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Hirnstimulationsverfahren

Letzte Aktualisierung: 26.4.2022

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Hirnstimulationsverfahren wirken über eine elektrische oder magnetische Stimulation des Gehirns und werden u.a. zur Behandlung psychiatrischer Erkrankungen eingesetzt. Die Elektrokonvulsionstherapie (EKT) gilt in diesem Rahmen als etabliertes und sicheres Verfahren.

Bei der EKT wird ein generalisierter Krampfanfall durch elektrische Stimulation des Gehirns ausgelöst. Das therapeutische Agens ist der Krampfanfall selbst, wobei der genaue Wirkmechanismus bislang ungeklärt ist. Die Behandlung erfolgt in Allgemeinanästhesie und unter Muskelrelaxation. Im Regelfall wird der Krampfanfall unilateral über der nicht-dominanten Hemisphäre ausgelöst. Eine Behandlungsserie umfasst im Durchschnitt 10 Behandlungen bei einer Frequenz von meist 2–3 Behandlungen pro Woche. Die häufigste Behandlungsindikation ist die therapieresistente Depression. Weitere Indikationen sind andere schwerwiegende psychiatrische Störungen (bspw. perniziöse Katatonie). Einige Konstellationen (bspw. hohes Narkoserisiko, erhöhter Hirndruck, frischer Myokardinfarkt) bedürfen einer individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung. Absolute Kontraindikationen gibt es nicht. Die Wirksamkeit ist hoch mit einer Remissionsrate von 50–90% bei depressiven Störungen.

Neben der EKT gibt es weitere therapeutische Hirnstimulationsverfahren wie bspw. die repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS).

Die Elektrokonvulsionstherapie ist ein modernes Behandlungsverfahren, das bei einigen schweren psychiatrischen Erkrankungen indiziert und wirksam ist.

Entwicklung [1][2]

Wirkmechanismus [1]

Wirksamkeit [1]

EKT bei Depression [2][4]

EKT bei anderen psychiatrischen Erkrankungen [5]

Grundsätzlich gibt es für eine EKT keine absoluten Kontraindikationen. Eine intensive Aufklärung, Risiko-Nutzen-Abwägung und Absprache mit anderen Fachrichtungen ist jedoch u.a. in folgenden Fällen notwendig: [1][2][3]

Für eine EKT bestehen keine absoluten Kontraindikationen!

  • Ausführliche Anamnese [3]
  • Aufklärung und schriftliche Einwilligung [1][3]
    • Frühzeitig und idealerweise Angehörige einbeziehen
    • EKT nicht als Ultima Ratio nennen
    • Bei fehlender Einwilligungsfähigkeit: Juristischer Vertreter

Durchführung [1][2]

  • Auslösung eines generalisierten Krampfanfalls
    • Durch Applikation von Stromimpulsen über Oberflächenelektroden an der Kopfhaut [3]
    • I.d.R. selbstlimitierend (30–90 s)
  • In Zusammenarbeit mit Anästhesieteam
    • Kurze Allgemeinanästhesie (wenige Minuten)
    • Muskelrelaxation
    • Beatmung mittels (Larynx‑)Maske
    • Monitoring
      • EEG (Ableitung über beiden Hemisphären)
      • Pulsoximetrie
      • EKG
      • Blutdruck [1]

Platzierung der Stimulationselektroden [1]

Eine unilaterale Stimulation der nicht-dominanten Hemisphäre ist vergleichsweise nebenwirkungsarm und wird i.d.R. als 1. Wahl eingesetzt. Bei unzureichendem Erfolg kann auf eine bilaterale Stimulation gewechselt werden.

  • Rechts unilateral (RUL)
    • 1. Elektrode: Rechts temporal
    • 2. Elektrode: Rechts hochparietal
  • Bitemporal (BT)
    • 1. Elektrode: Rechts temporal
    • 2. Elektrode: Links temporal
  • Links anterior - rechts temporal (LART)
    • 1. Elektrode: Links frontal
    • 2. Elektrode: Rechts temporal
  • Bifrontal (BF) [3]
    • 1. Elektrode: Rechts frontal
    • 2. Elektrode: Links frontal

Behandlungssteuerung [1][8]

  • Allgemein
    • Größte Relevanz: Klinische Wirksamkeit
    • Hilfreich: Beurteilung der Qualitätsmerkmale eines Anfalls
      • Verbesserung der Anfallsqualität durch diverse Steuerungsmaßnahmen möglich
      • Bei insuffizientem Anfall (0–2 Qualitätsmerkmale erfüllt): Restimulation mit erhöhter Intensität im Rahmen der bereits bestehenden Narkose erwägen
  • Qualitätsmerkmale eines Anfalls
    • Dauer >25 s
    • EEG-Amplitude während des Anfalls >180 μV
    • EEG-Synchronität der Hemisphären während des Anfalls: Mind. 90%
    • Postiktale Suppression
    • Herzfrequenz >120/min
  • Mögliche Steuerungsmaßnahmen
    • Stimulusintensität erhöhen
    • Elektrodenposition ändern (Wechsel auf bilaterale Stimulation)
    • Narkotikum wechseln [9]
    • Konvulsionshemmende Medikamente reduzieren (bspw. Benzodiazepine)
    • Hyperventilation vor Stimulation

Behandlungsdauer [1][2]

Therapieserie

  • 6–18 Behandlungen
  • Frequenz: Meist 2–3 Behandlungen pro Woche
  • Ende: Durch klinischen Verlauf bestimmt

Erhaltungsbehandlungen

  • Ziel: Rezidivprophylaxe
  • Indikation: Nach erfolgreicher EKT-Behandlungsserie und
    • Anamnestischem Rückfall unter anderer Rezidivprophylaxe
    • Unverträglichkeit für andere Rezidivprophylaxe
    • Präferenz der Betroffenen
  • Intervalle
    • Zunächst meist 1 Woche
    • Schrittweise Verlängerung der Intervalle
    • Bis zu 4–6 Wochen

Die EKT gilt als sicheres Behandlungsverfahren, das keine strukturellen Hirnschäden zur Folge hat. Das Mortalitätsrisiko von ca. 1:50.000 Behandlungen entspricht dem allgemeinen Narkoserisiko kleinerer Eingriffe. [3]

Nebenwirkungen [1][2]

Mögliche Komplikationen [1][2]

Schwangere [7]

Eine EKT ist in der Schwangerschaft nicht kontraindiziert, unerwünschte Ereignisse kommen jedoch in ca. 30% der Fälle vor. Der Einsatz sollte daher nur bei schwerer Symptomausprägung und als Ultima Ratio erwogen werden.

Mögliche unerwünschte Ereignisse der EKT bei Schwangerschaft

Sicherheitserhöhende Maßnahmen für eine EKT bei Schwangerschaft

Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (rTMS) [1][3][4][11]

  1. Schneider: Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Springer 2017, ISBN: 978-3-662-50344-7 .
  2. Schneider, Härter: S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression - Langfassung, 2. Auflage Nummer: 2. Auflage, 2015, doi: 10.6101/AZQ/000364 . | Open in Read by QxMD .
  3. Mathias Berger: Psychische Erkrankungen. 6. Auflage Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2018, ISBN: 978-3-437-22485-0 .
  4. Schneider: Klinikmanual Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. 2. Auflage Springer 2015, ISBN: 978-3-642-54570-2 .
  5. Voderholzer, Hohagen: Therapie psychischer Erkrankungen - State of the art. Urban & Fischer 2020, ISBN: 978-3-437-24913-6 .
  6. S3-Leitlinie Schizophrenie (Langfassung). Stand: 15. März 2019. Abgerufen am: 12. Oktober 2020.
  7. S3-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen - Langversion. Stand: 26. November 2019. Abgerufen am: 4. Mai 2021.
  8. Benkert, Hippius: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. 13. Auflage Springer 2020, ISBN: 978-3-662-61752-6 .
  9. Grözinger et al.: Elektrokonvulsionstherapie kompakt: Für Zuweiser und Anwender. Springer 2014, ISBN: 978-3-642-25628-8 .
  10. Janke et al.: Ketamin als Anästhetikum bei der Elektrokrampftherapie In: Der Anaesthesist. Band: 64, Nummer: 5, 2015, doi: 10.1007/s00101-015-0027-5 . | Open in Read by QxMD p. 357-364.
  11. Kreuzer et al.: Elektrokonvulsionstherapie, Hirnstimulationsverfahren In: Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie. 2017, p. 843-887.
  12. Torring N, Sanghani SN, Petrides G, Kellner CH, Ostergaard SD: The mortality rate of electroconvulsive therapy: a systematic review and pooled analysis In: Acta Psychiatrica Scandinavica. 2017, doi: 10.1111/acps.12721 . | Open in Read by QxMD .