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Friedreich-Ataxie (Morbus-Friedreich)

Abstract

Die Friedreich-Ataxie (FRDA) ist die häufigste hereditäre Ataxie. Ursache ist meist eine autosomal-rezessiv vererbte GAA-Trinukleotidrepeatexpansion im FXN-Gen auf Chromosom 9, welches für das Protein Frataxin kodiert. Frataxin ist ein eisenbindendes Protein mit Bedeutung für den mitochondrialen Energiehaushalt. Leitsymptom der Erkrankung ist die progrediente Ataxie infolge einer Hinterstrangdegeneration. Die weiteren Symptome umfassen u.a. einen gestörten Lage- und Vibrationssinn, Dysarthrie und eine Störung der Okulomotorik. Häufig besteht eine Kardiomyopathie, gelegentlich auch ein Diabetes mellitus. Orthopädische Probleme wie eine Skoliose oder Hohlfüße („Friedreich-Fuß“) gehören zum klinischen Bild. Die Verdachtsdiagnose wird molekulargenetisch bestätigt.

Die Friedreich-Ataxie ist nicht kausal behandelbar. Die Therapie umfasst symptomatische Maßnahmen wie Physiotherapie und Hilfsmittelversorgung sowie internistische und orthopädische Maßnahmen. Die Erkrankung verläuft progredient und führt in der Regel zu Rollstuhlpflichtigkeit und vorzeitigem Tod, häufig als Folge der Kardiomyopathie.

Epidemiologie

  • Prävalenz: Häufigste hereditäre Ataxie, 3–4/100.000 Einwohner (Deutschland) [1]
  • Frequenz heterozygoter Mutationsträger: Etwa 1:90 (Deutschland) [1]
  • Alter: Manifestation meist im Kindes- und Jugendalter
  • Geschlecht: =

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Symptome/Klinik

Merkmal der Friedreich-Ataxie ist das gemeinsame Auftreten von Symptomen einer Hinterstrangdegeneration, einer axonalen Neuropathie und in geringerem Ausmaß einer zerebellären Störung. Die Betroffenen bemerken häufig als Erstsymptom einen unsicheren Gang im Jugendalter (variables Manifestationsalter, siehe auch Verlaufsformen der Friedreich-Ataxie); weitere Symptome (s.u.) können in variabler Ausprägung im Krankheitsverlauf auftreten. Die progrediente Stand- und Gangataxie ist das einzige obligate Symptom. Gelegentlich gehen die nachfolgend genannten Skelettdeformitäten neurologischen Symptomen um Jahre voraus.

Neurologische Symptome

  • Gangunsicherheit mit Stolpern und Stürzen, allgemeine Ungeschicklichkeit (langsam progrediente Stand- und Gangataxie)
  • Gestörter Lage- und Vibrationssinn (Pallhypästhesie)
  • Muskeleigenreflexe der Beine sehr häufig fehlend (Areflexie)
  • Dysarthrie
  • Positive Pyramidenbahnzeichen
  • Störung der Okulomotorik (Fixationsinstabilität, reduzierter vestibulookulärer Reflex, Blickrichtungsnystagmus)
  • Mögliche Symptome insb. bei fortgeschrittenem Krankheitsverlauf
    • Hypakusis
    • Dysphagie
    • Blasenstörung (Dranginkontinenz)
    • Visusminderung bis zur Erblindung
  • Meist keine oder nur geringe kognitive Defizite

Orthopädische Symptome (∼50 %)

Internistische Begleiterkrankungen bzw. -symptome

Verlaufs- und Sonderformen

Etwa ein Viertel der Fälle verläuft atypisch.

Diagnostik

Basisdiagnostik

  • Neurologische Untersuchung: Gang- und Standataxie (anamnestisch progredient), ggf. weitere Symptome (s.o.)
  • Familienanamnese: Ggf. Hinweise auf autosomal-rezessive Vererbung
  • MRT (Kopf sowie HWS und BWS)
  • Molekulargenetischer Mutationsnachweis
    • Abnahme EDTA-Blut
    • Bestimmung der Trinukleotid-Repeat-Anzahl
      • Fragmentlängenanalyse, etwa mit Kapillargelelektrophorese
    • Beratung nach Gendiagnostikgesetz sowie schriftliche Einwilligung obligat
    • Bei Angehörigen ggf. Analyse des Konduktorenstatus

Elektrophysiologische Diagnostik

Diagnostik internistischer Begleiterkrankungen

Differentialdiagnosen

  • Ataxie mit Vitamin-E-Defizienz (AVED)
  • Andere hereditäre, autosomal-rezessive Ataxien
  • Sporadische Ataxien des Erwachsenenalters (SAOA)

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

  • Keine spezifische Therapie
  • Symptomorientierte Maßnahmen
    • Physiotherapie mit Koordinationstraining
    • Ergotherapie
    • Logopädie
    • Hilfsmittelversorgung (Gehstützen, Rollstuhl)
    • Dokumentation des funktionellen Status bei jeder Vorstellung
      • Friedreich's Ataxia Rating Scale (FARS) oder Scale for the Assessment and Rating of Ataxia (SARA), siehe: Tipps & Links
  • Behandlung der internistischen Begleiterkrankungen
  • Behandlung der Skelettdeformitäten
    • Skoliose: Ggf. operative Korrektur
    • Hohlfüße: Im Regelfall keine operative Korrektur [5]

Prognose

  • Progrediente Erkrankung mit variablem Krankheitsverlauf
    • Früherer Krankheitsbeginn: Assoziiert mit größerer Anzahl Trinukleotidrepeats und schnellerem Krankheitsverlauf [2]
    • Sehr häufig Rollstuhlpflichtigkeit im Verlauf
  • Lebenserwartung: Reduziert [6]
  • Atypische Verlaufsformen mit späterer Manifestation: Bessere Prognose

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.