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Psychotherapeutische Verfahren (Klinik)

Abstract

Psychotherapie ist ein Überbegriff für zahlreiche, nicht-medikamentöse Behandlungsverfahren, die mit Hilfe von Kommunikation die Diagnose und Heilung psychischer Störungen und psychosomatischer Krankheiten zum Ziel haben. Grob können die Verfahren in humanistische, verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische und Entspannungsverfahren eingeteilt werden.

Humanistische Ansätze sind eher generelle Verfahren in Form von Gesprächstherapien, Rollenspielen, Konfrontationen etc. Diese werden vor allem supportiv eingesetzt, da sie Empathie, Nähe und Selbsterfahrung des Patienten stärken sowie eine Grundlage für eine gute Therapeut-Patienten-Beziehung schaffen können. Vorrangiges Ziel ist die Stärkung der Identität des Patienten, seiner Eigenverantwortung und Kreativität sowie seiner persönlichen Grenzen und Ressourcen im Umgang mit Konflikten.

Die Verhaltenstherapie nutzt die kognitiven Fähigkeiten des Patienten, um erlernte Verhaltensweisen, die zu einer Störung geführt haben, zu verändern (Umlernen und Umdenken). Grundlage sind dabei die Lerntheorien der klassischen und operanten Konditionierung. Beispiele für verhaltenstherapeutische Ansätze sind das Konfrontationsverfahren (als Mittel der Wahl bei Angststörungen) oder kognitive Verfahren, die über Bewusstmachung der Krankheitszusammenhänge zu einer Verhaltensmodulation führen sollen.

Bei den tiefenpsychologischen Verfahren steht der unbewusste Konflikt als Krankheitsursache im Vordergrund. Die verschiedenen Verfahren analysieren auf unterschiedliche Weise diesen Konflikt, der nach der Theorie meist in der Kindheit entsteht. Durch Förderung von Übertragung und Regression können diese Konflikte forciert und bearbeitet werden.

Bei den Entspannungsverfahren (z.B. Bio-Feedback, progressive Muskelrelaxation, moderne Hypnose) erlernen Patienten Methoden, um einen positiven Effekt auf körpereigene Funktionen und die Psyche auszuüben. Diese Verfahren werden vor allem bei Schmerzstörungen und Spannungszuständen erfolgreich eingesetzt.

Humanistische Therapieansätze

Indikation: Die humanistischen Therapieansätze sind eher allgemeine Methoden, die den Umgang von psychisch Erkrankten mit ihren Störungen verbessern sollen. Sie werden i.d.R. bei leichten bis mittelschweren psychischen Störungen supportiv (in Kombination mit einer Pharmakotherapie und/oder weiteren Psychotherapien) eingesetzt.

Klientenzentrierte Gesprächstherapie nach Rogers

  • Prinzip: Gesprächstherapie, die die Förderung der Selbstaktualisierungstendenz zum Ziel hat.
  • Technik
    • Therapeut muss folgende drei Aspekte gewährleisten: Positive Wertschätzung, Empathie und Authentizität in der eigenen Haltung
    • Verhaltensweisen und Erfahrungen, die der Selbstverwirklichung dienen, werden verstärkt verfolgt

Gestalttherapie nach Perls

  • Prinzip: Die Gestalttherapie hat das Ziel, die eigene „innere Gestalt“ zu stärken, indem sie Persönlichkeitswachstum, Selbsterfahrung und Selbstverantwortung für das eigene Leben fördert. Vereinfacht gesagt, geht es um die generelle Stärkung der eigenen Persönlichkeit, damit der Patient lernt, losgelöst von äußeren Umständen für sich selbst zu entscheiden.
  • Technik
    • Aktuelle Verhaltensmuster, Persönlichkeitsmerkmale und Hemmungen werden analysiert.
    • In konfrontativer Weise fordert der Therapeut den Patienten auf, sich negative und positive Gefühle und Regungen zuzugestehen, zu durchleben, Frustration zu spüren und dabei psychische Entlastung zu erfahren.

Psychodrama nach Moreno

Bei dem Psychodrama nach Jacob Levy Moreno handelt es sich um ein Verfahren, das auf die Aufarbeitung von Konflikten durch rollenspielartige, psychodramatische Inszenierungen setzt. Ursprünglich war es als erste Gruppentherapieform und als handlungsorientierter Gegenentwurf zur klassischen Psychoanalyse Sigmund Freuds von Moreno nach der Maxime „Therapie in der Gruppe, durch die Gruppe, für die Gruppe und der Gruppe“ erdacht worden. Auf „Erlebnis aktivierende“ Weise (also durch realitätsnahes Erleben der bedrückenden Situation) dient es der Aufarbeitung von Konflikten, mit dem Ziel eine neue Sichtweise des Konflikts und des Selbst zu erlangen.

  • Prinzip: In gruppentherapeutischen oder Einzelsitzungen werden beim Psychodrama in Rollenspielen zwischenmenschliche Beziehungen und Rollen analysiert.
  • Technik: Konflikte werden in Rollenspielen nachgespielt und in der Gruppe verarbeitet, wodurch versucht wird für alle Beteiligten einen Erkenntnisgewinn zu erreichen.
    1. Aufwärmen/warming-up: Schaffung einer angenehmen und offenen Atmosphäre bspw. durch Aufwärmspiel oder lockere Konversation. Dabei bilden sich langsam der Protagonist und das Thema heraus.
    2. Inszenieren/Spielphase: Gemeinsame Entscheidung für eine Anfangsszene und Beginn des Spiels, bei dem alle Teilnehmenden in Interaktion miteinander treten und der Spielleiter mit bestimmten, sparsam eingesetzten Techniken das Spiel so leitet, dass es zur größtmöglichen Einsicht und Katharsis der Gruppe kommt.
    3. Analyse/sharing: Die Gruppe kehrt aus dem Spiel zurück in die Gruppensituation. Jeder äußert seine Gefühle und Gedanken, die ihm während des Rollenspiels widerfuhren. Dabei geht es nicht darum, dem Protagonisten Feedback in Form von Trost oder Rat zu geben, stattdessen werden die Gedanken und Gefühle durch den Gruppenleiter gedeutet.

Verhaltenstherapeutische Verfahren

Als verhaltenstherapeutische (kognitiv-behaviorale) Verfahren werden alle Formen der Psychotherapie bezeichnet, die die kognitiven Fähigkeiten des Patienten nutzen, um erlernte Verhaltensweisen, die zu einer Störung geführt haben, zu verändern. Grundannahme der Verhaltenstherapie ist dementsprechend, dass 'ungesundes' Verhalten genauso wie 'gesundes' Verhalten auf lerntheoretischen Regeln basiert und erlernt, aber auch wieder verlernt werden kann.

Problem- und Verhaltensanalyse

Zum verhaltenstherapeutischen Vorgehen gehört zunächst das Erstellen einer individuellen Verhaltensanalyse (z.B. mit Hilfe des SORKC-Modells), die entscheidend für eine erfolgreiche Therapie ist.

  • Ausführliches Interview: Zunächst Vermeiden von Abfragesystemen (z.B. Fragebögen) und Führen eines strukturierten Interviews mit offenen und halboffenen Fragen
    • Ausführliche soziale und biographische Anamnese
  • Objektivierung
    • Einsatz von Fragebögen und psychologischen Testverfahren zur Quantifizierung der Störung
    • Tagebücher

SORKC-Modell nach Kanfer

  • S = Stimulus: Äußere oder innere Reizsituation, Bedingung für das ausgelöste Verhalten
    • Leitfrage: In welcher Situation tritt das Verhalten auf?
  • O = Organismus: Individuelle Ausgangsbedingungen, Persönlichkeitsstrukturen und Charakteristika der Person bezüglich der Reaktion auf einen Stimulus
    • Leitfrage: Was ist die Person für ein Persönlichkeitstyp?
  • R = Reaktion: Problemverhalten
    • Leitfrage: Wie ist die Reaktion auf motorischer, emotionaler, kognitiver und physiologischer Ebene?
  • K = Kontingenz: Häufigkeit, mit der auf eine Reaktion oder ein Verhalten eine Konsequenz folgt
    • Leitfrage: Hat die gleiche Reaktion stets die gleiche Konsequenz zur Folge? Ist der zeitliche Abstand immer gleich?
  • C = Konsequenz: Verstärkung oder Bestrafung als Folge der Reaktion
    • Leitfrage: Was folgt der Reaktion? Dabei sind sowohl die unmittelbaren Konsequenzen im Sinne der operanten Konditionierung, als auch die langfristigen gemeint.

Lerntheoretische Grundlagen

Verhaltenstherapeutische Verfahren basieren auf lerntheoretischen Grundlagen. Das Grundprinzip ist ein durch den Therapeuten geleitetes „Umlernen“ des erlernten Fehlverhaltens sowie ein Neu-Erlernen des erwünschten Verhaltens. Diese Lernprozesse basieren vor allem auf den Modellen der klassischen und operanten Konditionierung sowie dem 'Lernen am Modell'.

Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung wurde vor allem durch den „Pawlowschen Hund“ geprägt. In diesen Experimenten konnte Iwan Pawlow zeigen, dass bei Hunden ein bekanntes Reiz-Reaktions-Schema (Essen → Speichelfluss) so abgeändert werden kann, dass es von einem Reiz ausgelöst wurde, der zuvor für den Hund keinerlei Bedeutung hatte (Glockenläuten → Speichelfluss).

Zeitpunkt Stimulus Reaktion
Vor dem Training Neutraler Reiz → Keine Reaktion
Unkonditionierter Reiz → Unkonditionierte Reaktion
Beim Training Neutraler Reiz + Unkonditionierter Reiz → Unkonditionierte Reaktion
Nach dem Training Neutraler Reiz → Konditionierter Reiz → Konditionierte Reaktion

Operante Konditionierung

Die operante Konditionierung beruht auf dem Phänomen, dass Belohnungen zu einer Häufung eines Verhaltens, und Bestrafungen zu einer Reduktion des Verhaltens führen. Das Kontingenzschema beschreibt dabei die Möglichkeiten zur Verstärkung oder Abschwächung eines Verhaltens.

Konsequenz
Hinzufügen Wegnehmen
Erwünschtes Verhalten
  • Negative Verstärkung durch Wegnehmen einer Bestrafung oder eines unangenehmen Reizes (z.B. Aufhebung eines Verbotes) → Zunahme des Verhaltens
Unerwünschtes Verhalten
  • Bestrafung durch Hinzufügen eines aversiven Reizes (z.B. Strafe, Tadel) → Abnahme des Verhaltens
  • Negative Bestrafung durch Wegnahme einer Belohnung (z.B. kein Loben mehr) → Abnahme des Verhaltens

Lernen am Modell (Modell-Lernen, Imitationslernen, Beobachtungslernen)

Das Modell-Lernen bezeichnet im Vergleich zur klassischen und operanten Konditionierung aktive Lernprozesse, die durch eine Beobachtung von Vorbildern (Mutter, Vater, Freunde, Fernsehfiguren etc.) geprägt sind. Komplexe Verhaltensweisen werden durch das Beobachten Dritter nachgemacht und dadurch erlernt.

Konfrontationsverfahren (Expositionstraining)

  • Indikation: Vor allem bei Angst- und Zwangsstörungen
  • Grundlage: Es wird angenommen, dass eine erlernte Dysfunktion durch die Konfrontation mit dem angstauslösenden Reiz auch wieder verlernt werden kann.
  • Prinzip: Der Patient wird mit dem angstauslösenden Reiz konfrontiert, um eine Löschung bzw. Gegenkonditionierung des erlernten dysfunktionalen Verhaltens zu bewirken oder eine Habituation (Gewöhnung) zu erreichen. Hierbei soll der Patient bewusst das Ansteigen und Absinken der Angst erleben und so erfahren, dass die Angst von selbst abnimmt und sich nicht wie erwartet ins Unendliche steigert.
    • Begrifflichkeiten
      • Exposition in sensu: Nachbildung von angstauslösenden Situationen; der Angststimulus liegt in der gedanklichen Vorstellung des Patienten.
      • Exposition in vivo: Tatsächliche Konfrontation
      • Flooding: Beim Flooding wird der Patient mit dem angstauslösenden Reiz „überflutet“, indem er (nach ausführlicher Vorbereitung) der Situation nicht schrittweise, sondern direkt in vollem Ausmaß ausgesetzt wird
      • Implosion: Konfrontation in höchster Stufe in der gedanklichen Vorstellung des Patienten (in sensu), dabei kann in der Vorstellung die Intensität ins Unrealistische gesteigert werden
      • Graduierte Konfrontation (graduierte Exposition): Im Gegensatz zum Flooding wird der Patient schrittweise an die angstauslösende Situation herangeführt. Dabei wird eine Reizhierarchie aufgestellt und der Patient zunächst mit Objekten/Situationen konfrontiert, die er in begrenztem Maße mit der Phobie assoziiert. Dadurch kann eine systematische Desensibilisierung erreicht werden.
        • Skizzierung einer Angsthierarchie

Kognitive Verfahren

Bei kognitiven Verfahren liegt der Schwerpunkt nicht auf einer alleinigen Verhaltensmodulation. Das Ziel ist, dem Patienten die Existenz automatisierter Gedanken, ihre Verzerrungen und ihre Auswirkungen auf das Verhalten bewusst zu machen.

  • Indikation: Diverse psychische Störungen, insbesondere Panikattacken, Depressionen und Phobien.
  • Prinzip: Durch die Analyse und den Austausch mit dem Therapeuten soll ein Verständnis der Krankheitszusammenhänge erreicht und dysfunktionale Kognitionen aufgedeckt werden. Diese können durch „Umdenken“ aus der subjektiven Sicht des Patienten modifiziert werden.
    • Dysfunktionale Kognitionen (kognitive Verzerrungen): Sich selbst verstärkende Denkfehler und irrationale Beurteilungen von Situationen und Erfahrungen, die sich negativ auf die Psyche auswirken
      • Übergeneralisierung: Neigung dazu, einzelne Sachverhalte in einen größeren generalisierten Zusammenhang zu bringen, z.B. durch stetige Verwendung von „immer“, „nie“
      • Katastrophisierung: Es wird davon ausgegangen, dass immer der schlimmstmögliche Fall eintritt
      • Dichotomes Denken („Schwarz-Weiß-Sehen“): Situationen werden in zwei entgegengesetzten Kategorien beurteilt, ohne dazwischen liegende Grauzone
      • Willkürliche Schlussfolgerungen
  • Technik: Nach Analyse potentiell negativer Denkschemata (z.B. „Ich bin immer schuld“) wird schrittweise versucht, eine Veränderung der Denkschemata zu erreichen (= kognitive Umstrukturierung, z.B. „Nein, das letzte Mal war ich schuld, dieses Mal liegt es nicht an mir!“).

Interpersonelle Psychotherapie

  • Indikation: Leichte Depression
  • Prinzip: Dem Patienten soll geholfen werden, die emotionale Belastung, die durch interpersonelle Probleme im Rahmen der Depression entstanden ist, zu bewältigen sowie zwischenmenschliche Konflikte zu lösen.
  • Technik
    • Kurztherapie, die in Einzelsitzungen durchgeführt wird (12–20 Einzelsitzungen, jeweils 45–60 min Dauer).
    • Fokus: Zwischenmenschliche Konflikte, die durch die depressive Erkrankung entstanden sind.
    • Sie basiert auf psychoanalytischen Grundsätzen (Übertragung, Gegenübertragung, Regression (psychoanalytisch) etc.), nutzt aber kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze.

Weitere Formen (Auszug)

  • Selbstbehauptungstraining (Assertiveness-Training): Erlernen der Fähigkeit, Forderungen zu stellen und „nein“ zu sagen
  • Aversionstherapie: Ein bestimmter angenehmer Reiz (z.B. suchtauslösende Substanz) wird mit einem negativen Reiz (z.B. Elektroschocks) gekoppelt, sodass nach wiederholter gemeinsamer Anwendung bereits der angenehme Reiz zu der unangenehmen Wirkung führt und dadurch der ehemals angenehme Reiz gemieden wird.
  • Stimuluskontrolle: Der Begriff Stimuluskontrolle beschreibt eine verhaltenstherapeutische Technik, bei der durch geplantes Vermeiden und Verändern von Reizbedingungen die Konfrontation mit dem Stimulus reduziert wird
  • Time-Out-Verfahren: Das Time-Out-Verfahren wird bei Kindern und Jugendlichen mit Störungen des Sozialverhaltens und ADHS angewandt (was aber umstritten ist!). Bei nicht zu unterbrechenden aggressiven Unruhezuständen wird das Kind dabei in einem reizarmen Raum (Time-Out-Raum) für einige Zeit isoliert. Dabei werden zwei Prinzipien genutzt: Die reizarme Umgebung soll den Unruhezustand reduzieren. Das Isolieren als Konsequenz bei unerwünschtem Verhalten kann einen Lerneffekt im Sinne der operanten Konditionierung bewirken.
  • Paradoxe Intervention nach Frankl: Die paradoxe Intervention ist eine Methode aus der Psychotherapie, bei der das als problematisch betrachtete Verhalten bewusst gefördert wird. Insbesondere in zweipolaren Kommunikationsbeziehungen (z.B. Paare, Vorgesetzter-Angestellter) kann eine solche Intervention ein Abhängigkeitsproblem aufzeigen und ggf. auflösen. Auch bei Einschlafstörungen wird die Therapie erfolgreich eingesetzt

Tiefenpsychologische Verfahren

Allgemeine Grundbegriffe

Folgende Begriffe und Inhalte sind auf alle tiefenpsychologischen Verfahren anwendbar:

  • Verhaltensweisen
    • Übertragung: Übertragung bezeichnet den Vorgang, dass ein Mensch Gefühle, Affekte und Erwartungen aus der Vergangenheit unbewusst auf neue soziale Beziehungen (z.B. Arzt-Patienten-Beziehung) überträgt und reaktiviert.
    • Gegenübertragung: Die Gegenübertragung bezeichnet eine Form der Übertragung, bei der der Therapeut auf die aus den Übertragungsphänomenen hervorgegangenen Handlungen und Äußerungen des Patienten reagiert und seinerseits seine eigenen Gefühle und Erwartungen auf diesen richtet. Der Therapeut verlässt vorübergehend seine neutrale Position.
    • Regression: Beschreibt in der Psychoanalyse den Rückgriff auf frühere Entwicklungsstadien (wie z.B. kindliches Verhalten, Ablehnung von Verantwortung, Weinerlichkeit). Die Regression kann als psychologischer Abwehrmechanismus betrachtet werden. Sie dient dazu, Minderwertigkeits-, Schuld- und Angstgefühle nicht bewusst werden zu lassen. Grundsätzlich gelten aber auch alle Verhaltensweisen, die nicht einem unmittelbaren Zweck, sondern der Bedürfnisbefriedigung dienen, als Regression (z.B. Schlaf, sexuelles Erleben, Spielen, Nichtstun etc.).
  • Techniken der Gesprächsführung
    • Spiegeln: Der Therapeut spiegelt dem Patienten seine Gefühle und Äußerungen wider.
    • Klarifizieren: Der Therapeut hilft, unbewusste Impulse und Konflikte hervorzubringen und diese gemeinsam mit dem Patienten zu klären.
    • Konfrontieren: Der Therapeut weist auf bestimmte Äußerungen und Verhaltensweisen hin und konfrontiert dadurch den Patienten mit seinen Konflikten.
    • Interpretieren (Deuten): Der Therapeut stellt aus den Informationen eine Hypothese auf.
    • Durcharbeiten: Durch wiederholtes Klarifizieren, Konfrontieren und Interpretieren können die Impulse und Konflikte aufgedeckt und überwunden werden.
  • Abwehrmechanismen (psych.)
    • Verdrängung: Unterdrückung eines Triebs, einer Wahrnehmung oder einer Phantasie mit Verlagerung des Bewussten ins Unbewusste
    • Reaktionsbildung: Teils unbewusste Umwandlung/Ersetzung eines sozial nicht-akzeptierten Triebes oder Wunsches in das genaue, von der Gesellschaft gewünschte/akzeptierte Gegenteil. Beispiel: Jemand empfindet Abneigung gegen ein Kind. Statt diesem Gefühl nachzugehen, handelt er aber genau entgegengesetzt mit besonderer Fürsorglichkeit, was ein sozial erwünschtes Verhaltensmuster darstellt.
    • Regression
    • Sublimierung: Primitive Triebimpulse (psycho-sexuelle Energie) und gesellschaftlich nicht gestattete Triebwünsche werden in „höherwertige“ soziale und kulturelle Leistungen umgewandelt (z.B. Kochen, Kunst, Wissenschaft als Ersatz für die Unterdrückung der natürlichen Triebe)
    • Rationalisierung: Verdrängten Triebimpulsen wird nachträglich ein rationaler Sinn gegeben
      • In der kognitiven Verhaltenstherapie wird der Begriff ebenfalls verwendet: Dabei wird aber nicht verdrängten Triebimpulsen, sondern eigentlich negativen Erfahrungen und Erlebnissen im Nachhinein eine positive rationale Ursache zugesprochen
    • Projektion: Bei der Projektion werden eigene Gefühle, Wünsche und Abneigungen auf eine andere Person projiziert. Häufig beruht dies auf einer Unzufriedenheit mit sich selbst, die aber an einer anderen Person „ausgelassen“ wird
    • Intellektualisierung: Bei der Intellektualisierung abstrahiert der Patient einen unmittelbaren Konflikt so weit, dass er ihm nicht mehr so pressierend erscheint
  • Primärer und sekundärer Krankheitsgewinn nach S. Freud
    • Primärer Krankheitsgewinn: Vorteil, den ein kranker Mensch daraus zieht, dass er durch seine Krankheit einem Konflikt aus dem Weg gehen kann. Im Prinzip gleicht der primäre Krankheitsgewinn einer durch unbewusste Motive getragenen Flucht aus dem Konflikt, was sich kurzfristig wie eine Lösung des Konfliktes anfühlt (Scheinlösung)
    • Sekundärer Krankheitsgewinn: Vorteil, den ein kranker Mensch daraus zieht, dass er durch seine Krankheit eine erhöhte Aufmerksamkeit und Mitgefühl erhält

Klassische Psychoanalyse nach Freud

Bei der klassischen Psychoanalyse wird ein Setting geschaffen, bei dem Abwehrmechanismen und Gefühle aus der Vergangenheit, die zu einem unbewussten Konflikt im Jetzt führen, durch Förderung von Übertragung und Regression analysiert werden.

  • Indikation: Schwere psychische und psychosomatische Störungen
  • Grundlage: Unbewusste Konflikte führen zu psychischen Störungen
    • Ein bewusstes aktuelles Ereignis führt zu einer Reaktivierung eines Abwehrmechanismus. Der Patient deutet den bewussten Anlass als Ursache des Handelns, da er die unbewusste Ursache nicht erkennt, da sie verborgen erscheint.
  • Techniken der Psychoanalyse
    • Freie Assoziationen, Deutung von Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung
    • Förderung von Regression und Übertragung um unbewusste Konflikte zu analysieren und zu bearbeiten
    • Hohe Behandlungsfrequenz: Bis zu 300 Sitzungen, 2–5 Sitzungen/Woche
  • Für ausführlichere Informationen zu Abwehrmechanismen siehe: Abwehrmechanismen (psych.)

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Die Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie geht davon aus, dass das Denken, Handeln und Fühlen unbewussten Einflüssen unterliegt. Die inneren Konflikte, die durch die Diskrepanz zwischen unbewussten Gefühlen und äußerem Verhalten entstehen, können zu psychischen Krankheitsbildern führen. Im Gegensatz zur klassischen Psychoanalyse nach Freud wird dabei auf zentrale Konflikte fokussiert. Das freie Assoziieren rückt in den Hintergrund.

  • Indikation: Mittelschwere psychische und psychosomatische Störungen
  • Grundlage: Wie bei der klassischen Psychoanalyse
  • Prinzip
    • Unter psychoanalytischen Techniken wird auf aktuelle Konflikte fokussiert. Dabei werden die aktuelle Erkrankung, die Situation sowie die sozialen Beziehungen analysiert und die Zusammenhänge aufgezeigt.
    • Begrenzte Regressionsförderung

Katathym-Imaginative Psychotherapie (KIP) / Katathymes Bilderleben

Bei diesem tiefenpsychologisch fundierten Verfahren werden bestimmte Tagträume induziert und analysiert, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie katathyme Inhalte widerspiegeln. In 10–20 min werden diese Bilder/Imaginationen dem Therapeuten dargestellt und anschließend besprochen und analysiert. Die vermittelten Bilder werden dabei symbolhaft gedeutet, wobei die Grundpfeiler der Psychoanalyse (Übertragung, Gegenübertragung etc.) die theoretische Basis der Deutung bilden.

  • Indikation: Psychosomatische Erkrankungen, neurotische Belastungsstörungen
  • Technik
    • Dieses Verfahren wird in drei Stufen (Grund-, Mittel- und Oberstufe) eingeteilt, wobei zu jeder Stufe mehrere Standardmotive als Grundlage für die angestrebte Imagination dienen (z.B. Wiese oder Berg für Grundstufe)
    • Die Beschreibung der Imagination der Standardmotive lässt Rückschlüsse auf unterschiedliche Eigenschaften oder Verhaltensweisen des Patienten zu (z.B. die Beschreibung der „Wiese“ gibt Auskunft über die momentane Stimmung sowie über die übliche Art des Patienten sich der Welt zu nähern, während der „Berg“ Rückschlüsse auf das Anspruchsniveau des Patienten zulässt)
    • Beispiel
      • Der Patient wird gebeten, sich ein bestimmtes Bild (bspw. eine Wiese oder einen Berg) vorzustellen und anschließend gefragt, wie diese Vorstellung genau aussieht (z.B. kleiner Hügel oder Mt. Everest)
      • Dann wird der Patient gebeten, in Interaktion mit der gegebenen Situation zu treten, also bspw. den Berg zu besteigen (z.B. schafft er den 8000er aus seiner Vorstellung ohne große Anstrengung oder er hat schon mit einem kleinen Hügel unüberwindbare Probleme?)
      • Anhand der Beschreibungen des Patienten können Rückschlüsse z.B. auf dessen Gemütszustand oder dessen Anspruchsniveau gezogen werden

Fokaltherapie nach Balint

Bei der von M. Balint entwickelten Fokaltherapie handelt es sich um eine psychoanalytische Therapieform, bei der versucht wird, einen unmittelbaren Kernkonflikt (Fokal = Fokus) des Patienten zu identifizieren. Dieser Kernkonflikt wird dann mit einer Kurzpsychotherapie (in wenigen Sitzungen) gezielt bearbeitet.

  • Indikation: Leichte psychische und psychosomatische Störungen
  • Technik
    1. Therapeut und Patient sitzen einander gegenüber, wobei der Therapeut gezielt Fragen stellt, um den Kernkonflikt herauszufinden.
    2. Sobald der Konflikt gefunden ist, wird der Patient gebeten, seine Gefühle und Gedanken zum Kernkonflikt zu äußern.
    3. Anschließend deutet der Therapeut nicht nur die Äußerungen des Patienten, sondern vor allem auch, wie er sich gegenüber dem Therapeuten verhält.

Entspannungsverfahren

Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson

  • Indikation
  • Prinzip: Durch das bewusste An- und Entspannen einzelner Muskelpartien kann beruhigend auf körperliche und auch geistige Anspannungszustände eingewirkt werden.
  • Technik
    • Den Patienten wird beigebracht, nacheinander einzelne Muskelpartien in einer bestimmten Reihenfolge anzuspannen, zu halten und wieder zu entspannen.
    • Nach einiger Zeit sind Patienten durch verbesserte Körperwahrnehmung in der Lage, eine willkürliche muskuläre Entspannung herbeizuführen, um einem Unruhe- oder Erregungszustand entgegenzuwirken.

Biofeedback

  • Indikation: Wie bei progressiver Muskelrelaxation
  • Grundlage: Üblicherweise können bestimmte Regulationsvorgänge des Körpers (z.B. Blutdruck oder Gefäßtonus) vom Menschen nicht bewusst wahrgenommen werden. Durch Biofeedback werden dem Patienten diese Vorgänge in Form bestimmter Signale (z.B. visuell oder akustisch) zurückgemeldet. Er kann dann erlernen, diese Vorgänge besser wahrzunehmen (sog. erhöhte Interozeptionsfähigkeit) und auch willentlich zu beeinflussen.
  • Prinzip/Beispiel: Einem Migränepatienten wird die Pulsamplitudenkurve seiner A. temporalis dargestellt, der eine nicht unbedeutende Rolle in der Pathogenese der Migräne zugeschrieben wird. Im zweiten Schritt erlernt der Patient Methoden, die Pulsamplitude zu beeinflussen, wozu verschiedene, zielführende Methoden (wie z.B. auch in Kombination mit autogenem Training) eingesetzt werden können. Dem Patienten kann dann via Biofeedback direkt eine objektivierte Veränderung zurückgemeldet werden. Ziel ist es, diese Fähigkeit so weit zu trainieren, dass der Patient ohne helfendes Gerät Einfluss nehmen kann.

Autogenes Training nach J. H. Schultz

  • Indikation: Vegetative Funktionsstörungen, funktionelle und psychosomatische Störungen
  • Grundlage: Patienten (oder anderen Interessierten) wird beigebracht, „von innen heraus zu entspannen“. Grundlage dabei ist eine wesentliche Beobachtung, die der Berliner Psychiater Schultz bei Versuchen mit Hypnose machte: Ruhe entsteht 1. durch Muskelentspannung und 2. durch die Botschaft der Peripherie an das Bewusstsein, dass Ruhe herrscht. Damit stellt die Methode eine Art Selbsthypnose durch Autosuggestion dar. Die Patienten lernen, sich schrittweise selbst in diesen hypnotischen Zustand zu bringen (sog. Umschaltung) und ihn wieder aufzuheben (sog. Zurücknahme).
  • Das autogene Training kann in verschiedene Stufen mit unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten unterteilt werden:
    • Grundstufe: Beeinflussung des vegetativen Nervensystems (Erleben von Schwere und Wärme, Regulierung von Herz und Atmung etc.)
    • Mittelstufe: Beeinflussung des Verhaltens (durch Bildung formelhafter, immer positiv formulierter Vorsätze (wie z.B. „Ich bleibe ruhig!“))
    • Oberstufe: Erschließung des Unbewussten (mit eher psychoanalytischen Techniken und Fragestellungen)

Entspannungsverfahren werden bspw. häufig im Rahmen einer Verhaltenstherapie angewendet!

Interpersonelle Psychotherapie

Die interpersonelle Psychotherapie ist eine Kurztherapie, die in zahlreichen wöchentlichen Einzelsitzungen bei Patienten mit leichter Depression durchgeführt wird. Dabei geht es vor allem um die Behandlung von zwischenmenschlichen Problemen, die durch die depressive Erkrankung entstanden sind. Dem Patienten soll geholfen werden, die emotionale Belastung, die durch die interpersonellen Probleme entstanden sind, zu bewältigen.

  • Einzeltherapie
  • 12–20 Einzelsitzungen/Woche, jeweils 45–60 Minuten Dauer
  • Fokus: Zwischenmenschliche Beziehungen

Reflexionsmethoden in der Psychotherapie

Balint-Gruppen [1]

  • Definition
    • Gruppe von Ärzten oder Mitgliedern anderer therapeutischer Berufsgruppen , die sich unter der Leitung eines ausgebildeten Balint-Gruppenleiters über problematische Fälle austauscht und nach Lösungen sucht
    • Betrachtung von Konflikten innerhalb einer Arzt-Patient-Beziehung und Aufdeckung zugrunde liegender Ursachen wie Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomene
  • Ablauf [2]
    • Zusammenfassung der Behandlungsgeschichte aus der Erinnerung durch den Behandler (ohne Akte, Notizen etc.)
    • Anschließend Bericht der Gruppenmitglieder über eigene Ideen, Phantasien oder Gefühle zur gehörten Behandlungsgeschichte
    • Darüber Anstoß eines Reflexions- und Analyseprozesses
  • Ursprung: Geht auf den ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint (1896–1970) zurück
  • Ziel
    • Verbesserung der Beziehung bzw. Interaktion zwischen Arzt und Patient
    • Verstehen von Dynamiken innerhalb der Arzt-Patient-Beziehung und ihrer Einflüsse auf die Therapie
    • Ganzheitliche Betrachtung des Patienten und seiner Beschwerden (statt alleiniger Fokussierung auf den Behandlungsanlass)

Patienteninformationen