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Lernen, Kognition und Entwicklung

Abstract

In diesem Kapitel werden die klassischen Lerntheorien, die Grundlagen von Wahrnehmung, Gedächtnis und Intelligenz sowie Konzepte zu Entwicklung und Sozialisation in der Gesellschaft vorgestellt.

Im Sinne der Lerntheorien wird Verhalten zu einem großen Teil im Laufe des Lebens erlernt. Insbesondere die Theorien der klassischen und operanten Konditionierung sind hierbei von Bedeutung.

Bezüglich der Intelligenz unterscheidet man verschiedene Komponenten, die sich grob auf eine verbale, sprachliche Intelligenz, eine rechnerische Intelligenz und Problemlösefähigkeiten aufteilen lassen und in verschiedenen Theorien der Intelligenz Eingang finden. Die Komponenten der Intelligenz können anhand verschiedener Intelligenztests überprüft werden.

Zur Entwicklung und Sozialisation im Kindesalter existieren diverse Theorien. Im Folgenden wird die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget sowie Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung vorgestellt. Auch die verschiedenen Erziehungsstile und das daraus resultierende Bindungsverhalten haben einen Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation des Kindes und werden im Folgenden erläutert. Im Erwachsenenalter haben vor allem berufliche Belastungen Einfluss auf die persönliche Entwicklung, weshalb auch das Modell der Gratifikationskrisen von großer Bedeutung ist.

Einführung in die Lerntheorien

Im Sinne der Lerntheorien wird Verhalten zu einem großen Teil im Laufe des Lebens erlernt. Die Lerntheorien sind in der Therapie psychischer Erkrankungen (z.B. bei der Verhaltenstherapie) von großer Bedeutung (siehe dazu auch: Psychotherapeutische Verfahren)

Lernformen

Konditionierung

Klassische Konditionierung

Die klassische Konditionierung beruht darauf, dass ein unkonditionierter Reiz eine unkonditionierte Reaktion auslöst. Dieser unkonditionierte Reiz kann im Rahmen eines Lernprozesses mit einem neutralen Reiz gekoppelt werden, der im weiteren Verlauf ebenfalls die Reaktion auslöst und so zu einem konditionierten Reiz wird. Wird die Reaktion durch den konditionierten Reiz ausgelöst, bezeichnet man sie ebenfalls als konditionierte Reaktion. Das Ziel der klassischen Konditionierung ist der Aufbau stabiler Erwartungen – bspw. darüber, wo Nahrung zu finden ist.

Vor allem der berühmte „Pawlow'sche Hund prägte die klassische Konditionierung. In diesen Experimenten konnte Iwan Pawlow zeigen, dass bei Hunden ein bekanntes Reiz-Reaktions-Schema (Essen → Speichelfluss) so abgeändert werden kann, dass es von einem Reiz ausgelöst wurde, der zuvor für den Hund keinerlei Bedeutung hatte (Glockenläuten → Speichelfluss).

Zeitpunkt Stimulus Reaktion
Vor dem Training Neutraler Reiz: Reiz (z.B. Glockenläuten), der zu einer unspezifischen Reaktion führt Keine Reaktion
Unkonditionierter Reiz: Angeborener Reiz (z.B. Essensduft), der unabhängig von Lernprozessen eine Reaktion auslöst Unkonditionierte Reaktion
Beim Training Neutraler Reiz + Unkonditionierter Reiz: Z.B. Glockenläuten in Kombination mit Essensduft Unkonditionierte Reaktion
Nach dem Training Neutraler Reiz → Konditionierter Reiz: Das zunächst neutrale Glockenläuten wird zu einem Reiz, der eine spezifische Reaktion auslöst. Konditionierte Reaktion
  • Erfolg der Konditionierung ist abhängig von
    • Zeitlichem Abstand zwischen neutralem und unkonditioniertem Reiz (= Interstimulusintervall)
    • Reihenfolge, in welcher der unkonditionierte und der neutrale Reiz dargeboten werden

Als Konditionierung bezeichnet man die erfolgreiche Kopplung eines unkonditionierten Reizes mit einem neutralen Reiz!

Grundbegriffe der klassischen Konditionierung

  • Extinktion: Wird der konditionierte Reiz (Glocke) wiederholt ohne den unkonditionierten Reiz (Essensduft) präsentiert, so wird die konditionierte Reaktion (Speichelfluss) im Verlauf wieder verlernt
  • Reizgeneralisation: Die konditionierte Reaktion wird ebenfalls durch Reize ausgelöst, die dem konditionierten Reiz ähnlich sind.
  • Reizdiskrimination (Diskriminationslernen): Die konditionierte Reaktion wird durch Reize, die dem konditionierten Reiz zu unähnlich sind, nicht ausgelöst.
  • Konditionierung höherer Ordnung: Ein bereits konditionierter Reiz wird mit einem zweiten, neutralen Reiz verknüpft. Dieser führt im Verlauf ebenfalls zu einer Reaktion und wird so ebenfalls zu einem konditionierten Reiz.

Operante Konditionierung

Die operante Konditionierung beruht auf dem Phänomen, dass Belohnungen zu einer Häufung eines Verhaltens, und Bestrafungen zu einer Reduktion des Verhaltens führen. Das Kontingenzschema beschreibt dabei die Möglichkeiten zur Verstärkung oder Abschwächung eines Verhaltens.

Konsequenz
Hinzufügen Wegnehmen
Erwünschtes Verhalten
  • Negative Verstärkung durch Wegnehmen einer Bestrafung oder eines unangenehmen Reizes (z.B. Aufhebung eines Verbotes) → Zunahme des Verhaltens
Unerwünschtes Verhalten
  • Positive Bestrafung durch Hinzufügen eines aversiven Reizes (z.B. Strafe, Tadel) → Abnahme des Verhaltens
  • Negative Bestrafung durch Wegnahme einer Belohnung (z.B. kein Loben mehr) → Abnahme des Verhaltens

Positiv bzw. negativ bedeuten hier, dass etwas hinzugefügt bzw. weggenommen wird!

Verstärkerpläne

Damit ein Verhalten besonders schnell, dabei aber auch langfristig erlernt wird, empfiehlt es sich, mit einer kontinuierlichen Verstärkung zu starten und im Verlauf auf eine intermittierende Verstärkung mit variabler Quoten- und Intervallverstärkung zu wechseln!

Grundbegriffe der operanten Konditionierung

  • Premack-Prinzip: Kopplung einer unangenehmen mit einer angenehmen Aktivität oder einer Aktivität, die häufig ausgeführt wird, um ein erwünschtes Verhalten zu erreichen
  • Extinktion: Wird ein Verhalten im Verlauf nicht weiter verstärkt, bleibt es aus
  • Reizgeneralisation: Das erlernte Verhalten wird auf eine andere, ähnliche Situation übertragen
  • Reizdiskrimination (Diskriminationslernen): Das erlernte Verhalten wird nur unter speziellen Umständen ausgeführt
  • Prompting: Zusätzliche Unterstützung durch Hilfestellungen von außen (bspw. Führen der Hand)
  • Chaining: Schrittweises Erlernen von komplexen Verhaltensweisen durch den Aufbau einer Verhaltenskette
    • Bezeichnet in der Verhaltenstherapie streng genommen, dass die Einzelschritte in ihrer umgekehrten Reihenfolge eingeübt und verstärkt werden („Backward Chaining“) wird jedoch häufig als Oberbegriff unabhängig von der Reihenfolge verwendet
  • Shaping: Schrittweises Erlernen von komplexen Verhaltensweisen durch stufenweise Annäherung
    • Dabei werden die chronologisch aufeinanderfolgenden Einzelschritte nacheinander eingeübt und verstärkt („Forward Chaining“)
  • Primäre Verstärker: Reize, die elementare angeborene Bedürfnisse befriedigen bzw. deren Befriedigung entgegenstehen. Sie wirken ohne vorangegangene Lernprozesse.
  • Sekundäre Verstärker: Erlernte Reize, die durch zeitliche Kopplung mit primären Verstärkern das Auftreten bestimmter Verhaltensweisen fördern bzw. verstärken (Prinzip der klassischen Konditionierung)

Biofeedback
Biofeedback ist ein Therapieverfahren, welches dazu dient, üblicherweise unbewusst ablaufende Regulationsvorgänge des Körpers (z.B. den Muskeltonus) vermehrt unter aktive Kontrolle zu bringen. Dazu werden diese Vorgänge gemessen und dem Patienten in Form bestimmter Signale (z.B. visuell oder akustisch) zurückgemeldet. Der Lernprozess erfolgt über operante Konditionierung, dabei wirkt die akustische oder visuelle Rückmeldung im Sinne eines sekundären Verstärkers.

Somatisierungsstörung
Bei der Somatisierungsstörung leiden die Betroffenen unter multiplen, häufig wechselnden, körperlichen Symptomen aller Organsysteme, ohne dass eine organische Ursache feststellbar ist. Bezüglich der Ursache dieser Erkrankung existieren verschiedene Erklärungsansätze. So besagt ein Ansatz, dass das Empfinden der Beschwerden durch negative und positive Verstärkung aufrechterhalten wird. Erfahren die Betroffenen vermehrte Zuwendung, wenn sie Beschwerden äußern, wird dies dazu führen, dass dieses Verhalten in Zukunft (unbewusst) häufiger gezeigt wird.

Das Zwei-Faktoren-Modell nach Mowrer

Das Zwei-Faktoren-Modell nach Mowrer drückt aus, dass ein Verhalten bzw. eine psychische Störung sowohl durch Prozesse der klassischen als auch durch Prozesse der operanten Konditionierung bedingt ist. Diese zwei Arten des Lernens sind wie folgt an der Entstehung einer Störung beteiligt

  • Klassische Konditionierung
    • Maßgeblich für die Entstehung der Störung verantwortlich
    • Durch die Verknüpfung eines ursprünglich neutralen Reizes mit einem negativ besetzten Reiz wird eine pathologische Reaktion bzw. ein pathologisches Verhalten erlernt
  • Operante Konditionierung
    • Maßgeblich an der Aufrechterhaltung der Störung beteiligt
    • Durch Vermeiden des negativ besetzten Reizes im Sinne der negativen Verstärkung wird das erlernte Verhalten beibehalten bzw. nimmt sogar zu
  • Beispiel: Ein Schüler hält vor seiner Klasse einen Vortrag (ursprünglich neutraler Reiz) und wird von seinen Klassenkameraden ausgelacht (negativer Reiz). Er verknüpft diese beiden Reize miteinander und verweigert es im weiteren Verlauf, erneut Vorträge zu halten (negative Verstärkung), um dem verletzenden Verhalten seiner Mitschüler zu entgehen. Dadurch verstärkt er immer mehr sein Vermeidungsverhalten.

Sowohl bei der klassischen als auch bei der operanten Konditionierung werden Reize oder Reaktionen miteinander verknüpft. Im Rahmen der klassischen Konditionierung werden verschiedene Reize miteinander verknüpft, im Rahmen der operanten Konditionierung ein Verhalten und seine Konsequenz!

Weitere Formen des Lernens

Lernen am Modell (Modell-Lernen, Imitationslernen, Beobachtungslernen)

Das Lernen am Modell bezeichnet im Vergleich zur klassischen oder operanten Konditionierung aktive Lernprozesse, die durch eine Beobachtung von Vorbildern (Mutter, Vater, Freunde, Fernsehfiguren etc.) geprägt sind. Komplexe Verhaltensweisen werden durch das Beobachten Dritter nachgemacht und dadurch erlernt. Je mehr sich der Beobachter mit dem Modell identifiziert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sich das Verhalten aneignet.

  • Stellvertretende Verstärkung: Im Rahmen des Lernens am Modell erfolgt keine direkte Verstärkung wie bei der operanten Konditionierung. Es ist hierbei ausreichend, wenn das beobachtete Modell für seine Handlung stellvertretend verstärkt wird.
  • Die vier Phasen des Modelllernens
    • Aufmerksamkeitsphase
      • Das Individuum richtet seine Aufmerksamkeit auf das Modell
    • Behaltensphase
      • Das Individuum speichert das Gelernte in seinem Gedächtnis
    • Handlungsphase (Reproduktionsphase)
      • Das Individuum führt das Erlernte aus
    • Motivationsphase
      • Die Motivation, das Erlernte auszuführen, steigt, je erfolgreicher das Modell und später auch der Nachahmer mit seinem Verhalten ist

Lernen durch Einsicht

Beim Lernen durch Einsicht gelangt der Mensch spontan zu einem Lösungseinfall ("Aha“-Erlebnis), ohne im Vorfeld durch Versuch und Irrtum verschiedene Lösungsansätze ausprobiert zu haben. Dies gelingt ihm durch bereits vorhandene Kenntnisse und Erfahrungen aus früheren Erlebnissen. So kann bspw. ein Kind durch Nachdenken und Erinnern ähnlicher Situationen direkt auf die Idee kommen, auf einen Hocker zu steigen, um an sein Spielzeug im Regal ranzukommen.

Lernen durch Eigensteuerung

Beim Lernen durch Eigensteuerung ist das Verhalten weniger von der Umwelt gesteuert. Vielmehr beeinflusst der Mensch sein Verhalten selber, indem er sich persönliche Ziele setzt und sich für erfolgtes Verhalten selber belohnt oder bestraft. So kann sich etwa ein Student nach einem erfolgreichen Lerntag mit einem Besuch bei Freunden belohnen.

Habituation, Dishabituation und Sensitivierung

Habituation, Dishabituation und Sensitivierung sind Formen des nicht-assoziativen Lernens. Auf einen Reiz hin erfolgt eine Reaktion, ohne dass im Vorfeld eine Verknüpfung zwischen diesen beiden Komponenten erlernt wurde. Die Reaktion auf den Reiz ist quasi angeboren. Die Reaktion kann durch die Art der Darbietung eines Reizes und durch weitere Reize im Umfeld beeinflusst werden.

  • Habituation: Die Reaktion auf einen Reiz nimmt ab, je öfter der Reiz präsentiert wird.
  • Dishabituation: Nach Präsentation eines fremden Reizes nimmt die Reaktion auf den ursprünglichen Reiz wieder zu.
  • Sensitivierung: Nach Präsentation eines Störreizes, der als unangenehm empfunden wird, nimmt die Reaktion auf den ursprünglichen Reiz über das vorherige Niveau hinaus zu.

Das Erlernen von Angst
Der Mensch fürchtet sich vor manchen Dingen von Natur aus mehr als vor anderen. Dies wird in der Lerntheorie als "Preparedness" bezeichnet. Es besteht biologisch eine höhere Bereitschaft eine Angst etwa vor Dunkelheit oder Spinnen zu erlernen als vor einem Hasen.

Kognition: Wahrnehmung, Gedächtnis und Intelligenz

Wahrnehmung

Unbewusste kognitive Verarbeitungsprozesse

Wenn Reize so schwach oder von so kurzer Dauer sind, dass sie nicht bewusst, jedoch unbewusst wahrgenommen werden, so bezeichnet man diese als unterschwellige Reize.

  • Unterschwelliger Reiz (= Subliminale Wahrnehmung)
    • Große Kapazität: Im Rahmen von unbewussten kognitiven Verarbeitungsprozessen können viele Reize gleichzeitig verarbeitet werden
    • Schnell: Die Reize werden schnell wahrgenommen und unbewusst kognitiv verarbeitet
    • Kontinuierlich: Die unbewussten kognitiven Verarbeitungsprozesse finden ununterbrochen statt
    • Anstrengungslos: Die unbewussten kognitiven Verarbeitungsprozesse finden ohne kognitive Anstrengungen statt
    • Automatisch: D.h. auch unabhängig von der „Denkleistung“ (bspw. Alter, IQ)

Beziehung zwischen Reizstärke und Empfindung

Die Psychophysik untersucht die subjektiv empfundene Stärke bei der Wahrnehmung von objektiv verschieden starken Reizen. Damit zwei Reizstärken als unterschiedlich stark wahrgenommen werden können, müssen sie die sog. Unterschiedsschwelle überschreiten. So müssen sich bspw. zwei Gewichte in einem gewissen Maß voneinander unterscheiden, damit sie als verschieden schwer wahrgenommen werden können. Mit zunehmendem Gewicht steigt auch der absolute Betrag, in dem sich die Gewichte voneinander unterscheiden müssen, um die Unterschiedsschwelle zu überschreiten – wobei der prozentuale Zuwachs jedoch konstant bleibt. Diese Beziehung formulierte Weber 1834 in einem Gesetz:

  • Weber-Gesetz: Besagt, dass der wahrnehmbare Unterschied zwischen zwei verschieden schweren Gewichten in einem konstanten Verhältnis zum Ausgangsgewicht steht
    • c = Δφ / φ
    • Δφ = Unterschied zwischen zwei Gewichten, φ = Ausgangsgewicht, c = Weber-Konstante

Rechenbeispiel: In einer Versuchsreihe zum Kraftsinn gibt eine Person an, dass ein Gewicht mindestens 14 g wiegen muss, um von ihr als ”schwerer als ein Gewicht von 10 g” empfunden zu werden. Um mindestens wie viel Gramm müsste dann (gemäß Weber-Gesetz) ein Gewicht weniger als 70 g wiegen, um von der Person als ”leichter als ein Gewicht von 70 g” empfunden zu werden?

  • Gesucht: Δφ2
  • Gegeben: φ1 = 14 g, φ2 = 70 g
    • Δφ1 = 14 g - 10 g = 4 g
    • c = Δφ1 / φ1 = 4 g / 14 g
    • c = Δφ2 / φ2 = Δφ2 / 70 g = 20 g / 70 g

Gedächtnis

Gedächtnisspeicher

Gedächtnisformen

Gedächtnisstörungen

  • Interferenz (Psychologie): Ein Lernprozess wird durch einen anderen Lernprozess gestört
    • Retroaktiv: Das Abrufen von früher Gelerntem wird durch einen aktuellen Lernprozess gestört
    • Proaktiv: Ein künftiger Lernprozess wird durch einen aktuellen Lernprozess gestört
  • Zeigarnik-Effekt: Ungeklärte Aufgaben und Probleme bleiben besonders gut in Erinnerung
  • Amnesie: Zeitliche oder inhaltliche Beeinträchtigung der Erinnerung (Form der Gedächtnisstörung)

Intelligenz

Intelligenz ist nicht direkt beobachtbar, sondern lediglich anhand von Indikatoren feststellbar. Solche Indikatoren können etwa Intelligenztests oder Verhaltensbeobachtungen sein. Die Intelligenz ist somit ein latentes Konstrukt. Man unterscheidet zwischen verschiedenen Komponenten der Intelligenz, die sich grob auf eine verbale, sprachliche Intelligenz, eine rechnerische Intelligenz und Problemlösefähigkeiten aufteilen lassen. Im Folgenden werden verschiedene Modelle und Theorien der Intelligenz sowie die gängigsten Intelligenztests vorgestellt.

Beschreibung Zugehöriger Intelligenztest
Zwei-Faktoren-Theorie (Generalfaktorenmodell) nach Spearman

Spearman geht davon aus, dass Intelligenz durch zwei Arten von Faktoren bestimmt wird.

  • Generalfaktor der Intelligenz (g-Faktor)
    • Allgemeine Intelligenzleistung, die für alle Aufgabenbereiche und Fragestellungen benötigt wird (unspezifische Fertigkeiten oder auch „elementare Informationsverarbeitungsprozesse“)
  • Spezifische Intelligenzfaktoren (s-Faktoren)
    • Spezifische Intelligenzleistung, die für spezielle Aufgabenbereiche und Fragestellungen benötigt wird

Hamburg Wechsler Intelligenztest (HAWIE/HAWIK)

  • Beruht auf der Zwei-Faktoren-Theorie nach Spearman
  • Teilt sich in einen Verbalteil und einen Handlungsteil auf
  • Es wird ein Gesamt-IQ ermittelt
Mehrfaktorentheorie (Primärfaktorenmodell) nach Thurstone

Nach Thurstone besteht die Intelligenz aus sieben Primärfaktoren, die alle voneinander unabhängig sind.

  • Sieben Primärfaktoren der Intelligenz
    • Rechenfertigkeit
    • Sprachverständnis
    • Wortflüssigkeit
    • Räumliches Vorstellungsvermögen
    • Gedächtnis
    • Logisches Denken
    • Wahrnehmungsgeschwindigkeit

Intelligenz-Struktur-Test (IST)

  • Beruht auf der Mehrfaktorentheorie von Thurstone
  • Teilt sich auf in einen verbalen Teil, einen figuralen Teil, einen numerischen Teil und einen Teil zur Merkfähigkeit
  • Es wird jeweils ein IQ für die einzelnen Teile ermittelt
Modell der Intelligenzformen nach Cattell

Cattell unterscheidet in seinem Modell zwischen der fluiden und der kristallinen Intelligenz.

  • Fluide Intelligenz
    • Aufgaben und Probleme werden gelöst, ohne dass auf ein spezielles Wissen zurückgegriffen wird
    • Kulturunabhängig
    • Abnahme im Alter
  • Kristalline Intelligenz
    • Aufgaben und Probleme werden gelöst, indem auf zuvor erworbenes Wissen zurückgegriffen wird
    • Kulturabhängig
    • Bestehenbleiben im Alter
Grundintelligenztest (Culture-Fair-Intelligence-Test)

Bestimmung des IQ-Wertes
Intelligenztests wie bspw. der Hamburg-Wechsler-Intelligenztest beziehen sich auf den Durchschnittswert in einer Vergleichsgruppe (bspw. einer Altersgruppe). Auf der normalverteilten IQ-Skala ist der Mittelwert mit 100 Punkten und eine Standardabweichung mit 15 Punkten definiert. Von einer durchschnittlichen Intelligenz spricht man also bei einem IQ zwischen 85 bis 115 Punkten, was einem Bereich von ± 1 Standardabweichung um den Mittelwert entspricht. Bei einer Normalverteilung liegen definitionsgemäß 68% der Werte in diesem Bereich. Wenn der ermittelte IQ-Wert bspw. hingegen zwei Standardabweichungen über dem Mittelwert der Population liegen würde, müsste er 130 Punkte betragen.

Neuropsychologische Veränderungen

Störungen der Kognition können sich in neuropsychologischen Veränderungen bemerkbar machen. Im Folgenden wird eine Reihe solcher Veränderungen vorgestellt.

  • Apraxie : Störung der Ausführung willkürlicher, zielgerichteter Bewegungen trotz intakter motorischer Funktion
    • Neuroanatomisches Korrelat / Geschädigter Bereich: Je nach Apraxieform unterschiedliche Gebiete der sprachdominanten Hemisphäre (hauptsächlich: Wernicke-Zentrum, primär motorischer Kortex, motorischer Assoziationskortex)
  • Agnosie : Störung der visuellen oder auditiven Wahrnehmung, ohne dass elementare Defizite der Sensorik bestehen
    • Neuroanatomisches Korrelat / Geschädigter Bereich: Optische Agnosie: Läsion in der Area striata
  • Prosopagnosie: Unfähigkeit, ein bekanntes Gesicht zu erkennen
    • Neuroanatomisches Korrelat / Geschädigter Bereich: Gyrus fusiformis (=Gyrus temporoocipitalis lateralis)
  • Alexie Form der visuellen Agnosie, die zum Verlust der Lesefähigkeit führt
    • Neuroanatomisches Korrelat / Geschädigter Bereich: Je nach Alexieform unterschiedliche Hirnareale (meist Gyrus angularis)
  • Agraphie: Unfähigkeit des Schreibens
  • Perseveration: Wörter, Handlungen oder Gedanken werden vom Betroffenen immer wieder wiederholt
    • Neuroanatomisches Korrelat / Geschädigter Bereich: Je nach Perseverationsform unterschiedliche Bereiche (meist präfrontaler Kortex)

Entwicklung und Sozialisation

Entwicklung und Sozialisation im Kindesalter

Es existieren diverse Theorien zur Entwicklung und Sozialisation im Kindesalter. Man geht inzwischen davon aus, dass die Interaktion von biologisch-genetischen Faktoren und Umweltfaktoren die frühkindliche Entwicklung maßgeblich beeinflusst. Im Folgenden werden die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget sowie Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung vorgestellt. Auch die verschiedenen Erziehungsstile und das daraus resultierende Bindungsverhalten haben einen Einfluss auf die Entwicklung und Sozialisation des Kindes und werden im Folgenden erläutert.

Die kognitive Entwicklung nach Piaget

Gemäß dem Erkenntnistheoretiker und Entwicklungspsychologen Jean Piaget erfolgt die kognitive Entwicklung durch das Wahrnehmen von Eindrücken aus der Umgebung. Im Laufe der Entwicklung durchläuft das Kind der Reihe nach bestimmte Entwicklungsstufen, in denen (laut Piaget) zwei kognitive Prozesse entscheidend sind: Assimilation und Akkommodation.

  • Theorie: Die eigene Welt und die Umwelt stehen in einem Austausch miteinander und passen sich gegenseitig an
  • Hierbei finden zwei kognitive Prozesse statt
    • Assimilation: Neues Wissen und neue Wahrnehmungen passen sich dem aktuellen Entwicklungsstand an
    • Akkommodation: Der aktuelle Entwicklungsstand (und somit die aktuellen Schemata) passt sich einem neuen Sachverhalt an, wird also erweitert
Stufe Wichtige Charakteristika

Stufe des sensomotorischen Denkens

(0–2 Jahre)

  • Erfassen der Umwelt durch die Koordination von Sensorik und Motorik (Berühren, Greifen, in den Mund nehmen etc.)
  • Erlernen der Objektpermanenz: Das Kind lernt, dass ein Gegenstand auch dann noch existiert, wenn es ihn gerade nicht wahrnehmen kann.

Stufe des präoperationalen Denkens

(2–7 Jahre)

  • Fehlendes Begreifen der Mengeninvarianz: Wird eine Flüssigkeit aus einem breiten Gefäß in ein hohes Gefäß vor den Augen des Kindes umgefüllt, denkt das Kind, in dem hohen Gefäß befinde sich nun mehr Flüssigkeit
  • Egozentrismus: Das Kind ist noch nicht in der Lage, sich in die Position anderer hineinzuversetzen. So nimmt es etwa an, dass alle das sehen, was es selber gerade sieht
  • Zentrierung: Das Kind ist noch nicht in der Lage, sich auf mehrere Dinge gleichzeitig zu konzentrieren
  • Denkweisen
    • Animistisch: Alle Objekte werden als lebendig wahrgenommen.
    • Finalistisch: Die Natur existiert, um den Menschen zu dienen.
    • Artifiziell: Alles auf der Erde wurde von anderen Menschen oder Gott erschaffen.

Stufe der konkreten Operationen

(7–11 Jahre)

  • Kognitive Umformungen werden möglich und das Kind kann in Gedanken Inhalte durchspielen
    • Begreifen der Mengeninvarianz: Wird eine Flüssigkeit aus einem breiten Gefäß in ein hohes Gefäß vor den Augen des Kindes umgefüllt, begreift das Kind, dass sich lediglich die Form, nicht aber die Menge der Flüssigkeit geändert hat
    • Reversibilität: Das Kind kann sich Handlungen auch in umgekehrter Reihenfolge vorstellen

Stufe des formalen Denkens

(ca. ab dem 12. LJ)

  • Übertragung von Wissen und Operationen auf abstrakte Fragestellungen möglich
  • Hypothetisches Denken wird möglich
  • Phänomene wie "Wahrscheinlichkeit" und "Zufall" werden in das Denken miteinbezogen

Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung

Kohlbergs Stufenmodell der Moralentwicklung unterscheidet je nach der Begründung für ein Urteil zwischen drei verschiedenen Ebenen mit jeweils zwei Stufen, die im Entwicklungsprozess durchlaufen werden. In diesem Prozess entwickelt sich das zunächst "egoistische" Denken und Handeln eines Menschen immer mehr hin zu einem ethisch differenzierten Denken.

Stufe

Charakteristika
Ebene 1 (vor dem 8. Lebensjahr): Präkonventionelle Moral
Stufe 1

Orientierung an Bestrafung und Gehorsam

  • Ein Verhalten wird ausgeführt bzw. nicht ausgeführt, um einer Bestrafung zu entgehen
  • Die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für andere werden nicht berücksichtigt
Stufe 2

Orientierung am eigenen Wohl

  • Ein Verhalten wird ausgeführt bzw. nicht ausgeführt, um einen eigenen Vorteil zu erreichen
  • Die Konsequenzen des eigenen Verhaltens für andere werden folgendermaßen berücksichtigt
    • Rechtfertigung negativer Konsequenzen des eigenen Verhaltens für andere: "Der andere hatte Schuld.", "Wie du mir, so ich dir."
    • Rechtfertigung positiver Konsequenzen des eigenen Verhaltens für andere: "Ich helfe dir, wenn ich dadurch auch einen Vorteil habe."

Ebene 2 (frühes Jugendalter): Konventionelle Moral

Stufe 3

Orientierung und Bestreben nach Anerkennung

  • Ein Verhalten wird ausgeführt, um die Anerkennung von engen Bezugspersonen zu erlangen bzw. um deren Ablehnung zu vermeiden
Stufe 4

Orientierung an Gesetz und Regeln

  • Ein Verhalten wird ausgeführt, um vorgegebenen Regeln und Normen zu entsprechen
Ebene 3 (spätes Jugendalter): Postkonventionelle Moral
Stufe 5

Orientierung am sozialen Vertrag

  • Ein Verhalten wird ausgeführt, um dem Wohl der Allgemeinheit zu dienen
  • Staatliche Regeln und Normen werden berücksichtigt, jedoch nicht als unveränderlich angesehen
Stufe 6

Orientierung an ethischen Grundregeln

  • Ein Verhalten wird ausgeführt, um ethischen Grundregeln (Gleichheit aller Menschen, Würde eines Menschen etc.) zu entsprechen

Erziehungsstile

Man unterscheidet nach Maccoby und Martin (1983) vier verschiedene Erziehungsstile.

Kontrolle durch die Eltern ↑ Kontrolle durch die Eltern ↓
Unterstützung durch die Eltern ↑ Autoritativer Stil Permissiver Stil
Unterstützung durch die Eltern ↓ Autoritärer Stil Vernachlässigender Stil

Die Bindungstheorie

Laut der Bindungstheorie hängt die soziale Entwicklung des Kindes zu einem großen Teil von der Qualität seiner Bindungen zu engen Bezugsperson ab. Diese Bindungsqualität wiederum ist abhängig von dem Umfang an Zuwendung und Stabilität, die ein Kind erfährt, aber auch von seiner Wesensart.

  • Testverfahren: Fremde-Situationstest (je nach Ergebnis unterscheidet man drei Bindungsarten)
    • Sicherer Bindungsstil
      • Das Kind reagiert auf die Trennung von der Bezugsperson mit Traurigkeit, lässt sich jedoch nach der Rückkehr der Bezugsperson von dieser schnell beruhigen
    • Unsicher-vermeidender Bindungsstil
      • Das Kind reagiert auf die Rückkehr der Bezugsperson kaum und zeigt nur wenig Emotionen
    • Ambivalent-unsicherer Bindungsstil
      • Das Kind reagiert auf die Trennung von der Bezugsperson mit ausgeprägter Traurigkeit, reagiert auf die Rückkehr der Bezugsperson jedoch ambivalent

Entwicklung und Sozialisation im Lebenslauf

Die Entwicklung und Sozialisation des Menschen ist mit Abschluss der Kindheit nicht beendet, sondern findet auch im weiteren Leben kontinuierlich statt. Im Folgenden soll kurz der Einfluss beruflicher Belastungen auf die Entwicklung und Sozialisation betrachtet werden.

Berufliche Belastungen

Berufliche Belastungen, denen der Mensch mit steigendem Alter vermehrt ausgesetzt ist, können mitunter psychische und physische Erkrankungen mit sich bringen. Sowohl das Anforderungskontrollmodell als auch das Modell der Gratifikationskrisen beschreiben, unter welchen Umständen es vermehrt zu Belastungen kommt.

  • Anforderungs-Kontroll-Modell: Befasst sich vorwiegend mit Belastungen im Arbeitsumfeld des Patienten
    • Job Strain: Je höher die Anforderungen und je geringer die Möglichkeit zur Beeinflussung (Kontrolle) dieser Anforderungen, desto größer ist der Stress für den Betroffenen
  • Modell der Gratifikationskrisen nach Siegrist (1996): Zu Gratifikationskrisen kommt es, wenn ein Individuum für seinen Arbeitsaufwand und seine Leistungen nicht ausreichend gewürdigt wird.
    • Mögliche Gratifikationen
      • Beförderungen
      • Sicherheit des Arbeitsplatzes
      • Angemessenes Gehalt
      • Lob und Anerkennung durch Kollegen/Vorgesetzte

Essstörungen
Essstörungen treten gehäuft im frühen Erwachsenenalter auf und können bspw. als eine Reaktion auf zwischenmenschliche Konflikte entstehen (sowohl aus dem beruflichen als auch aus dem privaten Umfeld). Die Anorexia nervosa ist geprägt durch selbst herbeigeführtes Untergewicht bspw. durch Fasten oder exzessiven Sport. Bei der Bulimia nervosa stehen Heißhungerattacken im Vordergrund, wobei im Anschluss einer Gewichtszunahme bspw. durch selbst-induziertes Erbrechen entgegengewirkt wird, sodass die Betroffenen zumeist normgewichtig sind.

Wiederholungsfragen zum Kapitel Lernen, Kognition und Entwicklung

Konditionierung

Beschreibe den Lernprozess der klassischen Konditionierung! Gehe auf die Begriffe neutraler Reiz, unkonditionierter Reiz und konditionierter Reiz ein!

Was versteht man in der klassischen Konditionierung unter Reizgeneralisierung? Was unter Reizdiskrimination?

Welche Prinzipien liegen der operanten Konditionierung zugrunde?

Was vereint positive und negative Verstärkung? Wie unterscheiden sie sich?

Was versteht man in der operanten Konditionierung unter Reizdiskrimination?

Verstärkung kann kontinuierlich oder intermittierend erfolgen. Was bedeutet das jeweils?

Erkläre das Token-System!

Was versteht man unter Prompting?

Was beschreiben die Begriffe Chaining und Shaping in der operanten Konditionierung?

Was versteht man unter Löschung in der operanten bzw. klassischen Konditionierung?

Wie lässt sich eine somatoforme Störung durch negative und positive Verstärkung erklären?

Weitere Formen des Lernens

Was versteht man unter Lernen am Modell?

Wie unterscheidet sich die Verstärkung beim Lernen am Modell von der bei der operanten Konditionierung?

Was versteht man unter Habituation und Dishabituation?

Welche Reaktion wird als Sensitivierung bezeichnet?

Was versteht man unter Preparedness?

Kognition: Gedächtnis, Wahrnehmung und Intelligenz

Was bezeichnet man als unterschwelligen Reiz?

Wie nennt man die Wahrnehmung unterschwelliger Reize noch? Was sind ihre Charakteristika?

Was versteht man unter Interferenz in der Psychologie? Welche Bedeutung haben retro- bzw. proaktiv in diesem Zusammenhang?

Welche zwei Intelligenzfaktoren unterscheidet die Zwei-Faktoren-Theorie nach Spearman?

Was versteht man unter kristalliner und fluider Intelligenz?

Was versteht man unter Apraxie?

Was bezeichnet man als Agnosie?

Welche neuropsychologische Veränderung kann bei Schädigung des Gyrus fusiformis auftreten?

Was versteht man unter Perseveration?