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Norovirus-Infektion

Abstract

Noroviren sind weltweit verbreitet und für einen Großteil der Gastroenteritiden bei Kindern und Erwachsenen verantwortlich. Sie werden in der Regel über Kontakt- und Schmierinfektionen übertragen und lösen aufgrund der hohen Infektiosität und kurzen Inkubationszeit schnell Epidemien aus. Da Norovirus-Epidemien (insb. in stationären Einrichtungen) vor allem ältere Patienten und Kleinkinder gefährden und inzwischen auch eine ökonomische Belastung für die betroffenen Einrichtungen darstellen, sollte großer Wert auf die Einhaltung hygienischer Standards gelegt werden. Klinisch stellt sich die Erkrankung typischerweise mit akut einsetzender Übelkeit, schwallartigem Erbrechen und gleichzeitiger wässriger Diarrhö dar. Die Therapie ist rein symptomatisch, eine Impfung gibt es derzeit nicht.

Epidemiologie

  • Vorkommen: Weltweit
  • Häufigkeit
    • Ca. 50 % aller nichtbakteriellen Gastroenteritiden des Erwachsenen
    • Ca. 30 % aller nichtbakteriellen Gastroenteritiden des Kindesalters
  • Altersgipfel
    1. Kinder <5 J. (zweithäufigste Ursache der akuten Gastroenteritis im Kindesalter nach Rotaviren)
    2. Ältere Personen >70 J.
  • Epidemisches Risiko: Gemeinschaftseinrichtungen (bspw. Altenheime, Krankenhäuser, Kindergärten) aufgrund der unmittelbaren Nähe der Kontaktpersonen
  • Saisonalität: Oktober bis März

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

  • Erreger: Norovirus (>20 humanpathogene Typen), Familie der Caliciviridae, RNA-Virus
    • Reservoir: Nach heutigem Wissensstand ist der Mensch das einzige Reservoir der humanpathogenen Noroviren
  • Infektionsweg: Fäkal-oral
    • Orale Aufnahme virushaltiger Tröpfchen, die beim schwallartigen Erbrechen entstehen
    • Kontakt- und Schmierinfektion
      • Direkter Kontakt zu Stuhl oder Erbrochenem
      • Kontaminierte Flächen
      • Lebensmittel (insb. Muscheln, (Tiefkühl‑)Beeren oder Salate) [1][2]
      • Trinkwasser
  • Infektiosität
    • Sehr hohe Infektiosität: Minimale Infektionsdosis (10–100 Viruspartikel) reicht aus
    • Höchstes Ansteckungsrisiko besteht zum Zeitpunkt der Symptomatik
    • Erreger können aber auch noch 1–2 (selten viele) Wochen nach Sistieren der Symptome über den Stuhl ausgeschieden werden

Symptome/Klinik

  • Inkubationszeit: 6–50 Std.
  • Akut beginnende Symptomatik
    • Übelkeit und schwallartiges Erbrechen
    • Starke wässrige Diarrhö
    • Reduzierter Allgemeinzustand
    • Bauchschmerzen
    • Kopfschmerzen und Myalgien
    • Meist kein hohes Fieber, höchstens erhöhte Temperatur
  • Asymptomatische oder leichtere Verläufe, bspw. nur mit Erbrechen ohne Diarrhö oder mit Diarrhö ohne Erbrechen sind möglich
  • Abklingen der Symptome i.d.R. innerhalb von 12–48 Std.

Diagnostik

Verfahren zur Diagnosesicherung sollten nur bei Epidemien zum Einsatz kommen, bspw. um Infektionswege zu klären und diese zu unterbrechen, oder wenn sich aus anderen Gründen eine therapeutische Konsequenz ergibt.

Entscheidend ist die Klinik! Ergebnisse aus Stuhluntersuchungen haben meist keine therapeutische Konsequenz und sollten daher unterlassen werden!

Differentialdiagnosen

Siehe auch: Ätiologie von Durchfallerkrankungen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Die Therapie erfolgt rein symptomatisch, da es keine kausale antivirale Therapie gibt.

  • Ausreichende Wasser- und Elektrolytsubstitution: Je nach Klinik
  • Antiemetika: Bei unstillbarem Erbrechen (siehe auch: Symptomatische Therapie bei akutem Erbrechen im Kindes- und Jugendalter)
    • Dimenhydrinat (z.B. Vomex --)
      • Darreichungsformen: Sirup , Tabletten , Kautabletten Suppositorien und i.v. Injektionslösung
      • Dosierungsempfehlungen [3]
        • Zugelassen für Säuglinge ab 6 Mon. oder ab 6 kgKG
        • Kinder >25 kg
        • Kinder 16-25 kg
        • Kinder 6-15 kg
        • Kinder >60 kg bzw. ≥14 J. und Erwachsene
        • Zu beachten
          • Keine Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz erforderlich
          • Nicht anzuwenden u.a. bei Herzrhythmusstörungen, Pylorusstenose, Epilepsie oder Hirndruck
          • Die i.v. Injektionslösung kann in folgenden Infusionslösungen gegeben werden: Glucose 5/10 %, isotonische Kochsalzlösung, Ringerlösung
          • Injektionslösung sehr langsam injizieren (10 mL in nicht weniger als 2 Min.)
          • Überdosierungen können lebensgefährlich sein
    • Diphenhydramin (z.B. Emesan®-------)
      • Darreichungsformen Tabletten oder Suppositorien
      • Dosierungsempfehlungen [3]
        • Zugelassen für Säuglinge ab 6 Mon. oder ab 6 kg
        • Kinder 8–10 kg
        • Kinder 10–20 kg
        • Kinder >20 kg
        • Kinder >12 J. und Erwachsene
        • Zu beachten

Überdosierungen von Antiemetika können immer lebensbedrohlich sein!

  • Lactobacillus rhamnosus GG (z.B. LGG®----) zum Aufbau der Darmflora
    • Darreichungsform: Kapseln
    • Dosierungsempfehlungen:
      • Zugelassen in jedem Alter, auch für Neugeborene, Schwangere, Stillende und Senioren
      • Gleiche Dosis in jedem Alter
      • Bei Schluckbeschwerden: Kapsel öffnen und Inhalt in Wasser oder anderer Flüssigkeit lösen
      • Nicht in Fruchtsäften, Tee, heißen Getränken (>37 °C) lösen, weil Keime dann zerstört werden

Butylscopolamin (z.B. Buscopan®) wird im Kindesalter aufgrund des hohen Nebenwirkungspotentials sehr zurückhaltend eingesetzt!

Antibiotika oder Antidiarrhoika (bspw. Loperamid) werden nicht empfohlen! Antiperistaltische Medikamente wirken sogar kontraproduktiv, da der erregerhaltige Stuhl ausgeschieden werden sollte!

Prävention

Impfung

Ein Impfstoff steht aktuell nicht zur Verfügung.

Präventive Hygienemaßnahmen

  • Einhalten von Hygienevorschriften in medizinischen Einrichtungen und Gemeinschaftseinrichtungen sowie in Küchen
  • Strenges Durchgaren von Gerichten mit Meeresfrüchten

Hygienemaßnahmen bei Norovirus-Epidemien

Für Patienten und Kontaktpersonen

  • Einhalten von Hygieneregeln
    • Händedesinfektionsmittel mit viruzider Wirksamkeit (z.B. Desderman®---------- pure, Sterillium®----------- Virugard, Skinman®-------- complete pure) und Tragen von Handschuhen
    • Atemschutz beim Umgang mit Erbrochenem
    • Sanitär-Desinfektion
  • Isolation von Erkrankten
  • Nach §34 Abs. 1 IfSG sollten Kinder <6 J. mit Nachweis oder Verdacht auf Gastroenteritis bis 2 Tage nach Sistieren der Symptome keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen.
    • Ein ärztliches Attest ist nicht erforderlich
    • Fortführen der hygienischen Maßnahmen über mindestens 2 Wochen
  • Erkrankte Personen in Lebensmittelberufen (definiert in §42 IfSG) sollten frühestens 2 Tage nach dem Sistieren der Symptomatik wieder arbeiten gehen
    • Fortführen der hygienischen Maßnahmen am Arbeitsplatz über 4–6 Wochen
    • Bei Wiederauftreten der Symptomatik erneute Freistellung

Für Gemeinschaftseinrichtungen

  • Allgemeine Maßnahmen
    • Abkochgebot für Trinkwasser
    • Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen (bspw. Hotels, Gaststätten)
    • Sicherstellung von Wasser- und Lebensmittelproben
  • Maßnahmen in medizinischen Einrichtungen
    • Isolation in Einzelzimmern
      • Ggf. als Kohortenisolierung
      • Schutzkleidung: Schutzkittel, Handschuhe, Mundschutz
    • Händedesinfektion mit einem gegen Noroviren wirksamen Händedesinfektionsmittel (z.B. Desderman®---------- pure, Sterillium®----------- Virugard, Skinman®-------- complete pure)
      • Unterweisung des Personals, der Patienten und der Kontaktpersonen in korrekter Händedesinfektion
    • Flächendesinfektion kontaminierter Oberflächen und Sanitäranlagen

Mitarbeiter mit Symptomen sollten unverzüglich nach Hause geschickt werden!

Meldepflicht

  • Arztmeldepflicht
    • Nach §6 IfSG: Namentliche Meldepflicht bei Verdachts- oder Krankheitsfall einer Erreger-bedingten Lebensmittelvergiftung oder einer akuten infektiösen Gastroenteritis, wenn:
      • eine Person aus der Lebensmittelbranche betroffen ist oder
      • ≥2 Personen von einem möglichen epidemischen Zusammenhang betroffen sind
    • Nach IfSGMeldeVO (nur in Sachsen ): Namentliche Arztmeldepflicht bei Krankheits- oder Todesfällen sowie bei Ausscheidern
  • Labormeldepflicht nach §7 IfSG
    • Namentliche Meldepflicht bei Erregernachweis (nur direkter Nachweis aus dem Stuhl)
  • Meldepflicht für Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen nach §33 und §34 (6) IfSG

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Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.