• Klinik

Orthopädische Untersuchung der Hüfte und des Iliosakralgelenkes

Abstract

Das Hüftgelenk vermittelt die Belastung vom Rumpf auf die untere Extremität und ist damit ein elementarer Bestandteil des Bewegungsapparates. Es ist entsprechend häufig von Verschleißerscheinungen, Traumata und Entzündungen betroffen.

In diesem Kapitel werden neben anatomischen und funktionellen Grundlagen des Gelenkes die wichtigsten Anamnese- und Untersuchungstechniken zur Einschätzung des Hüftgelenkes verdeutlicht. Da im Zusammenhang mit der Untersuchung der Hüfte häufig auch das Iliosakralgelenk mituntersucht wird, werden exemplarisch auch wichtige Untersuchungstechniken dieses Gelenks vorgestellt.

Anatomische und funktionelle Grundlagen des Hüftgelenks

Hüftgelenk

Iliosakralgelenk

Anamnese

  • Patientenalter
  • Beschwerdeanamnese
    • Sensibilitätsstörungen/Kraftverlust/Bewegungseinschränkungen?
    • Schmerz
      • Lokalisation
      • Auslöser
        • Unfall: Hergang/Mechanismus, z.B.:
        • Vom Unfall unabhängige Vorerkrankungen
        • Chronische Belastungsfaktoren, bspw. beruflich oder im Rahmen von Leistungssport
      • Belastungsabhängigkeit
      • Akuität , Intensität und Qualität
    • Bisherige Therapie?
  • Eigenanamnese
    • Vorerkrankungen allgemein und bzgl. des Gelenks?

Inspektion, Palpation und Perkussion

  • Gehender Patient: Beurteilung des Gangbildes
    • Innenrotationsgang/Außenrotationsgang?
    • Hinken
      • Beinverkürzung: Funktionell oder strukturell
      • Lähmungen: Spastisch oder schlaff
  • Stehender Patient: Begutachtung aller Körperseiten
  • Liegender Patient

Beweglichkeitsprüfung

Hüftgelenk

Das Hüftgelenk besitzt drei Freiheitsgrade, bei denen Bewegungen um drei Hauptbewegungsachsen (die longitudinale, die sagittale und die transversale Achse) möglich sind. Daraus resultieren die folgenden Bewegungsumfänge:

Funktionstests

Trendelenburg-Zeichen

  • Kurzbeschreibung: Die Prüfung des Trendelenburg-Zeichens dient dem Nachweis einer Insuffizienz der Mm. glutei medius und minimus.
  • Durchführung (Patient steht, Untersuchung von dorsal)
    • Der Untersucher prüft den Beckenstand durch den Höhenvergleich beider Darmbeinkämme
    • Anschließend wird der Patient gebeten, ein Bein anzuheben, während der Beckenstand und die Patientenhaltung weiter beobachtet werden
  • Befund und Bedeutung
    • Physiologisch: Einbeinstand ohne Absinken einer Beckenseite und ohne kompensatorische Bewegung des Oberkörpers
    • Pathologisch: Absinken des Beckens zur gesunden Seite, d.h. der Spielbeinseite (Trendelenburg-Zeichen)
      • Dem Absinken der Hüfte auf der gesunden Seite wird durch eine Neigung des Oberkörpers zur kontralateralen Seite entgegengewirkt → Duchenne-Zeichen
      • Ein (häufig beidseitiges) Duchenne-Zeichen führt beim gehenden Patienten zur kompensatorischen Hin-und-Her-Bewegung des Oberkörpers → Duchenne-Hinken

Thomas-Handgriff

  • Kurzbeschreibung: Test zur Feststellung einer Hüftbeugekontraktur
  • Durchführung (Patient liegt auf dem Rücken)
    • Der Untersucher legt eine Hand flach unter die Lendenwirbelsäule des Patienten. Während der Untersuchung sollte mit dieser Hand eine Hyperlordosierung der LWS ausgeschlossen werden, die das Testergebnis verfälschen würde.
    • Mit der anderen Hand wird ein Bein angehoben und das Knie so weit wie möglich zur Brust des Patienten geführt → Hierdurch wird das Becken in eine neutrale Stellung gebracht und die Lendenlordose ausgeglichen.
  • Befund und Beurteilung
    • Physiologisch: Beim Anheben und Beugen eines Beines verschwindet die Lendenlordose und der Oberschenkel der Gegenseite verbleibt glatt auf der Liege.
    • Pathologisch
      • Beim Anheben und Beugen eines Beines verschwindet die Lendenlordose und das kontralaterale Bein hebt sich von der Liege ab → Direkter Hinweis auf Hüftbeugekontraktur
      • Beim Anheben und Beugen eines Beines verbleibt die Lendenlordose → Indirekter Hinweis auf Hüftbeugekontraktur

Hüft-Beuge-Kontrakturen führen häufig sekundär zu LWS-Beschwerden, obwohl die primäre Ursache im Hüftgelenk liegt (z.B. eine Koxarthrose)!

Drehmann-Zeichen

  • Kurzbeschreibung
    • Klinische Untersuchung bei Verdacht auf eine Epiphyseolysis capitis femoris (meist bei Kindern)
    • Kann auch bei Erwachsenen auftreten (z.B. bei einer Koxarthrose, Koxitis oder destruktiven Knochentumoren im Bereich der Hüfte)
  • Durchführung (Patient liegt auf dem Rücken)
    • Das Bein des Patienten wird durch den Untersucher in Knie und Hüfte flektiert
  • Befund und Bedeutung

Vierer-Zeichen

  • Kurzbeschreibung: Unspezifische Untersuchung, bei der Schmerzen für eine Pathologie in der Hüfte sprechen (z.B. Koxitis oder M. Perthes)
  • Durchführung (Patient liegt auf dem Rücken)
    • Die Ferse der zu untersuchenden Seite wird auf das Kniegelenk der Gegenseite gelegt
    • Hierdurch kommt es automatisch zur Außenrotation und Abduktion im jeweiligen Hüftgelenk
    • Das Kniegelenk der zu untersuchenden Seite wird nun losgelassen und anschließend vorsichtig in Richtung Boden gedrückt
  • Befund
    • Physiologisch: Keine Schmerzen, weniger als 20cm Abstand zwischen Knie und Unterlage bzw. seitengleicher Abstand
    • Pathologisch: Schmerzen oder mehr als 20cm Abstand zwischen Knie und Unterlage bzw. im Seitenvergleich deutlich erhöhter Abstand (Vierer-Zeichen)
  • Bedeutung: Das Vierer-Zeichen ist ein Hinweis auf eine Pathologie des Hüftgelenkes, z.B. eine Koxitis oder M. Perthes

Mennell-Zeichen

  • Durchführung: Das Mennell-Zeichen kann in 3 Körperpositionen des Patienten geprüft werden
    • Patient in Bauchlage
      • Das Os sacrum wird mit einer flach aufgelegten Hand fixiert , mit der anderen Hand wird das Bein überstreckt (Hyperextension)
    • Patient in Seitenlage
      • Das Os sacrum wird mit einer flach aufgelegten Hand fixiert, anschließend wird das oben liegende Bein mit der anderen Hand überstreckt (Hyperextension)
    • Patient in Rückenlage
      • Untersucher übt mit beiden Händen Druck auf die Darmbeinschaufeln aus
  • Befund und Bedeutung

Prüfung des Vorlaufphänomens am Iliosakralgelenk (syn.: „Standing-Flexion-Test“)

  • Kurzbeschreibung: Test der Beweglichkeit und insbesondere des Gleitverhaltens der Iliosakralgelenke
  • Durchführung (Patient steht, Untersuchung von dorsal)
    • Der Untersucher legt nach Palpation beidseits die Daumen auf die Spina iliaca posterior superior und umfasst mit der Außenseite seiner Zeigefinger die Darmbeinschaufeln im Bereich der Crista iliaca
    • Anschließend wird der Patient gebeten, mit gestreckten Knien eine maximale Rumpfbeugung durchzuführen, während der „Vorlauf“ der beiden Untersucherhände inspiziert wird
    • Der Patient sollte in dieser Position etwa 30 Sekunden verbleiben - eine muskelbedingte Seitendifferenz kann somit demaskiert werden.
  • Befund und Bedeutung
    • Physiologisch: Seitengleiche Bewegung beider Darmbeinstachel
    • Pathologisch: Seitendifferenz mit einseitigem Hochstand (>0,5cm) eines Darmbeinstachels (Vorlaufphänomen)

Prüfung des Rücklaufphänomens am Iliosakralgelenk (syn.: „Spine-Test“)

  • Durchführung (Patient steht)
    • Die Untersuchung erfolgt analog zum Vorlaufphänomen, allerdings führt der Patient keine Rumpfbeugung nach vorne aus, sondern wird gebeten, ein Bein anzuheben und dabei in Knie und Hüfte stark zu beugen
    • Anschließend Prüfung auf der Gegenseite
  • Befund und Bedeutung
    • Physiologisch: Kaudalbewegung des ipsilateralen Darmbeinstachels
    • Pathologisch: Verbleiben beider Darmbeinstachel auf gleicher Höhe (Rücklaufphänomen)