Zusammenfassung
Degenerative Schulterläsionen gehen mit einer Vielzahl an strukturellen Veränderungen der Weichteile einher, wobei die Bezeichnungen der Läsionen in der Literatur nicht eindeutig sind. Auch ob eine Läsion eher die Ursache oder die Folge darstellt, kann nicht immer eindeutig definiert werden. Der Begriff Periarthropathia humeroscapularis ist dabei ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen im Schulterbereich, die allesamt mit einer Verengung des subakromialen Raums einhergehen. Leitsymptom stellt ein meist bewegungsabhängiger Schulterschmerz dar. Weiterhin gehen die meisten Störungen mit einem „Impingement“ der Schulter einher. Der Ausdruck bezeichnet das schmerzhafte Einklemmen von Weichteilgewebe in einem Gelenk und lässt sich durch das Prüfen des „Painful Arc“ (Schmerzen bei Abduktion des Arms zwischen 60 und 120 Grad) nachweisen.
Eine weitere wichtige Ursache für Schulterbeschwerden stellen degenerative Veränderungen der Rotatorenmanschette (M. teres minor, subscapularis, supraspinatus und infraspinatus) dar. Neben den beschriebenen Schulterschmerzen ist die Rotatorenmanschettenruptur eine mögliche Folge.
Bei einer akuten Entzündung besteht die Therapie der ersten Wahl in Schonung und medikamentöser Schmerztherapie; im entzündungsfreien Intervall sollten dann Physiotherapie, muskulärer Aufbau und Belastung bis zur Schmerzgrenze erfolgen. Dosierte Glucocorticoidinjektionen und operative Maßnahmen (z.B. Kalkentfernung) können bei Therapierefraktärität versucht werden.
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Definition
Die verschiedenen Schulterläsionen sorgen aufgrund der unterschiedlichen Verwendung der Begriffe in der Literatur immer wieder für Verwirrung. Hinzu kommt, dass die Pathologien selten einzeln vorkommen und sich gegenseitig bedingen. Die Aufteilung ist an das Kapitel „Schulterläsionen (M75)“ aus dem Bereich „Krankheiten der Weichteilgewebe (M60–79)“ des ICD-10 angelehnt.
- Schulterläsionen
- Adhäsive Entzündung der Schultergelenkkapsel
- Frozen Shoulder
- Periarthropathia humeroscapularis adhaesiva
- Läsionen der Rotatorenmanschette: Rotatorenmanschettensyndrom
- Nicht-traumatische Ruptur der Rotatorenmanschette oder der Supraspinatus-Sehne
- Supraspinatus-Syndrom
- Tendinitis des M. biceps brachii = Bizepssehnensyndrom
-
Tendinitis calcarea im Schulterbereich = Periarthropathia humeroscapularis calcarea = Kalkschulter
- Komplikation: Bursitis calcarea im Schulterbereich
- Impingement-Syndrom der Schulter
- Bursitis im Schulterbereich
- Adhäsive Entzündung der Schultergelenkkapsel
Ätiologie
Verengung des subakromialen und/oder subkorakoidalen Raumes
- Kurzbeschreibung: Es handelt sich i.d.R. um ein multifaktorielles Geschehen, wobei degenerative Veränderungen der Rotatorenmanschette eine übergeordnete Rolle spielen: 80% aller >80-Jährigen haben degenerative Veränderungen der Rotatorenmanschette. Die Folge kann eine Einklemmung der dort verlaufenden Weichteile, vor allem der eben genannten Rotatorenmanschette (insb. Sehne des M. supraspinatus) sowie der Bursa subacromialis sein.
- Risikofaktoren für eine Einklemmung der Weichteile
- Anatomische Form des Acromions (eine Hakenform führt bei >70% der Betroffenen zu Beschwerden)
- Starker Neigungswinkel des Acromions
- Weitere Strukturen, die bei Veränderung (z.B. Entzündung) zu Beschwerden führen können
- Bursa subacromialis
- Gelenkkapsel
- Bizepssehne
- Tuberculum majus (anatomische Fehlstellung)
- Überbeanspruchung: Muskuläre Dysbalance, z.B. bei Tätigkeiten oder Sportarten, die mit Überkopfarbeit einhergehen; besonders in Verbindung mit einer der genannten anatomischen Veränderungen
- Iatrogen: Fremdkörper, die in den Raum eingebracht wurden (Z.n. Operation)
Symptomatik
Leitsymptom: Subakromialsyndrom
- Bewegungsabhängige Schulterschmerzen
- Bewegungseinschränkung je nach betroffenem Muskel
- Impingement-Syndrom der Schulter
- Definition: Impingement = Einklemmen von Sehnenmaterial oder Weichteilgewebe im Gelenk (häufig Sehne des M. supraspinatus) aufgrund einer Verengung des subakromialen und/oder subkorakoidalen Raumes
- Stadien
- I. Stadium: Degenerationen, Überkopfarbeiten oder anderweitige Überbeanspruchungen führen zu Ödembildung und Blutung im Bereich der Rotatorenmanschette und Bursae
- II. Stadium: Fibrosierung der Bursa
- III. Stadium: Rotatorenmanschettenruptur, intermittierende Bursitis und Pseudoparalyse des Arms
- Klinische Zeichen eines Impingements
- Schmerzbedingte Bewegungs- und Krafteinschränkung insb. zwischen 60° und 120° (bspw. einschießende Schmerzen bei Abduktion des Arms) → Painful Arc (engl. für „schmerzhafter Bogen“)
- Nächtliche Schmerzexazerbation vor allem beim Liegen auf der kranken Schulter
Verlaufs- und Sonderformen
Frozen shoulder
- Kurzbeschreibung: Maximal eingeschränkte Beweglichkeit des Schultergelenks in allen Bewegungsebenen
- Ätiologie
- Primär/idiopathisch: Rezidivierende Gelenkkapselentzündung nach Synovitis, die zu einer fibrosierenden Schrumpfung der Kapsel führt. Die Krankheit verläuft i.d.R. in drei Stadien.
- I. Stadium: „Einfrieren“ → Geringe Synovitis mit Schmerzen, die eine Bewegungsvermeidung provozieren.
- II. Stadium: „Gefrorensein“ → Proliferative Synovitis mit Kapselschrumpfung und Verklebung des Recessus axillaris.
- III. Stadium: „Auftauen“ → Entzündung nimmt ab, Kapsel bleibt verkleinert zurück.
- Sekundär: Durch bekannte Ursachen ausgelöste Schultersteife, z.B. durch Operationen.
- Primär/idiopathisch: Rezidivierende Gelenkkapselentzündung nach Synovitis, die zu einer fibrosierenden Schrumpfung der Kapsel führt. Die Krankheit verläuft i.d.R. in drei Stadien.
Periarthropathia humeroscapularis adhaesiva
- Kurzbeschreibung: Durch wiederholte Reizzustände der Rotatorensehne kommt es zu Verklebungen zwischen Tuberculum majus humeri und dem korakoakromialen Bogen
Rotatorenmanschettensyndrom
- Definition: Bursitis subacromialis mit Peritendinitis der Rotatoren
- Anatomie: Die Rotatorenmanschette umfasst die Mm. supraspinatus, infraspinatus, subscapularis und teres minor
- M. supraspinatus: Starter der Abduktion
- M. subscapularis: Innenrotation und Adduktion
- M. teres minor und M. infraspinatus: Außenrotation und Adduktion
- Klinik: Zumeist Schmerzen bei Abduktion zwischen 60–120° („Painful Arc“)
- Komplikationen: Bursitis, Ruptur der langen Bizepssehne, Rotatorenmanschettenruptur
Bizepssehnensyndrom
- Definition: Peritendinitis der langen Bizepssehne
- Komplikation: Bizepssehnenruptur
Kalkschulter (Periarthropathia humeroscapularis calcarea/Tendinosis calcarea/Tendinitis calcarea)
- Kurzbeschreibung
- Kalkeinlagerung zumeist im Bereich der Ansatzsehne des M. supraspinatus
- Symptomlose bis hochakute Verläufe und oft spontan regredient
- Klinik
- Bewegungseinschränkung
- Je nach Ausmaß der Kalkeinlagerungen und dem vorliegenden Stadium: Schmerzen aufgrund intratendinöser Druckerhöhung
- Bei aktiver Entzündung (Tendinitis): Tumor, Rubor, Calor, Dolor, Functio laesa
- Diagnostik: Nachweis von Kalk im konventionellen Röntgen
- Stadien nach Uhthoff
- Präkalzifizierende Phase: Metaplasie von Sehnenzellen zu Chondrozyten, fehlende oder nur leichte Schmerzen
- Kalzifizierende Phase (Formations-, Ruhe- und Resorptionsphase): In der Resorptionsphase starke Schmerzen mit Gefahr der Bursitis calcarea aufgrund intratendinöser Druckerhöhung
- Postkalzifizierende Phase: Reparationsphase (→ Ausheilung bei 70% der Patienten)
- Spezielle Komplikation: Bursitis calcarea mit röntgenologisch nachweisbarem Einbruch des Kalkherds in die Bursa subacromialis
- Spezielle Therapie bei Nachweis von Kalk
- Needling
- Extrakorporale Stoßwellentherapie
Diagnostik
Klinische Untersuchung
In diesem Abschnitt wird nur ein kurzer Überblick über mögliche Befunde gegeben. Ausführlicher werden die einzelnen klinischen Tests im Kapitel „Orthopädische Untersuchung der Schulter“ abgehandelt.
- Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit
- Subakromiale Schulterschmerzen
- Aktive und/oder passive Abduktion schmerzhaft, ggf. Verstärkung bei Innen- und/oder Außenrotation
- Zeichen einer subakromialen Enge bzw. eines Impingements
-
„Painful Arc“: Schmerzen bei Abduktion des Arms zwischen 60° und 120°
- Siehe auch: Painful-Arc-Test
- Differenzialdiagnostische Abgrenzung: Schmerzen bei Abduktion des Arms zwischen 120° und 170° sprechen für eine Pathologie des Akromioklavikulargelenks, bspw. eine AC-Gelenkarthrose
- Neer-Zeichen: Passives Anheben des innenrotierten und gestreckten Arms bei gleichzeitiger Fixierung der Scapula verursacht Schmerzen
-
„Painful Arc“: Schmerzen bei Abduktion des Arms zwischen 60° und 120°
Apparative Diagnostik
- Röntgen: Zur Beurteilung der Knochen und Verkalkungen
- Schulter in mind. zwei Ebenen: True-a.p. plus Outlet-View (modifizierte Y-Aufnahme) und/oder Schulter axial
- Befunde
- Degenerative Veränderungen oder Einengung des Subakromialraumes, z.B. durch atypisch konfiguriertes Acromion
- Verkalkung der Supraspinatussehne bei Tendinitis calcarea
- Sonografie und MRT: Zur Beurteilung der Weichteile (Bursa, Rotatorenmanschette und Sehnen)
Therapie
Allgemeine Therapieprinzipien bei Schulterschmerzen
- Konservativ
- Akut
- Schonung, Sportkarenz (aber keine Ruhigstellung!)
- Antiinflammatorische und analgetische Medikation (NSAR)
- Kryotherapie
- Langfristig
- Physiotherapie
- Subakromiale Glucocorticoidinjektion (CAVE: Es kann zur Degeneration der Sehnen kommen)
- Wärmeanwendungen (nicht im Entzündungsstadium)
- Akut
- Operativ (bei Therapieresistenz): Arthroskopische Dekompression, evtl. offene Akromioplastik bei Nachweis einer subakromialen Enge
- Bei Nachweis von Kalk: Ggf. Entfernung mittels Needling (siehe auch: Kalkschulter)
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2026
- M75.-: Schulterläsionen
- Exklusive: Schulter-Hand-Syndrom (M89.0‑)
- M75.0: Adhäsive Entzündung der Schultergelenkkapsel
- Frozen shoulder
- Periarthropathia humeroscapularis
- M75.2: Tendinitis des M. biceps brachii
- M75.3: Tendinitis calcarea im Schulterbereich
- Bursitis calcarea im Schulterbereich
- M75.4: Impingement-Syndrom der Schulter
- M75.5: Bursitis im Schulterbereich
- M75.8: Sonstige Schulterläsionen
- M75.9: Schulterläsion, nicht näher bezeichnet
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2026, BfArM.
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