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Fetale Alkoholspektrumstörung

Letzte Aktualisierung: 10.3.2026

Zusammenfassungtoggle arrow icon

Mütterlicher Alkoholkonsum während der Schwangerschaft kann zu Zelltod und Entwicklungsstörungen der Organe beim Kind führen. Besonders vulnerabel ist das Gehirn des Ungeborenen. Die pränatale alkoholtoxische Gehirnschädigung ist irreparabel und geht mit einer chronischen Behinderung einher. Die aus pränataler Alkoholexposition resultierende Erkrankung wird unter dem Begriff Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) zusammengefasst. Hierzu zählen folgende drei Formen: Fetales Alkoholsyndrom (FAS), partielles Fetales Alkoholsyndrom (pFAS) und alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (ARND).

Statistischen Schätzungen zufolge ist die FASD eine der häufigsten angeborenen chronischen Erkrankungen in Deutschland (177 Fälle pro 10.000 Neugeborene). Eine vollständige Alkoholabstinenz während der Schwangerschaft verhindert die Erkrankung. Dennoch ergeben Daten einer Studie des RKI, dass etwa ein Drittel aller schwangeren Frauen Alkohol konsumiert. Für den deutschsprachigen Raum liegt eine evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie zu fetalen Alkoholspektrumstörungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 bis <18 Jahren vor. Sie enthält Empfehlungen zur Diagnostik und dient der Einteilung der einzelnen Störungsbilder anhand von vier diagnostischen Säulen: Wachstumsauffälligkeiten, faziale Auffälligkeiten, ZNS-Auffälligkeiten und pränatale Alkoholexposition. Zudem führt sie Empfehlungen zu Interventionsmöglichkeiten auf, um Kinder und Jugendliche mit FASD gezielt zu fördern, Komorbiditäten oder Sekundärerkrankungen zu reduzieren, und die Prognose zu verbessern.

Dieses Kapitel ist im Rahmen einer Kooperation zwischen AMBOSS und dem integrierten Sozialpädiatrischen Zentrum iSPZ Hauner MUC im Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) entstanden. Beteiligte Autor:innen: Markovic A, Strieker S, Heinen F, Landgraf MN

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Einteilungtoggle arrow icon

Zur Differenzierung der einzelnen Formen siehe: Diagnosekriterien der FASD!

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Epidemiologietoggle arrow icon

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

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Ätiologietoggle arrow icon

  • Risikofaktoren für mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft [1]
  • Risikofaktoren für die Entstehung einer FASD [1]
    • Höheres Alter (>30 Jahre)
    • Geringer sozioökonomischer Status
    • African Americans und Native Americans
    • Genetische Faktoren
    • Mangelernährung
    • Geburtshilfliche Komplikationen
    • Alkoholkonsum während der gesamten Schwangerschaft
    • Hoher und/oder chronischer Alkoholkonsum
    • Konsum verschiedener Drogen
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Pathophysiologietoggle arrow icon

Die fetale Enzymfunktion und -konzentration ist im Vergleich zu Erwachsenen deutlich geringer!

Ethanol wird ungehindert von der Schwangeren auf das ungeborene Kind übertragen!

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Symptomatiktoggle arrow icon

Die klinischen Auffälligkeiten einer FASD lassen sich in Wachstumsauffälligkeiten, faziale Auffälligkeiten und ZNS-Auffälligkeiten unterteilen. Zusammen mit der pränatalen Alkoholexposition bilden sie die vier diagnostischen Säulen der S3-Leitlinie FASD. Die einzelnen Kriterien dienen der Diagnose und Differenzierung der verschiedenen Formen der Fetalen Alkoholspektrumstörung. Zur Diagnosestellung siehe: Diagnosekriterien der FASD. [1]

Wachstumsauffälligkeiten

Faziale Auffälligkeiten

Kurze Lidspaltenlänge, schmale Oberlippe und verstrichenes Philtrum sind die wegweisenden Merkmale eines Fetalen Alkoholsyndroms (FAS)!

ZNS-Auffälligkeiten

  • Strukturell
  • Funktionell
    • Epilepsie
    • Globale Intelligenzminderung oder signifikante kombinierte Entwicklungsverzögerung bei Kindern <2 Jahren
    • Signifikante Beeinträchtigungen in den Bereichen
      • Sprache
      • Feinmotorik oder Koordination
      • Visuell-räumliche Funktionen
      • Rechenfertigkeiten
      • Lern- oder Merkfähigkeit
      • Exekutivfunktionen
      • Aufmerksamkeit
      • Soziale Fertigkeiten oder Verhalten

Fast alle Kinder mit FASD weisen Störungen der Exekutivfunktionen auf, z.B. beim Erkennen von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, beim Transfer von Gelerntem auf neue Situationen, beim Planen und Durchführen mehrsequenzieller Handlungen oder beim Strukturieren des Alltags!

Angeborene Fehlbildungen [9]

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Diagnostiktoggle arrow icon

Für eine möglichst frühzeitige und adäquate Diagnostik ist bei V.a. FASD eine Überweisung an ein interdisziplinäres Zentrum sinnvoll (z.B. sozialpädiatrisches Zentrum oder Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie). [1][10]

Mögliche Vorstellungsgründe

  • Entwicklungsstörungen
  • Kognitive Beeinträchtigungen, Schwierigkeiten in der Schule
  • Verhaltensauffälligkeiten, geringe Frustrationstoleranz
  • Kein altersadäquates Erledigen von Alltagsaufgaben, Unselbstständigkeit
  • Bekannte pränatale Alkohol- und/oder Drogenexposition
  • Epilepsie

Anamnese

Klinische Untersuchung

Apparative Diagnostik

Neuropsychologische Untersuchung

  • Verhaltensbeobachtung
  • Spezifische Tests und Fragebögen für die Bereiche
    • Entwicklung
    • Intelligenz
    • Sprache
    • Visuell-räumliche Funktionen
    • Rechenfertigkeiten
    • Lern- oder Merkfähigkeit
    • Exekutivfunktionen
    • Aufmerksamkeit
    • Soziale Fertigkeiten oder Verhalten

Diagnosestellung [1]

Die Unterformen der FASD werden anhand der klinischen S3-Leitlinien-Kriterien der vier diagnostischen Säulen (Wachstumsauffälligkeiten, faziale Auffälligkeiten, ZNS-Auffälligkeiten, pränatale Alkoholexposition) diagnostiziert. Siehe auch: Symptome der FASD.

Diagnosekriterien der Fetalen Alkoholspektrumstörungen (FASD) entsprechend der S3-Leitlinie
Diagnose Wachstumsauffälligkeiten Faziale Auffälligkeiten ZNS-Auffälligkeiten Pränatale Alkoholexposition

Fetales Alkoholsyndrom (FAS)

  • Mind. 1 Kriterium erfüllt
  • Alle 3 Kriterien erfüllt
  • Mikrozephalie und/oder
  • Strukturelle ZNS-Malformation und/oder
  • Globale Intelligenzminderung oder signifikante kombinierte Entwicklungsverzögerung bei Kindern <2 Jahren und/oder
  • Signifikante Beeinträchtigung in mind. 3 Bereichen (bei Epilepsie mind. 2 Bereiche)
  • Bestätigt, wahrscheinlich oder unbekannt
Partielles Fetales Alkoholsyndrom (pFAS)
  • Kein Kriterium notwendig
  • Mind. 2 Kriterien erfüllt
  • Mind. 3 Kriterien erfüllt
  • Bestätigt oder wahrscheinlich
Alkoholbedingte entwicklungsneurologische Störung (ARND)
  • Kein Kriterium notwendig
  • Kein Kriterium notwendig
  • Mind. 3 Kriterien erfüllt
  • Bestätigt

Für die Diagnose FAS muss die pränatale Alkoholexposition nicht bestätigt sein!

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Differenzialdiagnosentoggle arrow icon

Bei Wachstumsauffälligkeiten [1]

Bei fazialen Auffälligkeiten [1]

Bei ZNS-Auffälligkeiten [1]

AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

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Therapietoggle arrow icon

Da der FASD eine alkoholtoxische und biologisch irreparable Gehirnschädigung zugrunde liegt, ist eine Kausaltherapie nicht möglich. Um eine möglichst gute Alltagsfunktionalität und Lebensqualität zu erreichen, sollte hauptsächlich funktionell, symptombezogen, alltagsnah und individuell angepasst therapiert werden. Unterstützend kann eine medikamentöse Behandlung erwogen werden.

Funktionell [1][11][12][13][14][15][16]

Um wirksam zu sein, sollten Interventionen gezielt an die alkoholbedingten neurobiologischen Schädigungen von Kindern und Jugendlichen mit FASD angepasst werden!

Medikamentös [1][17]

Eine medikamentöse Therapie sollte dann erwogen werden, wenn pädagogische, therapeutische und psychologische Interventionen keine ausreichende Wirkung zeigen und Alltagsfunktionalität und Lebensqualität der Kinder/Jugendlichen erheblich eingeschränkt sind!

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Prognosetoggle arrow icon

Persistenz der Symptome

Aufgrund der irreversiblen alkoholtoxischen Gehirnschädigung bzw. -entwicklungsstörung können die Defizite lebenslang persistieren.

Persistierende Symptome und Auffälligkeiten der Fetalen Alkoholspektrumstörung
Wachstumsauffälligkeiten [18]
Faziale Auffälligkeiten [18]
  • Schmale Oberlippe (ca. 92%)
  • Flaches Mittelgesicht (ca. 46%)
ZNS-Auffälligkeiten [18][19]
  • Strukturell: Mikrozephalie (ca. 49%)
  • Funktionell
    • Sehr häufig Beeinträchtigung der Exekutivfunktionen
    • Reduzierte Aufmerksamkeit
    • Verhaltensstörungen
    • Intelligenzminderung
    • Unterstützungsbedarf in Schule, Ausbildung, Arbeit und beim Wohnen
    • Meist keine abgeschlossene Berufsausbildung und keine langfristige Beschäftigung (ca. 86%)
    • Eingeschränkte Selbstständigkeit (ca. 70%)
Psychische Auffälligkeiten [20][21][22]

Ca. 70% aller Erwachsenen mit FASD sind im Alltag auf Hilfe angewiesen!

Protektive Faktoren [23][24]

  • Frühe Diagnose (<6 Jahren)
  • Stabiles, förderndes Umfeld
  • Gewaltfreie Kindheit
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Präventiontoggle arrow icon

Ziel der präventiven Maßnahmen ist die Vermeidung der FASD durch vollständige Alkoholabstinenz während der gesamten Schwangerschaft.

Universelle Prävention [25]

  • Zielgruppe: Gesamte Bevölkerung
  • Maßnahme: Aufklärung über Alkoholkonsum und FASD
  • Beispiele
    • Pädagogische Projekte an Schulen
    • Öffentliche Ausstellungen
    • Hinweise auf alkoholischen Getränken
    • Aufklärungskampagnen, die sich insb. an Schwangere richten
  • Projekte siehe: Tipps & Links

Universelle Prävention soll möglichst viele Menschen dazu befähigen, das Risiko für eine FASD durch Alkoholabstinenz während der Schwangerschaft zu vermeiden!

Selektive und indizierte Prävention [25]

Selektive und indizierte Prävention setzen die Identifikation von Risikofaktoren voraus (siehe: Ätiologie der FASD)!

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AMBOSS-Podcast zum Thematoggle arrow icon

Fetale Alkoholspektrumstörung: FASD erkennen und einteilen (Mai 2025) Inhalt: 00:23 Intro / 01:36 Die Basics: Definition, Einteilung, Epidemiologie / 04:51 Wer ist besonders gefährdet? Risikofaktoren im Überblick / 09:14 Ins Gespräch kommen: Anamnese und erste Schritte / 12:56 Aufklärung in Gesellschaft und Gesundheitsberufen / 19:23 Deutschland im internationalen Vergleich / 20:36 Diagnostik des FAS / 27:04 Diagnosekriterien des pFAS und ARND / 29:48 Symptome in den ersten Lebensjahren / 31:38 Verdacht auf FASD richtig ansprechen / 35:53 Vorstellungsgründe bei FASD / 37:39 Störungen der Exekutivfunktionen / 43:14 Haftstrafen und Kosten für das Gesundheitssystem / 45:01 Psychoedukation, Alltagsfunktionalität und Lebensqualität / 50:09 Abschließender Appell / 52:19 Take-Home Messages

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026toggle arrow icon

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.

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