethische Konsequenzen haben, insb. wenn Entscheidungen über die Fortführung oder Einschränkung einer Therapie getroffen werden müssen.

Die klinische Beurteilung dieser Patient:innen ist daher eine wichtige und herausfordernde Aufgabe. Sie muss sehr sorgfältig und wiederholt durchgeführt werden, da der klinische Zustand über Monate (bis Jahre) hinweg dynamisch sein kann. Die Prognose der Betroffenen ist individuell sehr unterschiedlich und schlecht vorhersehbar. Einige verbleiben in ihrem Zustand, bei anderen verbessert er sich zu einem gewissen Ausmaß. Selten kann es aber auch zu einer (fast) vollständigen Remission kommen.

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Vorgehen bei anhaltender minimaler Interaktionsfähigkeittoggle arrow icon

Für das Vorgehen bei akut aufgetretener Interaktionsunfähigkeit siehe: Vigilanzminderung - AMBOSS-SOP

Klinische Untersuchung

  • FOUR-Skala (dabei immer auch vertikale Augenbewegungen prüfen!): Erste Einschätzung und niederschwellige, regelmäßige Verlaufsbeurteilung
  • Coma Recovery Scale – Revised (CRS-R): Gründliche Untersuchung zur klinischen (Verdachts‑)Diagnosestellung (frei verfügbare Bögen in der Quelle) [3]
  • Wiederholung der Untersuchung im Verlauf von Monaten/Jahren
  • Siehe auch: Untersuchungen bei schwerer Vigilanzminderung

Wichtige Hinweise und Tipps

  • Bestmögliche Wachheit und Fokussierung für Untersuchung erreichen
    • Patient:in laut und deutlich mit Vornamen ansprechen
    • Nachdrücklich anfassen, ggf. Sternum reiben
    • Anwesenheit von Angehörigen kann hilfreich sein
    • Für Prüfung von Augenbewegungen
  • Wiederholte Beurteilung notwendig (Aufmerksamkeit und Wachheit können fluktuieren)
  • Beobachtungen auch abseits der ärztlichen Untersuchung berücksichtigen, bspw.
    • Spontane Bewegungen wie Nasekratzen, Nesteln an der Bettwäsche
    • Gezielte Kopfbewegungen zu auditivem Reiz bei Begrüßung
    • Hinweise für Schmerzen bei pflegerischer Versorgung, bspw.
      • Gezielte oder ungezielte Abwehrbewegungen
      • Vegetative Reaktion

Die vertikalen Augenbewegungen müssen sorgfältig geprüft werden, denn sie können die einzig erhaltene motorische Funktion bei einem Locked-in-Syndrom sein!

Erweiterte Diagnostik

Therapie

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Anhaltende qualitative Bewusstseinsstörungen mit erhaltener Wachheittoggle arrow icon

Definition

  • Schwere Hirnschädigungen insb. des Kortex und/oder kortikaler Bahnen unterschiedlicher Ursache mit eingeschränktem/minimalem qualitativen Bewusstsein bei erhaltener Wachheit

Ätiologie [4]

Pathophysiologie [5]

  • Funktionsstörung des zerebralen Kortex (direkt oder indirekt), bspw. durch
  • Zentren der vegetativen Steuerung und der Atmungsregulation im Hirnstamm (überwiegend) erhalten

Symptomatik [1][2]

  • Syndrom der reaktionslosen Wachheit (Vegetative State)
    • Patient:innen öffnen immer wieder die Augen
    • Keine reproduzierbare Interaktion
    • Nur reflexhafte (nicht-intendierte) motorische Bewegungen
    • Vegetative und/oder ungezielte motorische Reaktion auf starke Stimuli wie Schmerzreiz
  • Syndrom des minimalen Bewusstseins (Minimally conscious State, MCS)
    • Inkonsistente, aber reproduzierbare Interaktion auf basalem Niveau
    • MCS Minus: Bspw. Fixieren und Blickfolgebewegungen, gezielte Abwehrreaktion, aber kein Hinweis auf Sprachverständnis
    • MCS Plus: Zusätzlich bspw. Befolgen einfacher Aufforderungen, situationsadäquates Lächeln, evtl. sogar Sprechen einzelner verständlicher Wörter
  • Kognitiv-motorische Dissoziation (non-behavioral MCS)
  • Allgemein häufig vorhandene Symptome/Befunde
    • Orale Automatismen und Primitivreflexe
    • Startle-Reflex und spinale Reflexe oft (teilweise) intakt
    • Hirnnervenfunktionen in unterschiedlichem Ausmaß intakt
    • Muskeltonus meist erhöht, Extremitäten im Verlauf ggf. in fixierter Beuge- oder Beuge-Streckhaltung
    • Vegetative Funktionen (inkl. Atemantrieb) i.d.R. erhalten, oftmals enthemmt
      • Spontanatmung meist möglich, oftmals mechanische Unterstützung notwendig
      • Erkennbare Schlaf-Wach-Phasen, aber oftmals gestörter Tag-Nacht-Rhythmus
  • Dynamik [1][2]
    • Häufiger Verlauf: Akute schwere Hirnschädigung führt zunächst meist zu Koma (fehlendes qualitatives Bewusstsein und fehlende Wachheit)
      • Nach Tagen/Wochen: Ggf. Rückkehr von zerebralen Funktionen in unterschiedlichem Ausmaß
      • I.d.R. Kontinuum mit insb. initial fließenden Wachheits- und Bewusstseinsabstufungen
      • Im mittelfristigen Verlauf meist Stabilisierung auf ein Niveau mit gewissen Fluktuationen („Tagesform“)
      • Im langfristigen Verlauf Verbesserung, aber auch Verschlechterung möglich (über Monate, seltener Jahre)!
    • Seltener: Schrittweiser Abbau von zerebralen Funktionen bei fortgeschrittenen neurodegenerativen Erkrankungen

Diagnostik [2][7]

  • EEG
    • Meist ausgeprägte Allgemeinveränderungen
    • Alpharhythmus vorhanden und Reaktion auf visuelle/auditive Stimuli?
    • Erhaltene REM-Schlaf-Phasen und Slow-Wave-Schlafmuster?
    • Reproduzierbare kortikale Aktivität bei Präsentation auditiver, visueller oder sensibler Stimuli (ereigniskorrelierte Potenziale)?
  • Evozierte Potenziale
    • SEP: Zervikale und lumbale Potenziale, Thalamuspotenziale und primäre kortikale Antworten meist erhalten, aber keine späten Potenziale
    • AEHP: Interpeak-Latenzen normal oder verlängert
  • Ggf. fMRT oder FDG-PET: Kognitiv-motorische Dissoziation erkennen

Therapie [8]

Prognose [8][9][10]

  • Abhängig von insb. Ursache und Ausmaß der Hirnschädigung, Schwere und Dynamik des klinischen Zustands, Patientenalter
  • Prognose wird häufig zu früh und zu pessimistisch eingeschätzt
    • Mind.(!) 1–3 Monate Beobachtungszeit sinnvoll
    • Ggf. sogar >1 Jahr, insb. bei traumatischer Ursache
  • Keine sicheren Marker zur individuellen Prognoseabschätzung
  • Wiederholte, ausführliche klinische Untersuchungen und neurophysiologische/bildgebende Untersuchungen notwendig
  • Bei Erholung meist bleibende Defizite in unterschiedlichem Ausmaß, insb. bei später Erholung
    • Vollständige oder weitgehende Remission in seltenen Fällen möglich!
  • Entscheidungen über Therapiefortführungen
    • Wiederholte Angehörigengespräche im Krankheitsverlauf
    • Berücksichtigung des (mutmaßlichen) Patientenwillens

Entscheidungen über Therapiefortführungen müssen in wiederholten Angehörigengesprächen im Krankheitsverlauf und unter Berücksichtigung des (mutmaßlichen) Patientenwillens getroffen werden! Es sind immer Einzelfallentscheidungen!

Aufgrund der schwer eingeschränkten / fehlenden klinischen Interaktionsmöglichkeit ist die klinische Beurteilung herausfordernd und muss sehr sorgfältig durchgeführt werden Die Rate von Fehleinschätzungen liegt bei bis zu 40%! [2]

Medizinisches Personal tendiert zu einer verfrühten und zu pessimistischen Prognoseeinschätzung! [8]

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Locked-in-Syndromtoggle arrow icon

  • Definition: Schädigung kortikospinaler und kortikobulbärer Bahnen mit fast vollständigem Ausfall der motorischen Funktionen, aber Vigilanz und qualitatives Bewusstsein sind erhalten
  • Ätiologie [11]
  • Pathophysiologie [11]
    • Läsion kortikospinaler und kortikobulbärer Bahnen
      • Führt zum fast vollständigen Ausfall der motorischen Funktionen
    • Dorsaler Anteil des Pons und Mittelhirn bleiben intakt
      • Vertikale Augenbewegungen, ggf. Lidschluss erhalten
      • Atemfunktion ggf. teilweise erhalten
  • Symptomatik [2][12]
  • Diagnostik
    • EEG
      • Alphaaktivität oder leichte Allgemeinveränderungen
      • Blockierung der Alphaaktivität beim Augenöffnen (auch passiv)
      • Erhaltene Reaktion auf optische und akustische Reize
    • Evozierte Potenziale
      • VEP: Unauffällig
      • SEP und AEHP: Abhängig vom Schädigungsausmaß normal oder pathologisch
  • Therapie
    • Passive Physiotherapie
    • Erlernen einer Kommunikation über Augenbewegungen/Lidschluss
  • Prognose [11]
    • Viele Patient:innen versterben während der ersten 4 Monate (oftmals pulmonale Komplikationen oder Ausweitung des Hirnstammschadens)
    • Bei Überleben selten relevante Besserung der Defizite, aber Lebenserwartung von bis zu mehreren Jahrzehnten
    • Betroffene empfinden Lebensqualität häufig als nicht erheblich beeinträchtigt

Personen mit Locked-in-Syndrom wirken interaktionsunfähig, Wachheit und qualitatives Bewusstsein sind aber erhalten!

Werden vertikale Augenbewegungen (bei passiv geöffneten Augenlidern) nicht sorgfältig untersucht, kann eine wache Person mit Locked-in-Syndrom fälschlicherweise als anhaltend komatös eingeschätzt werden!

Viele Locked-in-Betroffene können eine Kommunikation über vertikale Augenbewegungen und Blinzeln erlernen, oft mit Unterstützung computerbasierter Anwendungen!

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Akinetischer Mutismustoggle arrow icon

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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