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Zwangsstörungen (F42)

Abstract

Zwangsstörungen beschreiben wiederkehrende Handlungen, Reaktionen und Vorstellungen, die sich dem Patienten innerlich aufdrängen, die aber, im Gegensatz zu Wahnideen, als sinnlos und/oder übertrieben wahrgenommen werden. Da sich die Patienten trotz des Erkennens der Sinnlosigkeit gegenüber diesem Zwang in der Regel nicht genug abgrenzen können, kann eine Zwangsstörung als sehr quälend empfunden werden.

Zwangshandlungen sind die sich aus den Zwangsgedanken und -impulsen ergebenden Handlungen, die ständig wiederholt werden (z.B. ein Patient, der sich ständig die Hände wäscht, aufgrund der Zwangsidee, diese seien mit Erregern kontaminiert). Da die Gedanken und das Verhalten in der Regel als sinnlos und ineffektiv wahrgenommen werden und die ständige Beschäftigung mit den Zwängen das soziale Leben beeinträchtigt, haben die Betroffenen einen hohen Leidensdruck. Zur Diagnosestellung müssen nach ICD-10 Zwangsgedanken und/oder -handlungen mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen nachweisbar sein.

Zwangsstörungen sollen u.a. auf einer Störung im serotoninergen System und morphologischen Hirnschädigungen beruhen. Sie sind häufig mit weiteren neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen (z.B. Angststörungen, Depressionen, Demenzen) assoziiert. Therapiert wird in erster Linie mit Verhaltenstherapie und Antidepressiva aus der Gruppe der SSRIs.

Epidemiologie

  • Geschlecht: =
  • Krankheitsbeginn: Kindheit bis frühes Erwachsenenalter
  • Lebenszeitprävalenz: Ca. 2%

Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich die epidemiologischen Daten auf Deutschland.

Ätiologie

Wie bei den meisten psychiatrischen Erkrankungen liegt den Zwangsstörungen eine multifaktorielle Genese zugrunde:

  • Genetik: Konkordanz bei Zwillingen
  • Neurobiologie: Eine Störung des serotoninergen Systems in einzelnen Hirnregionen wird vermutet → SSRI als Therapie wirksam
  • Morphologische Hirnschädigung
  • Psychosoziale Faktoren: Lerntheoretische (Modell-Lernen) und psychoanalytische Ansätze wie z.B. Regression (psychoanalytisch) sollen ebenfalls eine Rolle spielen

Symptome/Klinik

Leitsymptome

Beim Versuch, von Zwangshandlungen Abstand zu nehmen, erleben viele Patienten teilweise unerträgliche Ekel- oder Angstgefühle. Das Ausführen der Zwangshandlung kann zwar innere Spannungen reduzieren, aber die Ausführung selbst wird als unangenehm empfunden. Den Patienten ist dabei in der Regel sogar bewusst, dass die Gedanken und Handlungen unsinnig sind.

  • Zwangsgedanken: Immer wiederkehrende, als unerträglich, lästig und sinnlos empfundene Gedanken, die in Zwangshandlungen übergehen können. Der Patient erlebt dabei Angstgefühle und versucht stetig, die Gedanken zu ignorieren
    • Verschmutzung: Ständige Gedanken an Schmutz, Infektionen und Verseuchung
    • Pathologischer Zweifel: Ausgeprägtes Zweifeln und Unsicherheit im Bezug auf eigene Handlungen
    • Ordnung: Extremes Bedürfnis nach Symmetrie und Anordnung von Gegenständen nach eigenem Prinzip
  • Zwangshandlungen: Häufig ritualisierte, z.T. stereotyp ablaufende Handlungen, die aufgrund von Zwangsimpulsen und Zwangsgedanken gegen inneren Widerstand immer wieder ausgeführt werden müssen. Können oder werden die Zwangshandlungen nicht ausgeführt, steigen Angst und Anspannung des Betroffenen
    • Waschzwang
    • Kontrollzwang
    • Ordnungszwang
  • Zwangsimpulse: Sich gegen den Willen des Betroffenen aufdrängendes Verlangen, eine bestimmte Handlung auszuführen. Diese Handlungsimpulse sind mit der Angst verbunden, dass die Handlungen tatsächlich ausgeführt werden, was i.d.R. aber nicht passiert

Ein Patient mit Zwangsstörung kommt zu spät zur Arbeit, weil er die Tür immer nachkontrollieren muss, während jemand mit zwanghafter Persönlichkeit immer pünktlich auf die Minute erscheint!

Krankheitsentwicklung

  • Ausbreitung der Zwänge: Zwangsstörungen zeigen häufig einen progredienten Verlauf, bei dem sich zum einen ein einzelner Zwangsgedanke verstärkt, zum anderen aber auch weitere Zwänge hinzukommen und sich in der Psyche „ausbreiten“.
  • Verheimlichung der Zwänge: Da den Patienten in der Regel bewusst ist, dass die Gedanken und Handlungen unsinnig sind und von der Gesellschaft abgelehnt werden, versuchen viele Patienten ihre Zwangsgedanken, -handlungen und -impulse zu verheimlichen.

Diese beiden Aspekte und die negative Verstärkung führen zu einer tiefen Verankerung der Störung in der Psyche und im Verhalten, wodurch die Therapie sehr schwierig und langwierig wird. Phasenweise kann es jedoch auch zu einer spontanen Besserung der Symptomatik kommen.

Komorbiditäten

Diagnostik

Diagnosekriterien einer Zwangsstörung nach ICD-10-Klassifikation

  • A: Dauer: Zwangsgedanken und/oder -handlungen sind mindestens zwei Wochen lang an den meisten Tagen nachweisbar
  • B: Charakter der Zwangsgedanken und -handlungen
    • Die Zwangsgedanken werden als eigene Gedanken erkannt und als unangenehm empfunden
    • Die Betroffenen versuchen, sich gegen die Zwangssymptome zu wehren, was aber selten zum Erfolg führt → Hoher subjektiver Leidensdruck
    • Stereotypie: Die Zwangsgedanken und -handlungen wiederholen sich bei einem Betroffenen auf die gleiche Weise
  • Es besteht eine Beeinträchtigung im sozialen Leben und der allgemeinen Leistungsfähigkeit
  • Die Symptome sind nicht auf eine andere psychische Störung (z.B. Schizophrenie) zurückzuführen

Differentialdiagnosen

Zwangsstörungen müssen von anderen psychiatrischen Erkrankungen abgegrenzt werden. Wichtig ist auch die Unterscheidung zu einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung:

Syntonie / Dystonie Zwangscharakter
Zwangsstörungen Ich-Dystonie eher absurd, manchmal auch wahnhaft übersteigert und phantastisch
Zwanghafte Persönlichkeit Ich-Syntonie eher nachvollziehbar

Die hier aufgeführten Differentialdiagnosen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Therapie

Eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung gilt als erfolgversprechend.

Patienteninformationen

Kodierung nach ICD-10-GM Version 2018

F42.-: Zwangsstörung

Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2018, DIMDI.