• Klinik

Sehnenverletzung der Hand

Abstract

Sehnenverletzungen der Hand werden direkt durch Unfälle (z.B. Schnittverletzungen) oder Bagatelltraumata bei degenerativer Vorschädigung verursacht und unterteilen sich in Beuge- und Strecksehnenverletzungen. Aus der klinischen Ausfallerscheinung lässt sich oft auf das betroffene Sehnensegment schließen:

Strecksehnenverletzungen zeichnen sich durch eine meist gering ausgeprägte klinische Symptomatik aus und können vor allem bei Verletzung im Bereich des Endglieds teilweise konservativ mit einer Stack-Schiene behandelt werden. Als operative Therapie kommt in der Regel die Sehnennaht zum Einsatz.

Beugesehnenverletzungen werden nach der obligaten Sehnennaht mittels einer dorsalen Schiene mit Gummizügeln nach Kleinert nachbehandelt, wobei eine gute Compliance des Patienten essentiell ist.

Ätiologie

  • Trauma
    • Direkt: Schnittverletzungen
    • Indirekt: Sportverletzung (z.B. beim Ballspielen)
      • Traumatische Beugung → Strecksehnenabriss am Fingerendgelenk
      • Überstreckung der Finger → Zerreißung der Beugesehnen
  • Degeneration (rheumatisch, ischämisch)

Klassifikation

  • Nach betroffenem Sehnenabschnitt eingeteilt
    • Beugesehnenverletzungen
    • Strecksehnenverletzungen

Pathophysiologie

Anatomie

Die drei Fingergelenke setzen sich zusammen aus

  • MCP = Metakarpophalangealgelenk
  • PIP = Proximales Interphalangealgelenk
  • DIP = Distales Interphalangealgelenk


Die Strecksehnen sind über den Connexus intertendineus miteinander verbunden. Die Beugesehnen werden durch Ringbänder stabilisiert und kreuzen untereinander. Ansatz der oberflächlichen Beugesehne ist die Mittelphalanx, während die tiefe Beugesehne an der Endphalanx inseriert.

Symptome/Klinik

Beugesehnenverletzung

  • Verletzung der oberflächlichen Beugesehnen → Nur durch gezielte Untersuchung erkennbar (siehe „Diagnostik“)
  • Verletzung der tiefen BeugesehnenFehlende Beugung im Fingerendgelenk (DIP)
  • Verletzung der oberflächlichen und tiefen BeugesehnenFehlende Beugung im Fingermittelgelenk (PIP) und Fingerendgelenk (DIP)
  • Verletzung der tiefen und oberflächlichen Beugesehnen sowie der Mm. lumbricales → Aufhebung der Beugung in allen Gelenken

Strecksehnenverletzung

  • Aufgrund der möglichen Kompensation durch gegenseitige Verbindungen häufig milde Klinik
  • Strecksehnenverletzung am EndgliedFehlende Endgliedstreckung (sog. „Hammerfinger“ mit Beugestellung im Endgelenk)
  • Strecksehnenverletzung am Mittelgelenk → Knopflochdeformität → Überstreckung im DIP und Beugung im PIP
  • Strecksehnenverletzung am Grundgelenk → Aufgehobene Streckfähigkeit

Strecksehnenverletzungen zeichnen sich oft durch eine gering ausgeprägte Klinik aus!

Diagnostik

  • Funktionsprüfung der aktiven und passiven Fingerbeweglichkeit mit Kontrolle von Durchblutung, Motorik und Sensibilität (DMS)
    • Jeweils Untersuchung eines Gelenks - der restliche Finger wird (z.B. auf dem Tisch) fixiert, um Kompensation durch andere, intakte Sehnen zu vermeiden
    • Untersuchung der oberflächlichen Beugesehne je nach Lokalisation
      • Bei Verletzung an D3–5: Fixierung der Nebenfinger in Streckhaltung
      • Bei Verletzung an D2: Beugestellung im Endgelenk bei Spitzgriff unter Belastung
  • Röntgen der Hand in zwei Ebenen, um knöcherne Läsionen auszuschließen
  • Immer die Wunde eingehend untersuchen, um Sehnen- und Nervenläsionen auszuschließen

Therapie

  • Therapie von Strecksehnenverletzungen
    • Konservativ (Endglied): Stack-Schiene
    • Operativ
      • Sehnennaht und Behandlung mit dynamischer Schiene
      • Bei gleichzeitiger Absprengung eines größeren knöchernen Fragments → Transossäre Ausziehnaht , Behandlung mit dynamischer Schiene
  • Therapie von Beugesehnenverletzungen
    • Immer operative Therapie (z.B. mittels Kirchmayr-Kessler-Naht , Sehnenverlängerung oder Sehnentransplantation)
    • Nachbehandlung mittels dorsaler Schiene mit Gummizügeln nach Kleinert

Die Therapie von Beugesehnenverletzungen bedarf einer guten Operationstechnik sowie der vollständigen Mitarbeit des Patienten - Nachbehandlung ist essentiell!

Komplikationen

  • Insuffizienz der Sehnen-Anastomose
  • Sehnennekrose
  • Verwachsungen, Bewegungseinschränkungen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • S66.-: Verletzung von Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • Inklusive: Verstauchung und Zerrung
    • S66.0: Verletzung der langen Beugemuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des
      • Handgelenkes und der Hand
    • S66.1: Verletzung der Beugemuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.2: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.3: Verletzung der Streckmuskeln und -sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.4: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen des Daumens in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.5: Verletzung der kurzen Muskeln und Sehnen sonstiger Finger in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.6: Verletzung mehrerer Beugemuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.7: Verletzung mehrerer Streckmuskeln und -sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.8: Verletzung sonstiger Muskeln und Sehnen in Höhe des Handgelenkes und der Hand
    • S66.9: Verletzung eines nicht näher bezeichneten Muskels oder einer nicht näher bezeichneten Sehne in Höhe des Handgelenkes und der Hand

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.