Zusammenfassung
Alkohol und seine Folgen spielen in vielen Bereichen der Pflege eine Rolle, bspw. als Notfall in Form der akuten Alkoholintoxikation oder als Alkoholabhängigkeit mit dazugehörigen Begleiterkrankungen. Die Alkoholentgiftung und -entwöhnung sind häufige Themen in den psychiatrischen Fachbereichen. Alkoholintoxikationen können in allen Alters- und Gesellschaftsklassen auftreten. Auch die Alkoholabhängigkeit ist ein häufiges und in der gesamten Gesellschaft verbreitetes Problem. Die Aufgaben der Pflege liegen in der Überwachung und Stabilisierung der Vitalparameter bei akuter Intoxikation und beim Alkoholentzugssyndrom, insb. im Rahmen der Alkoholentgiftung. Bei der Entgiftung und Entwöhnung unterstützt und begleitet die Pflege den Prozess. Wichtig im Umgang mit alkoholabhängigen Patient:innen ist eine wertfreie und respektvolle Kommunikation.
- Für weitere Informationen siehe auch:
Akute Alkoholintoxikation
Beobachten/Überwachen
- Basismonitoring
- Atmung
- Sauerstoffsättigung
- Atemfrequenz: Ggf. Bradypnoe
- Verlegung der Atemwege: Schnarchen, Apnoe-Phasen
- Herzfrequenz: Insb. Tachykardie
- Blutdruck
- Blutzuckerspiegel: Insb. Hypoglykämie
- Temperatur: Insb. Hypothermie
- Atmung
- Suizidalität: Auf Warnhinweise achten, siehe auch: Vorgehen bei Suizidalität und AMBOSS-Pflegewissen: Suizidalität
- Selbst- und/oder Fremdgefährdung: Durch Agitation möglich, siehe auch: Einschätzen der Fremdgefährdung und Vorgehen bei fremdaggressivem Verhalten - AMBOSS-SOP
- Somatische Beschwerden: Insb. Übelkeit und Erbrechen, Aspirationsschutz beachten!
- Neurologische Auffälligkeiten
- Vigilanzminderung, ggf. GCS nutzen
- Schwindel
- Dysarthrie
- Ataxie
- Amnestische Lücken
- Epileptische Anfälle, insb. bei vorbestehender Epilepsie
- Verletzungen: Hinweise auf Sturz oder Trauma
- Berücksichtigung von Grund- und Begleiterkrankungen
- Alkoholabhängigkeit
- Mischkonsum: Bspw. mit Opioiden, Amphetaminen oder Cannabinoiden
- Psychiatrische Erkrankungen: Bspw. Depression, Persönlichkeitsstörung
Bei intoxikierten und/oder vigilanzgeminderten Patient:innen dürfen andere organische Ursachen (bspw. ein akutes neurologisches Defizit) nicht übersehen werden!
Aufgrund der verzögerten Resorptionszeit (ca. 40 min) können alkoholisierte Patient:innen im Verlauf eine gefährliche Verschlechterung ihrer Vitalfunktionen entwickeln!
Medikamentöse Therapie
- Nach ärztlicher Anordnung
Weitere pflegerische Maßnahmen
- Positionierung: Wenn möglich stabile Seitenlage
- Verletzungspotenzial verringern
- Bett auf niedrigste Höhe einstellen, ggf. nur Matratze auf den Boden legen
- Gegenstände mit Verletzungspotenzial aus Raum entfernen
- Körperpflege
- Ggf. nasse oder verschmutzte Kleidung entfernen
- Auf Wärmeerhalt achten
- Screeningtests auf Alkoholabhängigkeit
- Bei Wunsch auf Entlassung: Ärztliches Personal informieren
- Prävention und Beratung
- Auf Hilfsangebote hinweisen
- Ggf. Verlegung in psychiatrische Einrichtung oder Entzugsklinik anbieten
Umgang mit intoxikierten Personen
- Eigenschutz beachten
- Ggf. Unterstützung hinzuziehen
- Gefährliche Gegenstände entfernen
- Siehe auch: Vorgehen bei fremdaggressivem Verhalten - AMBOSS-SOP
- Kommunikationsregeln
- Ruhig, klar und wertfrei kommunizieren
Alkoholabhängigkeit
Allgemein
- Rolle als Haupt- und Nebendiagnose
- Selten alleiniger Grund für stationäre Aufnahme
- Häufig Nebendiagnose
- Folgeerkrankungen von übermäßigem Alkoholkonsum häufig Grund für stationäre Behandlung, siehe auch: Komplikationen der Alkoholabhängigkeit
- Gefahr eines Alkoholentzugssyndroms: Auftreten eines Alkoholentzugssyndroms darf nicht übersehen werden
- Unerkannte Abhängigkeit, ggf.
- Medizinischem Personal nicht bekannt
- Patient:innen nicht bewusst
Beobachten/Überwachen
- Basismonitoring
- Herzfrequenz
- Blutdruck
- Sauerstoffsättigung
- Blutzucker
- Psychischer Befund (Erleben und Verhalten)
- Stimmungsschwankungen
- Nervosität, Unruhe
- Beschaffungsstress
- Bagatellisierung und Verheimlichung des Konsumverhaltens
- Suizidalität: Risiko erhöht, siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Suizidalität
- Ernährungszustand und Körpergewicht
- Gewichtsabnahme
- Gewichtszunahme
- Siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Mangelernährung
- Entzugssymptomatik, insb.
- Unruhe, Zittern
- Schwitzen
- Gastrointestinale Beschwerden
- Siehe auch: AMBOSS-Pflegewissen: Alkoholentzugssyndrom
- Alkoholkonsum während des Aufenthalts
- Hinweise auf heimlichen Konsum
- Ggf. Alkoholtests durchführen
- Häufige Begleiterkrankungen und Komplikationen, siehe auch: Komplikationen der Alkoholabhängigkeit
Bei Auftreten von Entzugssymptomen sollte immer ärztliches Personal informiert werden!
Medikamentöse Therapie
- Nach ärztlicher Anordnung
- Elektrolytsubstitution bei Elektrolytstörung
- Thiaminsubstitution
- Ggf. medikamentöse Entzugsprophylaxe
Ernährung
- Grundsätzlich: Auf ausreichende Vitamin- und Kalorienzufuhr achten
- Verzicht auf
- Alkoholhaltige Lebensmittel
- Alkoholfreie Ersatzprodukte alkoholischer Getränke
- Alkoholverwandte Aromen
Weitere pflegerische Maßnahmen
- Umgang mit Suchtmitteln im stationären Setting
- Verbote schwer umsetzbar
- In Einzelfällen kann Konsum von Alkohol gestattet sein
- Unterstützung bei der Körperpflege: Ggf. vollständige Übernahme der Körperpflege notwendig
- Hilfe bei der Tagesstruktur: Bspw. mit festgelegten Routinen
- Alkoholtest/Drogenscreening
Beratung
- Auf Hilfsangebote hinweisen, bspw.
- Sozialpsychiatrischer Dienst
- Entzugskliniken
- (Anonyme) Selbsthilfegruppen
- Ggf. Unterstützung bei der Kontaktaufnahme
- Ggf. Empfehlung für Angehörige
- Bei Craving
- Ablenkende Beschäftigung
- Reizstoffe nutzen
- Verhalten reflektieren [1]
- Auf Risikofaktoren für Rückfall hinweisen
- Umgang mit konsumierenden Personen
- Besitz von Suchtmitteln [2]
- Fehlende Tagesstruktur
- Ggf. Verlegung
- In psychiatrische Einrichtung
- Nach Stabilisierung der somatischen Erkrankung
- Siehe auch: Behandlungsangebote bei Alkoholabhängigkeit
Spezielle Kommunikation
- Empathie und Respekt
- Schwierige Situation des/der Patient:in anerkennen
- Abhängigkeit als Krankheit betrachten
- Person nicht verurteilen
- Offene Kommunikation: Probleme respektvoll, aber klar ansprechen
- Geduld: Geduldig bleiben
- Motivierende Gesprächsführung, siehe auch: Motivational Interviewing
Alkoholabhängigkeit in der Schwangerschaft
- Grundlagen und Risikobewertung
- Alkoholkonsum während Schwangerschaft immer Risiko für ungeborenes Kind
- Siehe auch: Alkohol-Embryopathie
- Frühes Erkennen der Schwangerschaft wichtig
- Alkoholkonsum während Schwangerschaft immer Risiko für ungeborenes Kind
- Pränatales Management
- Engmaschige gynäkologische Kontrollen
- Überweisung in spezialisierte Entzugskliniken oder Spezialambulanzen
- Möglichst Anbindung an Perinatalzentrum
- Postpartales Management: Postpartale Überwachung und Betreuung von Mutter und Kind
Ein Entzug während der Schwangerschaft sollte immer unter kontrollierten und stationären Bedingungen erfolgen – ein „kalter Entzug“ ist dabei zu vermeiden!
Alkoholentzugssyndrom
Allgemein
- Alkoholentzugssyndrom tritt im Rahmen der körperlichen Entgiftung auf
- Für weitere Informationen siehe auch: Alkoholentzugssyndrom
Beobachten/Überwachen
- Basismonitoring
- Herzfrequenz: Insb. Tachykardie
- Blutdruck: Insb. Hypertonie
- Temperatur: Insb. Hyperthermie
- Blutzucker: Insb. Hypoglykämie
- Psychischer Befund (Erleben und Verhalten), insb.
- Affektlabilität
- Reizbarkeit, Aggressivität
- Antriebssteigerung
- Dysphorische, depressive Stimmung
- Halluzinationen
- Wahnsymptome
- Siehe auch: Alkoholentzugsdelir
- Neurologische Auffälligkeiten, insb.
Bei Auftreten entsprechender Symptome sollte das medizinische Personal an ein Alkoholentzugssyndrom denken, auch wenn keine Alkoholabhängigkeit bekannt ist!
Ein zunächst unkompliziertes Alkoholentzugssyndrom kann in ein Alkoholentzugsdelir übergehen!
Bei Hinweisen auf ein Alkoholentzugsdelir muss umgehend ärztliches Personal informiert werden!
Medikamentöse Therapie
- Nebenwirkungen beachten , insb.
- Benzodiazepine
- Atemdepression
- Verzögerte Reaktionsfähigkeit → Unfallgefahr
- Clomethiazol
- Atemdepression
- Hypotonie
- Erhöhte Bronchialsekretion
- Benzodiazepine
- Ggf. Vitamin- und Elektrolytausgleich
- Siehe auch: Therapie des Alkoholentzugssyndroms
Beim Alkoholentzugssyndrom sollte immer eine Thiaminsubstitution erfolgen!
Weitere pflegerische Maßnahmen
- Ernährung
- Auf ausreichende Trinkmenge achten
- Ggf. i.v. Flüssigkeitstherapie notwendig
- Ggf. Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme nötig
- Ggf. Einfuhrprotokoll
- Auf ausreichende Trinkmenge achten
- Körperpflege: Ggf. Unterstützung notwendig
- Schlaf: Beobachten und einschätzen
- Prävention
- Kein Alkoholentzug ohne medizinische Überwachung
- Ggf. medikamentöse Prävention
Spezielle Kommunikation
- Klare, wertschätzende Kommunikation
- Grenzen setzen
- Psychosoziale Gespräche erst nach der Akutphase führen