• Klinik

Retinale Gefäßverschlüsse

Abstract

Retinale Gefäßverschlüsse umfassen arterielle und venöse Verschlüsse von Netzhautgefäßen.

Arterielle Verschlüsse (Zentralarterienverschluss, Arterienastverschluss) äußern sich durch einen plötzlichen, schmerzlosen und massiven Visusverlust im betroffenen Areal. Funduskopisch zeigt sich eine abgeblasste, ödematöse Netzhaut typischerweise mit einem „kirschroten Fleck“ im Bereich der Fovea. Therapieversuche sind meist ohne Erfolg, da es sehr schnell zur irreversiblen Schädigung der Netzhaut kommt, sodass insbesondere bei Makulabeteiligung die Prognose für die Sehfähigkeit sehr schlecht ist.

Venöse Verschlüsse (Zentralvenenverschluss, Venenastverschluss) sind deutlich häufiger als arterielle Verschlüsse und zeigen oft einen weniger fulminanten Verlauf. Diagnostisch wegweisend ist die Funduskopie, wo sich streifige Einblutungen in der Retina zeigen. Im Verlauf ist die Fluoreszenzangiographie ein wichtiges Diagnostikum zur Unterscheidung in die ischämische und die nicht-ischämische Form. Prognostisch kann es zu dauerhaftem Visusverlust und bei der ischämischen Form zu einem Neovaskularisationsglaukom kommen, es kann aber auch eine Besserung der Sehfähigkeit auftreten.

Definition

Durchblutungsstörung der Retina aufgrund eines Verschlusses der A. centralis retinae (Zentralarterienverschluss) bzw. eines Arterienastes (Arterienastverschluss) oder aufgrund eines Verschlusses der V. centralis retinae (Zentralvenenverschluss) bzw. eines Venenastes (Venenastverschluss)

Epidemiologie

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Arterienverschluss

Venenverschluss

Symptome/Klinik

Arterienverschluss

  • Zentralarterienverschluss: Plötzliche einseitige, schmerzlose Erblindung (bzw. massiver Visusverlust, Lichtscheinwahrnehmung)
  • Arterienastverschlüsse: Plötzlich auftretende Skotome oder Visusreduktion im betroffenen Areal

Venenverschluss

  • Visusverschlechterung
  • Meist subakuter Beginn und chronischer Verlauf
  • Venenastverschlüsse können auch asymptomatisch verlaufen

Verlaufs- und Sonderformen

Amaurosis fugax (lat.: flüchtige Blindheit)

  • Definition: Plötzlich einsetzender, Sekunden bis Minuten anhaltender, schmerzloser Funktionsverlust mit spontaner Normalisierung des Sehens, meist einseitig
  • Ätiologie: Meist Netzhautischämie durch einen transienten Verschluss der A. centralis retinae durch Mikroembolie
  • Therapie
    • Selbstlimitierend, jedoch als Warnsignal zu betrachten, sodass Umfelddiagnostik und Therapie der Grunderkrankung essentiell sind
      • Reduktion der kardiovaskulären Risikofaktoren, ggf. ASS
      • Bei Arteriitis temporalis: Hochdosisglucocorticoidtherapie
  • Komplikationen
    • Zentralarterienverschluss
    • TIA (transitorische ischämische Attacke)
    • Schlaganfall

Diagnostik

Arterienverschluss

  • Ophthalmoskopie (beim Zentralarterienverschluss gesamte Netzhaut betroffen, beim Arterienastverschluss lokalisierte Veränderungen)
  • Zusätzlich immer interdisziplinäre Abklärung ursächlicher Systemerkrankungen (insb. Doppler-Sonographie der Karotiden, Evaluation von kardiovaskulären Risikofaktoren)

Venenverschluss

  • Ophthalmoskopie
    • Zentralvenenverschluss: Streifen- oder punktförmige Blutung in allen vier Netzhautquadranten
    • Venenastverschluss: Streifen- oder punktförmige Blutung in den betroffenen Arealen
    • Cotton-Wool-Herde
    • Makulaödem
    • Papillenödem
  • Fluoreszenzangiographie (im Verlauf): Wichtig zur Unterscheidung von ischämischer und nicht-ischämischer Form

Therapie

Arterienverschluss

  • Meist frustran bei dauerhafter Schädigung der Retina nach ca. einer Stunde
  • Probatorische Bulbusmassage, augendrucksenkende Medikation oder Parazentese in Kombination mit Hämodilution und Calciumantagonisten → Peripherisierung des Thrombus und Verbesserung der Perfusion

Venenverschluss

  • Im Akutstadium Hämodilution (Senkung des Hämatokrit auf ca. 35%)
  • Laserbehandlung (panretinale Laserkoagulation) beim ischämischen Zentralvenenverschluss mit Neovaskularisationen, Rubeosis iridis und evtl. beim Makulaödem
  • Intravitreale Medikamenten-Injektionen (VEGF-Inhibitoren, Steroide)

Komplikationen

Venenverschluss

Insbesondere bei der ischämischen Form kann es durch Netzhautischämie zur Ausschüttung von vasoproliferativen Substanzen (VEGF) kommen

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognose

Arterienverschluss

  • Zentralarterienverschluss: Hochgradiger Visusverlust (Fingerzählen, Lichtscheinwahrnehmung)
  • Arterienastverschluss: Visusverlust/Gesichtsfeldeinschränkung je nach Lokalisation der Ischämie

Venenverschluss

  • Visusprognose ist mäßig bis schlecht: Variation zwischen sehr guten Ergebnissen bis hin zur schmerzhaften Erblindung möglich (Drittel-Regel zur Prognose: Verbesserung des Visus vs. Visus bleibt konstant vs. Visusverschlechterung)
  • Insbesondere bei ischämischer Form schlechtere Prognose

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • H34.-: Netzhautgefäßverschluss
    • Exklusive: Amaurosis fugax (G45.3‑)
    • H34.0: Transitorischer arterieller retinaler Gefäßverschluss
    • H34.1: Verschluss der A. centralis retinae
    • H34.2: Sonstiger Verschluss retinaler Arterien
      • Arterieller retinaler Gefäßverschluss:
        • Arterienast
        • partiell
        • Hollenhorst-Plaques
        • Retinale Mikroembolie
    • H34.8: Sonstiger Netzhautgefäßverschluss
      • Venöser retinaler Gefäßverschluss:
        • Anfangsstadium
        • partiell
        • Venenast
        • zentral
    • H34.9: Netzhautgefäßverschluss, nicht näher bezeichnet

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.