• Klinik

Fremdkörperaspiration

Abstract

Bei der Fremdkörperaspiration gelangt durch Verschlucken bzw. Einatmen ein Fremdkörper ins Tracheobronchialsystem. In der Regel sind Kinder im 2. und 3. Lebensjahr betroffen. Es kommt zu anfallsartigem Reizhusten, weiterhin können Stridor und Dyspnoe bestehen. Eine lebensbedrohliche Verlegung der Trachea führt zu massiver Luftnot, Zyanose und Asphyxie. Meist jedoch befinden sich die Gegenstände nach Aspiration in den Haupt- und Zwischenbronchien, aufgrund des steileren Abgangs häufiger im rechten als im linken Bronchus. Bei einem Teilverschluss kann eine sogenannte Ventilstenose mit distaler Überblähung entstehen, eine komplette Verlegung geht mit einer Atelektase (Minderbelüftung) einher. Radiologisch imponiert oft eine Seitendifferenz mit Zeichen der Überblähung oder Minderbelüftung. Eine zeitnahe Entfernung des Fremdkörpers durch eine Bronchoskopie ist indiziert. Chronischer Husten und rezidivierende pulmonale Infekte können Folge einer unerkannten Fremdkörperaspiration sein.

Epidemiologie

  • Meist Kinder vom 6. Lebensmonat bis zum 5. Lebensjahr
  • Die Hälfte aller Fremdkörperaspirationsereignisse tritt zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr auf

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

  • Affektive Reaktionen während sich ein Fremdkörper im Mund befindet
  • Insbesondere kleine Gegenstände oder Nahrungsmittel/-stücke mit glatter Oberfläche werden aspiriert, am häufigsten Erdnüsse

Pathophysiologie

Durch die Aspiration des Fremdkörpers kommt es zu einer Verlegung im Tracheobronchialsystem. Sowohl eine komplette als auch eine partielle Verlegung können auftreten. In ca. 80% ist der rechte Hauptbronchus betroffen

  • Dabei können durch die Obstruktion zwei Mechanismen entstehen:
    1. Ventilstenose
      • Air trapping“ („Luftfalle“) mit konsekutiver Überblähung
    2. Atelektase
      • Komplette Verlegung mit ausbleibender Belüftung

Symptome/Klinik

  • Leitsymptom: Plötzlich auftretende, anfallsartige Reizhustenattacken
  • Zeichen der Dyspnoe/Zyanose
    • Können sich bei Verlegung großer Bronchien entwickeln
    • Eine akute Dyspnoe mit Zyanose kann auch schnell abklingen, wenn der Fremdkörper mobilisiert wird und weiter in die Peripherie des Bronchialsystems wandert
  • Stridor: Je nach Lokalisation des Fremdkörpers
  • Ggf. Würgen (bei hoch liegendem Fremdkörper)

Diagnostik

Körperliche Untersuchung

Konventionelles Röntgen

  • Oft sind die Fremdkörper selbst radiologisch nicht darstellbar, sodass auf Sekundärzeichen wie Überblähung, Minderbelüftung und Seitendifferenz geachtet werden muss
    • Seitenunterschiede entstehen erst ab bronchialer Lage
    • Weiter kranial liegende Fremdkörperaspirationen sind radiologisch schwer zu erkennen, bessere Beurteilung hier im Seitbild
  • Ventilmechanismus mit Überblähung
    • Auf der betroffenen SeiteVermehrte Strahlentransparenz, Rarefizierung der Gefäßzeichnung, Zwerchfelltiefstand
    • Mediastinalverlagerung nach kontralateral
  • Atelektase
    • Auf der betroffenen Seite → Transparenzminderung und homogene Verschattung, verstärkte Gefäßzeichnung, Zwerchfellhochstand
    • Mediastinalverlagerung zur betroffenen Seite

Bei begründetem Verdacht auf Aspiration ist eine Bronchoskopie (auch bei unauffälligem Röntgenbild) indiziert!

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Notfallmaßnahme bei erstickendem Kind

  • Wie bei jedem Notfall sollte nach dem A-B-C-Schema (Airway-Breathing-Circulation) vorgegangen werden. Für die Fremdkörperaspiration gilt ein festgelegter Algorithmus. Es wird davon ausgegangen, dass kräftiger Husten die effektivste Methode darstellt, den Fremdkörper loszuwerden. Ist der Fremdkörper sicher zu entfernen, darf ein Versuch unternommen werden - ein Greifen in den Rachen ohne Sicht ist jedoch unbedingt zu unterlassen!
  • Effektiver Hustenreiz
    • Beurteilung der Effektivität des Hustens unter steter Beobachtung des Bewusstseins
    • Auf ein Abhusten des Fremdkörpers warten
  • Ineffektiver Hustenreiz
    1. Kind bei Bewusstsein
      • Kind/Säugling in Kopftief- und Bauchlage auf den Schoß oder Unterarm legen, Kopf stabilisieren und mit dosierten Schlägen auf den Rücken zwischen die Schulterblätter versuchen den Fremdkörper zu mobilisieren
      • Wenn erfolglos, im Wechsel mit folgenden Maßnahmen:
        • Bei älteren Kindern: 5× Heimlich-Manöver: Intrapulmonale Druckerhöhung durch mehrere ruckartige manuelle Oberbauchkompressionen mit dem Ziel der Mobilisation und Expektoration des Fremdkörpers
        • Bei Säuglingen: 5× Thoraxkompression in Kopftief- und Rückenlage bis effektiver Husten eintritt bzw. Fremdkörper entfernt ist
    2. Bewusstlosigkeit
      • 5 initiale Beatmungen (rescue breaths) → der Fremdkörper sollte dadurch in einen Lungenabschnitt vorgeschoben werden, sodass der Rest der Lunge belüftet werden kann
      • Reanimation im Kompressions-/Ventilationsverhältnis 15:2 für professionelle Ersthelfer, 30:2 für Laien (Kompressionsfrequenz 100-120/min), siehe auch Reanimation bei Kindern

Bei Ankunft Notarzt / Im Krankenhaus

  • Versuch der Mobilisierung des Fremdkörpers mittels Endotrachealtubus
  • Bei Totalverlegung Fremdkörper ggf. weiter nach distal in einen der Hauptbronchi vorschieben, um so Ventilation der Gegenseite zu gewährleisten
  • Mittel der Wahl: Fremdkörperentfernung mittels Bronchoskopie
  • Selten chirurgischer Eingriff notwendig

Komplikationen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognose

  • Bei erhaltener Oxygenierung und Entfernung des Fremdkörpers innerhalb von 24 Stunden sind keine Schäden zu erwarten
  • Chronische Fremdkörperaspiration kann zu bleibenden Schäden an der Lunge führen
  • Bei Totalverlegung der Trachea sind bleibende Schäden durch Hypoxie und letale Verläufe durch Asphyxie nicht selten

Prävention

Keine Erdnüsse (oder vergleichbare Fremdkörper) in Reichweite von Säuglingen oder Kleinkindern!

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.