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Immobilisation der oberen Extremität

Abstract

Eine Immobilisation der oberen Extremität erfolgt im Rahmen verschiedenster Verletzungen und Erkrankungen. I.d.R. werden hierbei nur Teilbereiche der oberen Extremität immobilisiert. Es stehen unterschiedliche Materialien zur Immobilisation zur Verfügung, dabei können prinzipiell harte bzw. aushärtende Elemente zur vollständigen Immobilisation und flexible bzw. elastische Elemente zur teilweisen Immobilisation verwendet werden. Durch Kombination verschiedener Materialien können bspw. Gelenke, sofern therapeutisch sinnvoll, auch in einem fixierten Ausmaß beweglich erhalten werden. Zunehmend kommen bei der Immobilisation von Extremitäten auch Orthesen zum Einsatz, die abgestufte Mobilisations- und Belastungsschritte erlauben.

Materialien zur Immobilisation

  • Alu-Polsterschiene (bspw. SAM-Splint®-------, Koch-Splint®-------): Formbare Alu-Schiene, die primär zur präklinischen Stabilisierung und Immobilisation bei Fraktur(verdacht) verwendet werden kann
  • Elastische Verbände: Stützender und entlastender Verband, der der Immobilisation von bewegten Körperteilen sowie der Fixierung von Gipsschienen/-schalen zur Ruhigstellung von Extremitäten dient
  • Gipsverband
    • Weißgips: Mit gemahlenem Gips vorpräparierte Gipsbinden werden in lauwarmes Wasser getaucht und an die Extremität anmodelliert, die vollständige Aushärtung ist nach ca. 24 h erreicht
    • Gipslonguette: 2–4-fach gelegte Gipsbinde
    • Gipsschale: Meist dorsal oder volar anmodellierte Gipslonguette, die die immobilisierte Extremität mind. zur Hälfte umfasst
    • Gipsschiene: Dorsal oder volar anmodellierte Gipslonguette, die die zu immobilisierende Extremität schient, jedoch nicht komplett ruhigstellt
    • Zirkulärer Gipsverband: Vollständige Umwicklung der ruhigzustellenden Extremität mit anschließender Spaltung nach Aushärtung
  • Kunststoffgipsverband (Cast): Mit selbsthärtendem Kunststoffharz beschichtete Trägermaterialien (bspw. Baumwollbinden) werden in lauwarmes Wasser getaucht und anmodelliert, eine Aushärtung wird innerhalb von 30 Minuten erreicht
    • Vorteile: Röntgentransparenz, robust gegenüber Wasser/Feuchtigkeit, schnellere Aushärtung und geringeres Gewicht als konventioneller Weißgips
    • Nachteile: Schwierigere Verarbeitung und höherer Kostenaufwand gegenüber konventionellem Weißgips
  • Bandagen und Orthesen: Präformierte oder individuell angepasste Kunststoffschienen zur Immobilisierung, Entlastung oder Führung von Gelenken
    • Hinweis zur Orthesenversorgung bei GKV-Versicherten: Vor der Kostenübernahme überprüft i.d.R. die Krankenkasse, ob eine verordnete Orthese der Standardversorgung entspricht oder eine „Überversorgung“ darstellt, ggf. wird dann nur ein festgelegter Fixbetrag erstattet

Ruhigstellung der Schulter und Oberarm

Verbände

Armschlinge

  • Indikation: Partielle Immobilisierung der Schulter bei wenig schmerzhaften Verletzungen (bspw. habituelle Schulterluxation, Distorsion)
  • Durchführung: Anpassen der Schlinge, sodass das Ellenbogengelenk in 90° flektiert und der Arm in physiologischer Stellung vor dem Bauch positioniert ist
  • Vorteile: Erleichterter Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (bspw. bei kardiopulmonal vorerkrankten Patienten)
  • Nachteile: Patientencompliance erforderlich

Rucksackverband

  • Indikation: Nicht-dislozierte Klavikulaschaftfraktur
  • Prinzip: Der Verband drückt auf die Klavikula und die Retraktion der Schulterblätter führt zur Ruhigstellung des Schultergürtels
  • Durchführung: Patient sitzt mit dem Rücken zum Untersuchenden → Schlauchmullverband wird von hinten über die gesunde Schulter geführt, dann unter der Achsel der gesunden Schulter hindurch zurück → Führen des Verbandes über den Rücken kreuzend zur verletzten Schulter: Über die Schulter nach vorne → Anschließend wird der Verband unter der Achsel der verletzten Schulter zum Rücken zurückgeleitet → Verknoten der beiden Verbandenden, sodass auf dem Rücken eine Acht gebildet wird; regelmäßiges Nachspannen unter Kontrolle von Durchblutung, Sensibilität und Motorik
  • Vorteile: Schmerzreduktion
  • Nachteile: Kontrolle und ggf. Nachspannen bei Lockerung des Verbandes in den ersten Tagen erfordert Patientencompliance und mehrere Arzt-Patienten-Kontakte, Gefahr der Sekundärdislokation

Gilchrist-Verband

  • Indikation
  • Prinzip: Partielle Ruhigstellung der Schulter in Innenrotation bei rechtwinklig angewinkeltem Arm (Ellenbogengelenk in 90–100° Beugung) → Funktionelle Belastung möglich
  • Durchführung: Schlauchmullverband (ca. 4-fache Armlänge Schlauchmull benötigt) → Einschneiden des Mulls bei ca. ⅔ der Länge → Durchführen des Arms durch die längere Seite, sodass der komplette Arm im Mullverband steckt und der Einschnitt auf Schulterhöhe liegt → Kürzere Seite wird hinter dem Nacken zum Handgelenk geführt und dort befestigt → Längere Schlauchseite wird über der Hand eingeschnitten und die Hand herausgeführt → Die lange Schlauchseite wird um den Rumpf geführt und am distalen Oberarm befestigt
  • Varianten: Präkonfektionierte Armverbände mit individuell anpassbaren Immobilisationsschlingen

Modifizierter Desault-Verband

  • Indikation: Schmerzhafte Verletzung der Schulter, ältere Patienten
  • Prinzip: Stabilisierung und Immobilisierung der Schulter und des Oberarms durch Verband-Fixierung an Rumpf und gegenüberliegender Axilla
  • Durchführung: Polsterung des Unterarms von Ellenbogen bis Fingerspitzen sowie der Axillen und der Kontaktflächen von Rumpf und Arm → Fixierung des Arms vor dem Rumpf mit einer Armschlinge → Breite Schlauchbandage doppeln und über den Kopf bis zum unteren Rumpf ziehen, sodass der Verband unter dem betroffenen Arm auf Höhe des Bauchnabels um den Rumpf herum liegt → Ein Ende der Schlauchbandage unter dem Arm hindurch bis in beide Achseln hochziehen, sodass der Verband zwischen Arm und Rumpf liegt → Das andere Ende über den verletzen Arm und Rumpf ziehen, sodass der Verband von der verletzten Schulter quer über die Brust zur Achsel des gesunden Armes verläuft → Verband mit Pflasterzügeln fixieren und Finger durch Einschnitt über den Grundgelenken freilegen
  • Vorteile: Geringe Compliance erforderlich
  • Nachteile: Schultereinsteifung durch komplette Immobilisierung

Gips

Sarmiento-Brace-Gips des Oberarms

Orthesen

Schulter-Abduktionskissen

  • Indikation
  • Prinzip: Ruhigstellung der Schulter in leichter Anteversion oder neutraler Rotationsstellung und Abduktion, partielle Entlastung der Schulter
  • Durchführung: Fixierung der Orthese an Thorax und Rumpf, anschließende Lagerung der betroffenen Extremität in der Abduktionsschiene
  • Varianten: Briefträger-Kissen (Abduktionskeil), Arm-Außenrotationsorthese
  • Vorteile: Pendelübungen ohne Ablegen der Orthese möglich, keine Immobilisation von Finger- und Handgelenk

Ruhigstellung des Ellenbogens

Gipsverbände

Dorsale Oberarmgipsschiene und -schale

Orthesen

Epicondylitisspange und Bandagen

  • Indikation
  • Prinzip: Schmerzlinderung durch Kompression der Muskel- und Sehnenansätze (bspw. der Handgelenks- und Fingerstrecker bei Epicondylitis) und veränderte Krafteinleitung

Gelenkführende Schienen

  • Indikation
  • Prinzip: (Partielle) Limitierung der Ellenbogenbeweglichkeit und Stabilisierung des Gelenks bei Varus- und Valgusstress
  • Varianten
    • Ellenbogenorthesen mit Flexions-/Extensionsbegrenzung bzw. Pro-/Supinationsbegrenzung
    • Statisch fixierbare Orthesen und Quengelschienen
    • Erweitung der Orthesen mit Schulterkappe bzw. Handgelenkseinschluss

Ruhigstellung des Handgelenks

Gipsverbände

Unterarmgipsschiene und -schale

  • Indikation: Distale, nicht-dislozierte Radiusfraktur
  • Prinzip: Immobilisierung des Handgelenks mit Handgelenk in 20–30° Extensionsstellung
  • Durchführung: Lagerung des volaren Unterarms auf einer Unterlage mit 20–30° Dorsalextension und 20° Ulnardeviation im Handgelenk → Polsterung des Unterarms und Handgelenks → Anmodellierung der Gipsschiene: Dorsal sollte die Schiene von ca. 3 cm distal des Ellenbogengelenks bis ca. 1–2 cm proximal der Fingergrundgelenke reichen und volar etwa auf Höhe der Querfalten der Handinnenfläche enden
  • Varianten
    • Dorsale oder volare Schiene
    • Ggf. Wechsel auf zirkulären Kunststoffgips nach Rückgang einer Schwellung

Handlagerungs-Orthesen

Ruhigstellung von Finger und Hand

Gipsverbände

3- oder 4-Fingergipsschiene in Intrinsic-plus-Stellung

Daumengipsschiene

  • Indikation
    • Postoperative Schienung nach ulnarer Seitenbandruptur des Daumens
    • Konservative Therapie bei Teilruptur
    • Rhizarthrose
    • Fraktur des Daumengrundglieds
  • Prinzip: Immobilisierung des Daumengrundgelenks bei freiem Endgelenk
  • Durchführung: Polsterung der Hohlhand und des Daumens → Anlegen des Gips- oder Castverbands in zirkulären Achtertouren um Hand und Daumen: Daumen leicht abduziert → Spalten des Gipshandschuhs radial des MHK 5

Scaphoidgips

  • Indikation: Scaphoid-Fraktur
  • Prinzip: Zirkulärer Unterarmgips/Kunststoff-Cast mit Daumeneinschluss
  • Durchführung: Immobilisierung des Handgelenks und Daumens mit Handgelenk in 15°–20° Extensionsstellung nach dorsal sowie ca. 10° nach ulnar
  • Varianten: Palmare Unterarmgipsschiene mit Daumeneinschluss

Kleinert-Schiene

Orthesen

Kramer-Schiene (Alu-Polster-Schiene)

  • Indikation: Temporäre Ruhigstellung von Frakturen
  • Prinzip: Biegsame, röntgendurchlässige Schienung von Extremitätenfrakturen

Winterstein-Schiene

  • Indikation
  • Prinzip: Fixierung des PIP in Streckstellung

Stack`sche Schiene

  • Indikation
    • Verletzung des distalen Interphalangealgelenks
    • Distaler Strecksehnenabriss des Fingers
    • Nagelkranzfraktur
  • Prinzip: Fixierung des DIP in Streckstellung

Daumenorthese

  • Indikation
  • Prinzip: Schmerzreduktion und Stabilisierung durch (partielle) Immobilisierung des Daumengrund- und Sattelgelenks