• Klinik

Hüftgelenkdysplasie und Hüftgelenkluxation

Abstract

Die meist Mädchen betreffende Hüftgelenkdysplasie wird multifaktoriell vererbt und zeigt sich durch eine Reifestörung der Gelenkpfanne, die eine vollständige, physiologische Formung des Femurkopfes verhindert. Die Folge ist ein deutlich erhöhtes Luxationsrisiko. Prädisponierend sind intrauterine Lageanomalien. Die sonographische Bildgebung (z.B. Klassifikation nach Graf) hat die klassischen Untersuchungszeichen (Faltenasymmetrie, Ortolani-Zeichen) abgelöst und wird bei der 3. Vorsorgeuntersuchung (U3) routinemäßig durchgeführt. Dies ist insbesondere deshalb wichtig, weil die klinische Symptomatik im Kindesalter oft schleichend, uncharakteristisch (Leisten-, Knieschmerzen) oder sogar asymptomatisch verlaufen kann. Schwerwiegenden Folgeerscheinungen wie Arthrose oder Hüftkopfnekrose kann durch frühzeitige Therapie mittels Bandagen (z.B. Spreizhose) oder Gipsverband entgegengewirkt werden, während bei fortgeschrittenem Befund operative Verfahren indiziert sind.

Epidemiologie

  • Geschlecht: > (5:1)
  • Häufigste kongenitale Skelettfehlentwicklung
  • Stark regional unterschiedliche Häufigkeit, sogenannte "Luxationsnester"

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Pathophysiologie

Azetabulumdysplasie mit verzögerter Verknöcherung → Zunehmende Dezentrierung des Hüftkopfes mit weiterer Schädigung des Pfannendaches → Bei Luxation: "Beinverkürzung", Hüftbeugekontraktur → Im Verlauf Beckenverkippung und sekundäre Hyperlordose der Lendenwirbelsäule

Symptome/Klinik

  • Häufig asymptomatische und uncharakteristische Verläufe → Diagnosestellung schwierig!
  • Symptomatik (erst beim Kleinkind auffallend)
    • Bewegungseinschränkung
    • Knieschmerzen
    • Trendelenburg-Zeichen durch Insuffizienz der Glutealmuskeln bei Hüftgelenkluxation
    • Duchenne-Hinken oder "Watschelgang" (bei beidseitiger Hüftgelenkluxation)

Die Früherkennung (z.B. im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung) ist essentiell, da mit zunehmendem Alter die Prognose immer schlechter wird!

Das Auftreten von Knieschmerzen beim Kind sollte immer an Erkrankungen der Hüfte denken lassen, z.B. Hüftgelenkdysplasie, Morbus Perthes oder Epiphyseolysis capitis femoris!

Diagnostik

Klinische Untersuchung

Sonographische Untersuchung

  • Indikation
    • Möglichst bei allen Neugeborenen
    • Obligat in Voruntersuchung U3 (4.–5. Woche)
    • Innerhalb des ersten Lebensjahres sehr gut möglich, danach durch zunehmende Ossifikation eingeschränkt
  • Vorteile
    • Dynamische Untersuchung
    • Frei von ionisierenden Strahlen
  • Anatomische Landmarken: Os ilium, Labrum acetabulare, Pfannendach
  • Untersuchung nach Graf: Messung von knöchernem Pfannendachwinkel und Knorpeldachwinkel, Beurteilung von Hüftkopfposition
    • Hüfttypen nach Graf
      • I: Normal entwickelte Hüfte
      • II: Reifungsverzögerung der Hüfte (Dysplasie)
      • III: Dezentrierte Hüftgelenke (Subluxation)
      • IV: Vollständige Luxation

Weitere Diagnostik

Die Sonographie ist das Diagnostikum der ersten Wahl!

Die häufigste Luxation ist die Luxatio iliaca nach hinten oben!

Therapie

  • Hüftgelenksdysplasie
    • Retention durch Halten des Hüftgelenkes in Beugung und Abduktion
  • Hüftgelenksluxation
    • Akutmaßnahme: Reposition!
      • Konservativ: Geschlossene Reposition
        • Indikation: Bei jeder Hüftkopfluxation sollte zunächst eine geschlossene Reposition versucht werden
        • Vorbereitung bei kontraktem Gelenk: Ggf. Zug am Bein zur Vereinfachung der Reposition mittels Overhead-Extension
        • Durchführung unter Narkose und Muskelrelaxierung: Manuelle Reposition mit Hilfe verschiedener Manöver (z.B. Manöver nach Böhler) und Hilfsmittel (z.B. Bänder, die den Zug auf das Gelenk halten)
      • Operativ: Offene Reposition
        • Indikation: Repositionshindernisse (z.B. Knochenfragmente), andere Begleitverletzungen, Instabilität nach geschlossener Reposition
        • Häufigkeit: 5%
      • Nachbehandlung nach geschlossener und offener Reposition: Retentionsbehandlung mittels Bandagen und Orthesen
  • Langfristiges Ziel bei Hüftgelenksdysplasie und -luxation: Verbesserung des Containments

Komplikationen

  • Coxa valga
  • Hyperlordose (Hohlkreuz)
  • Koxarthrose
  • Hüftkopffraktur
  • Hüftkopfnekrose durch häufige frustrane Repositionsmanöver (Luxations-Perthes) oder zu starke/zu geringe Abspreizung bei der Retentionsbehandlung

Es werden die wichtigsten Komplikationen genannt. Kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Prognose

  • Abhängig vom Zeitpunkt der Diagnose
    • Je früher die Diagnose, desto besser die Prognose
    • Bei frühem Therapiebeginn nimmt Therapiedauer ab, da das Hüftgelenk noch formbarer ist!

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

  • Q65.-: Angeborene Deformitäten der Hüfte
    • Exklusive: Schnappende Hüfte (R29.4)
    • Q65.0: Angeborene Luxation des Hüftgelenkes, einseitig
    • Q65.1: Angeborene Luxation des Hüftgelenkes, beidseitig
    • Q65.2: Angeborene Luxation des Hüftgelenkes, nicht näher bezeichnet
    • Q65.3: Angeborene Subluxation des Hüftgelenkes, einseitig
    • Q65.4: Angeborene Subluxation des Hüftgelenkes, beidseitig
    • Q65.5: Angeborene Subluxation des Hüftgelenkes, nicht näher bezeichnet
    • Q65.6: Instabiles Hüftgelenk (angeboren)
      • Luxierbare Hüfte, Subluxierbare Hüfte
    • Q65.8: Sonstige angeborene Deformitäten der Hüfte
      • Angeborene Azetabulumdysplasie
      • Coxa valga oder vara congenita
      • Vermehrte Antetorsion des Schenkelhalses
    • Q65.9: Angeborene Deformität der Hüfte, nicht näher bezeichnet
  • S73.-: Luxation, Verstauchung und Zerrung des Hüftgelenkes und von Bändern der Hüfte
    • Exklusive: Verstauchung und Zerrung von Muskeln und Sehnen in Höhe der Hüfte und des Oberschenkels (S76.‑)
    • S73.0-: Luxation der Hüfte
    • S73.1-: Verstauchung und Zerrung des Hüftgelenkes

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.