• Klinik

Harnabflussstörungen (Harnstau)

Abstract

Harnabflussstörungen werden nach ihren Lokalisationen in Bezug zur Harnblase in obere (=supravesikale) und untere (=subvesikale) Abflussstörungen unterteilt. Eine untere Harnabflussstörung kann zum klinischen Bild des Harnverhalts führen und wird in dem entsprechendem Kapitel dargestellt.

Obere Harnabflussstörungen können z.B. durch Harnleiterkonkremente, Tumoren, Ureterstenosen oder Nierenbeckenabgangsengen bedingt sein und führen zu einer Harnstauungsniere (Hydronephrose). Während sich eine akute Stauung durch Flankenschmerz oder bei Infektion mit Fieber und Entzündungssymptomatik manifestieren kann, bleibt eine chronische Harnabflussstörung häufig klinisch inapparent und wird meist zufällig diagnostiziert.

Ureterabgangsstenosen sind meist angeborene, anatomische Störungen im Bereich der ableitenden Harnwege, die in der Regel unentdeckt bleiben. Im Rahmen eines Arztbesuchs fallen entweder zufällig erhöhte Retentionsparameter im Blut oder sonographisch eine Harnstauungsniere auf. Diagnostisch kommt es dann in mehreren Schritten zur Prüfung der Nierenfunktion und zum Ausschluss anderer Ursachen einer Harnstauungsniere. Die Therapie richtet sich nach den Beschwerden sowie dem Nierenfunktionsverlust - bei bereits funktionsloser Niere und rezidivierenden Infekten kommt häufig nur noch die Nephrektomie als Therapie in Betracht.

Definition

Ätiologie

Akut

Chronisch

Eine Verlegung der unteren Harnwege führt zunächst zum Harnverhalt, kann sich aber im Verlauf bzw. unbehandelt bis in die oberen Harnwege aufstauen!

Klassifikation

Gradeinteilung der Hydronephrose

Die Hydronephrose kann mit Hilfe der Sonographie, der CT oder der MRT in Grade eingeteilt werden.

Grad Befund
I
  • Erweiterung des Nierenbeckens ohne Erweiterung der Nierenkelche
II
  • Leichte Erweiterung des Nierenbeckens, der Kelchhälse und der Nierenkelche
III
  • Deutliche Erweiterung des Nierenbeckens, der Kelchhälse und der Nierenkelche
  • Parenchym durch erweitertes Nierenbecken teilweise verdrängt
IV
  • Parenchym durch erweitertes Nierenbecken vollständig verdrängt

Symptome/Klinik

Akut

Symptome finden sich vor allem bei einer Verlegung des gesamten Lumens von innen, also beispielsweise bei einem Ureterstein. Bei einer äußeren Kompression kann eine klinische Symptomatik oft fehlen.

  • Kolikartige Flankenschmerzen („So schlimm wie nie zuvor.“) ggf. mit Ausstrahlung in die Leiste oder das Genital
  • Erbrechen
  • Hämaturie
  • Ggf. Zeichen einer Entzündung
    • Mit Fieber und Schüttelfrost → Verdacht auf Urosepsis
  • Selten Anurie

Chronisch

  • Häufig symptomlos
  • Ggf. Übelkeit/Erbrechen, Flanken- und Oberbauchschmerzen
  • Mögliche Hinweise bei Neugeborenen und Kleinkindern: Tastbarer Tumor im Oberbauch, Gedeihstörungen
  • Ggf. Zeichen der Nierenschädigung

Jede Harnabflussstörung ist ein begünstigender Faktor für die Entwicklung von Harnsteinen und Harnwegsinfektionen mit der Gefahr einer Urosepsis!

Diagnostik

Generell wird sowohl die obere als auch die untere Harnabflussstörung in erster Linie durch die Bildgebung diagnostiziert. Dennoch sollten bei allen Patienten auch die folgenden Untersuchungen durchgeführt werden, um die Dringlichkeit der Behandlung einschätzen zu können.

Bildgebung in der Akutsituation

Verfahren

  • 1. Wahl: Sonographie
  • Ggf. + Low-dose CT i.d.R. ohne Kontrastmittel
  • Bei Symptomen, die auf eine Entzündung hinweisen mit Kontrastmittel

Leitbefunde

Bildgebung bei chronischen Harnabflussstörungen

Oft wird eine chronische Harnabflussstörung als Zufallsbefund diagnostiziert, z.B. bei der Ursachenklärung eines chronischen Nierenversagens. Die Bildgebung bei einer chronischen Harnabflussstörung hat demnach in erster Linie den Zweck, die Ursache für die Störung zu diagnostizieren.

Differentialdiagnosen

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

In der Akutsituation

Behandlung der Grunderkrankung

  • Allgemein
    • Operative Behandlung (CAVE: Rezidivgefahr durch das Auftreten von postoperativen Strikturen möglich!)
    • Bei Funktionslosigkeit der Niere und rezidivierenden Infekten oder anderweitiger Komplikationen: Nephrektomie erwägen
  • UreterstenoseExzision der Harnleiterstenose und Überbrückung des Defekts durch:
  • Nierenbeckenabgangsstenose
    • Konservative Therapie: Aktive Überwachung und regelmäßige Verlaufskontrollen, bei Verschlechterung der Nierenfunktion → Operative Versorgung
      • Indikationen: Asymptomatischer Patient mit guter seitengleicher Nierenfunktion, fehlende klinische Relevanz
    • Operative Therapie: Exzision des betroffenen Segments (z.B. Nierenbeckenplastik nach Anderson-Hynes )
      • Indikationen: Symptomatische Patienten (Flankenschmerzen, rezidivierende Pyelonephritiden ) oder Nierenfunktion <40%

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.