• Klinik

Orthopädische Untersuchung des Knies

Abstract

Das Kniegelenk ist sowohl das größte als auch eines der biomechanisch komplexesten Gelenke des menschlichen Körpers und ermöglicht nicht nur den aufrechten Gang und Stand, sondern auch körperliche Höchstleistungen. Entsprechend häufig ist es Opfer chronischer degenerativer Veränderungen und akuter Traumata. Daher sind funktionell-anatomische Kenntnisse über das Kniegelenk sowie die Fähigkeit zur klinischen Prüfung seiner Strukturen von großer Bedeutung im klinischen Alltag.

In diesem Kapitel werden neben anatomischen und funktionellen Grundlagen des Knies auch die wichtigsten klinischen Untersuchungen und Tests für dessen einzelne Strukturen detailliert und mit Hilfe von Fotos, Illustrationen sowie Lehrvideos erläutert.

Anatomische und funktionelle Grundlagen des Knies

Grundsätzlicher Gelenkaufbau und Bewegungsausmaß

Die Beweglichkeit im Kniegelenk (Articulatio genus) resultiert aus der Kopplung zweier Gelenke:

Weitere (patho)physiologisch bedeutsame Bestandteile des Kniegelenkes

Anamnese

  • Beschreibung der Beschwerden
  • Anamnese des Unfallherganges
  • Sozial- und Berufsanamnese
    • Meniskusbelastende berufliche Tätigkeiten?
    • Art und Umfang sportlicher Aktivitäten?
  • Eigenanamnese
    • Bisherige Therapie der Beschwerden?
    • Vorerkrankungen allgemein und bzgl. des Gelenks?

Inspektion und Palpation

Inspektion

Palpation

Beweglichkeitsprüfung

Neutral-0-Methode

Prüfung der Seitenstabilität

Untersuchung der medialen und lateralen Aufklappbarkeit des Kniegelenks

  • Durchführung
    • Die Untersuchung erfolgt am liegenden Patienten und sowohl in Streckung als auch in 10-20° Beugung.
    • Der Untersucher umgreift das obere Sprunggelenk sowie den distalen Oberschenkel. Das Kniegelenk wird nun gegen das Widerlager am Oberschenkel nach außen (=Varus-Stress) und innen (=Valgus-Stress) aufgeklappt.
  • Befund und Bedeutung

Untersuchung der Patella

Prüfung der Patellaverschieblichkeit

  • Durchführung (Patient liegt, Knie gestreckt)
    1. Medialisierung/Lateralisierung
      • Ober- und Unterschenkel werden mit beiden Händen umgriffen, die Patella wird mit beiden Daumen nach medial bzw. mit beiden Zeigefingern nach lateral mobilisiert.
    2. Kaudalisierung/Kranialisierung
      • Der Unterarm wird unter das Kniegelenk des Patienten gelegt, wodurch es leicht gebeugt wird
      • Die Patella wird mit dem Handballen nach kaudal geschoben und mit den Fingern nach kranial gezogen
  • Befund und Bedeutung
    • Pathologisch
      • Übermäßige Verschieblichkeit oder Subluxation: Hinweis auf Laxizität des Bandapparates
      • Palpable Krepitationen oder ein Patellaverschiebeschmerz: Hinweis auf retropatellare Arthrose oder Chondropathie

Prüfung auf Facettendruckschmerz

  • Durchführung (Patient liegt, Knie gestreckt)
    1. Ober- und Unterschenkel werden jeweils mit einer Hand umgriffen
    2. Die Patella wird nach medial (mit beiden Daumen) und nach lateral (mit beiden Zeigefingern) aufgeklappt
    3. Palpation der Patellafacette
  • Befund und Bedeutung

Tanzende Patella

  • Durchführung (Patient liegt, Knie gestreckt)
    1. Der Untersucher streicht mit einer Hand den Recessus suprapatellaris von kranial nach kaudal aus
    2. Anschließend drückt der Untersucher die Patella von ventral gegen das Femur
  • Befund und Bedeutung
    • Pathologisch: Druck auf die Patella führt zu einem spürbaren „Anschlagen“ der Patella an ihr femorales Gleitlager : Hinweis auf intraartikulären Erguss über 10 mL (z.B. bei Meniskusruptur)

Zohlen-Zeichen

Apprehension-Test der Patella

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Das Kniegelenk sollte in ca. 20–30° Flexion sein → Dies verstärkt eine mögliche Subluxationsneigung und führt damit ggf. zu einer verstärkten Apprehension-Reaktion während der weiteren Untersuchung
    2. Ober- und Unterschenkel werden nun mit beiden Händen umgriffen und die Patella wird vorsichtig nach lateral bewegt , wobei fortwährend der Quadriceps sowie das Gesicht des Patienten inspiziert werden.
  • Befund: Abwehrspannung im Quadriceps oder eine mimische Angstreaktion des Patienten (= „apprehension“ engl. für „Befürchtung“) → Positiver Apprehension-Test der Patella
  • Bedeutung: Dient u.a. zum Nachweis einer Luxationsneigung bei stattgehabter Patellaluxation, bei der die Patella jedoch spontan reponiert ist

Nach einer bereits stattgehabten Luxation kann der Apprehension-Test zur erneuten Luxation führen, weshalb er nur mit großer Vorsicht durchgeführt werden sollte!

Untersuchung der Kreuzbänder

Pivot-Shift-Test (Vorderes Kreuzband)

Der Pivot-Shift-Test ist ein „absoluter Test“, d.h. sein Ergebnis ist auch ohne Evaluation im Seitenvergleich valide!

Lachman-Test (Vorderes Kreuzband)

Schubladen-Tests (Vorderes und hinteres Kreuzband)

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Der Untersucher stellt das im Kniegelenk 90° gebeugte Bein des Patienten auf
    2. Die Tibia wird mit beiden Händen umgriffen
    3. Der Untersucher zieht Tibia zu sich hin und drückt sie von sich weg
  • Befund
    • Physiologisch: Im Seitenvergleich keine erhöhte Verschieblichkeit der Tibia gegen das Femur
    • Pathologisch: Im Seitenvergleich erhöhte Verschieblichkeit der Tibia nach vorne (= vordere Schublade) oder nach hinten (= hintere Schublade)

Gravity-Sign (Hinteres Kreuzband)

  • Durchführung (Patient liegt)
    1. Das Bein des Patienten wird in Knie und Hüfte jeweils 90° gebeugt
    2. Der Untersucher stabilisiert die Ferse des Patienten mit seiner Hand und begutachtet die Kniekontur
  • Befund und Bedeutung
    • Physiologisch: Keine Veränderung der vorderen Kniekontur
    • Pathologisch: Der Schwerkraft folgendes Absinken der Tibia nach kaudal mit deutlich sichtbarer Dellenbildung an der vorderen Kniekontur (Hinweis auf eine Läsion des hinteren Kreuzbandes)

Weitere Tests: siehe Diagnostik - Bandverletzungen des Knies

Untersuchung der Menisken

Payr-Zeichen (Innenmeniskus)

  • Lagerung: Patient sitzt im Schneidersitz
  • Durchführung: Untersucher drückt mit beiden Händen synchron von oben auf die gebeugten Kniegelenke
  • Ergebnis: Schmerzen in einem Knie → Hinweis auf Innenmeniskusläsion (v.a. Hinterhorn)

Steinmann-I-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

Steinmann-II-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

  • Lagerung: Rückenlage mit initial gestreckten Beinen
  • Durchführung
    1. Untersucher palpiert den im Steinmann-I-Zeichen ermittelten Schmerzpunkt
    2. Untersucher umfasst den Knöchel (oder die Ferse) mit der einen und das Kniegelenk mit der anderen Hand
    3. Untersucher beugt nun das Kniegelenk an und streckt es anschließend wieder
  • Ergebnis
    • Schmerzwanderung von vorne nach hinten bei Beugung des Kniegelenks → Hinweis auf Meniskusschädigung
    • Schmerzwanderung von hinten nach vorne bei Streckung des Kniegelenks → Hinweis auf Meniskusschädigung
    • Seitenbetonung des Schmerzes → Hinweis auf betroffenen Meniskus (medial oder lateral)

McMurray-Test (Innen- und Außenmeniskus)

  • Lagerung: Rückenlage mit maximal gebeugtem Knie- und Hüftgelenk
  • Durchführung
    1. Untersucher palpiert den lateralen (bzw. medialen) Gelenkspalt des Knies
    2. Untersucher fixiert den Fuß an der Ferse und rotiert dann den Unterschenkel des Patienten nach innen (bzw. außen)
    3. Anschließend wird das Bein des Patienten gestreckt, bis es eine 90°-Stellung im Kniegelenk hat (das Hüftgelenk bleibt dabei um 90° gebeugt, die Rotation des Unterschenkels und der Druck auf den Gelenkspalt bleiben erhalten)
  • Ergebnis: Blockierungsphänomene, bspw. ein palpierbares Schnappen oder Klicken, sowie mediale oder laterale Knieschmerzen → Hinweis auf Meniskusläsion im eher posterioren Anteil

Bragard-Test (Knie) (Innen- und Außenmeniskus)

Apley-Grinding-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)

Der englische Begriff „Grinding“ (dt. „schleifen“) bezieht sich auf das Schleifen der Femurkondylen auf den Menisken, das bei der Prüfung des Zeichens provoziert wird. Da die Untersuchung am besten unter axialer Kompression im Kniegelenk durchgeführt werden kann, wird sie auch Apley-Kompressions-Test genannt.

Böhler-Zeichen (Innen- und Außenmeniskus)