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Schmalkomplextachykardie - AMBOSS-SOP

Grundlagen

Definition

  • Tachykardie (HF >100/min) mit schmalen QRS-Komplexen (≤120 ms)
  • Ursprungsort im Regelfall supraventrikulär (innerhalb oder oberhalb des His-Bündels)

Schmalkomplextachykardien sind im Regelfall supraventrikuläre Tachykardien!

Therapieprinzipien

Hämodynamisch instabile Schmalkomplextachykardien werden ohne weitere diagnostische Differenzierung elektrisch kardiovertiert!

Initiales Vorgehen

Akutmaßnahmen

Insb. bei hochfrequenter Schmalkomplextachykardie und bei kardiovaskulär Vorerkrankten besteht das Risiko einer hämodynamischen Beeinträchtigung!

Anamnese

  • Alter, Vorerkrankungen, vorherige Tachykardie-Episoden, Medikation
  • Aktuelle Episode
    • Trigger
    • Beginn und Verlauf
    • Assoziierte Symptome

Schmalkomplextachykardien sind potenziell bedrohliche Krankheitsbilder, deren klinisches Spektrum vom (asymptomatischen) Zufallsbefund bis zum kardiogenen Schock und plötzlichen Herztod reicht!

Weiterführende Diagnostik

  • 12-Kanal-EKG während der Tachykardie
    • Initialdiagnostik: Diagnose der Schmalkomplextachykardie und Einschätzung der Regelmäßigkeit
      • Regelmäßig: Sinustachykardie, Sinusknoten-Reentry-Tachykardie, fokale atriale Tachykardie, Vorhofflattern, AVNRT, junktionale ektope Tachykardie (JET), orthodrome AVRT
      • Unregelmäßig: Vorhofflimmern , multifokale atriale Tachykardie, fokale atriale Tachykardie/Vorhofflattern mit inkonstanter AV-Überleitung
    • Morphologie der p-Wellen
    • Beziehung von p-Wellen und QRS-Komplexen
      • RP-Intervall ≤90 ms (sehr kurz): Vorwiegend typische AVNRT
      • RP-Intervall kurz, aber >90 ms: Vorwiegend AVRT
      • RP-Intervall lang : Sinustachykardie, fokale atriale Tachykardie
  • Echokardiographie (TTE): Erkennen struktureller Herzerkrankungen als mögliche Auslöser
  • Ruhe-EKG (12-Kanal-EKG)
    • Nachweis von Präexzitation (unauffälliges Ruhe-EKG schließt Präexzitationssyndrom nicht aus!)
    • Referenz für fragliche Befunde
  • Ggf. Langzeit-EKG
  • Ggf. Belastungstest, Myokardischämie-Test bei KHK-Risikofaktoren
  • Ggf. elektrophysiologische Untersuchung (EPU) insb. bei möglicher Indikation zur Katheterablation

Differentialdiagnosen

Regelmäßige Schmalkomplextachykardien

Differentialdiagnostik regelmäßiger Schmalkomplextachykardien

Diagnose Anamnestische Hinweise Diagnostische Hinweise und Besonderheiten Therapie

Physiologische oder symptomatische Sinustachykardie

  • Allmählicher Beginn der Tachykardie
  • Ggf. Trigger-Faktoren
    • Physiologische Sinustachykardie: Stress/Belastung/Schmerz, Schwangerschaft
    • Symptomatische Sinustachykardie: Anamnese der Vorerkrankungen und akuten Beschwerden
    • Pharmakologisch induzierte Sinustachykardie
  • EKG
  • Ätiologie aufklären
    • Extrakardiale Erkrankungen
    • Kardiale Erkrankungen
  • Möglichst kausal (Therapie der Trigger/Grunderkrankung)
  • Medikamentös (symptomatisch): Betablocker
Inadäquate Sinustachykardie (selten)
  • Allmählicher Beginn der Tachykardie
  • Auftreten ohne adäquaten (physiologischen oder pathologischen) Stimulus
  • Vorwiegend junge Frauen betroffen
  • LZ-EKG, Belastungstest
  • Ausschluss symptomatischer/pharmakologischer Sinustachykardie
  • Primär: Lebensstilveränderung
  • Medikamentöse Therapie zurückhaltend
Sinusknoten-Reentry-Tachykardie (selten)
  • Schlagartiger Beginn der Tachykardie
Posturales orthostatisches Tachykardie-Syndrom (POTS)
  • Primär: Lebensstilveränderung
  • Medikamentöse Therapie

Vorhofflattern

  • Risikofaktoren: Kardiale Vorerkrankungen, höheres Alter, männliches Geschlecht
  • EKG
    • Durchgehend regelmäßige Vorhofaktivität mit monomorphen Flatterwellen
    • Orientierung: Vorhoffrequenz (Flatterfrequenz) meist 250–350/min
  • Adenosin bei unklarer Diagnose

AV-Knoten-Reentry-Tachykardie (AVNRT)

  • Risikofaktoren: Häufiger bei Frauen
  • Typischerweise paroxysmale Tachykardie-Episoden
    • Meist abrupt beginnend und endend
    • Häufig erstmalig in jungem Alter
  • Symptome: Palpitationen, Dyspnoe, Brustschmerz, selten Präsynkope/Synkope
Junktionale ektope Tachykardie (JET)
  • Risikofaktoren: Kardiale Vorerkrankungen (selten kongenital)
  • EKG: Retrograde p-Wellen mit kurzem RP-Intervall oder AV-Dissoziation

Orthodrome AV-Reentry-Tachykardie (AVRT)

  • Risikofaktoren: Etwas häufiger bei Männern , familiär erhöhtes Risiko
  • Tachykardie-Episoden meist abrupt beginnend und endend
  • EKG
    • Retrograde p-Wellen
    • Ventrikelfrequenz meist 150–250/min
  • Ruhe-EKG: Akzessorische Leitungsbahn nur manifest bei antegrader Leitungsfähigkeit

Ektope atriale Tachykardien

  • Risikofaktoren: Kardiale Vorerkrankungen, Medikamente (bspw. Digitalis-Präparate, Katecholamine, Theophyllin)
  • Typische Symptomatik: Palpitationen mit plötzlichem Beginn und Ende
  • Eher gutartiger akuter Verlauf
  • EKG
    • Monomorphe, vom Sinusrhythmus abweichende p-Wellen
    • Isoelektrische Linie vorhanden
    • Vorhoffrequenz meist 120–250/min
    • Meist atrioventrikuläre 1:1-Übertragung
  • Ggf. Digitalis-Spiegel bestimmen!

Unregelmäßige Schmalkomplextachykardien

Differentialdiagnostik unregelmäßiger Schmalkomplextachykardien
Diagnose Anamnestische Hinweise Diagnostische Hinweise und Besonderheiten Therapie
Vorhofflimmern
Multifokale atriale Tachykardie
  • Risikofaktoren: Kardiale Vorerkrankungen , Theophyllin-Therapie, Hypomagnesiämie
  • EKG
    • Unregelmäßige, polymorphe p-Wellen
    • Isoelektrische Linie vorhanden
    • Meist allmählicher Beginn
    • Meist atrioventriuläre 1:1-Übertragung mit Ventrikelfrequenz 100–150/min
  • Ausschluss Hypomagnesiämie
Supraventrikuläre Extrasystolen
  • Im Allgemeinen harmlos und ohne Krankheitswert
  • Meiden/Behandlung von Triggern
  • In Einzelfällen bei hohem Leidensdruck medikamentöse Therapie
Sonderfall: Inkonstante AV-Überleitung