• Klinik

Inkomplette Querschnittsyndrome

Abstract

Ein inkomplettes Querschnittsyndrom bezeichnet eine nicht den kompletten Querschnitt betreffende Läsion des Rückenmarks. Es werden im Wesentlichen das zentromedulläre (z.B. Syringomyelie), das ventrale (z.B. Arteria-spinalis-anterior-Syndrom) und das halbseitige Querschnittsyndrom (Brown-Séquard-Syndrom) voneinander abgegrenzt. Syringomyelie und Arteria-spinalis-anterior-Syndrom werden in eigenen Kapiteln behandelt, wohingegen die charakteristischen Merkmale des Brown-Séquard-Syndroms in diesem Kapitel Erwähnung finden. Die gemeinsame Darstellung der drei klinisch verschieden in Erscheinung tretenden Syndrome ergibt sich aus der Tatsache, dass durch die jeweiligen (dissoziierten) Empfindungsstörungen und Paresen auf die Ausbreitung der Läsion der ab- und aufsteigenden Bahnen des Rückenmarks rückgeschlossen werden kann.

Neuroanatomische Grundlagen

  1. Pyramidenbahn (Tractus corticospinalis lateralis und anterior)
  2. Vorderseitenstrang (Tractus spinothalamicus anterior und lateralis)
    • Kreuzt auf Segmenthöhe oder knapp oberhalb
    • Vermittelt protopathische Sensibilität (Schmerz- und Temperaturreize)
  3. Hinterstrang (Funiculus posterior, bestehend aus Fasciculus gracilis und cuneatus)

Die Nomenklatur der sensiblen Qualitäten wird nicht einheitlich und dadurch häufig verwirrend verwendet! Teilweise wird die Propriozeption zur epikritischen Sensibilität gezählt (veraltet), teilweise stellt sie eine eigene Unterform dar!

Einteilung

Brown-Séquard-Syndrom

Spinale Gefäßfehlbildungen

  • Spinale arteriovenöse Malformation (Spinale AV-Malformation), Spinale durale arteriovenöse Fistel (Spinale durale AV-Fistel)
    • Epidemiologie: Insgesamt sehr selten, Manifestation meist erst ab dem 40. Lebensjahr; : = 4:1
    • Lokalisation: Meist thorakal oder lumbal
    • Pathophysiologie: Arteriovenöser Kurzschluss in der Dura des Spinalkanals zwischen kleinen Arterien und Venen der Dura → Arterialisierung der Rückenmarksvenen → Kongestive Myelopathie auf dem Boden chronischer, venöser Rückstauung → Multisegmentale Rückenmarksläsionen
    • Klinik
      • Fluktuierende Symptomatik
      • Subakuter, progredienter Verlauf
      • Parästhesie und Paraplegie
      • Blasen- und Mastdarmstörung
      • Diagnostik: Selektive spinale DSA
    • Therapie (abhängig von Art und Lokalisation): Ggf. endovaskuläre Embolisation/Okklusion möglich
    • Komplikation: Sensomotorische Querschnittslähmung

Differentialdiagnose dissoziierte Empfindungsstörung

Begriffsdefinition: Dissoziierte Empfindungsstörung (Dissoziierte Sensibilitätsstörung): Durch Verletzung des Vorderseitenstranges hervorgerufene Sensibilitätsstörung der protopathischen Sensibilität bei intakter epikritischer Sensibilität und Tiefensensibilität (die Hinterstrangbahnen sind intakt)

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

S14.-: Verletzung der Nerven und des Rückenmarkes in Halshöhe

  • S14.1-: Sonstige und nicht näher bezeichnete Verletzungen des zervikalen Rückenmarkes
    • S14.10: Verletzungen des zervikalen Rückenmarkes, nicht näher bezeichnet
    • S14.11: Komplette Querschnittverletzung des zervikalen Rückenmarkes
    • S14.12: Zentrale Halsmarkverletzung (inkomplette Querschnittverletzung)
    • S14.13: Sonstige inkomplette Querschnittverletzungen des zervikalen Rückenmarkes

S24.-: Verletzung der Nerven und des Rückenmarkes in Thoraxhöhe

  • S24.1-: Sonstige und nicht näher bezeichnete Verletzungen des thorakalen Rückenmarkes
    • S24.10: Verletzung des thorakalen Rückenmarkes, nicht näher bezeichnet
    • S24.11: Komplette Querschnittverletzung des thorakalen Rückenmarkes
    • S24.12: Inkomplette Querschnittverletzung des thorakalen Rückenmarkes
      • Hinterhornsyndrom
      • Inkompletter thorakaler Querschnitt o.n.A.
      • Vorderhornsyndrom
      • Zentrales Rückenmarksyndrom

S34.-: Verletzung der Nerven und des lumbalen Rückenmarkes in Höhe des Abdomens, der Lumbosakralgegend und des Beckens

  • S34.1-: Sonstige Verletzung des lumbalen Rückenmarkes
    • S34.10: Komplette Querschnittverletzung des lumbalen Rückenmarkes
    • S34.11: Inkomplette Querschnittverletzung des lumbalen Rückenmarkes
    • S34.18: Sonstige Verletzung des lumbalen Rückenmarkes

P11.-: Sonstige Geburtsverletzungen des Zentralnervensystems

  • P11.5-: Geburtsverletzung der Wirbelsäule und des Rückenmarkes
    • Wirbelsäulenfraktur durch Geburtsverletzung
    • P11.50: Mit akuter Querschnittlähmung
    • P11.51: Mit chronischer Querschnittlähmung
    • P11.59: Nicht näher bezeichnet
      • Geburtsverletzung der Wirbelsäule und des Rückenmarkes ohne Querschnittlähmung

G82.-: Paraparese und Paraplegie, Tetraparese und Tetraplegie

  • Inklusive:
    • Paraplegie (chronisch)
    • Quadriplegie (chronisch)
    • Tetraplegie (chronisch)
  • Exklusive: Akute traumatische Querschnittlähmung (S14.-, S24.-, S34.‑), Angeborene und infantile Zerebralparese (G80.‑)
  • Die folgenden fünften Stellen sind bei den Subkategorien G82.0G82.5 zu verwenden:
    • 0: Akute komplette Querschnittlähmung nichttraumatischer Genese
    • 1: Akute inkomplette Querschnittlähmung nichttraumatischer Genese
    • 2: Chronische komplette Querschnittlähmung
      • Komplette Querschnittlähmung o.n.A.
    • 3: Chronische inkomplette Querschnittlähmung
      • Inkomplette Querschnittlähmung o.n.A.
    • 9: Nicht näher bezeichnet
      • Zerebrale Ursache
  • G82.0-: Schlaffe Paraparese und Paraplegie
  • G82.1-: Spastische Paraparese und Paraplegie
  • G82.2-: Paraparese und Paraplegie, nicht näher bezeichnet
    • Lähmung beider unterer Extremitäten o.n.A.
    • Paraplegie (untere) o.n.A.
  • G82.3-: Schlaffe Tetraparese und Tetraplegie
  • G82.4-: Spastische Tetraparese und Tetraplegie
  • G82.5-: Tetraparese und Tetraplegie, nicht näher bezeichnet
    • Quadriplegie o.n.A.
  • G82.6-:! Funktionale Höhe der Schädigung des Rückenmarkes

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.